Frankfurter Zeitung 17.01.1918

Misshandlungen von deutschen Kriegsgefangenen?

 - 06:24

Die Verhandlungen im Hauptausschuß des Reichstages am Dienstag haben die Aufmerksamkeit von neuem auf die Behandlung der deutschen Gefangenen in Frankreich gelenkt. Die Verhältnisse die bei dieser Gelegenheit wieder beklagt und mit Repressalien bedroht wurden, liegen auch für diejenigen klar zu Tage, die etwa geneigt waren, deutsche Aussagen als befangen abzulehnen.

Wer immer die französische Presse verfolgt, kann nicht daran zweifeln, daß der deutsche Kriegsgefangene in Frankreich vielfach als ein Gegenstand einer gefahrlosen, weil gegen Entwaffnete geübten Revanche betrachtet und in seiner Mißhandlung eine patriotische Betätigung gesehen wird. Eine ganze Reihe weitverbreiteter Pariser Blätter läßt kaum einen Tag ohne irgendeine Beschimpfung und Verhöhnung der Gefangenen vorübergehen, gegen die solchermaßen eine ständige Strömung der Gehässigkeit erzeugt wird.

Frankreich ist unter allen kriegführenden Ländern das einzige, dessen Schriftstellern die Verspottung und Verunglimpfung der Gefangenen als eine mit der menschlichen Würde vereinbare Betätigung erschienen ist. In den in zahlreichen Pariser Blättern täglich erscheinenden kleinen Erzählungen wird der Kriegsgefangene regelmäßig als verachtungswürdiges Wesen dargestellt, als ein Auswurf der Menschheit, dem man keinerlei Mitleid schuldig ist. Wie ist es da zu verwundern, wenn diejenigen, die mit den Kriegsgefangenen zu tun haben sich durch das amtliche Beispiel beständig in solcher Auffassung ermutigt werden.

Es wurden vor kurzem von einem französischen Kriegsgericht drei deutsche Kriegsgefangene zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil sie sich beim Verladen von Kelteräpfeln einige Pfund der kostbaren Frucht angeeignet hatten! Der „Figaro“ vom 5. Januar berichtete über diese Angelegenheit unter der Ueberschrift „Lügner, Diebe, Deutsche“ und fügte so die gemeine Beschimpfung zu der barbarischen Härte, mit der diese Bagatellsache bestraft wurde. Der „Figaro“ aber hat ein Mitglied der Akademie zum Direktor und erhebt den Anspruch als ganz besondere Vertretung der französischen Wohlständigkeit und Ritterlichkeit zu gelten. Was soll man da von den Franzosen erwarten, die keine Akademiker sind und auf ein Uebermaß von Ritterlichkeit keinen Wert legen?

Es ist demnach vollkommen überflüssig, mit den Franzosen Erörterungen einzutreten, für die ihnen das Verständnis offenbar abgeht. Vielmehr hat die Erfahrung gelehrt, daß die Repressalie allein geeignet ist, für die deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich die Behandlung zu erzwingen, die sich in allen anderen kriegführenden Ländern aus dem elementaren Anstandsgefühl ergibt. Wie im Hauptausschuß bemerkt wurde, haben u.a. die Fälle von Dabome, Tunis und Algier bereits gezeigt, daß wir auf diesem Wege bei weitem leichter zum Ziel kommen als durch Verhandlungen, bei denen die französischen Delegierten es grotesker Weise ablehnen, sich mit den deutschen an einen Tisch zu setzen.

Es widerstrebt dem deutschen Gefühle im höchsten Grad, Kriegsgefangene mehr, als durch ihre Lage an sich bedingt ist, leiden zu sehen. Aber es ist selbstverständlich, daß diese Empfindung für die deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich die gleiche Geltung hat wie für die französischen in Deutschland. Es ist jammervoll, daß die französische Regierung auf dem Weg der Repressalie zum Bewußtsein dieses Verhältnisses gebracht werden muß, aber da diese Notwendigkeit besteht, ist nicht zweifelhaft, solange die französische Presse sich durch die Duldsamkeit einer sonst so strengen Zensur zur Aufreizung der niedrigsten Instinkte gegen die deutschen Kriegsgefangenen ermuntert fühlt. Wenn auf diesem Gebiete einmal eine Aenderung zu verzeichnen ist, so werden wir bereitwillig davon Kenntnis geben; bis dahin aber muß den Franzosen auf alle Weise nahegebracht werden, daß wir nicht gesonnen sind, unserer gefangenen Krieger als ein geeignetes Objekt zur Befriedigung von Revanchegelüsten betrachten zu lassen.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 18. Januar 2018.

Quelle: angr.
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