Frankfurter Zeitung 15.09.1917

Putschversuch gescheitert - Keine Unterstützung für Kornilow

t Haag, 15. Septbr. (Priv.-Tel.)

Reuter meldet aus Petersburg: der Kommandant der Kavallerie Kornilows Krymow kam in Petersburg an, nachdem er die Truppen aufgefordert hatte, die Waffen niederzulegen und sich der Regierung zu unterwerfen.

Er wurde von Kerenskij empfangen, ging dann nach Hause und erschoß sich. Nach den letzten Meldungen ist der Kosakenhetman Kaledin in der Umgebung von Rostow verhaftet worden.

P Stockholm, 14. Sepbtr. (Priv.-Tel.)

Die letzten Ereignisse in Petersburg haben eine starke Rückwirkung auf die Verhältnisse in Finland. Am Nachmittag des 11. September kam es in Wiborg zu den schon kurz gemeldeten Unruhen (vergl. 2. Mgbl.)

Am Dienstag abend gingen sodann von Wiborg zehn Kompanien Infanterie sowie das ganze Ulanerregiment nach Petersburg ab. Von Helsingfors dampfte am Dienstag eine mit leichten Geschützen armierte Torpedo-Bootflottille ab, die den Befehl erhalten hatte, in der Newa vor Petersburg Anker zu werfen. Die Ernennung des früheren Oberbefehlshabers der Ostseeflotte Admiral Werderewski, der am 20. Juni von der Provisorischen Regierung verhaftet worden war, zum Marineminister war die Bedingung des Helsingforser Flottenkomitees für den Anschluß der Ostseeflotte an Kerenskij. Nach Eintreffen der telegraphischen Zusage der provisorischen Regierung veranstaltete der russische Arbeiter- und Soldatenrat und der Bauernrat in Helsingfors gemeinsam mit dem dortigen Zentralkomitee der Ostseeflotte eine Versammlung, die einstimmig Kornilow und seine Truppen als „außerhalb“ des Gesetzes stehende Verräter bezeichnete und sämtliche Arbeiterräte Rußlands aufforderte, die vollziehende Macht an sich zu reißen, alle bürgerlichen Zeitungen einzuziehen und sofort die Kontrolle des gesamten Verkehrswesens einschließlich der Telegraphie und des Telephonwesens zu übernehmen.

In Wiborg und Helsingfors werden die mit der Nachricht vom Vormarsch Kornilows auf Petersburg verbreiteten Gerüchte, daß Kornilow Finland selbstständig erklären und die Finländer bewaffnen werde, falls sie sich dem Aufstand gegen die provisorische Regierung anschließen würden, als plumpe Provokation bezeichnet.

Wie aus Petersburg gemeldet wird, erließ Kornilow am Dienstag einen Aufruf, worin er erklärte, daß er als Soldat und Kosak nicht länger die Auflösung des Vaterlandes ansehen könne. Die Provisorische Regierung bestehe aus unfähigen Personen. Er wolle lieber sterben, als die Schande des Reiches überleben. Gleichzeitig richtete Kornilow an die Truppen einen Tagesbefehl, worin er behauptete, daß die Maximalisten einen neuen Aufruhr vorbereiten und Petersburg beherrschten. Er marschiere gegen Petersburg, um die Ordnung wiederherzustellen. In dem zwischen dem Hauptquartier und dem Ministerpalast geführten Telephongespräch mit Kerenskij am Montag abend lud Kornilow die Regierung nach dem Hauptquartier ein und gab gleichzeitig sein Ehrenwort, daß er die Minister nicht verhaften würde. Miljukow suchte Kerenskij zur Abreise zu bestimmen. Kerenskij antwortete aber, daß er nichts dagegen haben, wenn Miljukow ins Hauptquartier fahre, um Kornilow zur Unterwerfung zu raten. Er selber lehne Verhandlungen ab.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 20. September 2017.

Quelle: sösi.
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