Frankfurter Zeitung 09.09.1917

Mia san mia! Ärger in Bayern wegen Semmeln

In München gärt es.
Die Zeitungen halten nicht mehr den Burgfrieden, sie stehen in geschlossener Phalanx und machen starken Krakeel wegen der Semmeln. Besteht da nämlich ein Bundesratsbeschluß und noch ein Ministerialerlaß dazu, natürlich ein bayerischer, der das Backen von Semmeln verbietet. Aber die Wasserburger und die Regensburger und die Landshuter und wer weiß ich noch welch andere Siedelungen haben die ewigen Vorschriften satt bekommen und frischweg Semmeln gemacht, sogar schlohweiße Weizensemmeln!

Als das die Münchner hörten – blutsakra! haben sie aufg’rebellt! Spaltenlange Erörterungen in den Zeitungen: Was die Wasserburger haben wollen wir auch! Das Lebensmittelamt kommt mit einem recht dünnen Trost, indem es den Münchnern vororakelt, bei den semmelessenden Kommunalverbänden würden die Semmeln schon wieder verschwinden. Aber die durch das Dünnbier, das sich bald dem gasförmigen Aggregatzustand nähert, verärgerten Münchner wollen keine Beschwichtungshofräte hören, sondern richtige Semmeln auf dem Tisch haben, und die ganze Presse heizt unter der kochenden Volksseele ein. Spitz schreiben die „Neuesten Nachrichten“: „Es schadet wahrlich nicht, wenn die Bevölkerung der Großstadt endlich einmal überzeugt werden könnte, daß auch die leitenden Stellen Münchens bestrebt sind, auch einmal was extra Gutes zu schaffen – Schlechtes haben wir genug!“

Geschieht ihnen schon recht, den Münchnern. Warum schaffen Sie sich nicht einen Magistrat an, wie andere Großstädte – ich will keine Namen nennen, einen Magistrat, der nur Extra gutes schafft?

Wie man nun hört, legt sich der Magistrat in München für die Semmeln energisch ins Zeug. In der Zeitung heißt es: „In München beeilt man sich, jede Verordnung ängstlich auszuführen, wo anders handelt man im Interesse der Bevölkerung!“ (Hm! Heiliger Bürokratius!)

Inzwischen essen die frondierenden Kommunalverbände ruhig ihre selbstdekretierten Semmeln weiter und ärgern die guten Münchner: „Wer Zeuge der freudig erregten Stimmung war, welche an dem Tage des ersten Erscheinens der Semmeln in Wasserburg herrschte, die der schönste Sieg nicht hätte überbieten können, der möchte …“

Armer Hindenburg!

Item, ich war Zeuge der Semmelerscheinung in Regensburg, das bei den Römern Ratisbona, bei den Einheimischen Rengschburg heißt und das einen nicht kleinen Teil seines Ruhmes den Regensburger Würsten verdankt. Als ich die letzterwähnte Zeitungsnotiz hinterher in München gelesen hatte, krochen häßliche Zweifel durch meine Seele, ob nämlich die Regensburger wegen der Einnahme von Riga oder wegen der Semmeln geflaggt hatten. In den weiten Hallen des Bischofkellers ging ein freudiges Geraune unter den Stamm- und anderen Gästen herum: morgen früh kommen Sie! Es war ähnlich wie in Wasserburg. Ich am andern Tage in aller Herrgottsfrühe zum nächsten Bäckerladen. Welche Pracht! Ganze Waschkörbe voll goldgelber, weißer, duftiger, bundesrats- und ministerialerlaßwidriger Semmel! Ja, da kunnst jo glei narrisch wer’n!

In meiner kindlichen Naivität trete ich in den Laden, lege meine Reisebrotmarken hin, ziehe die Börse und bitte um zwei der ambrosianischen Semmel, bin aber schöner reingefallen; die Bäckersfrau schnob mich an:
„Ja, dös war no schöner, zwoa Semmi um Reisebrotkarten; na, na, mei Liawer, die Semmi san für d‘ Rengschburger da und die gibt’s nur auf Rengschburger Brotkarten – “
„Aber ich habe doch hier deutsche Reichsbrotkarten – “
„Lassen‘s mi aus mit dem Deutschen Reich“
Kurz, sie pfefferte mich zur Tür hinaus, und ich verließ die Bäckerbude mit einem unwilligen Gedanken, ich glaube, es war sogar ein Zitat.
Im Gasthof erhielt ich einen Brotknust, dessen Inneres durch einen gewaltigen Riß auseinander gespalten war. Ich besalbte ihn mit dem üblichen Kriegsmus und trank einen Kaffee dazu, dem ich zwanzig Tropfen Chinatinktur zusetzte.

Ja, die Bayern sind vorsichtige Leute! Sie haben zwar eben erst festgestellt, daß der Sommerfremdenverkehr nicht den Eingesessenen alles weggegessen hat, behalten sich aber für den Winter eine scharfe Sperre vor. Ihre weißen Semmeln geben sie dem Fremdling nicht, und an der Grenze sehen sie scharf in die Postsachen, ob das Königreich nicht durch eine auswandernde Wurst geschädigt werden könnte.
Aber man muß ihnen auf der anderen Seite zugute halten, daß ihre Gutmütigkeit durch nordische Hamster arg mißbraucht worden ist.
Man darf gespannt sein, wie die aufregende Semmelfrage ausgeht, ob man dem Münchner die Semmel gibt oder sie den malkontenten Provinzlern wieder nimmt.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 11. September 2017.

Quelle: sösi.
  Zur Startseite