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100 Jahre Sykes-Picot-Abkommen

Wurzel des Nahostkonflikts

Von Rainer Hermann
 - 22:01
Die Einigung: Am 8. Mai 1916 zeichneten Mark Sykes und François Picot die Karte, auf der sie die Teilung der Levante in eine französische „blaue Zone“ A, eine britische „rote Zone“ B und ein international verwaltetes Palästina besiegelten. Am 16. Mai 1916 unterschrieben die Vertreter ihrer Regierungen. Bild: Royal Geographical Society, F.A.Z.

Dem britischen Premierminister Herbert Henry Asquith gefiel die Linie, die der junge Mark Sykes am Morgen des 16. Dezember 1915 eben auf der Landkarte des Nahen Ostens gezogen hatte. Schließlich brauche Großbritannien einen Deal mit Frankreich, und der könne so aussehen. Arthur James Balfour, der Marineminister, hatte gefragt, was Sykes den Franzosen denn genau geben wolle. Da zog dieser seinen Zeigefinger über die Karte, die vor ihnen auf dem Tisch lag, und sagte: „Ich meine, wir sollten die Linie von dem ,e‘ in Acre bis zum letzten ,k‘ in Kirkuk ziehen.“ Also von der Mittelmeerküste bis zur östlichen Grenze Mesopotamiens.

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Asquith hatte an jenem Morgen drei Kabinettsmitglieder und den jungen Sykes, der seit 1911 konservativer Abgeordneter im Unterhaus war und in kurzer Zeit zum einflussreichsten Nahost-Berater der Regierung Seiner Majestät aufstieg, in die Downing Street 10 gerufen. Sykes war das jüngste Mitglied der Arbeitsgruppe, die Asquith am 8. April 1915 eingesetzt hatte, um Szenarien für die Zeit nach dem Untergang des Osmanischen Reichs aufzustellen und zu bestimmen, welche Provinzen sich Großbritannien einverleiben solle. In der nach ihrem Vorsitzenden Sir Maurice de Bunsen benannten Arbeitsgruppe war Sykes das aktivste Mitglied.

„Die Araber dort werden unter unsere Kontrolle kommen“

An jenem Dezembermorgen sollte Sykes dem Premier, Marineminister Balfour, Kriegsminister Lord Kitchener und Munitionsminister David Lloyd George vortragen, wie er sich nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs eine Einigung mit Frankreich vorstellen könne. Die „blaue Zone“ nördlich der Linie solle an die Franzosen gehen, die „rote Zone“ südlich davon an Großbritannien. „Die Araber dort“, sagte Kitchener und deutete auf die „rote Zone“, „werden dann unter unsere Kontrolle kommen.“

Nun stand einer Einigung mit Frankreich nichts mehr im Wege. Seit dem 23. November 1915 hatte der französische Diplomat François George-Picot, der zuvor in Beirut Generalkonsul gewesen war, in der französischen Botschaft in London verhandelt. Erst mit dem Staatssekretär im Foreign Office, Sir Arthur Nicholson, dann übernahm Sykes. Bis zum 3. Januar 1916 einigte er sich mit Picot auf die Aufteilung der osmanischen Beute mit Frankreich und damit auf die Grenzen der Staaten in der Levante, die bis zum heutigen Tag Bestand haben. Am 16. Mai unterzeichneten der britische Außenminister Edward Grey und der französische Botschafter in London, Paul Cambon, die Vereinbarung, die wie keine andere in der Neuzeit die Geschichte des Nahen Ostens prägen und beeinflussen sollte.

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Der Nahe und Mittlere Osten, wie wir ihn heute kennen, ist das Ergebnis der Entscheidungen der Kolonialmächte, die sie während des Ersten Weltkriegs und in den Jahren danach getroffen haben. Die Niederlage und der Untergang des Osmanischen Reichs waren ein Erdbeben, das die alte Ordnung völlig zerstörte. Mehrere Vereinbarungen zwischen 1915 bis 1922, von denen das Sykes-Picot-Abkommen die wichtigste war, sollten in diesem Vakuum eine neue Ordnung schaffen. In ihrer Summe seien sie aber ein „Friede, um allen Frieden zu beenden“ gewesen, so der Titel des Standardwerks des amerikanischen Historikers David Fromkin zu jener Zeit. Vor dem Ersten Weltkrieg sei die arabische Welt „schläfrig“ gewesen, schreibt Fromkin im Nachwort zur Neuauflage im Jahr 2009. Mit dieser neuen Ordnung sei sie jedoch mit „zunehmender Unordnung“ „turbulent“ geworden, so Fromkin.

„Great Game“ zwischen England und Frankreich

Der nahende Untergang des 1299 gegründeten Osmanischen Reichs stellte die damaligen Großmächte vor eine doppelte Herausforderung: Sie mussten neue Strategien für die „Orientalische Frage“ und das „Great Game“ finden. Während des 19. Jahrhunderts stand im Mittelpunkt der „Orientalischen Frage“, dass die Schwächung des Osmanischen Reiches das Gleichgewicht der europäischen Mächte nicht beeinträchtigen und nicht Russland zugutekommen sollte; nun aber galt es, die Aufteilung des Osmanischen Reichs so vorzunehmen, dass das Machtgleichgewicht intakt blieb.

Im Mittelpunkt des „Great Game“ wiederum stand der Versuch Großbritanniens, Indien mit Pufferzonen vor Frankreich und Russland zu schützen. Entschieden wurden die „Orientalische Frage“ und das „Great Game“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Nahen Osten – der Region, in der heute, hundert Jahre später, Staaten und die regionale Ordnung zerfallen.

An jenem Morgen des 16. Dezember 1915 war nun der Kern des britischen Kriegskabinetts überzeugt, dass die Lösung aller Probleme in der Linie liege, die Mark Sykes auf der Landkarte des Nahen und Mittleren Ostens gezogen hatte. Der britische Historiker James Barr nennt sie im Titel seiner Monographie zum Machtkampf, der den heutigen Nahen Osten geschaffen hat: „Eine Linie im Sand“.

Britisch-französische Interessenüberschneidung

Die Aufteilung brachte Vorteile für die britische Kolonialmacht: Die britische „rote Zone“ südlich der Linie sollte ein Puffer sein, um den Suezkanal zu schützen; die französische „blaue Zone“ wiederum galt als Puffer, der sich zwischen Russland und die britische Kronkolonie Indien sowie die Protektoratsgebiete in Ägypten und auf der Arabischen Halbinsel schieben solle. Palästina unter Einschluss Jerusalems sollte eine internationale Verwaltung erhalten, die Hafenstadt Haifa dagegen britische Enklave bleiben. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg setzte London durch, dass Mossul (im heutigen Irak) und Palästina seiner Einflusssphäre einverleibt wurden. Großbritannien konnte Russland aus dem Nahen Osten fernhalten. So hatte die „Orientalische Frage“ ihren letzte Akt erlebt.

Sykes machte auf einen weiteren Vorteil aufmerksam, der besonders Kriegsminister Kitchener gefiel. Frankreich beanspruchte als „Erbrecht“ Syrien und Palästina, das „Land der Kreuzritter“. Das Kalkül war, wenn Frankreich mehr gegeben werde, als ihm nach seiner Bedeutung zustehe, werde Paris einem Angriff auf das Osmanische Reich über die Küstenstadt Alexandretta (Iskenderun) in der heutigen türkischen Provinz Hatay zustimmen. Zuvor hatte Frankreich einen solchen Angriff stets abgelehnt, weil es die Region Syrien, in der Alexandretta lag, für sich reklamierte. Anstatt das Osmanische Reich gleichzeitig über die Halbinsel Gallipoli und von Süden her über Alexandretta anzugreifen, landeten Anfang 1915 alliierte Truppen nur in Gallipoli, was in einer vernichtenden Niederlage endete.

Sykes war Ende 1915 zu der Überzeugung gelangt, dass die Araber für einen Sieg wichtiger geworden seien als Frankreich. Militärisch sah es nicht gut aus für die Alliierten: Im Februar 1915 konnte eine osmanisch-deutsche Offensive gegen den Suezkanal erst nach heftigen Kämpfen zurückgeschlagen werden; Rückschläge gab es neben Gallipoli auch in Mesopotamien. Eine neue Strategie war daher erforderlich.

Araber wendeten sich vom Osmanischen Reich ab

Da hatte Ronald Storrs, ein britischer Kolonialbeamter in Kairo und Freund des ebenfalls in Kairo tätigen Geheimagenten Thomas Lawrence („Lawrence von Arabien“), bereits die Idee lanciert, den Scherifen Hussein in Mekka zu gewinnen, als faktischer Herr über die Heiligen Stätten des Islams gegen den Sultan in Konstantinopel den Dschihad auszurufen und Hussein zum spirituellen Oberhaupt der Muslime aufzubauen, das London gegenüber loyal ist. Als sich die Niederlage in Gallipoli abzeichnete, hatte Sir Henry McMahon, der Gouverneur über Ägypten, Kontakt zu Hussein aufgenommen – und beide erkannten, dass sie sich gegenseitig brauchten.

Denn die Araber gingen immer mehr auf Distanz zu Konstantinopel, wo die chauvinistischen Jungtürken die Macht übernommen hatten. Seit 1910 organisierten sich junge arabische Offiziere in Geheimgesellschaften, die im Untergrund agierten und einen Aufstand vorbereiteten, der in einen unabhängigen arabischen Staat münden sollte. Die wichtigsten Geheimgesellschaften hießen al Fatat und al Ahd; sie hatten ihren Sitz von Konstantinopel nach Damaskus verlegt. Der Scherif Hussein stand über seinen Sohn Faisal, den Großbritannien später als König des neuen Staats Irak einsetzte, mit den Geheimgesellschaften in Verbindung, und der desertierte Offizier Muhammad Scharif al Faruqi, ein Iraker, stellte aus Damaskus die Verbindung zum britischen Gouverneur in Kairo her.

Gebietsfragen blieben ungeklärt

Damit schließt sich der große Bogen der Argumentation von Sykes. Denn Faruqi hatte, in Abstimmung mit Hussein und Faisal, die Briten wissen lassen, dass die arabischen Truppen einen Aufstand gegen das Osmanische Reich ausrufen würden, sollten die Alliierten eine Invasion Palästinas und Syriens beginnen. Dazu war die Zustimmung Frankreichs erforderlich, und so wollte Sykes Frankreich dadurch ins Boot holen, dass er ihm die blaue Zone nördlich seiner „Linie im Sand“ anbot.

Dieses Gebiet aber beanspruchten auch die Araber als Gegenleistung für ihren Kriegseintritt an der Seite der Alliierten. Die Geheimgesellschaften und Faisal hatten im Frühjahr 1915 das Damaskus-Protokoll verfasst, in dem sie ihre Gebietsansprüche für einen künftigen arabischen Staat formulierten: Er sollte die Arabische Halbinsel und die Levante umschließen. Nicht dazu gehören sollten die britische Enklave Aden (heute Jemen) und das britische Protektorat Ägypten. McMahon versprach in einem Brief vom 24. Oktober 1915 einen unabhängigen Staat in den vom Scherifen Hussein vorgeschlagenen Grenzen, schloss aber Gebiete Syriens aus. Vor allem aber verschwieg er, dass sich London und Paris längst auf die Aufteilung des Nahen Ostens verständigt hatten. Aufgrund der Kriegshandlungen blieben die Gebietsfragen jedoch ungeklärt. Denn am 5. Juni 1916 erhoben sich die Araber unter Führung des Scherifen Hussein gegen das Osmanische Reich.

„Brutstätte für einen neuen Krieg“

Die Kolonialmacht Großbritannien war unehrlich. Sie versprach die Levante gleich drei Parteien: 1915 in der Korrespondenz von McMahon mit Hussein den Arabern; 1916 teilten London und Paris das Gebiet unter sich auf; und am 2. November 1917 versprach der britische Außenminister Balfour in einem Brief, den Mark Sykes vorbereitet hatte, Chaim Weizmann, dem späteren Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, dass Großbritannien die Errichtung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ unterstütze. Ein Motiv dazu war, einen weiteren Puffer für den Suezkanal zu haben und einen weiteren Brückenkopf zur Wahrung britischer Interessen einzurichten.

Als die Araber dies erfuhren, wollten sie die Allianz mit Großbritannien aufkündigen; der Krieg war jedoch schon zu weit fortgeschritten. Ein weiterer Schock war, als nach der Oktoberrevolution in Russland die neuen bolschewistischen Machthaber das Sykes-Picot-Abkommen, an dem das zaristische Russland am Rande beteiligt gewesen war, am 23. November 1917 bekanntmachten. Gleichzeitig verzichteten die Bolschewiken auf die Russland zugesagten Gebiete im östlichen Anatolien.

Als Außenminister Balfour dem außenpolitischen Berater des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, Edward House, von Sykes-Picot und dem Brief an Weizmann berichtete, soll der gesagt haben: „So schaffen sie eine Brutstätte für einen künftigen Krieg.“

Die Skepsis war nur allzu berechtigt. Der Historiker Barr bezeichnet die Sykes-Picot-Linie als eine „akademische Übung“, die „keine Blaupause für eine Regierung“ sei. Mit der Zerstörung des Osmanischen Reichs seien die Westeuropäer zu Besatzern in der Region und für sie verantwortlich geworden. „Nun regierten Christen über Muslime.“ Kolonialbeamte, die die Region nicht kannten, zogen Grenzen, die den Interessen der Kolonialmächte folgten; Kunststaaten wie Syrien, der Irak und Jordanien wurden geschaffen.

Diese Gebiete waren unter osmanischer Herrschaft relativ friedlich gewesen. Die Osmanen hatten durch eine kleinteilige Aufteilung des Gebiets Konflikten vorgebeugt, die entstehen, wenn viele unterschiedliche Gruppen in einem Staat zusammenlebten. Zudem wurden die kleinen Einheiten effizienter verwaltet. Die Kolonialmächte hatten das nicht begriffen: Sie legten drei osmanische Provinzen zusammen und nannten das Gebilde dann Irak. Drei andere Provinzen hießen nun Syrien, ohne dass es solche Nationen gegeben hätte. Um diese künstlichen Gebilde zusammenzuhalten, bedurfte es erst der Kolonialstaaten, dann repressiver Diktaturen. Als diese wegfielen, stürzte die Region in Krieg und Chaos. Der Westen versucht zwar, die alte Ordnung in den hundert Jahre alten Grenzen zu retten. Eine neue, stabile Ordnung, die an Sykes-Picot anknüpfen könnte, zeichnet sich aber nicht ab.

Das Sykes-Picot-Abkommen hat den Grundstein für viele der Konflikte gelegt, die noch heute die Region und die Welt beschäftigen.
Quelle: F.A.Z.
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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