Frankfurter Zeitung 4.5.1918

Russisch-Französische Verstimmungen

 - 15:43

Berlin, 3. Mai. (W.B.) Wie jetzt bekannt gewordene russische Funksprüche in Klartext „An Alle“ zeigen, hat die Landung japanischer Truppen in Wladiwostok zu einer ernsten Verstimmung zwischen der russischen und der französischen Regierung geführt. Der französische Botschafter Noulens gab aus diesem Anlaß ein in der „Moskauer Zeitung“ vom 23. April veröffentlichtes Communiqué aus, das im wesentlichen folgenden Inhalt hatte:

Die Landung japanischer Truppen in Wladiwostok ist eine Folge des besorgniserregenden Zustandes der Unruhen in dieser Stadt. Die Nachrichten, die wir aus Wladiwostok erhielten, weisen auf den Zustand der Anarchie hin, der ständig Leben und Eigentum der verbündeten Untertanen bedroht. Wenn die russische Regierung ihre Gäste vor Exzessen der Straße nicht schützen kann, dann muß die Kriegsmacht des Landes, dessen Untertanen Gewaltakten ausgesetzt sind, die Wiederherstellung der Ordnung auf sich nehmen. Die japanische Frage kann, soweit sie rein japanisch ist, in Wladiwostok lokalisiert werden unter der Bedingung, daß der japanischen Regierung Genugtuung geleistet wird, die sie zu verlangen berechtigt ist. Indes können die Verbündeten sich zu dem Vorgehen Oesterreich-Ungarns und Deutschlands nicht gleichgültig verhalten.

Die deutschen Staaten streben danach, sich Rußland in wirtschaftlicher Beziehung zu unterwerfen, besonders mittels ihrer Gefangenen in Sibirien, um Kolonisationszentren zu bilden. Die Verbündeten können sich gezwungen sehen, sich einzumischen, um auf diese Drohung zu antworten, die ebenso sehr gegen das russische Volk wie gegen sie gerichtet ist.

Wie der Volkskommissar des Auswärtigen Tschitscherin in seinem Funkspruch an die französische Regierung erklärt, wurde ihm die Echtheit dieser Erklärung des französischen Botschafters auf Anfrage von dem französischen Konsul in Moskau offiziell bestätigt und sie hat bei der Sowjetregierung einen erheblichen Unwillen ausgelöst. Wir entnehmen dem Protest Tschitscherins Folgendes:

Das wenigste, das ich über diese Erklärung sagen kann, ist, daß sie besonders in einem Interview unzulässig sind. Ich bezweifle nicht, daß die französische Regierung sich die verderblichen Folgen klar machen wird, welche sie unfehlbar für die Beziehungen zwischen Frankreich und Rußland haben. Wie schwer auch die Lage Rußlands sein mag, so kann doch weder das russische Volk noch die Regierung der Sowjets in irgendeiner Form zulassen, daß ein offizieller Vertreter der Alliierten sich mit einem solchen Zynismus, wenn auch unter dem Deckmantel diplomatischer Redensarten, in die inneren Angelegenheiten Rußlands einmischt unter der Drohung, ihm Landesteile mit Gewalt abzunehmen.

Was mich vor allem an der Erklärung in Erstaunen setzt, ist seine völlige Unkenntnis der Tatsachen, von denen er spricht. Seine Behauptung, daß Deutschland mit Hilfe seiner Kriegsgefangenen in Sibirien Mittelpunkte der Kolonisation organisiert, wundert mich besonders. Amerikanische Offiziere, welche aus Sibirien kommen, haben sich an Ort und Stelle davon überzeugt, daß die in Sibirien internierten deutschen Gefangenen in keiner Weise die Interessen der Verbündeten bedrohen. Noulens behauptet mit der Geste der Selbstverständlichkeit, daß in Wladiwostok Anarchie herrsche. Nicht die Anarchie herrscht in Wladiwostok, sondern die Regierung der Sowjets, die Diktatur der arbeitenden Klassen, die selbstverständlich auch nicht nach dem Geschmack der fremden Ausbeuter ist.

Dieselbe Sowjet-Regierung herrscht in der ganzen russischen Republik, und wenn Noulens der Meinung ist, einen Einfall in Wladiwostok veranlassen zu müssen, so bedeutet dieser Schritt, daß in ganz Rußland die Wiederumstellung der Macht zu Gunsten der Ausbeuter notwendig sein werde. Wir müssen in bestimmtester Form die mit der japanischen Landung in Wladiwostok bezweckten Absichten, die durch die Erklärung Noulens‘ gefördert werden, zurückweisen. Die japanische Landung ist ein Akt der Seereäuberei und wir sind nicht geneigt, der japanischen Regierung irgendwelche Genugtuung zu gewähren. Rußland ist noch nicht so machtlos, daß es jeder fremden Macht gestatten müßte, sich einen Teil seines Landes zu sichern. Es wird mit allen Mitteln hiergegen ankämpfen und kann unterdessen nur auf das energischste gegen die unter dem Deckmantel dipolomatischer Formeln ausgeführten widerrechtlichen Pläne Noulens‘ protestieren.

Die Erklärung des Herrn Noulens in den kritischen von Rußland durchlebten Tagen kann schwerlich zu guten Beziehungen zwischen dem französischen und dem russischen Volke beitragen. Ein Vertreter der französischen Regierung, der zur Verschlechterung der Beziehungen zwischen Frankreich und Rußland beiträgt, kann im Gebiet der russischen Republik nicht geduldet werden. Die Regierung der russischen föderativen, sozialistischen Sowjet-Republik drückt die Ueberzeugung aus, daß Herr Noulens unverzüglich von der französischen Regierung abberufen wird.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 8. Mai 2018.

Quelle: angr.
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