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Merkel und Hollande in Verdun

Neues Gedenken an 300.000

Von Michaela Wiegel, Verdun
 - 17:05
Angela Merkel und François Hollande gedenken im Beinhaus von Douaumont den Gefallenen der beiden Nationen. Bild: dpa, F.A.Z.

Der nächste Schritt fällt schwer. Die Kanzlerin und der Präsident erreichen jetzt lehmiges, von Granateneinschlag zerfurchtes Erdreich und einen notdürftig befestigten Spalt. Es sieht so aus, als müssten sie gleich in Schlamm und Dreck versinken, wie einst die Soldaten. Aber der Schützengraben, der sich unter den Glasplatten zu ihren Füßen auftut, ist nur eine beeindruckende Nachahmung im neuen „Mémorial de Verdun“. In der Gedenkstätte wird keine Heldengeschichte erzählt, sondern der Irrsinn und das Grauen der Schlacht dokumentiert. Mehr als 300.000 Menschen starben in der „Hölle von Verdun“. „Der Name Verdun steht für unfassbare Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges wie auch für die Lehren daraus und die deutsch-französische Versöhnung“, sagt die Bundeskanzlerin im Rathaus von Verdun.

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„Wir haben das Leiden der Soldaten in den Mittelpunkt der Ausstellung gerückt“, sagt Thierry Hubscher, der Direktor des gänzlich neu gestalteten und renovierten „Mémorial de Verdun“. Angela Merkel und François Hollande haben das Museum am Sonntag eingeweiht und sich von Hubscher an die wichtigsten Stationen der Ausstellung führen lassen. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz schlossen sich der Kanzlerin und dem Präsidenten bei dem Rundgang an, um durch ihre Anwesenheit zu verdeutlichen, dass die Erinnerung an Verdun ein europäisches Vermächtnis ist. In der Krypta des Mémorial haben sie inne gehalten und Auszüge aus den Briefen gelesen, die Frontsoldaten, französische und deutsche, an ihre Nächsten schickten.

Lange war das 1967 eröffnete und durch Spendengelder von französischen Kriegsveteranen finanzierte „Mémorial“ hauptsächlich der französischen Erinnerung gewidmet. Fortan aber dokumentiert es auch die Erfahrungen der deutschen Soldaten. „Inmitten der maßlosen und grauenhaften Bilder, die ich erlebe, ist dieser Gedanke der Rückkehr in die Heimat wie ein strahlendes Licht im Dunkel“, schrieb der Maler Franz Marc an seine Frau. Er sollte sie nie wieder sehen, er fiel in Verdun. „Mama, warum hast du mich zur Welt gebracht? Warum muss ich solches miterleben?“, fragte ein unbekannter bayrischer Soldat in einem Feldpostbrief an seine Mutter.

Keine Vorfahren in Verdun

Die neue deutsch-französische Dimension ist insbesondere dem deutschen Historiker Gerd Krumeich zu verdanken, der die Ausstellung mitkonzipierte. Zusammen mit dem französischen Historiker Antoine Prost hat er unter dem Titel „Verdun 2016“ (in deutscher Sprache im Klartext-Verlag erschienen) zum ersten Mal gemeinsam die Geschehnisse zwischen dem 21. Februar und dem 19. Dezember 1916 untersucht sowie den Wandel der Bedeutung von Verdun im kollektiven Gedächtnis analysiert. Für Krumeich, der sich im Mémorial mit der Bundeskanzlerin austauschte, stellt das Museum eine wichtige Etappe auf dem Weg zu einer gemeinsamen Erinnerungskultur dar. „Es zeugt davon, wie sehr sich Frankreich geöffnet hat“, sagt er. Lange wollten die Soldatenverbände am liebsten alles beim alten lassen. Das gilt auch für das Beinhaus von Douaumont, in dem die Knochenreste von etwa 130.000 Soldaten liegen. Dass darunter auch viele deutsche Gebeine sind, fand bislang keine Erwähnung. Die Bundeskanzlerin und der Präsident enthüllten am Sonntag eine Erinnerungstafel, die erstmals auf die sterblichen Überreste der französischen und der deutschen Soldaten hinweist. Bei strömendem Regen hatte Angela Merkel schon am Morgen auf dem deutschen Soldatenfriedhof Consenvoye der Toten gedacht.

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Vor 100 Jahren
Merkel und Hollande gedenken in Verdun der Gefallenen des Ersten Weltkriegs

Mémorial-Direktor Hubscher hat nachforschen lassen, ob in der Familie des Präsidenten und der Bundeskanzlerin Verdun-Soldaten waren. Sein eigener Großvater, erzählt er, habe zwei Mal in Verdun gekämpft. Das war durchaus kein ungewöhnliches Schicksal: 80 Prozent aller französischen Soldaten kämpften aufgrund des Rotationsprinzips in der französischen Armee in Verdun. „Wer nicht in Verdun war, war nicht im Krieg“, sagt Historiker Prost. Das erklärt, warum Verdun in Frankreich schnell zum Inbegriff für den „Grande Guerre“, den Großen Krieg wurde, wie der Erste Weltkrieg bei unseren Nachbarn weiterhin heißt.

Bei den Vorfahren von Hollande und Merkel sei er jedoch nicht auf Verdun-Kämpfer gestoßen, sagt Hubscher. Als sich François Mitterrand und Helmut Kohl am 22. September 1984 schweigend vor dem Beinhaus von Douaumont die Hand reichten, verbanden beide auch familiäre Erinnerungen. Mitterrands Vater hatte 1916 in Verdun gekämpft und Mitterrand selbst wurde am 14. Juni 1940 auf der Höhe 304 durch einen deutschen Tieffliegerangriff verwundet. Kohls Vater kämpfte ebenfalls bei Verdun und einer seiner Onkel wurde dort schwer verwundet. „Dieses Bild hat sich tief in das Gedächtnis unserer Nationen eingebrannt“, sagte die Bundeskanzlerin am Sonntag.

„Was hat Verdun uns noch zu sagen?“

„1984 gab es keine Reden, da reichte allein die Hand, der Händedruck. Wir aber müssen mit unseren Worten und unseren Taten für die deutsch-französische Freundschaft eintreten“, sagte Hollande, als er jetzt für die Geschichtssendung „La Fabrique d’Histoire“ befragt wurde, warum er den 100. Jahrestag der Schlacht von Verdun an der Seite der Bundeskanzlerin begehe. Vor 50 Jahren, am 29. Mai 1966, sagte Hollande in der Radiosendung, wollte Präsident Charles de Gaulle keinen Repräsentanten des früheren Feindes in Verdun dabei haben. An die französischen Veteranen, die in großer Zahl gekommen waren, richtete er aber eine Versöhnungsbotschaft. „Letzten Endes müssen Franzosen und Deutsche erkennen, dass die Früchte ihrer Kämpfe nur Schmerzen waren“, sagte de Gaulle in seiner Rede zum 50. Jahrestag.

Schlacht von Verdun
Von der Knochenmühle zum Beinhaus

Für die Neuntklässler Sandra Huber und Ilmije Redzepova von der Gerhard-Thielke-Realschule aus Neckargemünd steht fest, „dass es nie wieder Krieg zwischen Frankreich und Deutschland geben darf“. Die beiden Mädchen zählen zu den 1000 Jugendlichen aus Deutschland, die mit 2500 französischen Jugendlichen zu der Gedenkfeier eingeladen wurden. Drei Tage lang haben sie in einem Zeltdorf am Stadtrand von Verdun dazu gearbeitet, „was Verdun uns nach 100 Jahren noch zu sagen hat“, wie es Sandra formuliert. Sie ist gerade dabei, Versatzstücke aus Feldpostbriefen von Weltkriegssoldaten zu einer Collage zusammenzufügen. Sie spricht kein Französisch und muss sich per Handzeichen mit ihrem französischen Gegenüber verständigen, die kein Deutsch spricht. Gruppenleiterin Ines Grau von der „Aktion Sühnezeichen“, sagt, diese anfängliche „Sprachlosigkeit“ sei durchaus gewünscht. Denn es sollten sich junge Franzosen und Deutsche begegnen, die nicht ohnehin durch Sprachförderung oder Familienreisen einen Zugang zum Nachbarn gefunden hätten.

„Friedensarbeit beginnt mit jeder Generation wieder von vorn“, sagt Markus Ingenlath, der Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW). Emma-Louise Neumann-Marquine und Charlotte Becker verstehen sich bereits als deutsch-französische Brückenbauerinnnen. Die beiden Schülerinnen vom Deutsch-Französischen Gymnasium in Saarbrücken wachsen zweisprachig auf und sie sind stolz darauf, den Präsidenten und die Bundeskanzlerin in das Beinhaus von Douaumont begleiten zu dürfen.

„Verdun hat sich einer Opferrolle gesehen“

„Über Verdun wusste ich nicht viel. Aber als er von meiner Reise erfuhr, hat mir mein Vater das Eiserne Kreuz meines Ururgroßvaters gezeigt, das er geerbt hat“, sagt Charlotte. Sie findet, dass noch immer viel mehr über den Zweiten Weltkrieg als über den Ersten im Geschichtsunterricht gesprochen wird. Als im März 2008 der letzte französische Veteran des Ersten Weltkriegs, Lazare Ponticelli, starb, würdigte ihn der damalige Präsident Sarkozy mit einer nationalen Gedenkfeier im Invalidendom. Wenige Wochen zuvor war der letzte deutsche Veteran, Erich Kästner, ohne öffentliche Anteilnahme beerdigt worden. „Aber jetzt interessieren wir uns auch wieder mehr für den Ersten Weltkrieg“, sagt Emma-Louise. Die beiden Mädchen wirkten auch an der Choreographie mit, die der deutsche Regisseur Völker Schlöndorff mit den 3500 Jugendlichen für die Gedenkfeier vorbereitet hat. „Das Wichtigste ist eigentlich, dass man die Zeremonie Politikern und Militärs wegnimmt und den Jugendlichen gibt“, sagte Schlöndorff.

Erster Weltkrieg
Die Hölle von Verdun

Nur wer die Vergangenheit gut kennt, kann auch Lehren aus ihr ziehen und damit dann eine gute Zukunft gestalten“, mahnte Angela Merkel im Rathaus von Verdun. Sie war die erste deutsche Regierungschefin, die in das feierlich geschmückte Rathaus eingeladen wurde. Der sozialistische Bürgermeister Samuel Hazard sagte, lange habe sich Verdun in einer besonderen Opferrolle gefühlt und es deshalb auch abgelehnt, über eine Städtepartnerschaft mit einer deutschen Kommune aktiv am Versöhnungsprozess teilzunehmen.

Auf der Brücke über die Maas haben sich da schon Hunderte Schulkinder aufgereiht. Sie singen für die Bundeskanzlerin und den Präsidenten die beiden Nationalhymnen. „Verdun ist nicht in einem Totenkult erstarrt, sondern hat ständig nach vorn geblickt, um seine Friedensmission zu erfüllen“, äußert Präsident Hollande. „Es ist schön und alles andere als selbstverständlich, in freundliche Gesichter blicken zu dürfen, an einem so geschichts- und symbolträchtigen Ort wie diesem“, sagt die Bundeskanzlerin.

Quelle: F.A.Z.
Michaela Wiegel
Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.
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