Frankfurter Zeitung 28.5.1918

Deutschenhetze in Amerika

 - 11:28

Der Krieg nährt den Chauvinismus in jedem Lande. Aber in einer Neuen Welt, wo die wildesten Gesellen der Alten kolonisiert und aus dieser Pioniertätigkeit ein kräftiges Stück Brutalität und Verachtung aller Satzungen sich bewahrt haben, erwachsen aus der Kriegspsychose besonders wüste Erscheinungen. Wer von hier aus den heutigen Zustand in den Vereinigten Staaten beurteilen will, muß noch in Betracht ziehen, daß dort in dem Kriege gegen Deutschland glücklicherweise kein eigentlicher Volkshaß, keine alte Erbfeindschaft jene Leidenschaften aufwühlt, die in den ersten Kriegsjahren Engländer und Franzosen mehrfach zu den häßlichsten Ausschreitungen getrieben haben. Bisher ist es weder der Hetze Roosevelts noch der Predigt Wilsons gelungen, diesen Krieg in Amerika zum Volkskrieg zu machen. An wüsten Erscheinungen fehlt es trotzdem nicht.

Wir haben früher berichtet, wie die angesehensten Führer der amerikanischen Nation, ehemalige Minister, Häupter der Universitäten, Expräsident Taft zu systematischer Spionenriecherei und Deutschenhetze sich organisiert haben. Herr Roosevelt hat kürzlich im „Kansas City Star“ erklärt, daß in den Vereinigten Staaten keine Leute geduldet werden dürften, die halb deutsch und halb amerikanisch seien. Man müsse verlangen, daß jeder amerikanische Bürger 100 Prozent Amerikaner sei.

Nur eine Sprache dürfe gesprochen werden, nämlich die englische, die die Sprache des nordamerikanischen Volkes sei. Zeitungen in anderen Sprachen müssten verboten werden. Jeder Einwanderer, der innerhalb fünf Jahren nicht die englische Sprache beherrsche, solle ausgewiesen werden usw. Welche Wirkung solche Wort des Expräsidenten, die ja nur ein Beispiel aus der Fülle ähnlicher Artikel sind, auf den ungebildeten nordamerikanischen Mob ausüben müssen, liegt auf der Hand.

Auch durch falsche und sensationelle Berichte ist das Volk in vielen Gegenden in eine hochgradige Nervosität versetzt worden, die sich im Ausüben der Lynchjustiz Luft zu machen sucht. Das Lynchen, wenn es auch nicht immer zur Ermordung des Opfers führt, scheint zu einer Epidemie auszuarten. Die „New York Times“ vom 14. April gibt hintereinander elft Tagesmeldungen aus den Weststaaten an, in denen mitgeteilt wird, daß Amerikaner aus lächerlich geringfügigen Ursachen in den Ruf der „Deutschenfreundlichkeit“ geraten waren und gelyncht wurden. Priester, Lehrer, Arbeiter und Frauen fielen dem sinnlosen Haß der Bevölkerung zum Opfer und wurden mit Teer oder gelber Farbe bestrichen.

Jede Aeußerung eines Wunsches nach Frieden wird als „deutsche Propaganda“ verfolgt. Ganz objektive Urteile wie z.B. eine Aeußerung, daß die deutschen Soldaten doch ganz tüchtig seien, bewirken, daß der, der sie sagt, als „deutscher Agent“ und als „Helfer des Kaisers“ verschrien und verfolgt wird. Zu besonders zahlreichen Ausschreitungen scheint es in Illinois gekommen zu sein, von wo kürzlich der Lynchmord an dem Bergmann Prager gemeldet wurde. Es hießt dann, der Gouverneur des Staates habe das gesamte Militär aufgeboten.

Unsere im Anschluß an diese Nachricht ausgesprochene Vermutung, daß dieses Staatsaufgebot wohl nicht bloß zur Niederhaltung, sondern auch zur Unterstützung des Mob in der Verfolgung von Pazifisten und anderen Gegnern der offiziellen Politik bestimmt sei, findet sich in den neu eingetroffenen amerikanischen Blättern leider nicht bestätigt.

Die Einwirkung der Verfolgungen, denen die Deutsch-Amerikaner durch die Behörden und den Mob ausgesetzt sind, machen sich leider auch bemerkbar. Die Zeitungen wimmeln von Briefen, in denen amerikanische Bürger deutschen Namens ihre Loyalität beteuern. Besonders scheinen sich Leute in angesehenen Stellungen zu einem solchen Schritt genötigt zu sehen. Die Associated Preß meldet einen solchen Fall aus Boston, Massachusetts, vom 27. April. Achtzehn in Deutschland geborene Universitätsprofessoren erließen an diesem Tage einen Aufruf, in dem sie sich an alle amerikanischen Bürger deutscher Abstammung wendeten. Folgende Sätze sind dem Aufruf entnommen:

Wir sehen mit Abscheu und verurteilen ohne Zurückhaltung die Rolle, welche die Kaiserlich deutsche Regierung auf sich genommen hat, indem sie den gegenwärtigen Weltkonflikt provozierte oder erlaubte. Wir verwerfen und verleugnen die Doktrin, welche die internationale Sicherheit und den zukünftigen Frieden zerstört, daß internationale Verträge beiseite gestellt werden, sobald es im Interesse irgend einer Nation liegt, dies zu tun. Und wir verurteilen uneingeschränkt, als unwert der deutschen Nation, die verschiedenen Akte der Gewalt in Vernachlässigung solcher Verträge.

Diese gelehrten Herren, die so geringes Verständnis für den bitteren Existenzkampf ihres Geburtslandes haben, sollten sich wenigstens auch mit der Gewohnheit ihrer neuen Heimat beschäftigen, völkerrechtliche Verträge zu brechen oder zu umgehen. Wir haben dafür im Morgenblatt vom 27. Mai einiges Material zusammengestellt.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 2. Juni 2018.

Quelle: angr.
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