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Frankfurter Zeitung 06.10.1917

England: „Wiederbelebungsversuche am Kriegswillen“

 - 13:32
Winston Churchill (r.) mit dem Kronprinz von Schweden, Gustaf VI Adolf, 1917 im Hyde Park. Nachdem Churchill 1915 aus der Regierung ausgeschieden war, holte Lloyd George ihn 1917 wieder als Munitionsminister zurück. Bild: Picture-Alliance, angr.

Nach einer längeren Pause hat Herr Winston Churchill, den Lloyd George sich vor einigen Monaten, sehr zum Aerger der Konservativen, wieder in sein Kabinett geholt hat, wieder eine Rede gehalten. Herr Churchill ist Munitionsminister und er hat aus seinem Amtsgebiet einiges mitgeteilt, um zu zeigen, wie vorzüglich England mit Schießbedarf, Artillerie u. dergl. bestellt sei, auch wenn der Krieg noch, „was Gott verhüten möge“, fortdauere.

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Auch mit den Nahrungsmitteln stehe es trotz des Tauchbootkrieges, der nach seiner Behauptung fehlgeschlagen ist, gut. Mit anderen Worten, England kann nach des Ministers Meinung „durchhalten“. Und es soll durchhalten, das ist der Zweck der Rede Churchills. Die Ursache derselben aber ist offenbar die Wahrnehmung, daß die Neigung zum Durchhalten, der Wille zum Kriege abnimmt. Vor einiger Zeit hat schon Lloyd George im Unterhause eine Rede gehalten, die förmlich das Land beschwor, doch jetzt die Regierung zu stützen, weil sonst schlimme Folgen zu befürchten seien. Churchill ist so deutlich nicht, aber was er sagt, ist deutlich genug. Man dürfe nicht „in einem schweren Augenblick das Ergebnis eines dreijährigen Kampfes preisgeben, es sei sonst möglich, daß dies gerade in dem Augenblick geschehe, da der Sieg zum Greifen nahe sei.“ Etwas Aehnliches hat Churchill schon früher einmal – es sind nun gerade zwei Jahre her – seinen Wählern in Dundee und damit zugleich seinen übrigen Landsleuten gesagt, als es sich um das von ihm angeregte Dardanellenunternehmen handelte. Damals sagte er, man dürfe nicht schwach werden, denn man sei „nur noch wenige Meilen von einem Siege entfernt, wie ihn die Welt nicht gesehen habe“. In Wirklichkeit war in dem Augenblick, da Churchill das sagte, die Ententenarmee bereits in der üblen Lage, wo sie suchen mußte, mit heiler Haut davonzukommen. Churchills Sprache erinnert sehr an seinen damaligen Versuch, die künstlich aufgepeitschten Hoffnungen Englands neu zu beleben.

Es handelt sich heute um ganz etwas Aehnliches. Die Friedensstimmung nimmt in England, wie bei allen anderen Völkern mit jedem Tage gewaltig zu. Man hat die öffentliche Meinung immer wieder aufs neue mit Siegeshoffnungen vertröstet. Diesen Sommer sollte ganz bestimmt die Entscheidung fallen und Marschall Haig nahm den Mund so voll, daß dies sogar in England getadelt wurde. Nun stehen wir vor dem Winter, und der Wechsel ist abermals fällig. Die Regierung ist abermals in der Lage, nun feine Prolongierung nachzusuchen. Das geschieht in einem Augenblick, da die Zentralmächte sich auf die Anregung des Papstes hin bereit erklärt haben, einen Verständigungsfrieden zu schließen. Die britische Regierung will, wenn die Rede Churchills ihre Meinung widergibt, keinen Verständigungsfrieden. Sie will den Krieg fortsetzen, weil sie sich für Kriegsziele stark gemacht hat, die ein Verständigungsfriede nicht bringen kann. Darum sollen weitere Hunderttausende geopfert werden und darum sucht man dem Volk einzureden, der Sieg sei ja beinahe schon gewonnen. Es gelte ja nur noch ganz kurze Zeit durchzuhalten, dann sei ein voller Sieg über den deutschen „Militarismus“ errungen. Aber man hört aus den Worten Churchills deutlich heraus, daß er zu Leuten spricht, die anfangen, es satt zu bekommen, immer wieder vertröstet zu werden. Er spricht von „schweren Augenblicken“, und „Schwankungen“. Wenn es den regierenden Männern in England gelingt, den Kriegswillen des Volkes, der anfängt nachzulassen, wieder aufzupeitschen, dann wird das entsetzliche Gemetzel noch eine Zeit lang fortgehen. Aber es geschieht nicht zum Heile der Völker, sondern einzig und allein, weil eine gewissenlose Schar von Politikern fürchtet, von ihren Parlamenten und Völkern zur Rechenschaft gezogen zu werden. Churchill und Lloyd George, Poincaré und Gonnino fürchten sich vor dem Frieden, weil dieser die Ruchlosigkeit ihrer ganzen Politik enthüllen wird. Daher jetzt wieder der krampfhafte Versuch, die gesunkene Stimmung zu beleben. Um so zuversichtlicher kann Deutschland den kommenden Monaten entgegensehen.

Das nächste historische E-Paper erscheint am 9. Oktober 2017.

Quelle: angr.
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