Ochsentour für den Bundestag

Und trotzdem lacht er

Von Yves Bellinghausen
 - 12:17
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Was würden Sie für einen guten Job tun? Sich bewerben, klar, vielleicht etwas Geld in eine hübsche Bewerbungsmappe stecken. Dann noch etwas Zeit investieren, um etwas über den Arbeitgeber herauszufinden.

Würden Sie sich um ein Direktmandat für den Deutschen Bundestag bewerben, dann würde das nicht reichen. 299 Wahlkreise hat die Bundesrepublik und in allen findet ein kleiner Wahlkampf statt, von dem die meisten Menschen bestenfalls am Rande Notiz nehmen. Tausende Bürger kämpfen alle vier Jahre um eines dieser Direktmandate, mit allem was sie haben, sie investieren ihr Privatvermögen und ihren Jahresurlaub, sie stehen im Hochsommer in deutschen Fußgängerzonen und verteilen Flyer und sie stehen um 6.30 Uhr auf, um eine Pressemitteilung zu schreiben.

Das hier ist nicht die Geschichte eines angehenden Ministers, oder eines Fraktionsvorsitzenden. Das hier ist die Geschichte von einem Mann, den jenseits von Frankfurt kein Mensch kennt. Sein Name ist Oliver Strank, ein politischer Newcomer. Er war einige Jahre im Ortsbeirat von Frankfurt, bevor er sich im letzten Jahr als Außenseiter parteiintern durchgesetzt hat, um für die SPD den Wahlkreis 182 von der CDU zurückzuerobern, den Frankfurter Nordwesten.

Gesicht schlägt Inhalt

Noch ist Hochsommer in Deutschland, als der Wahlkampf so langsam an Fahrt aufnimmt. Oliver Strank sitzt im Konferenzraum einer Anwaltskanzlei, im obersten Stock. Direkt unter dem Dach drückt die Hitze. Strank und sein Team teilen sich die Räume mit den Anwälten, die Büros sind eng, überall liegt Wahlkampfmaterial in der Ecke: Chaos. „Kreatives Chaos“, verbessert Strank und lacht.

Dass Strank lacht, lächelt, schmunzelt, grinst oder amüsiert schaut, ist nichts Ungewöhnliches. Wahrscheinlich sollte ein Wahlkämpfer grundsätzlich gute Laune ausstrahlen. Doch während Merkel es sich erlauben kann, gelangweilt zu wirken und Steinbrück im Wahlkampf zuweilen unwirsch wird, muss Strank bei seiner Feel-Good-Rolle bleiben.

Die Leute, da macht Strank kein Geheimnis draus, wählen ihn nicht nur wegen seiner Inhalte. Vor allem verkauft er sich als Mensch. Wer einen Wahlkreis holen will, der wird sich mit vielen Wählern unterhalten müssen und unzählige Hände schütteln.

„Jung und dynamisch“, das soll seine Marke sein. Willy Brandt und John F. Kennedy zitiert er gerne. Dann das obligatorische Lächeln. Phänotyp Christian Lindner. Also, das würden jetzt einige andere über ihn sagen, schiebt er lieber noch nach, denn Lindner sei ja in der falschen Partei. Aber ein guter Vergleich ist es trotzdem: Strank ist ein gutaussehender Mann, er trägt eng geschnittene Sakkos, meistens in dunkelblau, das hat er sich schon zum Markenzeichen gemacht. Er kann nicht nur gute Laune, er kann auch konzentriert. Dann redet er schnell, macht Aufzählungen, die er an seiner linken Hand im Stakkato-Ton abzählt. Strank spricht von Politik als seiner „große Leidenschaft“, und es fällt nicht schwer, ihm das glauben. Wenn man ihm eine Frage stellt, dann beginnt er mit seiner Antwort manchmal schon, bevor die Frage zu Ende ist.

Er ist schon seit Ende Mai in den Fußgängerzonen unterwegs. Es ist nicht immer ganz einfach, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Nicht alle verstehen so richtig, dass er Bundespolitiker werden will und sprechen ihn auf kommunale Probleme an. „Ja dafür kann ich mich in Berlin stark machen, aber wenden Sie sich damit besser an die Stadtverordneten, ich habe da einen Kontakt“, sagt er ihnen dann. Und dann erst das komplizierte deutsche Wahlsystem. „Ich glaube, das versteht weniger als die Hälfte der Deutschen“, sagt er, „aber ich will den Anhängern von Linken, Grünen und FDP sagen, dass jede Stimme für den Direktkandidaten ihrer Partei eigentlich an die CDU geht.“

Denn in Wahlkreisen herrscht knallhartes Mehrheitswahlrecht. Wen die meisten wählen, der bekommt ein Mandat. Alle anderen gehen leer aus. Und in der Regel haben nur Kandidaten von CDU und SPD eine Chance auf das Mandat. Bei der letzten Wahl lag die SPD nur 9000 Stimmen hinter dem CDU-Mann. „Das ist doch nicht viel! Den Abstand kann man aufholen!“, sagt Strank. Er selbst steht in seiner Partei auf Listenplatz 25, der völlig aussichtslos ist. Wenn Strank in den Bundestag kommt, dann nur über seinen Wahlkreis. Wie die Bundes-SPD abschneidet, ist egal.

Aufmerksamkeit ist die wichtigste Währung

Die Wähler im Frankfurter Nordwesten müssen ihn kennen, Aufmerksamkeit ist die allerwichtigste Währung im Wahlkreis, mehr noch als in der Bundespolitik. Und um Aufmerksamkeit zu bekommen, gibt es unter kleinen Wahlkämpfern einen beliebten Trick, eine Art Deal: Oliver Strank lädt sich die Großen aus seiner Partei ein und tritt gemeinsam mit ihnen auf. Strank sonnt sich im Licht eines Bundespolitikers und bekommt etwas von seinem Ruhm ab. Und der große Bundespolitiker bekommt im Gegenzug eine Bühne, um sich bürgernah zu präsentieren.

Heiko Maas ist so ein Bundespolitiker, mit dem man sich gerne sehen lässt. Strank baut mit seinen zwei Mitarbeitern und den vielen Freiwilligen einen Stand in einem Frankfurter Studentenviertel auf. Überall sein Konterfei. Auf Bannern, auf Flyern, ja sogar auf den Apfelsaft-Dosen, die er an die Schaulustigen verteilt. Dann kommt Heiko Maas, samt Leibwächtern und persönlichen Mitarbeitern. Strank und der Bundesminister wirken wie alte Freunde, hauen sich kumpelhaft auf die Schulter, tuscheln miteinander und lachen. Man kennt sich? „Ne, den habe ich vorher noch nie gesehen“, sagt Strank, „aber wir Genossen duzen uns alle und irgendwie bricht das schnell das Eis.“

Die beiden stehen an Rednerpulten, umgeben von einer Menschentraube. Strank ist bald schon Zaungast seiner eigenen Veranstaltung. Verbraucherschutz, Hasspostings, Quellen-TKÜ, das interessiert die Menge. Der Justizminister pariert. Strank kann nur nicken. Bald schon ist Maas nicht mehr nur Justizminister, sondern Regierungsmitglied. Europa, Flüchtlinge, Israel-Politik. Über eine Stunde lang diskutieren Justizminister und Bürger zwischen U-Bahneingang und Rewe-Markt die große Weltpolitik. Strank fällt in den Hintergrund zurück.

„Der hat sich super geschlagen, der Oliver“, sagt Heiko Maas schnell noch, bevor er wieder abrauscht. Oliver Strank bleibt zurück. Enttäuscht? „Nein, mir war schon klar, dass sich die Leute mehr für ihn interessieren.“ RTL-Hessen und die Lokalpresse waren da. Morgen wird auch Stranks Bild in der Zeitung sein. Das zählt.

Ein paar Wochen später ist Schulz in der Stadt. Es ist nur noch ein Monat bis zur Wahl. Vor der Bühne, auf der später Schulz sprechen soll, treibt sich Strank herum. Er hat den richtigen Politiker-Habitus schon raus: Er lächelt, winkt ständig in die Menge und zeigt immer wieder auf Leute, ganz so, als habe er einen alten Bekannten wiedergefunden. Endlich kommt Schulz. Bevor er sein übliches Programm abspult, lobt er noch Vertreter der Frankfurter SPD: „Nissen, Seewald, Raabe, Schabedoth." Alle sitzen sie in der ersten Reihe und freuen sich, dass Schulz ihre Namen von einem Blatt Papier abliest. „Strank.“ Strank steht auf, dreht den Rücken zu Schulz und winkt und lacht und strahlt die tausend Leute an, die sich auf dem Frankfurter Römer versammelt haben. Auf der Pressetribüne belustigen sich einige ob diesem selbstbewussten jungen Politiker mit dem unzerbrechlichem Lächeln.

„Manchmal komme ich mir etwas vermessen vor“

Zu sagen, Strank sei eitel, wäre ungerecht. Strank spielt das Spiel mit, das ein Direktkandidat spielen muss. Der erbitterte Kampf darum, gesehen zu werden. Es wäre auch falsch, zu sagen, Strank sei ein Politiker ohne Inhalte. Nur wird der Direktkandidat dafür gewählt, dass man ihn kennt und weniger dafür, was er denkt. „Und wenn ich ehrlich bin: Manchmal komme ich mir etwas vermessen vor, wenn ich den Leuten in der Fußgängerzone etwas über Außenpolitik erzähle.“

Nach Schulz Rede läuft Strank zu Schulz, drückt ihm die Apfelsaftdose mit seinem Konterfei in die Hand, und lässt Schulz ein Wahlempfehlung für Strank aufsagen. Das Video wird später auf Facebook landen.

Drei Wochen vor der Bundestagswahl sieht Strank Schulz wieder. Diesmal aber nur im Fernsehen. Das TV-Duell steht an, Strank sitzt mit einigen hundert Genossen in einem großen Raum der Arbeiterwohlfahrt und schaut das Duell über einen Beamer. Das Duell beginnt müde, Strank streift wie immer durch die Reihen, scheint jeden zu kennen, schüttelt Hände und prostet Genossen zu.

Das Duell ist vorbei und für Strank ist ganz klar, wer gewonnen hat: Schulz. Was soll er auch anderes sagen? Zehn Jahre noch, vielleicht auch 15, dann würde er sich so ein Kanzlerduell auch zutrauen. Und wenn man ihn so anschaut, mit seinem Impetus, dann wirkt das gar nicht so vermessen.

Endspurt

21. September: Drei Tage vor der Bundestagswahl zählt es. Häuserwahlkampf. Früher galt es mal als ineffektiv, an Haustüren zu klingeln, weil man eben nur eine einzelne Person erreicht, aber inzwischen kommt der gute alte Häuserwahlkampf wieder in Mode. „Denn die Leute erzählen das ja ihren Freunden, und die wieder ihren Freunden und so weiter und so fort,“ sagt Strank, der wahnsinnig unter Strom steht. Er geht nicht um die Häuser, er rennt. Mit einem Parteigenossen und einer großen roten Umhängetasche stürmt er durch die Hausflure. Manchmal klingeln sie an zwei Türen gleichzeitig. „Hallo, mein Name ist Oliver Strank und ich würde sie gerne im Bundestag vertreten“, sagt er noch bevor die Bewohner die Tür wieder schließen können. „Hier haben sie einen Kugelschreiber, damit können Sie am Sonntag gleich ein Kreuz bei mir machen!“ Lachen. „Hier haben Sie noch ein paar Gummibärchen, da sind auch gute Argumente für mich drin!“ Lachen. Und weiter, nächste Tür, gleiche Unterhaltung. Nein, heute ist nicht der richtige Tag, um über die Hartz-Gesetze und die Mietpreisbremse zu sprechen.

In drei Tagen weiß Strank, ob sich alles gelohnt hat. „Es ist, als hätte ich eine Klausur geschrieben und am Sonntag bekomme ich sie wieder. Und ich habe ziemlich viel für diese Klausur getan.“

24. September: 38.636 Stimmen für Oliver Strank. Das sind 5054 weniger als sein CDU-Konkurrent.

Am Tag danach strahlt Strank immer noch. Das gibt es doch nicht, der Mann hat vier Monate lang 14 Stunden am Tag gearbeitet, sich beurlauben lassen, auf Gehalt verzichtet, zigtausende Hände geschüttelt, für nichts und wieder nichts und jetzt sitzt er am Tag nach seiner Wahlniederlage mit seinem blauen Sakko in einem Frankfurter Café, trinkt Cappuccino und lächelt!

Wer in den Bundestag will, der muss Opfer bringen. Wie viel seine Kandidatur gekostet hat, will Strank nicht genau sagen, aber es war ein ordentlicher fünfstelliger Betrag. Die SPD hat etwas dazugetan, aber bei weitem nicht genug. Strank hat viele Spenden bekommen und am Ende auch einen beträchtlichen Teil von seinen privaten Geldern dazugetan. „Das musste ich dann auch erst mal meiner Freundin erklären. Mit dem Geld hätte man auch was anderes machen können.“ Strank arbeitet eigentlich als Anwalt, er hat sich für den Wahlkampf beurlauben lassen. „Partner werde ich wohl auch nicht mehr in meiner Kanzlei, jetzt wo die wissen, dass ich eigentlich in den Bundestag will.“

Und trotzdem lacht er. Natürlich sei der Wahlkampf nicht „für nichts und wieder nichts“ gewesen. Er habe viel gelernt und immerhin: Im Wahlkreis kennt man jetzt sein Gesicht, das wichtigste Kapital. „Und wer so einen Wahlkampf führt, wie ich, der bekommt auch eine zweite Chance.“ Strank geht jetzt zurück in seinen alten Beruf, engagiert sich weiter in der Partei, bleibt erst mal im Ortsbeirat. 2021, wenn die Partei ihn wieder aufstellt, wagt er dann den nächsten Anlauf. Alles nochmal von vorne.

Quelle: FAZ.NET
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