Woodrow Wilsons 14 Punkte

Der Weltkrieg war stärker

Von Peter Sturm
 - 12:34

Die Weltgeschichte ist voller (angeblich) „verpasster Chancen“. Die wissende Nachwelt fällt mit diesem Begriff manch vernichtendes Urteil über Akteure der Vergangenheit. Schaut man aber genauer hin, kommen die so Geschmähten oft besser weg als ihre späten Kritiker. Einer, über den die Nachwelt mit einer Mischung aus Bedauern und Herablassung geurteilt hat, ist Woodrow Wilson; frei nach dem Motto, dass gut gemeint meist das Gegenteil von gut sei.

Und gut gemeint war das, was der amerikanische Präsident vor genau hundert Jahre vor beiden Häusern des Kongresses in Washington verkündete, ganz gewiss. Dass die „14 Punkte“, mit denen Wilson einen Ausweg aus dem Ersten Weltkrieg suchte, der zu dem Zeitpunkt schon mehr als drei Jahre tobte, aber reinster amerikanischer Altruismus gewesen seien, wird man nicht behaupten können. Vielmehr proklamierte der Präsident Grundsätze, die in der Tat – so der Untertitel einer neuen Wilson-Biographie – eine „Neuordnung der Welt“ bedeutet hätten.

Die Missgunst der Alliierten

Im Abstand von hundert Jahren klingen Forderungen wie die Absage an Geheimdiplomatie, die Freiheit der Meere und der Abbau von Handelshemmnissen so wenig revolutionär wie die allgemeine Forderung nach internationaler Abrüstung. Aber in der Situation des Jahres 1917 waren das Dinge, die für die wichtigsten kriegführenden Mächte sehr gewöhnungsbedürftig waren.

Unerfreuliches bargen die 14 Punkte vor allem für die Kolonialmächte. Denn sie waren zwar bereit, das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung auf die einzelnen Teile des österreichisch-ungarischen Vielvölkerreiches anzuwenden, gegen das sie ja Krieg führten. Die eigenen Kolonien auf allen Kontinenten sollten aber nicht in den Genuss dieses Rechts kommen. Allenfalls waren Großbritannien und Frankreich bereit, ihren Untertanen auf anderen Kontinenten für eine ferne Zukunft so etwas wie Selbstverwaltung und in noch fernerer Zukunft die Selbstbestimmung zuzugestehen. Ausnahmen machte Großbritannien nur für die „weißen“ Territorien Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika, wobei diese Charakterisierung zumindest für den letztgenannten Fall fragwürdig war. Wilsons Programm war also, wenn man so will, revolutionär. Er stellte es zu einer Zeit vor, da ein anderes Modell, das sowjetisch-bolschewistische, die Welt aus den Angeln zu heben suchte und überall Unruhe stiftete.

Ob Wilsons Programm für das von der alliierten Übermacht (seit einigen Monaten gehörten auch die Vereinigten Staaten zu den Kriegsgegnern) bedrängte Deutschland eine jener „Chancen“ darstellte, über die gerne gesprochen wird, wird man nie erfahren. Sicher ist, dass die Verbündeten der Amerikaner, voran Frankreich, nicht geneigt waren, dem Land, dem sie die alleinige Schuld am Kriegsausbruch gegeben hatten, das zu gewähren, was man „ehrenvolle Bedingungen“ genannt hätte. Aber die deutsche Regierung verscherzte sich jegliche Restsympathien auf alliierter Seite, weil sie – noch dazu genau in der Zeit, als Wilson seine Vorschläge präsentierte – dem revolutionären Russland einen Friedensvertrag diktierte, der noch voll und ganz den Geist des Imperialismus der Vorkriegszeit atmete. Zwar war auch in dem Abkommen, das schließlich in Brest-Litowsk unterzeichnet wurde, von „nationaler Selbstbestimmung“ die Rede. Die deutsche Regierung verstand darunter aber letztlich eigene Protektorate über Gebiete, die sich aus der Konkursmasse des russischen Zarenreichs herausgelöst hatten und jetzt nicht von Lenins Revolutionären regiert zu werden wünschten. Als Deutschland dann im Herbst 1918 um einen Frieden auf der Basis der 14 Punkte bat, tendierte die Bereitschaft dazu auf der Gegenseite endgültig gegen null.

Nicht Woodrow Wilsons Schuld

Die Voraussetzungen für einen „Wilson-Frieden“ waren aber von Anfang an auf allen Seiten ungünstig. Unglücklicherweise kam noch ein inneramerikanischer Aspekt hinzu. Wilson schwebte eine internationale Organisation vor, die sich dann unter dem Namen „Völkerbund“ tatsächlich konstituierte. Die Charta des Völkerbundes war Bestandteil des Friedensvertrages mit Deutschland. Die nötige Mehrheit zur Billigung des Vertrages im amerikanischen Senat kam aber nicht zustande. Deshalb traten die Vereinigten Staaten nicht dem Völkerbund bei, der sich – das ist wieder so eine Erkenntnis der wissenden Nachwelt – in der Praxis den Konflikten der Welt kaum gewachsen zeigte.

Die 14 Punkte waren einerseits der Versuch, eine liberale Weltordnung zu etablieren. Das hätte aber ein Maß an Kooperationsbereitschaft der (noch) maßgebenden europäischen Mächte vorausgesetzt, zu dem diese nicht bereit waren. Wahrscheinlich sahen sie auch keine akute Notwendigkeit zu wirklich substantiellen Zugeständnissen, denn ihre Macht hatten sie ja nicht durch einen politischen Kuschelkurs, sondern durch robuste und zuweilen brutale Anwendung von Macht erlangt. Zudem lag am Ende des Weltkrieges im November 1918 Deutschland am Boden – jenes Deutschland, das in den Augen der Alliierten das internationale System durch seine provozierend schnelle Aufrüstung ins Chaos gestürzt hatte.

Die 14 Punkte waren andererseits aber auch kühle amerikanische Interessenpolitik. Eine „Neuordnung der Welt“ lag im amerikanischen Interesse. Sie war 1918 im Grunde auch fällig, denn selbst die Sieger des Ersten Weltkrieges waren nur noch nach außen stärker denn je. Ihre Position war jedenfalls längst nicht mehr vergleichbar mit der, die sie in der Welt vor 1914 innegehabt hatten. Die Vereinigten Staaten waren zwar erst 1917 in den Krieg eingetreten. Aber die Kräfteverhältnisse in der Welt hatten sich schon zuvor deutlich verschoben. Europa war zwar sehr „erfolgreich“ darin, sich selbst zu zerstören. Es konnte aber die Mittel dafür längst nicht mehr aus eigener Kraft aufbringen. Die Vereinigten Staaten waren zur großen Gläubigernation aufgestiegen. Das verlieh Washington einerseits große Macht über die alten Weltbeherrscher. Aber es musste eben auch großes Interesse daran haben, dass die Schulden zurückbezahlt werden konnten. Und da Wohlstand nur dann entstehen kann, wenn der Wirtschaftskreislauf einigermaßen geordnet läuft, hatte Washington nichts davon, wenn eine Kriegspartei die andere in den Ruin treibt.

Dass es am Ende genau so gekommen ist, dass die „Neuordnung der Welt“, wenn überhaupt, erst nach 1945 gelungen ist, sollte man nicht Woodrow Wilson in die Schuhe schieben. Er hatte eine Vorstellung davon, wie es werden könnte, die aber weder in den Vereinigten Staaten noch in anderen Ländern mehrheitsfähig war. Insofern könnte man die 14 Punkte natürlich als „verpasste Chance“ einstufen. Aber verpassen kann man nur etwas, was real vorhanden ist. Womöglich war die Welt 1918 reif für eine Wilsonsche Neuordnung, ihre Herrscher waren es nicht.

Quelle: F.A.Z.
Peter Sturm
Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.
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