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Frankfurter Zeitung 05.09.1917

Deutsche Armee erobert Riga

Deutsche Truppen auf dem Rathausplatz in Riga. Die 8. Armee hatte die Stadt am 3. September 1917 erobert. Im Hintergrund das berühmte Schwarzhäupterhaus. Bild: Picture-Alliance, sösi.

N Berlin, 4. Septbr. (Priv.-Tel.)

Die seit längerer Zeit gründlich vorbereitete deutsche Offensive bei Riga hat schneller zum Erfolg geführt, als man vielleicht angenommen hatte. Am 1. September 1 Uhr nachts, begann unsere Offensive. Im Heeresbericht vom 2. September heißt es darüber bescheiden, daß südöstlich von Riga bei Friedrichstadt und Illuxt eigene Unternehmungen von Erfolg waren. Am 3. September konnte unsere Oberste Heeresleitung bereits die Einnahme von Riga melden.

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Mit energischem, durch Artillerie-und Minenfeuer wirksam vorbereiteten Ansturm haben deutsche Truppen aller Stämme die stark ausgebaute, mit der Technik der Neuzeit befestigte russische Stellung überrannt, feindliche Gegenangriffe abgeschlagen und nach Nordosten hin erhebliches Gelände gewonnen. Dieser Erfolg, der durch die Einnahme von Riga besonders sichtbar gemacht wird, ist in einer Zeit erreicht worden, wo Engländer und Franzosen alle ihre Kräfte an der Westfront zusammengeballt haben, um uns niederzuringen. Er fällt in einen Zeitpunkt, in dem auch die Italiener mit ihren gesamten Kräften sich an der Generaloffensive beteiligen und zu einem neuen großen Angriff am Isonzo ausholen. Unsere Oberste Heeresleitung hatte sich zu dem Angriff entschlossen, obwohl ihr bekannt ist, daß die Russen starke Kräfte zum Angriff auf die Armee Mackensen und in der Gegend von Czernowitz zusammengezogen haben, um die Erfolge der deutschen und verbündeten Truppen in Galizien und in der Bukowina uns wieder streitig zu machen. Das Gelingen der deutschen Offensive, das Gelingen des Durchbruches an der Dünafront gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt zeigt mit aller Deutlichkeit die militärische Stärke Deutschlands und die überlegene Ruhe, mit der von der Obersten Heeresleitung die erfolgreiche Operation geplant und durchgeführt wurde.

Bei der Eroberung von Kurland im Jahre 1915 waren die deutschen Truppen bis an die Aa und weiter südlich bis an die Düna gelangt. Dort wurde von uns die Verteidigungsstellung bezogen und gegen starke russische Angriffe, die im letzten Winter über den Tirulsumpf erfolgten, gehalten. Um Riga hatten die Russen in 20 bis 30 Kilometer Breite einen starken Brückenkopf gebaut, den sie im letzten Winter bis über die Aa vorgeschoben hatten. Die russische Stellung war eine dauernde starke Bedrohung unseres linken Flügels. Die Russen konnten zu jeder Zeit aus Petersburg starke Kräfte an den weiten Brückenkopf von Riga werfen, um von dort aus durch einen großen angelegten Vorstoß, wie sie es im letzten Winter versuchten, unsere Stellung in Litauen und Kurland aufzurollen. Auch die dauernde Besatzung des Brückenkopfes von Riga war sehr stark. Es lagen dort zwei sibirische Korps und das 43. russische Korps, jedes Korps mit drei Divisionen, also zusammen 9 Divisionen. Außerdem eine Lettenbrigade in Stärke einer Division und die 17. russische Kavalleriedivision, also zusammen 10 Infanteriedivisionen und eine Kavalleriedivision. Anschließend daran bestanden hinter der Düna das 21. russische Korps mit drei Divisionen, eine weitere Division, das 43. Korps und zwei Lettenbrigaden, zusammen also nochmals 5 Divisionen. In dem Kampfraum, der für unsere Operation in Betracht kam, hatten unsere Truppen die zahlenmäßig ebenso wie bei dem Erfolge in Galizien in starker Minderheit blieben, 15 russische Infanteriedivisionen und eine Kavalleriedivision sich gegenüber; also rund etwa 8 Korps mit etwa 150.000 Mann. Der Befehlshaber der Russen in diesem Kampfbereich hatte seinen Sitz in Riga.

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Unser seit langer Zeit geplanter Schlag war den Russen natürlich nicht ganz verborgen geblieben, aber über die Angriffsstelle sind sie anscheinend bis zuletzt im unklaren geblieben, ebenso auch über den Angriffstermin. Unsere Vorbereitungen hatten aber den russischen Armeeführer veranlaßt, den Brückenkopf zu verengern und über die Aa zurückzugehen. Das bedeutete eine wesentliche Verkürzung der russischen Front. Anscheinend haben nun die Russen unseren Angriff längs der Straße Ekkau-Kekkau direkt auf den Rigaer Brückenkopf erwartet, wo sie ein dichtes Verteidigungsnetz ausgebaut hatten. Sie glaubten wohl, daß unsere Oberste Heeresleitung durch einen Angriff an dieser Stelle das russische Verteidigungssystem aufrollen wollte. Das Ziel auf deutscher Seite war aber größer und der Entschluß kühner, als es uns die Russen wohl zutrauten. Sie hielten es anscheinend für unmöglich, daß unsere Truppen angesichts der ausgebauten russischen Stellung mit ihrer starken Besatzung die etwa 311 Meter breite Düna – die Breite des Rheins bei Köln – überschreiten würden. Zu ihrer Überraschung ist es dennoch geschehen.

Die deutsche Oberste Heeresleitung hatte für den Beginn der Operation, bei einigermaßen günstiger Wetterlage, den 1. September in Aussicht genommen. Während in Riga die Theater spielten, begann am 1. September 1 Uhr nachts das Wirkungsschießen unserer Artillerie und Minenwerfer. Die Angriffsbatterien standen nicht vor dem Brückenkopf, sondern zwischen Düna-Hof und Borkowitz. Unter dem Schutz unseres Artilleriefeuers wurden drei Brücken über die Düna geschlagen und unsere Divisionen hinübergebracht. Auf dem Ostufer der Düna wurde, bis zu dem kleinen Jägel reichend, ein Brückenkopf errichtet und gegen starke russische Angriffe aus der Richtung Riga und aus der Richtung Kennewadel gehalten. Dann wurde die russische Stellung am Morgen durchstoßen und schon am 3. September abends reichte unsere Stellung bis zum großen Jägel. Mit ungestümer Angriffskraft, die jedes Hindernis überwand, und die sich auch durch das schwierige Gelände nicht nehmen ließ, drangen unsere Truppen immer weiter nordwärts vor und bereits am 3. September lag die Eisenbahnlinie Riga-Petersburg unter deutschem Feuer. Als die Russen die Größe unseres Durchbruchs erkannten, gingen ihre am Brückenkopf stehenden Korps in größter Eile zurück, von unseren Divisionen hart verfolgt. Bereits am 2. September abends war die auf dem Westufer der Düna liegende Vorstadt von Riga von Teilen unserer Truppen besetzt. Gestern Abend erfolgte die Einnahme von Riga von Osten und von Westen her. Die Einnahme dieser bedeutenden livländischen Stadt mit ihrer großen wirtschaftlichen Bedeutung ist natürlich nicht das Ziel unserer Operation gewesen. Diese nehmen planmäßig ihren Fortgang und erstrecken sich natürlich auch auf die im Rigaer Meerbusen liegende Festung Dünamünde. Die Landeoperationen werden dabei unterstützt durch die Marine. Bei dem überhasteten Rückzug der Russen kann mit Sicherheit über die Gefangenenzahl noch nichts gesagt werden. Sie wird erheblich sein und ebenso auch die Beute.

Diesen überraschend schnellen Erfolg, der nach gründlicher Vorbereitung schlagartig begann, verdanken wir wiederum unserer glänzenden Führung und der moralischen Kraft unserer Truppen. An der Führung sind hervorragend beteiligte der General Hutier, zusammen mit seinen Generalstabschef General Sauberzweig, Prinz Eitel Friedrich, die Generäle Riemann, von Kathen und Berrer. Wir freuen uns dieses neuen großen Erfolges, den unsere Oberste Heeresleitung weiter ausnützen wird. Im Osten und Westen wird die Entente mit neuen Angriffen darauf antworten. Wir haben das feste Vertrauen, daß diese zerschellen und uns den Sieg bei Riga nicht wieder streitig machen werden.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 9. September 2017.

Quelle: sösi.
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