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U-Boot-Krieg

Die Stahlhaie des Kaisers

Von Arnold Wande
 - 11:54
Das deutsche U-Boot 139, undatiertes Archivbild Bild: AP, FAZ.NET

Am 7. Mai vor 100 Jahren sinkt die „Lusitania“ vor der irischen Küste. Ein U-Boot der Kaiserlichen Marine hat das britische Passagierschiff torpediert. Rund 1.200 Menschen kommen ums Leben. Noch Wochen später werden Leichen aus dem Wasser geborgen. Es ist der verlustreichste Abschuss des Ersten Weltkriegs. Kein anderes Ereignis bringt die internationale Staatengemeinschaft derart gegen Deutschland auf wie die Versenkung der „Lusitania“.

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Noch zu Beginn des Krieges stand für die deutschen Admiräle fest, U-Boote würden keine nennenswerte Rolle im Krieg einnehmen. Große Schlachtschiffe würden den Verlauf entscheiden. Ein Irrtum. Während des Seekrieges wird es nur einziges Mal zu einer größeren Schlacht zwischen der britischen und der deutschen Flotte kommen. Es wird ein Krieg der Blockaden und massenhaften Versenkungen. Das U-Boot wird den Seekrieg in einer Weise verändern, wie es zuvor nicht denkbar war.

Deutschland erklärt den uneingeschränkten Seekrieg

Der U-Boot-Krieg nimmt seinen Lauf mit einer Meldung im Reichsanzeiger. Am 4. Februar 1915 erklärt die deutsche Admiralität die Gewässer um Großbritannien zum Kriegsgebiet: „Vom 18. Februar 1915 an wird jedes in diesem Kriegsgebiet angetroffene feindliche Kauffahrteischiff zerstört werden, ohne dass es immer möglich sein wird, die dabei der Besatzung und den Passagieren drohenden Gefahren abzuwenden.“

Damit ruft Deutschland den uneingeschränkten Seekrieg aus. Ein klarer Verstoß gegen das damalige Seekriegsrecht. Ab heute vor 100 Jahren ist niemand mehr sicher, der sich auf einem Schiff in britannischen Gewässern befindet.

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Nach Seekriegsrecht muss jedes angreifende Kriegsschiff ein Handelsschiff zuerst anhalten und überprüfen, ob die Ladung Kriegsgüter enthält, die zur Unterstützung des Feindes bestimmt sind. Wenn das zutrifft, muss der Mannschaft die Möglichkeit gegeben werden, sich in Sicherheit zu bringen und erst dann darf das Handelsschiff versenkt werden. Damit ist jetzt Schluss. Deutsche U-Boote haben die Order, ohne Warnung Handels- und auch Passagierschiffe anzugreifen.

Die britische Seeblockade

Die deutschen Admiräle reagieren damit auf die Blockade in der Nordsee. Am 2. November 1914 hatte die britische Regierung die Nordsee zum Kriegsgebiet erklärt und eine Handelsblockade gegen Deutschland verhängt. Schnell erlangte die britische Flotte die Kontrolle über die Nordsee und hinderte Handelsschiffe daran, deutsche Häfen anzulaufen.

Stattdessen wurden die Schiffe nach Britannien umgeleitet, wo die Engländer ihnen ihre Ware abkauften. So sparten die Handelsschiffe an Fahrtstrecke und Deutschland war von dringend benötigten Importen abgeschnitten. Alle waren zufrieden, außer Deutschland.

Bis zum Ausbruch des Kriegs war das Kaiserreich noch der größte Importeur von Agrarprodukten auf der Welt. Rund ein Drittel der Nahrungsmittel importierte Deutschland.

Die Militärs gingen davon aus, dass der Sieg schnell erlangt sei. So waren die Nahrungsmittelvorräte schon in den ersten Kriegsmonaten verbraucht. Es gab keine Vorbereitungen für einen längeren Krieg.

Der U-Boot-Krieg ist eine Verzweiflungstat

Aus einer ebenfalls am 4. Februar veröffentlichten Denkschrift geht hervor, wie ausweglos die deutsche Regierung die Situation bereits Anfang 1915 sieht.

Sie beklagt darin „die rechtswidrige Lahmlegung des legitimen Handels“ für den Kriegsnachschub und die Volkswirtschaft. Außerdem habe die Blockade das Ziel, „letzten Endes auf dem Wege der Aushungerung das ganze deutsche Volk der Vernichtung preiszugeben“. Da die neutralen Staaten gegen die Seeblockade nichts unternähmen, sieht sich Deutschland „zu seinem Bedauern zu militärischen Maßnahmen gegen England gezwungen, die das englische Verfahren vergelten sollen“.

Nach der Londoner Seerechtsdeklaration von 1909 ist die britische Seeblockade völkerrechtswidrig. Kurze Zeit nachdem die Seeblockade bekanntgegeben wurde, erhielt die britische Regierung von neutralen Mächten sowie den Vereinigten Staaten Protestschreiben. Wesentlich schärfere Protestschreiben erhält nun Deutschland von neutralen Mächten und den Vereinigten Staaten. Plötzlich sind die eigenen Handelsschiffe und das Leben ihrer Staatsbürger gefährdet. Die Vereinigten Staaten schreiben, dass die deutsche Regierung „streng verantwortlich“ gemacht würde, „falls ein amerikanisches Schiff oder Leben amerikanischer Staatsangehöriger vernichtet“ werden sollten.

Die Jagd auf deutsche U-Boote

Im September 1914 hatte bereits das deutsche U9 gezeigt, was die U-Boote des Kaisers können. Innerhalb von zwei Stunden versenkte es drei britische Kriegsschiffe vor der holländischen Küste. Eine große Schmach für die Royal Navy. Spätestens von da an waren auch die Admiräle von der Angriffskraft des U-Boots überzeugt. Die Briten hingegen setzen ihre U-Boote in erster Linie ein, um ihre Seeflotte zu unterstützen. Die deutschen Stahlhaie sind die einsamen Jäger der Tiefe.

Als Reaktion auf die U-Boote lassen die britischen Admiräle Handelsschiffe im Verlauf des Krieges nur noch mit Geleit von Seestreitkräften fahren. Auch die Jagd auf U-Boote wird ausgebaut. Nun nutzten die Briten vermehrt Seeminen und verbessere Wasserbomben. Zudem setzt die Royal Navy auf U-Boot-Fallen - sogenannte Q-Ships. An Bord der vermeintlichen Handelsschiffe befinden sich unter Abdeckungen versteckte Geschütze. Wenn ein deutsches U-Boot auftaucht, um das Q-Ship zur Aufgabe und zum Verlassen des Schiffes aufzufordern, feuern die Matrosen auf das U-Boot. Auch das ist ein klarer Verstoß gegen das Seekriegsrecht.

Zerfetzt, verbrannt, erstickt oder ertrunken

Bis Kriegsende werden deutsche U-Boote mehr als 6.000 zivile Schiffe sowie 100 Kriegsschiffe versenkt und abertausende Menschen getötet haben. Der uneingeschränkte Seekrieg wird aber auch von Deutschland einen hohen Tribut fordern. Die Besatzungen der U-Boote leben ohnehin auf engstem Raum und schweben ständig in Lebensgefahr. Wird ein U-Boot getroffen, so geht die Besatzung elendig zu Grunde: Die Männer werden zerfetzt, verbrannt, ersticken oder ertrinken. An die 190 deutschen U-Boote werden bis zum Waffenstillstand vernichtet und mit ihnen auch das Leben von mehr als 5.000 Marinesoldaten.

Mit ihrer schwachen Panzerung und geringen Geschwindigkeit sind die deutschen U-Boote ein leichtes Ziel für die britischen Q-Ships. Auch das war ein Grund dafür, dass Deutschland den uneingeschränkten Seekrieg erklärte und die U-Boote schließlich dazu übergingen, verdeckt anzugreifen.

Ein geheimer Hilfskreuzer der Royal Navy

Nach der Erklärung des uneingeschränkten Seekrieges im Februar 1915 hatten deutsche U-Boote innerhalb von drei Monaten 115 Schiffe versenkt. Doch nun ist ein U-Boot zu weit gegangen: Der von New York gestartete britische Passagierdampfer „Lusitania“ versinkt im Meer. Der Untergang löst eine internationale Protestwelle aus. Unter den 1198 Toten sind auch 124 Amerikaner. Die Regierung der Vereinigten Staaten ist außer sich.

Um zu verhindern, dass die Vereinigten Staaten in den Krieg eintreten, befiehlt Kaiser Wilhelm II. kurze Zeit später, den Seekrieg einzuschränken.

Allerdings fungierte die „Lusitania“ als geheimer Hilfskreuzer der Royal Navy, um Munition zu transportieren. Auch als das Schiff versenkt wurde, hatte es Munition an Bord. Damit stand die Versenkung der „Lusitania“ im Einklang mit dem Seekriegsrecht. Doch das wird erst weit nach Ende des Krieges bekannt. So ist die „Lusitania“ ein folgenschwerer Fehler für die deutsche Marine und ein Glücksfall für die Briten, die den Untergang für Propaganda nutzen.

Deutschland kehrt im Februar 1916 zum uneingeschränkten Seekrieg zurück. Großadmiral Alfred von Tirpitz lässt Handelsschiffe wieder warnungslos versenken. Das geschieht allerdings gegen den Willen des Kaisers und hat mit zur Folge, dass von Tirpitz entlassen und der U-Boot-Krieg erneut aus Angst vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten eingeschränkt wird.

Der „Steckrübenwinter“ 1916/17

Inzwischen weitet sich die Nahrungsmittelkrise im deutschen Reich aus. Sowohl Deutschland als auch Großbritannien sind erheblich auf Importe angewiesen, um ihre Bevölkerung ernähren zu können. Die deutschen U-Boote haben der britischen Versorgung spürbar zugesetzt, doch es ist kein Vergleich zu der Effektivität der britischen Seeblockade.

Bereits Anfang 1915 musste das Brot als erstes Nahrungsmittel rationiert werden. Im folgenden Jahr gibt es nun auch Fett, Fleisch, Eier und Kartoffeln nur noch auf Karten. Im „Steckrübenwinter“ 1916/17 sinkt die durchschnittliche Versorgung auf 1000 Kalorien pro Tag; die Hälfte des Mindestbedarfs eines Erwachsenen. In Anbetracht der immer schlechter werdenden Versorgungslage erklärt die Marineleitung am 1. Februar 1917 erneut, den uneingeschränkten U-Boot-Krieg wieder aufzunehmen. Insbesondere England soll damit vom Nachschub abgeschnitten werden. Die deutschen Admiräle hatten berechnet, dass England spätestens nach sechs Monaten in Folge des U-Boot-Krieges kapitulieren müsste. Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten wird deshalb in Kauf genommen. Der Krieg sei gewonnen, ehe die amerikanischen Truppen mobilisiert wären und Europa erreichten. Wie erwartet treten die Vereinigten Staaten zwei Monate später in den Krieg ein.

Bittere Ironie des Schicksals

Doch bei dem britischen Nachschub haben sich die deutschen Admiräle verkalkuliert. Großbritannien steht eine viel größere Handelsflotte zur Verfügung, als die deutschen Strategen berechnet hatten. Die deutschen U-Boote zwingen England nicht in die Knie. Statt der britischen Kapitulation sind bis Juli 1918 eine Million amerikanische Soldaten in Europa gelandet und drängen die deutschen Truppen zurück.

In Folge der britischen Seeblockade werden noch über das Kriegsende hinaus 760.000 Menschen in Deutschland verhungern. In Österreich-Ungarn und einigen neutralen Staaten werden ebenfalls Tausende an Unterernährung sterben. Denn nach dem Waffenstillstand im November 1918 halten die Briten die Lebensmittelblockade weiterhin aufrecht, um zu sichern, dass der Versailler Vertrag unterschrieben wird.

Es ist bittere Ironie des Schicksals, dass die U-Boote, die den Krieg für Deutschland gewinnen sollten, es letztlich waren, deren Einsatz maßgeblich zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten und somit zur Niederlage Deutschlands führten.

Quelle: FAZ.NET
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