© Picture-Alliance

Zwei „Gottgesandte“ für einen totalen Krieg

Von RAINER BLASIUS

31.08.2016 · Vor 100 Jahren konnten die Generäle Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff den Kaiser faktisch entmachten.

Ende August 1916 musste Kaiser Wilhelm II., der vor einem Nervenzusammenbruch stand, mehr oder weniger dazu gezwungen werden, den Chef des Generalstabes des Feldheeres, Erich von Falkenhayn, der seit Ende 1914 im Amt war, abzulösen. Er berief die seit Kriegsbeginn dritte „Oberste Heeresleitung“ mit Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff. Während Generalfeldmarschall Hindenburg fortan offiziell als Generalstabschef agierte, wählte General Ludendorff die Bezeichnung „Erster Generalquartiermeister“ – den Titel hatten vor ihm nur Scharnhorst und Gneisenau geführt, zwei Helden des Befreiungskriegs gegen Napoleon.

Deutschland war begeistert. Künftig sollte die „kaiserliche Streitmacht“ von zwei „Gottgesandten“ geführt werden. Spiritus Rector dieser Sichtweise war der protestantische Theologe Eugen Fischer-Baling. Für ihn verkörperte der bei Kriegsbeginn aus dem Ruhestand reaktivierte Hindenburg „Gott-Vater“ und dessen Stabschef Ludendorff, der seit der Eroberung Lüttichs Anfang August 1914 das Ansehen eines Kriegshelden genoss, den „Heiligen Geist“. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit, der die beiden Feldherrn bis kurz vor der Kriegsniederlage im Herbst 1918 umgab, ging zurück auf 1914. An der Front im Osten hatte die zahlenmäßig weit unterlegene deutsche 8. Armee vom 26. bis 30.August bei Tannenberg eine von zwei russischen Armeen, die nach Ostpreußen eingedrungen waren und auf Berlin vorstoßen sollten, geschlagen. Eine Woche später konnte einer russischen Armee bei den Masurischen Seen schwere Verluste zugefügt und diese dann zur Räumung des preußischen Kronlandes gezwungen werden.

© epd Ein Nimbus entsteht: Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (3. v. re.) und sein Stabschef Erich Ludendorff (li. von ihm) bei der Schlacht von Tannenberg, die im August 1914 mit einem klaren Sieg der 8. deutschen Armee über zwei nach Westen vorstoßende Armeen des russischen Zaren endete.

Damit war dank eines von Ludendorff stammenden Feldzug-Plans die Gefahr einer Besetzung der Reichshauptstadt gebannt worden. Hindenburg und Ludendorff galten als „Retter des Vaterlandes“. Die Truppen des „Oberbefehlshabers Ost“ – so Hindenburgs Dienstbezeichnung seit dem 30. Oktober 1914 – gingen im November erfolgreich zur Offensive über. Bis September 1915 gelang es, weite Teile des Baltikums und Russisch-Polens zu besetzen, die als „Land Ober Ost“ bezeichnet wurden. „Insgesamt entsprach die Größe des seither von Kowno aus verwalteten Gebietes der Fläche Bayerns, Württembergs und Badens. Allerdings war die Bevölkerungszahl ungleich geringer. Von den ursprünglich 4,2 Millionen Einwohnern war die Hälfte vor den Deutschen geflüchtet und den russischen Truppen auf ihrem Rückzug gefolgt“, sagt der Dresdener Ludendorff-Biograph Manfred Nebelin.

An der Spitze der Verwaltung stand formal Hindenburg, aber faktisch traf Ludendorff die Entscheidungen, der „ungekrönte König von Ober Ost“. Trotz der militärischen Erfolge konnte das Feldherrn-Duo das Hauptziel, eine Niederwerfung Russlands bis 1916, nicht erreichen, nicht zuletzt weil ihr direkter Vorgesetzter, Generalstabschef Falkenhayn, auf die laut Schlieffen-Plan vorgesehene Abfolge der Schlachten – erst Sieg im Westen, dann im Osten – fixiert blieb und an der Westfront keine Truppen entbehren wollte.

© Picture-Alliance Erich von Falkenhayn genießt bis in den späten Sommer 1916 hinein das Vertrauen des Kaisers, obwohl sich der von ihm erstrebte Sieg im Westen immer deutlicher als unerreichbar abzeichnet. Als die Südostfront Ende August in die Krise stürzt und der Generalstabschefs keinen Ausweg mehr weiß, überträgt Wilhelm II. Hindenburg de facto seine Rolle als oberster Kriegsherr und macht Ludendorff zum neuen Chef des Generalstabs.

Allerdings gelang es dem deutschen Ostheer mehrfach, den in Galizien in Bedrängnis geratenen österreichisch-ungarischen Truppen aus der Bredouille zu helfen. Trotz vieler Rückschläge entzog sich aber der Generalstabschef der Wiener Doppelmonarchie, Franz Conrad von Hötzendorf, der Forderung Hindenburgs und Ludendorffs nach einem einheitlichen Oberbefehl. Das änderte sich im Juli 1916 mit der Niederlage der Österreicher bei Luck. Als Reaktion wurde Hindenburg am 1.August mit dem Oberbefehl im Osten betraut: Ihm unterstand die 1000 Kilometer lange Front von Riga bis Tarnopol.

In den ersten zwei Kriegsjahren strahlte die Gloriole der Feldherren so hell wegen der trostlosen Lage an der Westfront. Falkenhayns Ermattungsstrategie scheiterte vor Verdun. Die durch die Schlacht an der Somme von den Engländern ausgehende Bedrohung konnte nicht abgewehrt werden. Obwohl Hindenburg und Ludendorff mit strategischen Alternativvorschlägen an den „Obersten Kriegsherrn“ herantraten, hielt der Kaiser an Falkenhayn fest. Das änderte sich erst mit der Kriegserklärung Rumäniens an Österreich-Ungarn und Deutschland am 27. August 1916. Am folgenden Tag konnte Falkenhayn dem besorgten Kaiser – „Das bedeutet das Ende des Krieges! Österreich wird Frieden schließen müssen!“ – keinen überzeugenden Lösungsvorschlag für die Krise im Südosten der Front unterbreiten.

  • © Picture-Alliance Verwundete Soldaten bei Verdun 1916
  • © Reuters Kanadische Soldaten in ihren Stellungen bei der Schlacht an der Somme, Juli 1916
  • © dpa Schwere britische Artillerie feuert im August 1916 bei Fricourt-Mametz, Frankreich, während der Schlacht an der Somme.
  • © dpa Britische Soldaten mit Gasmasken liegen im Juli 1916 in der Nähe von Olliviers, Frankreich, während der Schlacht an der Somme hinter einem Vickers Maschinengewehr.

Der glänzend informierte Literat, Kunstmäzen und Diplomat Harry Graf Kessler hielt in seinem Tagebuch fest, welche „intimsten Details von den letzten Umwälzungen im Hauptquartier“ damals kursierten. Kurz nach der Kriegserklärung Rumäniens habe der Chef des kaiserlichen Militärkabinetts, Generaloberst Moritz von Lyncker, dem Monarchen gesagt: „Wenn er jetzt Hindenburg nicht empfange, sondern ihn gehen ließe, dann riskiere er seine Krone. Daraufhin sei Hindenburg zum Vortrag befohlen worden. Der Kaiser habe ihn in Gegenwart von Falkenhayn empfangen. Es sei zu sehr erregten Auseinandersetzungen gekommen. Hindenburg habe Falkenhayn gesagt, seine Operationen im Westen seien ,jeden strategischen Gedankens bar‘. Schließlich habe Falkenhayn in höchster Erregung gerufen: ,Wenn der Marschall es besser machen kann und noch Mut und Lust zu dieser Aufgabe hat, so soll er sie übernehmen!‘ Worauf ihm Hindenburg erwidert habe: ,An Mut hat es mir bisher, soviel ich weiß, nie gefehlt; aber die Lust an meiner Aufgabe haben Eure Exzellenz mir allerdings oft zu verderben gewusst.‘ Daraufhin sei Falkenhayn hinausgestürzt. Hindenburg habe aber seinen Vortrag fortgesetzt und dem Kaiser gesagt: er stehe dafür, dass er die Sache zu einem guten Ende führen könne. Der Kaiser, der sehr deprimiert war und sogar geschluchzt haben soll, soll am Schluss des Vortrags wieder ganz aufgeheitert gewesen sein und den Feldmarschall in seine Arme geschlossen haben; Falkenhayn aber habe sich ins Bett gelegt.“

Kessler gestand selbst ein, die Schilderung klinge nach Schillers „Wallenstein“ – um anschließend über die Bedeutung der Berufung Hindenburgs und Ludendorffs vom 29.August zu urteilen: „Tatsächlich handelt es sich um einen Staatsstreich, durch den Hindenburg an die Stelle des Kaisers als Oberster Kriegsherr getreten und Ludendorff Chef des Generalstabes geworden ist. (...) Zweifellos bedeutet die Diktatur Hindenburgs eine ganz unberechenbar große Stärkung nach außen und innen.“ Kessler blendete allerdings die Rolle des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, der den Kaiser zuvor unter Druck gesetzt hatte, bei Falkenhayns Entlassung aus. Der Kanzler erhoffte sich vom Feldherrn-Duo eine günstige Kriegsentscheidung – wenigstens eine Beendigung des Krieges auf der Basis des Status quo ante August 1914, obwohl die Reichsleitung der Öffentlichkeit seit Herbst 1914 große Siegesillusionen gemacht hatte.

© Picture-Alliance Kaiser Wilhelm II. (Mitte) in einer Lagebesprechung 1917 mit Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (links) und General Erich Ludendorff.

Aus militärischer Sicht erfüllten sich zunächst die Hoffnungen, die man in die „Männer mit den schweren Gesichtern“ (so der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn) gesetzt hatte. Sie befahlen einen Offensiv-Stoß, der bis Dezember 1916 zur Besetzung des größten Teils von Rumänien führte. „Fortan glich das an Rohöl-Vorkommen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen reiche Land einer Kolonie der Mittelmächte, die es hemmungslos auspressten“, sagt Ludendorff-Kenner Nebelin. „Wie auf dem Balkan, so konnte auch an der Front im Westen bis zum Jahresende eine Stabilisierung der Lage erreicht werden.“ Der gescheiterte „Angriff“ auf Verdun wurde eingestellt, und auch die Somme-Offensive der Alliierten ebbte wegen der deutschen Gegenwehr ab. Diese schwierigen Entscheidungen wurden allgemein akzeptiert. Denn Hindenburg und Ludendorff ließen keinen Zweifel am „Endsieg“ als Ziel aufkommen. Dies stellte eine Verfügung vom 22.November 1916 für sämtliche Generalstäbe des Heeres heraus, die aus Ludendorffs Feder stammte: „Der Krieg ist in der Hauptsache ein Erschöpfungskrieg geworden. Der Vernichtungsgedanke sucht so sein Ziel zu erreichen.“ Der „Angriffskampf“ hingegen bleibe „unser militärisches Zukunftsideal“.

© http://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf.html / Bearbeitung F.A.Z. Deutschlands Versuch, Frankreich in Verdun zu ermatten, scheitert. Im Gegenzug suchen die Gegner der Entente 1916, die Mittelmächte mit großen Offensiven zurückzudrängen.

Zunächst hielten die Generale eine totale Mobilisierung für unabdingbar. Die eingeforderte nationale Kraftanstrengung schlug sich im Hindenburg-Programm und im Gesetz über den Vaterländischen Hilfsdienst vom 5. Dezember 1916 nieder. Das Hindenburg-Programm führte zu einer enormen Steigerung der Rüstungsgüterproduktion und erfüllte eine Zusicherung Walther Rathenaus vom 31. August 1916, „dass unsere deutsche Wirtschaft im Stande ist, noch immer ein mehrfaches des geforderten Kriegsmaterials herzugeben“. Sogar die Gewerkschaften stimmten der Arbeitspflicht für alle männlichen Deutschen im Alter von 17 bis 60 Jahren zu. Nur die Heranziehung der Frauen konnte wegen der ablehnenden Haltung der Kirchen nicht durchgesetzt werden.

Die Zugeständnisse trotzten Hindenburg und Ludendorff den Interessenverbänden vor allem durch Hinweise auf die fatalen Folgen einer Niederlage ab. In diesem Fall – so meinte der Generalfeldmarschall am 1. November, wenige Tage vor der entscheidenden Debatte über das Hilfsdienstgesetz im Reichstag – würde Deutschland „aus der Geschichte der Völker gestrichen und wirtschaftlich zu völliger Abhängigkeit verurteilt sein“. Und Ludendorff sagte Gesprächspartnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur gebetsmühlenartig, „dass spätestens die ersten Monate des kommenden Jahres einen Kampf bringen werden, der über Sein und Nichtsein des deutschen Volkes entscheiden wird“.

Bis zu dieser „Entscheidung“ vergingen noch fast zwei Jahre. Erst am 28. September 1918 gestand Ludendorff ein, dass der Krieg verloren sei. Durch die Entlassung des „Ersten Generalquartiermeisters“ am 26. Oktober 1918 eroberte Reichskanzler Prinz Max von Baden der Politik den Primat im Staat zurück. „Der Sturz des auch als Diktator bezeichneten Generals Ludendorff wäre ohne den Generalfeldmarschall nicht möglich gewesen“, sagt Historiker Manfred Nebelin. „Um weiteren Schaden von Kaiser und Reich abzuwenden, stieg Hindenburg gleichsam von dem Sockel, auf den die Propaganda ihn gehoben hatte, auf den Boden der Tatsachen hinab.“

  • © Picture-Alliance Unversöhnbar mit der Republik: Putschisten am Brandenburger Tor um sieben Uhr morgens am 13. März 1920. Der Kapp-Putsch war ein vom 13. bis 17. März 1920 dauernder, rechtsradikaler Umsturzversuch unter Wolfgang Kapp und General W. Freiherr von Lüttwitz. Erich Ludendorff nahm daran teil.
  • © Picture-Alliance Blick auf den Potsdamer Platz während des Putsches.

Allen Differenzen zum Trotz verstanden Hindenburg und Ludendorff es geschickt, jede Mitverantwortung für die Katastrophe weit von sich zu weisen. Stattdessen machten sie das Erlahmen der „Heimatfront“ sowie das Versagen der Parteien verantwortlich, die sie als „Novemberverbrecher“ diffamierten. Diese Sicht, die als „Dolchstoßlegende“ berühmt wurde, vertraten beide am 18. November 1919 vor dem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung. Auch später lehnten sie die Weimarer Republik ab. Dabei schreckte Ludendorff 1920 und 1923 vor der Anwendung von Gewalt nicht zurück. Seine Teilnahme am Kapp-Lüttwitz-Putsch und am Hitler-Putsch zeugten davon. Nach dem Bruch mit Hitler, der ihn 1925 bei seiner Kandidatur für das Amt des Reichspräsidenten nicht unterstützt hatte, zog sich Ludendorff enttäuscht aus der aktiven Politik zurück. Zur selben Zeit erlebte Hindenburg seine Wiederauferstehung. Am 27.April 1925 wurde er zum Reichspräsidenten gewählt. Das Amt bekleidete er bis zu seinem Tod am 2. August 1934. Mit der Übertragung der Kanzlerschaft an Hitler am 30.Januar 1933 trug er zur Entstehung des „Dritten Reiches“ bei. Die „Gottgesandten“ des Kaiserreichs dürfen also beide als Totengräber der Republik angesehen werden.

© AP Totengräber der Republik: Generalfeldmarschall und Reichspräsident Paul von Hindenburg trug mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler dazu bei, das Deutsche Reich in eine Diktatur zu führen. Die Aufnahme zeigt beide bei einem Autokorso zum „Tag der Arbeit“ am 01. Mai 1933 im Berliner Lustgarten.

Inhalte werden geladen.
Quelle: F.A.Z.