Pop und Erster Weltkrieg

Gitarren wie Maschinengewehre, Schlagzeuge wie Trommelfeuer

Von Oliver Kühn
 - 08:26
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Zum Weihnachtsfest im Jahr 1914 schwiegen die Waffen an einigen Abschnitten der Westfront. Stattdessen ertönten Weihnachtslieder in verschiedenen Sprachen durch die kalte Luft. Soldaten trafen sich im Niemandsland zwischen den Schützengräben, unterhielten sich, tauschten Geschenke aus und spielten Fußball. Ohne Genehmigung der Befehlshaber hielt die Waffenruhe teilweise ein paar Tage lang.

Dieser „Weihnachtsfriede“ 1914 ist historisch verbürgt und ein Teil des Ersten Weltkrieges der vor allem in die britische kollektive Erinnerung eingegangen ist. 1990 hat die Liverpooler Band The Farm diese Begebenheiten aufgegriffen und in ihrem Lied „All together now“ zum Thema gemacht. Die Band verarbeitet in dem Lied zwei ihrer großen Leidenschaften: Fußball und Zusammenhalt.

Auf einem ruhigen Keyboard-Teppich, der von Bass und Schlagzeug unterstützt wird, interveniert ein Gitarren-Riff, nicht schrill aber penetrant – wie ein Sirenenalarm in der Ferne. Der Text berichtet von der Entscheidung der Soldaten, das Schlachten zu unterbrechen und zusammen einen Moment voller Hoffnung zu verbringen: Hoffnung darauf, dass der Krieg bald vorbei sei, man nach Hause zurückkehren könne und all das Blut und die Tränen nicht umsonst vergossen sein mögen.

Doch Tränen und Blut sollten noch ein ganze Menge fließen, in dem Krieg, der noch bis 1918 dauerte. Er war eine Auseinandersetzung, wie sie sich die Menschen vor dem Beginn nicht hatten vorstellen können und die auch die später Geborenen nicht nachempfinden können. Die Brutalität der Kämpfe, der Einsatz neuer Waffen und die unglaubliche Verdichtung des Artillerieeinsatzes überstiegen sämtliche Wahrnehmungsschwellen. Besonders der Kampf an der Westfront wird heute als synonym mit dem Ersten Weltkrieg angesehen. Die Psyche der Kämpfenden wurde durch den Lärm des Granatenhagels zerrüttet. Aufgearbeitet wurden die Geschehnisse vor allem in Büchern, doch auch die Pop- und Rockmusik nahm sich des Themas an.

Angesichts der Brutalität der Kämpfe verwundert es dabei nicht, dass besonders Bands aus den Spielarten des Heavy Metal den Ersten Weltkrieg rezipieren. Gitarrenläufe schnell wie Maschinengewehrfeuer, Drum-Einsätze, die an die Trommelfeuer der Westfront gemahnen, und Texte, die das ganze Leid und Elend des Krieges zwischen 1914 und 1918 zum Ausdruck bringen, sind besonders in diesen Stilrichtungen beheimatet, die sowieso für ihre harten Ausdrucksformen bekannt sind.

Ein geradezu archetypisches Beispiel dafür ist „One“ von Metallica. Das im Jahr 1989 auf dem Album „…And Justice For All“ erschienene Lied, handelt in Anlehnung an den Film „Johnny zieht in den Krieg“ von einem Soldaten im Ersten Weltkrieg, der durch Artilleriebeschuss Arme und Beine verloren hat, blind und stumm ist. Er wird nur noch von Maschinen am Leben gehalten, während sein einziger Wunsch ist, zu sterben.

Der Text des Liedes drückt in mehr als sieben Minuten diesen Albtraum aus, das Eingesperrtsein im eigenen verstümmelten Körper. Nichts als Schmerz ist dem Versehrten geblieben und er bittet Gott, ihn zu erlösen. Während im ersten Abschnitt noch ganze Sätze den Zustand schildern, sind die letzten beiden Strophen nur abgehackte Gedanken über das Grauen, in dem der namenlose Soldat sich befindet.

Die Musik entspricht auch diesem Verlauf. Der Beginn ist noch von ruhigem, sauberem Gitarrenspiel gekennzeichnet, welches nur im Refrain verzerrt wird, und schafft eine melancholische Atmosphäre. Im weiteren Verlauf steigert sich die Musik in einen immer stärker donnernden Orkan, in dem die Gitarren heftige Attacken auf die Trommelfelle reiten und von wildem Doppel-Bass-Einsätzen unterstützt werden. Die ganze Wut und Verzweiflung des Protagonisten liegt in der Musik.

Kongenial umgesetzt wurde das Lied in einem Video von Bill Pope und Michael Salomon. In reduzierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen sie die Musiker das Lied spielend in einer leerstehenden Fabrik-Halle. Dazu wurde Aufnahmen aus dem Film „Johnny zieht in den Krieg“ geschnitten. Das Video bringt in diesem Zusammenspiel die Atmosphäre des Liedes eindrucksvoll auf den Punkt.

Musikalisch in diese Fußstapfen treten Iced Earth mit ihrem „Rad Baron / Blue Max“ vom 2004er Album „The Glorious Burden“. Melodische Gitarrenparts wechseln sich ab mit zerhackten Gitarrenläufen. Das Schlagzeug streut einzelne Doppel-Bass-Tremolos ein, Garben aus einer Bordmaschinenkanone. Der mittlere Instrumentalteil zieht den Hörer mitten in die Luftkämpfe des Ersten Weltkrieges, als Doppel- und Dreidecker am Himmel über Frankreich um die Luftherrschaft kämpften. Über allem schwebt die Stimme vom Tim Owens, der den „Roten Baron“ Manfred von Richthofen besingt.

Hierin liegt auch das Problem des Liedes. War Metallicas „One“ ganz und gar ein Anti-Kriegs-Lied, lässt sich das von „Red Baron / Blue Max“ nicht sagen. Komponist Jon Schaffer übertritt mit dem Text nicht nur ein Mal die Grenze zur Heldenverehrung. „He flew with honor, he flew with pride“ klingt fast schon nach einer Propagandaphrase und auch historisch ist der Text nicht ganz korrekt, denn von nur 24 Stunden Ausbildung vor dem ersten Einsatz, wie es das Lied behauptet, kann keine Rede sein.

Jeglichem Pathos abhold ist Motörheads „1916“. Hier liegt der Soldat an der Seite seines Kameraden in Dreck, Eingeweiden, Blut und schreit nach seiner Mutter, die jedoch nie kommt. Dabei hatte es ganz übermütig angefangen. Gerade 16 Jahre war er alt, als er sich zur Armee meldete und sich dabei zwei Jahre älter machte. In die Geschichte wollte er mit seinem Handeln eingehen. Nun liegt er im Dreck an der Somme und niemand wird sich an seinen Namen erinnern.

Diese Geschichte erzählt Lemmy Kilmister, Sänger und Gründer von Motörhead, in drei Strophen auf dem 1991 entstandenen Album „1916“. Dabei wird sein Gesang nur begleitet von einer Orgel, dem Marschrhythmus eines Schlagzeug und im Mittelteil von einem klagenden Cello. Dieses äußerst unübliche Motörhead-Lied ist gerade wegen seiner Reduziertheit so eindrücklich. Kilmister schafft eine Melancholie, die den Hörer unmittelbar ergreift und die unnützen Verluste der Schlacht an der Somme im Jahr 1916 vergegenwärtigt.

Für das sinnlose Opfern von Menschenleben ist die Schlacht an der Somme ein treffendes Sujet, war sie doch die verlustreichste Schlacht des Weltkrieges mit mehr als 100.000 gefallenen Soldaten. Wie Soldaten in der Dritten Flandernschlacht, in der ebenfalls 70.000 Soldaten starben, zu Kanonenfutter wurden, thematisieren Iron Maiden eindrücklich in ihrem Lied „Paschendale“.

Sänger Bruce Dickinson nimmt dabei die Rolle des Protagonisten ein und schildert mit seiner unnachahmlichen hohen Stimme die Situation der Schlacht im Jahr 1917. Die Anspannung vor dem Sturm auf den kleinen flandrischen Ort Passendale, wie die Soldaten in feindliches Feuer laufen und massenweise fallen, wie auf dem Schlachtfeld schließlich Freund und Feind unterschiedslos beieinander liegen, keiner von ihnen wird mehr nach Hause zurückkehren.

Das mit einer Länge von mehr als acht Minuten epische Lied ist vom 2003er Album „Dance Of Death“. Heftige und melodische Gitarrenteile, ein treibendes Schlagzeug und ein wummernder Bass prägen die komplexe Struktur des Liedes.

Der Dritten Flandernschlacht haben sich auch Sabaton in „The price of a mile“ vom 2008er Album „The Art Of War“ gewidmet. Die Schweden gehen dabei wesentlich konventioneller zu Werke, als Iron Maiden im verschachtelten „Paschendale“. „The price of a mile“ ist bestimmt von einem langsamen Tempo, das von einem dröhnenden Bass vorgegeben wird und der rauen Stimme von Sänger Joakim Broden. Er präsentiert in dem Lied die Gedanken des Protagonisten, wie viele Soldaten für eine Meile Geländegewinn sterben müssen. Vorangetrieben von dem Bass marschiert das Lied unerbittlich in den Gehörgang und lässt vor dem inneren Auge eine ganze Armee entstehen, die dem Untergang geweiht ist.

Auf dem gleichen Album ist noch ein zweites Lied, dass sich mit einem wichtigen Ereignis des Ersten Weltkrieges auseinandersetzt: „Cliffs of Gallipoli“ thematisiert eine Schlacht, bei der alliierte Truppen versuchten, die türkische Halbinsel Gallipoli zu erobern, was jedoch nicht gelang und mehr als 100.000 Soldaten das Leben kostete.

Zwar behandelt auch hier der Text die Sinnlosigkeit des Krieges in einem Bild von Briefen, die junge Männer am Strand zurückließen, bevor sie in die Schlacht zogen, doch gelingt es der Gruppe nicht, eine ähnliche Stimmung wie in „The price of a mile“ zu erzeugen. Zu sehr setzen sie auf das herkömmliche Power-Metal-Handwerkszeug aus Keyboard, Gitarren-Riffs, Bass und Schlagzeug und vergessen dabei, dem Lied Charakter zu verleihen.

Wesentliche rauer gehen Bullet For My Valentine zu Werke, wenn sie in dem Anti-Kriegs-Song „Scream aim fire“ vom gleichnamigen Album mit der immer wiederkehrenden Zeile „over the top“ deutlich auf den Grabenkampf der Westfront im Ersten Weltkrieg rekurrieren.

Im Video zu dem Lied ist Gruppe in einem leeren Warenhaus zu sehen, eine deutliche Referenz an Metallicas „One“. Doch im Gegensatz zu Metallica, die mit virtuoser Melodiearbeit eine melancholische Stimmung schaffen, die die innere Situation des Protagonisten widerspiegelt, setzen Bullet For My Valentine auf Rohheit und Schnelligkeit, um den Moloch Krieg zu charakterisieren. Mit Gitarrenläufen schneller als jede Gewehrkugel und einem Schlagzeug lauter als Artillerieabschüsse erzeugen die Waliser eine alles erschöpfende Wucht. Dazu kommt ein Text, der Tod und Verstümmelung klar zur Sprache bringt. Das Lied zeigt deutlich die Absicht der Gruppe, dass man seine überschüssige Energie lieber bei diesem Lied ausleben sollte, als in einem Krieg.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Kühn, Oliver
Oliver Kühn
Redakteur in der Politik.
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