Frankfurter Zeitung 25.01.1918

Reaktionen auf Reichskanzler Hertlings Rede zur Außenpolitik

 - 13:35

N Berlin, 25. Jan. (Priv.-Tel.) Die gestrige Rede des Reichskanzlers wird von den Blättern der Mehrheitsparteien überwiegend günstig beurteilt, wenngleich sie bei den meisten der Blätter keine volle Befriedigung hervorgerufen hat.

Besonders hervorgehoben wird in dieser Presse der Erfolg, der darin liegt, das Graf Hertling sich überhaupt zu einer klaren und eingehenden Antwort auf die letzte Rede Wilsons und Lloyd Georges entschlossen hat und daß es der lärmenden Agitation der Alldeutschen nicht gelungen ist, den Kanzler zu einer rein negativen Haltung gegenüber diesen beiden Reden zu veranlassen. Was aber Graf Hertling über unsere Kriegsziele gegenüber den westlichen Staaten der Entente ausführte, hätten die meisten Blätter der Mehrheitsparteien gern deutlicher und präziser gewünscht. Immerhin wird allgemein ausgesprochen, daß die Erklärungen des Kanzlers speziell zur belgischen Frage für den, der verstehen will, keinen Zweifel darüber lassen, daß an eine Annexion Belgiens nicht gedacht wird und daß die belgische Frage überhaupt kein Hindernis für einen Friedensschluß zu bilden braucht.

Etwas anders faßt die „Vossische Zeitung“ die Worte des Kanzlers über Belgien auf. Sie sieht darin eine endgültige Absage an England in dem Sinne, daß wir nicht beabsichtigen, uns mit ihm über das Schicksal der Welt zu unterhalten und Belgien als frei für diese Unterhaltung von vorneherein ihm auf der goldenen Schüssel entgegenzubringen. Ueber diese Absage an England, wie sie sie auffaßt, ist die „Vossische Zeitung“ sehr erfreut. Dagegen tadelt sie an den Darlegungen des Reichskanzlers zu den östlichen Friedensfragen, daß der Kanzler sich noch immer nicht dazu verstanden habe, sich auf die bekannte östliche Orientierung festzulegen.

Die Haltung der alldeutschen und konservativen Presse ist nicht einheitlich. Während die „Tägliche Rundschau“ zufrieden ist, daß Graf Herling sich den Drohungen der Sozialdemokratie nicht gebeugt habe, läßt die „Deutsche Tageszeitung“ in einer vorläufigen kurzen Betrachtung schon deutlich ihre Unzufriedenheit durchblicken und andere alldeutsche Blätter halten schon heute morgen mit ihrer schärfsten Kritik an den Ausführungen des Kanzlers nicht zurück. Allen voran geht in dieser Beziehung natürlich wieder die „Deutsche Zeitung“, die die Rede des Kanzlers als eine schwache Verteidigung gegen die äußerst geschickten Angriffe der Feinde charakterisiert, als einen schwachmütigen Versuch des Besiegten, die von dem Sieger ihm auferlegten Bedingungen abzuschwächen und als eine untertänige Bitte an die Führer der feindlichen Mächte, ihre Programm doch noch einmal zu revidieren.

Die Rede des Grafen Czernin wird erst in einem Teil der Presse im Zusammenhang mit den Ausführungen des Grafen Herling gewürdigt. Von verschiedenen Blättern wird dabei die Auffassung vertreten, daß erst die gleichzeitige Betrachtung dieser beiden Reden das rechte Licht auf die gegenwärtige Friedenspolitik der Zentralmächte werfe.

Das „Berliner Tagblatt“ erklärt, die Rede des Grafen Czernin sei nicht nur eine rhetorische Darlegung, sondern ein Ereignis, das vielleicht wirklich zu noch anderen größeren Ereignissen und nicht nur zu neuen Reden führen könne. Daß die Rede des Grafen Czernin allein die Friedenswunder herbeizaubern könne, glaubt das „Berliner Tagblatt“ nicht, aber vielleicht erhielten sie durch die Rede des Wiener Staatsmannes Flügelkraft. Vielleicht führe Graf Czernin leichter belastet, den Grafen Hertling mit ans Ziel.

In gewissem Sinne berührt sich mit dieser Auffassung der Reden Czernins und Hertlings die Auffassung der „Deutschen Zeitung“, daß die Friedensverhandlungen mit Washington über einen allgemeinen Frieden tatsächlich begonnen hätten. Auch die linksnationalliberale „Börsenzeitung“ faßt die Rede des Wiener Ministers als eine nähere Auslegung der Erklärungen des Grafen Hertling auf. „Sollten“, so meint dieses Blatt weiter, „die beiden Ministerreden zu einem weiteren Meinungsaustausch mit Wilson führen, so wird hiermit dem österreichisch-ungarischen Minister schon aus dem Grund eine besonders einflußreiche Rolle zufallen, weil er dem Interessenkampf zwischen uns und der anglo-amerikanischen Welt als erst in zweiter Linie beteiligt, gegenübersteht.

Der „Vorwärts“, der ähnlich wie andere Blätter in der Rede des Kanzlers die volle Klarheit vermißt, die sie zu einer weltbefriedigenden Tat hätte machen können, der aber die guten Eigenschaften der Rede nicht übersieht, stellt im übrigen die Darlegungen Scheidemann in den Vordergrund:

„Seine Ausführungen,“ so schreibt der „Vorwärts“, „können der Friedensbewegung der Welt eine starke Ermutigung sein, nicht bloß, weil in ihnen die Stärke der logischen Folgerungen steht, sondern noch vielmehr deshalb, weil hinter dem Redner Millionen und Abermillionen stehen, die genau so denken wie er, und die bereit sind, für ihre Ueberzeugung einzustehen. Vergebens haben die Gegner von diesen Massen gehofft, daß sie ihnen durch ihren Abfall von der allgemeinen Volkssache den Sieg erleichtern würden und diese Hoffnung wird immer vergeblich bleiben. Wenn aber die Gegner bereit sind, mit Deutschland einen ehrlichen demokratischen Frieden zu schließen, ohne machtegoistische Hintergedanken und diplomatische Uebervorteilungsversuche, dann können sie dabei auf die ungeheure Mehrheit des deutschen Volkes rechnen, die das Ihre verteidigt, aber nach fremdem Volksgut nicht begehrt, die nichts will, als was vor dem Kriege ihr Eigen war und – den Frieden! Die Strömung ist da, sie wächst von Tag zu Tag und sie muß so stark werden, daß kein Machthaber mächtig genug ist, sich ihr zu entziehen. Und dann wird der Frieden geschlossen werden, der einzig dauerverheißende, der kein „Schmachfrieden“ für uns, aber auch kein Schmachfrieden für andere ist.“

Die „Germania“, das Organ des Zentrums, ist mit der Rede des Kanzlers durchaus einverstanden. Sie wendet sich mit folgenden Ausführungen gegen die Politik der Alldeutschen: „Die Reichsregierung kann nicht daran denken und denkt tatsächlich nicht daran, eine Desperado-Politik nach alldeutschem Rezept zu machen. Das leuchtete zwischen den Zeilen der heutigen Kanzlerrede unverkennbar hervor. Unsere Friedenspolitik im Osten hat zwar noch keine Früchte zeitigen können, dafür sind die Verhältnisse zu schwierig. Aber es liegt auch keine Veranlassung vor, von ihr abzugehen. In dieser Auffassung steht der Reichstag in seiner großen Mehrheit nach wie vor hinter unseren leitenden Staatsmännern, wenn auch in verschiedenen Nuancen. Es war nur ein Akt der Gerechtigkeit gegenüber der Quertreiberpolitik der Annexionisten, wenn aus den Reihen der Mehrheit später in der Aussprache dem Kanzler und Herrn von Kühlmann das volle Vertrauen zu ihrer Arbeit zum Ausdruckt gebracht wurde.“

Während alle übrigen Blätter sich in erster Linie mit der Rede des Reichskanzlers befassen, bringt der den Alldeutschen nahestehende „Lokalanzeiger“ an leitender Stelle einen sehr ausfälligen Artikel über das Verhältnis der Obersten Heeresleitung zur Politik. Der Artikel bezeichnet die Behauptung, daß die Oberste Heeresleitung sich in politische Angelegenheiten mische, als unwahr. Er wiederholt die von anderen Blättern derselben Richtung bereits vor kurzem angedeutete Ankündigung, daß die Oberste Heeresleitung ihre militärischen Unternehmungen von der Haltung der Reichsregierung zu den Kriegszielfragen abhängig mache, und er kleidet diese Andeutung in eine absolut positive und unbedingte Form, wenn es in ihm heißt:

Auf der anderen Seite wird man aber der Obersten Heeresleitung nur Dank schulden, wenn sie weitere große Blutopfer ablehnt, um nicht mehr, sondern weniger beim Friedensschluß für unsere Sicherheiten zu erhalten als wir uns jetzt schon im Kriege erstritten haben.

Der Artikel geht dann auf einzelne Fragen ein, die in den Erörterungen der letzten Monate und Jahre eine Rolle gespielt haben, und behauptet dabei u. a., daß die Verschickung der belgischen Arbeiter nicht auf das Konto der Obersten Heeresleitung gehöre, und daß die Oberste Heeresleitung auch mit der polnischen Frage zu Unrecht belastet worden sei. Zum Schluß heißt es:

Natürlich ist auch die Ausstreuung unwahr, einer unserer Generäle habe mit seinem Abschied gedroht, wenn die politische Richtung nicht nach seinem Geschmack geändert würde. Jeder leidlich Eingeweihte über den vorliegenden Gegenstand zum Urteil Berufene erkennt ohne tiefsinniges Grübel die Unsinnigkeit solcher Gerüchte, die bis von der Rednertribüne des Reichstages in die Welt geschleudert werden dürfen. Die Männer die zu solchen Mätzchen Zeit haben, sollten sich lieber um ihren Beruf kümmern und endlich lernen, deutsche Politik zu machen.

Die Auffassung, daß es unsinnig und für General Ludendorff beleidigend sei, anzunehmen, daß er wegen politischer Differenzen mit der Reichsregierung sich weigern werde, seine Soldatenpflicht weiter zu erfüllen, deckt sich vollkommen mit unserer Meinung. Es ist aber eine unerhörte Verdrehung allgemein bekannter Tatsachen, wenn der „Lokalanzeiger“ es jetzt so darstellt, als seien die Gerüchte von einem Abschiedsgesuch des General Ludendorff von andern als alldeutschen Blättern ausgegangen. Die berechtigte Kritik, die der Lokalanzeiger an den Verbreitern dieses Gerüchts ausübt, trifft lediglich die ihm nahestehende alldeutsche Presse und niemanden sonst.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 28. Januar 2018.

Quelle: angr.
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