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Wahlkampf

Was ist schon gerecht?

Von Yves Bellinghausen
 - 16:20
Wie eigentlich alle Politiker kämpft auch der SPD-Kanzlerkandidat nach eigenen Worten für „mehr Gerechtigkeit“. Aber was ist überhaupt gerecht? Bild: dpa, FAZ.NET

Als Martin Schulz beim TV-Duell eine Minute Zeit hatte, um sich seinen Wählern zu empfehlen, setzte er auf sein Lieblingsthema: Gerechtigkeit. „In 60 Sekunden verdient eine Krankenschwester weniger als 40 Cent und ein Manager in einem Großunternehmen mehr als 30 Euro“, sagte er. „Gerechtigkeitswahlkampf“ nennt seine Partei das, was sie in den vergangenen Wochen geführt hat. Aber auch die FDP – wirtschaftspolitischer Opponent der SPD – wirbt in ihrer Kampagne für Chancengleichheit. Kein Wunder: Wer wollte das nicht, mehr Gerechtigkeit? Laut einer Umfrage von YouGov finden vier von fünf Deutschen, dass es hierzulande nicht gerecht zugeht. Gerechtigkeit ist auch vor dieser Wahl wieder allgegenwärtig.

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Aber was ist schon gerecht?

Eine große Frage, sicherlich, aber in den vergangenen 2500 Jahren gab es eigentlich nur zwei Antworten. Die einen finden es gerecht, wenn jeder für gleiche Arbeit gleichen Lohn und für gleiches Verbrechen gleiche Strafe bekommt. Sie stehen in der Tradition von Aristoteles. Die anderen – die Platoniker – denken, gerecht ist, wenn jeder bekommt, was ihm zusteht. Jedem das Seine.

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Schulz fordert zweites TV-Duell von Merkel

Jedem das Seine, das weckt Assoziationen an das Konzentrationslager Buchenwald, über das die Nazis den Spruch zum Hohn gehängt hatten. Heute argumentiert kaum noch jemand mit einer Jedem-das-Seine-Gerechtigkeit. Nicht etwa, weil die Nazis den Spruch verbrannt hätten. Vielmehr weil es sich den Leuten nicht intuitiv erschließe, sagt der Philosoph Christoph Horn. „Die Leute können einfach nicht verstehen, warum es gerecht sein soll, dem einen aus metaphysischen, nicht weiter hinterfragbaren Gründen ein Recht zuzugestehen und dem anderen nicht.“ Könige haben platonisch argumentiert, es stehe ihnen der Thron zu, weil Gott es will. So etwas findet heute kaum noch jemand gerecht. All das, was wir heute im politischen Spektrum sehen können, das seien Varianten des aristotelischen Gerechtigkeitsverständnisses, sagt Horn.

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Gleiche Fälle gleich behandeln

Aristoteles also; gleiche Behandlung gleicher Fälle, ungleiche Behandlung ungleicher Fälle. Edith Jendryzik ist seit fast 20 Jahren Altenpflegerin, sie arbeitet hart und hat häufig auch an Wochenenden und Feiertagen Dienst. Sie trage Verantwortung, sagt sie, manche Leute könnten sich nicht mehr artikulieren und Jendryzik muss für sie entscheiden, was sie brauchen. Auch Axel Ebbecke trägt Verantwortung: Er ist Gründer und Vorstand eines mittelständischen Unternehmens mit 100 Mitarbeitern im wirtschaftsstarken Main-Kinzig-Kreis. Jendryzik bekommt für ihre 75-Prozent-Stelle etwas mehr als 1000 Euro nach Steuern. Ebbecke hat ein Haus in Miami.

Ist das gerecht? Ist das die aristotelische Gleichbehandlung gleicher Fälle? Die SPD betet Gegensätze wie den zwischen Ebbecke und Jendryzik im Wahlkampf rauf und runter. Dabei weiß sie die Empörung vieler Deutscher hinter sich, wenn es um Gehaltsunterschiede geht. Aber wie kann eine aristotelische Gesellschaft diese Unterschiede überhaupt aushalten?

Dass die Aristoteliker absolute Gleichheit verlangen, ist nur die halbe Wahrheit. Jede Regel braucht ihre Ausnahmen, und der Philosoph Horn nennt diese Ausnahmen normative Sondertatbestände. „Stellen Sie sich einen Kindergeburtstag vor“, sagt Horn, „und auf diesem Geburtstag gibt es eine begrenzte Anzahl von Kuchenstücken.“

Dem Aristoteliker in uns würde es uns intuitiv in den Sinn kommen, allen Gästen gleich viele Stücke Kuchen zu geben – gerecht eben. Nun kann es aber sein, dass ein Kind beim Sackhüpfen gewonnen oder ein anderes sich auf der Feier daneben benommen hat. Das, so Horn, sind die normativen Sondertatbestände, über die sich moderne Parteien streiten. Während die politische Linke sich schwer tue, von dem Gleichheitsgrundsatz abzurücken, würde eine FDP dem Sackhüpf-Gewinner durchaus zwei Stücke Kuchen zugestehen.

Haben Sie beim Sackhüpfen gewonnen, Herr Ebbecke? „Ich kann auf jeden Fall sagen, dass es mir sehr gut geht“, antwortet Ebbecke, „und dafür habe ich auch hart gearbeitet.“ Ebbecke sitzt im Konferenzraum seines Unternehmens in Bruchköbel. Draußen auf der Terrasse plätschert ein Springbrunnen, ein Beamer projiziert eine Auswahl von Ebbeckes Bestsellern an die Wand: Gebindereiniger und andere Produkte, die kaum jemand kennt, aber wer sie kennt, der kauft sie bei Ebbecke. Typischer deutscher Mittelstand. Ebbecke, der pfiffig genug war, um die Marktlücke zu erkennen und zu besetzen, findet es gerecht, dass er nun auch mehr verdient als andere.

„Gerechtigkeit ist für mich, wenn Leistung und Gegenleistung stimmen“, sagt er, „Wenn ich viel leiste, dann habe ich mir auch eine angemessene Bezahlung verdient, sonst wären wir ja hier im Sozialismus.“

Ein Prozent der Deutschen besitzt ein Drittel des Kuchens

Ebbecke ist mit seiner Meinung nicht alleine. Laut einer Umfrage von YouGov finden auch 88 Prozent der Deutschen, dass jeder, der mehr leistet, mehr verdienen soll: Leistungsgerechtigkeit – das Wort hat einen Beigeschmack von Ellbogengesellschaft, aber die Mehrheit der Bundesbürger findet das wirtschaftsliberale Ideal gerecht. Und Altenpflegerin Jendryzik, eigentlich Adressatin des SPD-Wahlkampfs, ist da keine Ausnahme: „Nein, wenn alle Menschen gleich viel verdienen, dann hat das ja auch nichts mit Gerechtigkeit tun“, sagt sie. Sie fände es auch gut, wenn jeder so viel bekommt, wie er leistet, aber dann doch bitte eine echte Leistungsgerechtigkeit, sagt sie empört.

Zurück zum Kindergeburtstag: „Stellen Sie sich vor, wir geben einem Kind zwei Stücke Kuchen“, sagt Philosoph Horn, „wenn Sie das nun nicht begründen können, dann ist das Geschrei groß.“ In Deutschland besitzt ein Prozent der Bevölkerung etwa ein Drittel des gesamten Kuchens. Das wäre, laut besagten 88 Prozent der Deutschen, gerecht, wenn sie auch ein Drittel der Last tragen würden. Schwer vorstellbar, dass sie das auch tun.

Jendryzik hat nicht das Gefühl, dass die Bezahlungen in Deutschland angemessen sind. Was wäre denn ein angemessener Monatslohn für einen Manager? „10.000 Euro oder so“, sagt Jendryzik, zögert kurz und fällt sich dann selbst ins Wort: „Nein! Eigentlich ist es doch Unsinn, dass die überhaupt mehr verdienen als wir“, sagt sie. „Wenn die sehen könnten, wie hart wir hier arbeiten.“

„Soll die Altenpflegerin doch ein Pflegeunternehmen gründen, wenn sie mehr Geld haben will“, hält Unternehmer Ebbecke dagegen. Würde Jendryzik dann mehr leisten? Schwer zu sagen, und genau an dieser Schwierigkeit scheitere Leistungsgerechtigkeit häufig, sagt Philosoph Horn: „Es ist wesentlich schwerer zu sagen, wann eine Ungleichheit gerechtfertigt ist, als einfach allen Leuten gleich viel zuzugestehen.“ Darum trauen laut ZDF-Politbarometer 33 Prozent der Deutschen der SPD eine Gerechtigkeitskompetenz zu und nur vier Prozent der FDP.

Und das, obwohl eine überwiegende Mehrheit sich Leistungsgerechtigkeit wünscht. „Eine Leistungsgerechtigkeit aber, die ihren Namen verdient“, wie Altenpflegerin Jendryzik sagt.

Quelle: FAZ.NET
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