Frankfurter Zeitung 14.09.1917

Russicher General probt den Aufstand - Gelingt der Putsch?

Die Nachrichten, die über die Vorgänge in Rußland bisher nach Europa gelangt sind, geben kein klares Bild. Die Petersburger Telegraphen-Agentur huldigt natürlich einen gewissen halbamtlichen Optimismus, wenn auch die Regierung Kerenskijs es gerade in einem so gespannten Augenblicke kaum wagen wird, die Tatsachen, die sie der Welt berichtet, direkt zu fälschen.

Die englische Berichterstattung, sowohl die der offiziösen Agentur Reuter wie diejenige der großen englischen Blätter, weicht sehr stark von der russischen ab, wobei sie ihre Sympathie für General Kornilow kaum verbirgt. Auch diese englischen Meldungen sind aber, da sie von Petersburg aus über den russischen Draht gehen müssen, nicht ohne Zustimmung der Regierung Kerenskijs übermittelt worden. Einen Rückschluß aus dieser Toleranz auf die wirkliche Lage zu ziehen, wäre aber wohl noch verfrüht.

Als feststehend darf man betrachten, daß die gesamte revolutionäre Linke, also auch die Maximalisten, die der provisorischen Regierung schroff gegenüberstehen, in der jetzt aufgerollten Streitfrage sich hinter Kerenskij stellen. Der Einfluss der Arbeiter- und Soldatenräte war zwar in den letzten Wochen, zum mindesten außerhalb der Hauptstadt, deutlich zurückgegangen. Der offene Versuch zur Errichtung einer Militärdiktatur, den Kornilows Ultimatum darstellt, kann aber leicht einen Rückschlag in der Stimmung breiter Volksmassen herbeiführen, die sicherlich von einer ausgesprochenen reaktionären Gegenrevolution nichts wissen wollen. Die Darstellung der Provisorischen Regierung, die auch in dem Aufruf des Arbeiterrates und Bauernrates an Heer und Flotte enthalten ist, daß die von Kornilow gegen Petersburg in Bewegung gesetzten Truppen gar nicht wissen, worum es sich eigentlich handelt, ist nicht ohne weiteres als unwahrscheinlich zu bezeichnen. Jedenfalls sind russische Truppen ein höchst unsicheres Werkzeug auch in der Hand des populärsten Generals, wenn er mit ihnen einen Bürgerkrieg führen will. Die Haltung der bürgerlichen Presse und vor allem die lebhaften Bemühungen der Kadettenführer zur Herbeiführung eines Ausgleichs, bei dem Kerenskij die führende Rolle oder nicht viel weniger beibehalten soll, lassen vermuten, daß General Kornilow auf eigene Faust gehandelt hat, ohne sich einen festen Rückhalt bei den großen Parteien zu sichern. Wer in einem solchen Falle nicht sofort einen durchschlagenden Erfolg erzielt, der hat wohl schon den größten Teil seiner Aussichten verloren. Für die auf jeden Fall nötige Neuordnung der Regierungsgewalt scheinen die Kadetten eine Kombination begünstigen zu wollen, bei der General Alexejew eine Rolle spielen würde. Der frühere Höchstkommandierende, der sich in den entscheidenden Märztagen durch sein Auftreten gegen den früheren Zaren ein nicht zu unterschätzendes Verdienst vor der Revolution erworben hat, wurde später seines Amtes entsetzt, angeblich, weil er sich weigerte, die von Kerenskij befürwortete Offensive anzuordnen. Es ist aber andererseits auch möglich, daß Kerenskij sich von den Arbeiter- und Soldatenräten dazu drängen läßt, eine noch ausgesprochenere Parteiherrschaft der Linken zu begründen als bisher. Auf die Dauer aber wird sich die Bourgeoisie, die weitaus die größte Zahl fähiger Politiker und gebildeter Fachleute besitzt, von der Leitung des Staates nicht ganz ausschalten lassen, sodaß die Bildung einer „demokratischen Diktatur“, wie sie Organe des Arbeiterrates ein rein sozialistisches Ministerium nennen, nur eine Übergangslösung sein könnte. Aber auch ein Erfolg des Putsches, den General Kornilow unternommen hat, würde eine höchst unsichere Lage herbeiführen. Die offensichtliche Zustimmung, mit der die englische Berichterstattung und der reaktionäre Teil der französischen Presse Kornilows Abenteuer aufnimmt, ist jedenfalls nicht geeignet, seine erfolgreiche Durchführung den denkenden Russen empfehlenswert erscheinen zu lassen.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 15. September 2017.

Quelle: sösi.
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