Frankfurter Zeitung 20.09.1917

Aufstände und Streiks - Italien hat ein Problem

Ein dichter Schleier verhüllt das, was in Italien vor sich geht. Die Absperrung der italienischen Grenzen, die sogar den neutralen Kurieren verschlossen bleiben, ist ganz ungewöhnlich scharf, sodaß die Phantasie sich frei ergehen kann.

Die beiden Nachrichten, die aus dem so sorgfältig abgeschlossenen Lande heraus in die Welt kommen, sind nur geeignet, die Verwirrung zu vergrößern. Zuerst meldete der „Temps“, daß die Regierung wegen gewisser Vorfälle in Cività Vecchia scharfe Maßnahmen gegen die „Kriegssabotage“ getroffen habe. In dem kleinen Hafen, der kaum eine über die Versorgung der Stadt Rom hinausgehende Bedeutung hat, scheinen die Arbeiter in Ausstand getreten zu sein, wodurch die Löschung von Getreidedampfern verhindert wurde. Nun meldet die Agentur Stefani, daß die drei für die Kriegsindustrie wichtigen Provinzen Turin, Alessandria und Genua in die Kriegszone einbezogen, das heißt in den Kriegszustand versetzt wurden. Wegen der Vorgänge in Cività Vecchia hat man sicherlich nicht zu solchen Maßnahmen gegriffen; dennoch muß ein gewisser Zusammenhang vorliegen. Das Verbot des „Avanti“, der in Zukunft den Truppen nicht mehr ausgeliefert werden darf, deutet darauf hin. Dieses offenen kriegsfeindliche Blatt der offiziellen Sozialisten ist freilich trotz der zahllosen weißen Flecken, mit denen es die Fürsorge der Zensur täglich schmückt, eine Lektüre, die auf die Stimmung der Truppen, aber auch der Arbeiter der „mobilisierten“ Industrie sehr unliebsam werden kann. Daß man sich zu einer in Italien so ungewöhnlichen und bei der Eigenart des Volksscharakters vermutlich auch wenig wirksamen Maßregeln schließt, scheint auf eine ernsthafte politische Gärung hinzuweisen, die freilich aus der Verschärfung der wirtschaftlichen Notlage ihre stärkste Nahrung ziehen dürfte.

Die Straßenkämpfe von Turin, deren genauer Verlauf auch jetzt noch unbekannt ist, werden von der italienischen bürgerlichen Presse damit erklärt, daß die dortigen hochbezahlten Arbeiter der Kriegsindustrie Sicht zu keinen freiwilligen Verbrauchsbeschränkungen verstehen wollten, sodaß die vom Lebensmittelkontrolleur Canepa den Provinzen zugewiesenen Kontingente vor der Zeit erschöpft waren und ein ernster Mangel entstand. Canepa hat jedenfalls kurz nachher die persönliche Rationierung mit Lebensmittelkarten, die durch sein früheres System vermieden werden sollte, in aller Eile durchgeführt. Vielleicht sind die neuen Unruhen schon eine Folge dieser Maßregel, die in Italien noch weit mehr als in England den tiefgewurzelten Vorstellungen des Volkes widerspricht. Die kriegsfeindliche Bewegung dürfte aber auch politisch aus dieser Unzufriedenheit an Kraft gewonnen haben. Man darf nicht vergessen, daß Italien nach einer monatelangen öffentlichen Erörterung ohne den Anschein einer unmittelbare Notwendigkeit, vielmehr aufgrund eines Parlamentsbeschlusses in den Krieg eingetreten ist, der daher niemals als Verteidigungskrieg erscheinen konnte. Die offizielle sozialistische Partei hat als einzige neben dem linken Flügel der russischen Sozialisten von Anfang an die Kriegskredite verweigert. Bisher sind die Gelüste der imperialistisch-reaktionären Kreise, jeden Widerspruch der öffentlichen Meinung gegen das blutige Abenteuer unter einem Schwall pseudopatriotischer Phrasen und unter der eisernen Hand des Büttels zu ersticken, auch von den Klerikalen zurückgewiesen worden, die zwar nach der Kriegserklärung sich durchaus loyal verhalten, aber für ihre künftige Politik sich freie Hand gesichert haben. Die ausgesprochen kriegsfeindliche Bewegung findet daher einen besser vorbereiteten Boden als in anderen Ländern. Dennoch wird man sich vorläufig vor einer Überschätzung der in ihren Einzelheiten noch unbekannten Vorgänge hüten. Der heftige Kampf, der zweimal die Stellung des Ministers des Innern Orlando aufs äußerste gefährdet hat, weil dieser Politiker den sozialistischen Strömungen nicht energisch genug entgegengetreten sein sollte, hat jedenfalls gezeigt, daß die Kriegsparteien, die „Interventionisten“, auch jetzt noch ihre Sache nicht für verloren geben. Der Minister konnte seine Stellung nur dadurch retten, daß er einen schärferen Kurs der Polizeimaßnahmen ankündigte. Die neuen Entschließungen der Regierung sind daher unbedingt ein Erfolg des Interventionismus. Ob er dauerhaft sein wird, hängt vor allem von der Stimmung des Parlaments ab, das im Oktober wieder zusammentrifft. Wenn sich die Abgeordneten in einer Geheimsitzung frei aussprechen können, wird vermutlich, wie schon bei der letzten Tagung, der feurige Wein der offiziellen Kriegsbegeisterung mit einem gehörigen Maß von kaltem Wasser gemischt.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 22. September 2017.

Quelle: sösi.
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