Frankfurter Zeitung 08.11.1917

Chaos in Petersburg

 - 16:32

Die Nachrichten aus Petersburg lassen erkennen, daß die Lage sich dort zu einer Krise zuspitzt, die weit schwerer zu werden droht, als selbst diejenige im Juli, die in kurzen, aber blutigen Straßenkämpfen erledigt wurde. Ein klares Bild der Vorgänge zeichnen sie freilich nicht.

Eine französische Meldung berichtet, daß der Arbeiter und Soldatenrat vorläufig die Bildung einer „revolutionären“ Gegenregierung gegen die doch immerhin auch einigermaßen revolutionäre Regierung Kerenskijs abgelehnt und beschlossen habe, die „Kundgebung“ aufzuschieben, um später überraschend auftreten zu können. Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß diese Meldung tatsächlich richtig, aber vielleicht um Tage oder auch nur um Stunden überholt ist. Die gestrigen Meldungen der Petersburger Telegraphenagentur, die damals noch in den Händen der Regierung war, ließen keinen Zweifel mehr offen über den Ernst der Lage.

Am Dienstagabend befahl die Regierung, die „Brücken zwischen den Arbeitervierteln und dem Zentrum“ zu zerstören. Die gewaltigen Brücken über die Newa, aber auch hunderte kleinerer Brücken über die vielen Kanäle, die Petersburg in allen Richtungen durchziehen, können diesem Befehl zum Opfer fallen; der ganze Verkehr der endlos ausgedehnten Hauptstadt wird wenigstens für die nächsten zwei oder drei Wochen lahmgelegt, bis die Bereifung den Strom und die Kanäle selber zu gangbaren Straßen macht. Solche Maßnahmen sind natürlich nur im Fall eines Bürgerkriegs denkbar. Die Reutermeldung, die einstweilen die letzte direkte Nachricht aus Petersburg ist, läßt vermuten, daß die Maßnahme der Regierung nur beschränkten Erfolg haben wird, da in dem künstlich von den Vorstädten abgeschnittenen Zentrum der Hauptstadt sich auch ein Herd der Empörung gebildet hat. Man muß alle englischen Berichte aus Rußland mit Vorsicht beurteilen; die „Times“ und die ihr verwandten Organe, zu denen auch das Reutersche Bureau gehört, haben vom ersten Tage der Revolution an die Zustände in Russland so schwarz als möglich gemalt – vielleicht um die englischen Arbeiter vor dem ansteckenden Beispiel zu immunifizieren. Dennoch ist die neueste Meldung Reuters nicht unwahrscheinlich. Danach haben Marinetruppen, die den Marimalisten gehorchen, die Petersburger Telegraphenagentur, die Telegraphenzentrale, die Reichsbank und das Marineministerium, das in der riesenhaft ausgedehnten Admiralität, in unmittelbarer Nähe des Winterpalastes, untergebracht ist, besetzt.

Die Telegraphenagentur und die Telegraphenzentrale liegen in unmittelbarer Nähe einer großen Kaserne der Marinetruppen, die Admiralität nur wenige Minuten davon entfernt, die Reichsbank etwas weiter, doch so, daß kein ernstliches Hindernis zu überwinden war. Matrosen und Marineinfanterie waren schon 1905 die ersten Träger der revolutionären Bewegung, deren ärgste Ausartung in der Flotte zu verzeichnen waren. Die Geschichte der großen russischen Revolution dieses Jahres hat der Flotte nicht mehr eine so führende Bedeutung verliehen; dafür sind fast alle die Ereignisse, die diese Revolution mit schmachvollen Flecken entstellen, die Abschlachtung der Offiziere in Helsingfors, die Plündern in Wiborg und die sinnlose Karikatur einer Republik, die man in Kronstadt aufgerichtet hat, das Werk der Matrosen, die im Juli zum ersten Mal nach Petersburg zogen um die „bourgeoise“ Regierung zu stürzen. In Petersburg selber sind die Leute von der Flotte von Anfang an die Hauptstütze der Marimalisten gewesen. Wenn der „revolutionäre Generalstab“, den Lenin und Trotzki eingesetzt haben, die Gründung einer Petersburger Kommune nach dem fatalen Vorbild von Paris 1871 jetzt mit Gewalt durchsetzen wollen, so ist die Taktik nicht ungeschickt, die sich im Herzen der Stadt feste Stützpunkte sichert. Die Gegenmaßnahmen der Regierung scheinen zunächst nur die aus den Vorstädten drohende Gefahr ins Auge gefaßt zu haben. Sie scheinen zunächst diesen beschränkten Zweck erreicht zu haben, da Reuter ausdrücklich berichtet, es seien keine Unruhen vorgekommen. Dennoch bedeuten die Vorgänge, deren Helden die Petersburger Marineinfanteristen waren, den Beginn des Bürgerkriegs, den Lenin selber und die um ihn gescharten Leute seit Monaten ungescheut predigen.

Das Ideal, in dessen Namen die Fanatiker des Petersburger Soldaten und Arbeiterrates Raub und Plünderung und Mord begehen und den Bürgerkrieg entfesseln wollen, ist der Frieden. Zum mindesten ist dies das zugkräftige Schlagwort, mit dem sie die Waffen in Bewegung setzen. Die furchtbare Unbildung des russischen Bauern und Arbeiters, die verhängnisvolle Erbschaft, mit der das neue Rußland noch lange die tragische Schuld des Zarismus büßen wird, rächt sich freilich jetzt dadurch, daß die Massen blindlings hinter jeder Utopie von sozialistischem Zukunftsglück herlaufen und die drohende Hungersnot scheinbar unbeachtet lassen. Aber nichts hat die Lehren der Extremisten so verführerisch gemacht wie ihre Verheißung, dem Krieg ein Ende zu setzen; wer wollte leugnen, daß dieser Lockruf überall ein Echo findet.

Der Weg, aber, auf dem Herr Lenin die Menschheit aus dem blutigen Sumpfe herausführen will, erscheint uns gänzlich ungangbar. Er geht von der Voraussetzung aus, daß das russische Beispiel überall, vor allem auch in Deutschland, nachgeahmt werden. Der helle Wahnsinn, dessen sich die englischen und französischen Machthaber nicht ohne Mühe allmählich entschlagen, brennt in den Köpfen dieser weltfremden, durch jahrzentelange Emigration allen Wirklichkeiten der Politik entfremdeten Ideologen aufs neue auf. Diese Leute haben es kurz nach dem Ausbruch der russisschen Revolution fertig gebracht, Tagesordnungen zu beschließen, in denen die sofortige Einstellung der Feindseligkeiten, die Anbahnung einer Verbrüderung zwischen dem kämpfenden Fronttruppen und die Sabotage des Krieges im Hinterland gefordert, gleichzeitig aber die „Desannexion“ von Elsaß-Lothringen verkündigt und jede Verhandlungen mit den Hohenzollern und den „deutschen Junkern“ abgelehnt wurde.

Die neuesten schriftstellerischen Leistungen Lenins lassen durchaus nicht auf eine Klärung dieser verworrenen Gedankengänge schließen. Wenn er und seine Anhänger sich der Gewalt bemächtigen sollten, wäre die Folge zunächst wohl nur eine weitere Zersetzung der russischen Volkskraft, die vielleicht für unsere Kriegsführung gewissen augenblickliche Vorteile hätte, die wir aber, wie die Siege von Riga, Oesel und Dagö gezeigt haben, garnicht brauchen, um die militärische Ueberlegenheit der Mittelmächte zur Geltung zu bringen. Der Friedensschluß aber, das eigentliche Ziel des Krieges und seiner Politik, würde durch ein allgemeines Chaos in Rußland nur hinausgezögert. Wir wollen mit Rußland einen Frieden schließen, der die Gewähr der Dauer in sich trägt. Das ist aber nur möglich, wenn die Verhandlungen mit einer Regierung geführt werden können, die wirklich das Land vertritt und die auch in der Lage ist, den Alliierten Rußlands gegenüber mit einiger Autorität aufzutreten.

Die Petersberger Vorgänge werden die Bildung einer solchen Regierungsgewalt trotz der niemals erlahmenden Erfindungsgabe Kerenskijs und seiner unleugbaren Energie auch dann verzögern, wenn sie auf die Hauptstadt beschränkt bleiben, was noch keineswegs sicher ist. Die Marimalisten haben in den letzten Wochen ihre Propaganda mit größtem Nachdruck aufs flache Land hinausgetragen. Ihr Erfolg läßt sich nicht übersehen, aber jedenfalls muß man mit der Möglichkeit rechnen, daß ernste Agrarunruhen ausbrechen und die Regierungsgewalt viel stärker beeinträchtigen als selbst die ernsthaftesten Vorgänge in der Hauptstadt. Schon vor Wochen plante die Regierung ihre Uebersiedelung nach Moskau, als die Panik über das deutsche Vorgehen in der Ostsee Petersburg unmittelbar bedroht erscheinen ließ. Der inneren Bedrohung könnte sich Kerenskij auf ähnliche Weise entziehen. Wenn es ihm aber diesmal nicht gelingt, die Gefahr von links zu beschwören, die die junge russische Republik nicht minder bedroht als die bisher noch immer verunglückten militärischen Staatsstreichversuch einiger Generäle, so wird das Land in ein Chaos hineingetrieben, das für die ganze Welt von unheilvollen Folgen sein kann, da es eine rationelle Lösung der Fragen des Krieges und des Friedens auf absehbare Zeit hinaus unmöglich macht.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 10. November 2017.

Quelle: angr.
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