Vorbilder für die Bundeswehr

Richthofen statt Rommel

Von Ralph Rotte
 - 15:28

Der Fall des rechtsextremen Offiziers Franco A. hat die Diskussion um die Traditionspflege in der Bundeswehr wieder aufflammen lassen. Sie ist Ausdruck eines jahrzehntelangen Versäumnisses und hat das Selbst- und Fremdbild der Truppe nachhaltig geprägt: Die Wahrnehmung der Bundeswehr als Armee zur Friedenssicherung fokussierte zur Zeit des Ost-West-Konflikts nicht auf ihre Kampffähigkeit, sondern auf ihre sozialen, humanitären und ökonomisch relevanten Funktionen. Daran ändert nichts, dass die Nato-Abschreckungsdoktrin letztlich genau das Gegenteil besagte. Das Bild des Soldaten wurde in der Bundesrepublik systematisch vom Phänomen des Krieges losgelöst. Auch wenn immer wieder einmal die mangelnde Wahrnehmung der genuin militärischen Leistungsfähigkeit der Bundeswehr durch die Deutschen beklagt wurde, verschwanden nach und nach die Gefahr von Verwundung und Tod sowie die Möglichkeit, kämpfen und töten zu müssen aus dem öffentlichen Gedächtnis. Ein fataler Schritt, schließlich ist das „scharfe Ende des Berufs“ das, was Streitkräfte von jeder anderen Organisation unterscheidet und Grund, warum sie nicht wie ein beliebiger Wirtschaftskonzern geführt werden sollten.

Für eine Einsatzarmee ist es daher schwierig, die Konfrontation mit Kampf und Tod auszublenden, die zur Basis der eigenen Identität und Traditionspflege zählen. Vor allem Teile der Kampftruppen verlangen – aus militärsoziologisch nachvollziehbaren Gründen - nach historischen Vorbildern und Bezugspunkten. Das ändert sich auch dadurch nicht, dass die Einsatzerfahrung und die Opfer der Bundeswehr selbst zunehmend ein eigenes Fundament der Traditionspflege bilden. Akzeptiert man das, stellt sich zwingend die folgende Frage: Welche Vorbilder für eine demokratische Gesellschaft wie die der Bundesrepublik sind akzeptabel sind und welche Beispiele aus der Vergangenheit deutscher Streitkräfte zu tolerieren oder gar zu fördern?

Bislang war die Praxis der Bundeswehr und des Verteidigungsministeriums in dieser Hinsicht trotz des bis heute gültigen Traditionserlasses von 1982 schwammig. Der konstatiert zwar richtigerweise: „In den Nationalsozialismus waren Streitkräfte teils schuldhaft verstrickt, teils wurden sie schuldlos missbraucht. Ein Unrechtsregime, wie das Dritte Reich, kann Tradition nicht begründen.“ Die Angehörigen der Wehrmacht sind als Referenzpunkte für die Bundeswehr somit in jedem Fall problematisch, weniger wegen der (meist nachprüfbaren) Schuld oder Nichtschuld einzelner Soldaten und Offiziere an Verbrechen, sondern wegen des verbrecherischen Charakters des Zweiten Weltkrieges an sich. Ausnahmen sind kaum möglich. Denn wer militärische Effizienz und Tugenden auf der einen und dem ihnen permanent innewohnenden politischen Zweck trennen will, muss scheitern. Doch de facto richtete sich die Bundeswehr danach nicht. Für gegenwärtig in der Bundeswehr noch hochgeachtete Persönlichkeiten wie Hans-Joachim Marseille oder den „Wüstenfuchs“ Generalfeldmarschall Erwin Rommel werden immer noch Ausnahmen gemacht, obwohl sie qua Zeitkontext zu den notwendigerweise „unmittelbar kontaminierten Figuren des Zweiten Weltkriegs“ (Hans-Ulrich Wehler) gehören.

Dabei wäre es ausreichend, zur Umsetzung des Erlasses drei Regeln anzuwenden: Erstens wären Voraussetzung für Traditionswürdigkeit herausragende militärische Führungsleistungen, Beispiele hervorragender persönlicher Tapferkeit über das Pflichtmaß hinaus oder exemplarische humanitäre Leistungen im Krieg, ganz im Sinne des Ethos vom ehrenhaften, völkerrechtskonform handelnden Soldaten inklusive der diesbezüglichen etwaigen Nichtbefolgung von Befehlen. Zweitens dürften diese Leistungen nicht im Kontext nach aktuell allgemeiner Ansicht verbrecherischer bewaffneter Konflikte erbracht worden sein (zu denen auch etwa der Herero-Krieg gehören dürfte). Entsprechend würden Personen wie Rommel oder Marseille aus der Traditionspflege ausscheiden. Auszunehmen wären allein Wehrmachtsangehörige, die sich durch exemplarische humanitäre Leistungen im Krieg ausgezeichnet haben, ebenso wohl auch zentrale Persönlichkeiten der Bundeswehr nach 1955. Die Angehörigen des Widerstands vom 20. Juli 1944 wären jedoch noch einmal kritisch zu hinterfragen, bevor sie zum quasi-kultischen Mittelpunkt der Traditionspflege werden, wie er anscheinend der Verteidigungsministerin vorschwebt. Drittens dürften als Vorbilder generell Militärangehörige in Frage kommen, die insgesamt ein hohes Maß an Integrität auch über ihre unmittelbaren militärischen Leistungen hinaus aufwiesen; es ist evident, dass sich etwa Hermann Göring als Jagdflieger-„As“ des Ersten Weltkriegs aufgrund seines weiteren Werdegangs nicht als Vorbild für die Bundeswehr eignet.

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Auf historische Vorbilder muss die Bundeswehr dennoch nicht verzichten. Denn die deutsche Militärgeschichte bietet auch ohne den Zweiten Weltkrieg genügend Referenzpunkte. Mögliche Kandidaten finden sich etwa im Ersten Weltkrieg: Generalmajor Max Hoffmann, als eigensinniger, relativ gemäßigte Kriegsziele vertretender Stabschef im Oberkommando Ost 1914 bis 1918, der als brillanter operativer Kopf hinter dem berühmt-berüchtigten Duo Hindenburg und Ludendorff agierte. Vizeadmiral Graf Spee, gefallen in der Seeschlacht bei den Falkland-Inseln 1914 beim – vergeblichen – Bemühen, den kleineren Einheiten seines Geschwaders die Flucht vor einem weit überlegenen britischen Verband zu ermöglichen. Und natürlich Rittmeister Manfred von Richthofen ,als erfolgreichster Jagdflieger des Ersten Weltkriegs (gefallen 1918).

Die persönlichkeitsorientierte Traditionspflege der Bundeswehr neu auszurichten und zugleich zu konkretisieren hätte einen weiteren positiven Effekt. Individuelle Leistungen von Mannschaften und Unteroffizieren, die traditionell eher zu kurz kommen, würden stärker gewürdigt. Als exemplarische Kandidaten neben Feldwebel Anton Schmid, der 1942 wegen der Rettung von Juden aus dem Ghetto von Wilna hingerichtet wurde und nach dem bereits eine Kaserne der Bundeswehr benannt ist, etwa Träger des preußischen Goldenen Militärverdienstkreuzes wie Vizefeldwebel Ernst Reiche, 1917 ausgezeichnet für die alleinige Abwehr dreier französischer Angriffe mit dem Ziel, die Stellung seines Regiments aufzurollen, oder der bayerischen Tapferkeitsmedaille wie Gefreiter Heinrich Döbler (für die Rettung Verschütteter unter Dauerbeschuss und anschließender Führung eines Angriffs und Rückzugs seiner Einheit 1917). Nicht zu vergessen wären aber auch andere Beispiele für entscheidende Leistungen etwa ganzer Einheiten. Man denke beispielsweise an das 2. Leichtes Bataillon der King’s German Legion unter Major Georg Baring bei der heroischen Verteidigung von La Haye Sainte in der Schlacht von Waterloo 1815. Damit ergäben sich auch Anknüpfungspunkte auf lokaler und regionaler militärhistorischer Ebene, was das Wachsen konkreter, möglicherweise auch einheitenorientierter Traditionen im örtlichen gesellschaftlichen Kontext fördern könnte.

Der Autor, Ralph Rotte, ist Professor für Internationale Beziehungen an der RWTH Aachen University

Quelle: FAZ.NET
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