Was macht sie so Glücklich?

Die merkwürdige Freude der Grünen

Von Tatjana Heid, Berlin
 - 21:47

Der Tag nach der Wahl. Versteinerte Gesichter, die komplette Führungsriege tritt zurück. Ein Wahlergebnis wie eine Ohrfeige. Das waren die Grünen 2013.

Vier Jahre später, der Tag nach der Wahl. Die Spitzenkandidaten erklären ihre Bereitschaft, ernsthaft über eine mögliche Regierungsbeteiligung zu reden. Der Bundesgeschäftsführer spricht von einer positiven Überraschung.

2013: 8,4 Prozent, Entsetzen, Fassungslosigkeit, Scherbengericht. Opposition.

2017: 8,9 Prozent, Erleichterung, fast Freude, Optimismus. Plötzlich potentieller Regierungspartner.

Es gehört zu den Absurditäten dieser Wahl, dass die Grünen über ein Ergebnis jubeln, das noch vor vier Jahren als Schmach gegolten hätte. Nur kam die Partei 2013 von Umfragen, die noch kurz vor der Wahl ein zweistelliges Ergebnis vorhersagten. Dieses Mal sahen die Prognosen lange Zeit so schlecht aus, dass sogar die Fünf-Prozent-Hürde in bedrohliche Reichweite rückte. Die Themen wollten nicht richtig verfangen, der wachsende Populismus schien die Grünen mit ihrer pro-europäischen und flüchtlingsfreundlichen Politik an den Rand zu drängen. Wie konnte es dennoch zu dem relativ konstanten Ergebnis kommen?

„Wir haben bei unseren Reisen durch das Land gespürt, dass der Zuspruch deutlich höher ist als in den Umfragen prognostiziert", meint Spitzenkandidat Cem Özdemir. „Wahlkampf mit der Brechstange“, nennt es ein wiedergewählter Abgeordneter. „Keine Taktik, keine Strategie, nur massiver Vor-Ort-Wahlkampf und große Geschlossenheit.“ Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt erklärt das Ergebnis mit der großen Zahl an unentschlossenen Wählern, die sich erst in den letzten Stunden für die Grünen entschieden hätten. Das allerdings verweist der Politikwissenschaftler und Parteienforscher Ulrich von Alemann in das Reich der Mythologie. „Die steigende Zahl der Briefwähler spricht dagegen“, sagt er. „Es ist wohl eher eine Schwäche der Umfrageinstitute, die mit schwierigen Erreichbarkeiten und steigenden Verweigerungsquoten zu kämpfen haben.“

Schaut man sich die Ergebnisse im Detail an, fällt folgendes auf: Die Grünen haben vor allem in zwei Ländern besonders zugelegt: in Baden-Württemberg, wo sie den Ministerpräsidenten stellen, und in Schleswig-Holstein, wo Robert Habeck Umweltminister einer Jamaika-Koalition ist. Das Ergebnis dürfte also maßgeblich von der Arbeit in diesen Ländern und dem dortigen Spitzenpersonal beeinflusst gewesen sein. Ebenfalls vergleichsweise deutlich legten die Grünen in Bayern zu, was vor allem an München liegen dürfte: Die Grünen waren in allen Münchner Stadt-Wahlkreisen zweite Kraft nach der CSU. Nach wie vor schlecht steht die Partei in den neuen Ländern da, wo sie meist unter fünf Prozent landete.

Die Wählerwanderung zeigt zudem, dass die Grünen keiner anderen Partei so viele Wähler abwerben konnten wie der SPD: Insgesamt 760.000 wechselten von den Sozialdemokraten zu der Ökopartei, umgekehrt waren es nur halb so viele. Bei einem Stimmzuwachs von insgesamt 463.000 sind die 380.000 Stimmen, die damit netto von der SPD kamen, eine bemerkenswert hohe Zahl.

Die Erwartungen nicht erfüllt

Dennoch: Die Grünen sind hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben. Das Ziel, zweistellig und drittstärkste Kraft zu werden, haben sie verfehlt. Sie haben zugelegt, aber nur um einen halben Prozentpunkt – und das, obwohl vor vier Jahren der dezidiert linke Wahlkampf als ein Grund für das schlechte Ergebnis genannt wurde. In diesem Jahr haben sich die Grünen stärker auf ihre Kernthemen fokussiert und hatten zwei Realos an der Spitze, und konnten dennoch nicht wesentlich mehr Stimmen erringen. „Die Grünen haben mittlerweile ein ideelles Wählermilieu, das eher aus einem Lebensgefühl heraus die Partei wählt und nicht so sehr auf aktuelle Themen schaut“, meint von Alemann.

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Will heißen: Wenn nicht etwas Unvorhergesehenes passiert, wie etwa die Fukushima-Katastrophe im Jahr 2011, die Kretschmann in Baden-Württemberg an die Macht brachte, haben die Grünen ihr Wählerpotential nahezu ausgeschöpft. „Wir müssen bei der ökologischen Frage noch zugespitzter und emotionaler werden“, fordert daher der bayerische Realo Dieter Janecek. „Dann haben wir noch Potential nach oben.“ Bislang allerdings drängen die kommenden Sondierungsgespräche eine Analyse und Aufarbeitung des Wahlergebnisses in den Hintergrund. Mit Sicherheit wäre die Stimmung in der Partei eine andere, wenn es für Schwarz-Gelb gereicht hätte und die Grünen abermals in der Opposition gelandet wären.

Für die kommenden Sondierungsgespräche ist das Ergebnis Fluch und Segen zugleich. Die Grünen könnten mit Sicherheit selbstbewusster verhandeln, wenn sie vor der FDP gelandet werden. Auf der anderen Seite sind es nicht die beiden kleinen Parteien, die empfindliche Stimmverluste hinnehmen mussten. Als kleinste Fraktion werden die Grünen voraussichtlich besonders konsequent auftreten, um den Anschein zu vermeiden, an die Wand gedrängt zu werden. Die CSU macht es schon jetzt genauso. Beide Grünen-Flügel sind willens, ernsthaft zu sondieren – trotz skeptischer Stimmen in beiden Lagern. „Wir sind zwar nicht die einzigen, die mit programmatisch hohen Ansprüchen in die Gespräche starten“, sagt ein Grüner. „Aber wir sind die Nervigsten.“

Und nicht zu vergessen: In die bislang letzten erfolgreichen Sondierungsgespräche gingen die Grünen mit 8,6 Prozent.

Jamaika
Auch Trittin und Kretschmann verhandeln Koalition
© reuters, reuters
Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Heid, Tatjana
Tatjana Heid
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