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70 Jahre Kriegsende

Bonn und der 8. Mai

Von Rainer Blasius
 - 16:50
Bonn und der 8. Mai Bild: dpa, F.A.Z.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerten sich die beiden Teile Deutschlands über Jahrzehnte in offiziellen Verlautbarungen sehr gegensätzlich an den Untergang des Hitler-Reiches. Ost-Berlin beging den 8. Mai als „Tag der Befreiung“, einen Feiertag, bei dem sich das SED-Regime gegen die „faschistisch-imperialistische“ Bundesrepublik positionierte. Schon deshalb taten sich in Bonn Politiker schwer, eine Befreiungsperspektive einzunehmen: sie widersprach auch den Erfahrungen vieler Zeitgenossen. Das westdeutsche Gedenken verharrte in den Kategorien Zusammenbruch, Heimatverlust und Teilung des Landes, während die einzelnen Bundesregierungen sich zur Verantwortung für die Menschheitsverbrechen aus der nationalsozialistischen Zeit und zur „Wiedergutmachung“ bekannten.

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Ein alliiertes Kriegsziel, das deutsche Volk zu befreien, gab es übrigens nicht - obwohl der sowjetische Staats- und Parteichef Stalin im Tagesbefehl an die Rote Armee Ende Februar 1942 es als lächerlich bezeichnete, „die Hitler-Clique mit dem deutschen Volk, mit dem deutschen Staat gleichzusetzen“ („die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk und der deutsche Staat bleiben“). Die Anti-Hitler-Koalition hielt an der 1943 in Casablanca erhobenen Forderung nach „bedingungsloser Kapitulation“ der Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan fest. Dazu stellte der britische Premierminister Churchill 1944 klar, dass eine bedingungslose Kapitulation nicht darauf hinausliefe, das deutsche Volk zu versklaven oder zu vernichten. Vielmehr seien „die Alliierten im Augenblick der Kapitulation den Deutschen gegenüber durch keinen Pakt und keine Verpflichtung gebunden“, sondern nur durch ihr „eigenes Gewissen der Kultur gegenüber“.

Das Kriegsende in Europa wurde im Frühjahr 1945 doppelt besiegelt. Die erste bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht erfolgte am 7. Mai durch Generaloberst Alfred Jodl, den Chef des Wehrmachtführungsstabes, im Hauptquartier des amerikanischen Oberbefehlshabers Eisenhower in Reims. Aus Prestigegründen und aus Misstrauen gegenüber den westlichen Alliierten bestand Stalin auf einer zweiten Zeremonie, die Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, vor alliierten Generalen im sowjetischen Hauptquartier Karlshorst in der Nacht vom 8. Mai auf den 9. Mai um 00.16 Uhr vollzog.

In Großbritannien und in den Vereinigten Staaten ist der 8. Mai als „Victory in Europe Day“ in das kollektive Gedächtnis eingegangen. Die Sowjetunion beging (wie heutzutage Russland) den 9. Mai als „Tag des Sieges“. In ihrem Herrschaftsbereich setzte sich die „antifaschistische“ Kampf-Formel vom „Tag der Befreiung“ durch, zumal Stalin noch im Mai 1945 versicherte, er beabsichtige nicht, „Deutschland zu zerstückeln oder zu vernichten“. Damit rückte er öffentlich von alliierten Teilungsplänen ab, die er im Februar 1945 auf der Konferenz von Jalta gutgeheißen hatte. Die aus dem Exil in Moskau nach Berlin eingeflogene kommunistische Gruppe Ulbricht konnte in der sowjetischen Besatzungszone bald gewaltsam Fuß fassen und unter formeller Wahrung der Selbständigkeit anderer Parteien, die den „Antifa-Block“ bilden mussten, das SED-Regime etablieren.

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Im Frühjahr 1949 war die Anti-Hitler-Koalition längst zerbrochen. Vom Kalten Krieg profitierten die drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands und durften sich zusammenschließen. Am 8. Mai befasste sich in Bonn das Plenum des Parlamentarischen Rats mit dem Grundgesetz. Die Sitzung eröffnete der CDU-Politiker Konrad Adenauer. Den Antrag der KPD, sofort mit Ost-Berlin „gesamtdeutsche Fragen“ zu erörtern, schmetterte Carlo Schmid (SPD) mit dem Hinweis auf die dortige „Einheitsmeinung in einer Einheitspartei“ ab: „Preußen-Deutschland“ dürfe nicht durch ein „Karlshorst-Deutschland“ abgelöst werden. Theodor Heuss (FDP) erinnerte an die Kapitulation vor vier Jahren. Er frage sich, „ob man das Symbol greifen soll, das in solchem Tag liegen kann“. Danach fielen seine berühmten Worte: „Im Grunde genommen bleibt dieser 8. Mai 1945 die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns. Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.“ Nach einer langen Debatte wurde kurz vor Mitternacht das Grundgesetz der Bundesrepublik mit 53 Jastimmen gegen 12 Neinstimmen angenommen.

Der im September 1949 zum Bundespräsidenten gewählte Heuss führte alsbald „Feldzüge gegen das Vergessen“ - ohne jedoch in der Frage der Täter für die NS-Verbrechen jemals konkret zu werden. Wichtig war sein Besuch im Konzentrationslager Bergen-Belsen am 30. November 1952. Auch dort wies er die These von der „Kollektivschuld“ aller Deutschen zurück und warb für den Begriff der „Kollektivscham“: Die Juden „werden nie, sie können nie vergessen, was ihnen angetan wurde; die Deutschen dürfen nie vergessen, was von Menschen ihrer Volkszugehörigkeit in diesen schamreichen Jahren geschah“. Dann zählte Heuss Namen der Konzentrationslager auf und sagte: „Wir haben von den Dingen gewusst.“

Schon im Mai 1955 stand in Bonn nicht mehr der „runde“ Jahrestag des Kriegsendes, sondern das nahende Ende des Besatzungsregimes im Vordergrund. Immerhin gedachte die Regierung Adenauer in der Erklärung zum Tag der Souveränität am 5. Mai der „Millionen Deutschen, die gezwungen sind, getrennt von uns in Unfreiheit und Rechtlosigkeit zu leben“. Und Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier (CDU), Überlebender des Widerstands gegen Hitler, wagte einen Blick zurück: „Weil das deutsche Volk im Jahr 1933 seine Rechtssicherheit und seine innere Freiheit an eine totalitäre Diktatur verlor, hat es Jahre danach - am 8. Mai 1945 - auch seine äußere Freiheit verloren.“ Der größere Teil Deutschlands erlange jetzt seine innere und äußere Freiheit zurück. In Ost-Berlin pries Ministerpräsident Otto Grotewohl beim Staatsakt zum „10. Befreiungstag“ die DDR als „Keim eines einigen, demokratischen und friedliebenden Deutschlands“. Adenauer meinte am 9. Mai 1955 in Paris bei der Aufnahme der Bundesrepublik in die Nato: „Das deutsche Volk hat die Untaten, die von einer verblendeten Führung in seinem Namen begangen wurden, mit unendlichen Leiden bezahlt. In diesen Leiden hat sich seine Läuterung und Wandlung vollzogen.“

Die CDU/FDP-Regierung unter Ludwig Erhard, der im mutigen Alleingang im Frühjahr 1965 diplomatische Beziehungen mit Israel aufgenommen hatte, hoffte im Mai - so Kanzler-Berater Horst Osterheld - darauf, dass die Westmächte zum 20. Jahrestag der deutschen Kapitulation eine „Deutschland-Erklärung abgäben; aber ihnen war das Gedenken an den Sieg über das Dritte Reich wichtiger, und sie verkündeten die gewünschte Erklärung erst vier Tage später, während der Konferenz der Nato-Außenminister in London“. Bundeskanzler Erhard wandte sich am 7. Mai über Rundfunk und Fernsehen an die Deutschen: In der heutigen Welt begreife kaum noch jemand, „dass Deutschland am 8. Mai 1945 geschlagen und gedemütigt am Boden lag“. Das gewaltsam zertrennte Volk müsse seine Einheit zurückgewinnen. Wenn „mit der Niederwerfung Hitler-Deutschlands Unrecht und Tyrannei aus der Welt getilgt worden wären, dann allerdings hätte die ganze Menschheit Grund genug, den 8. Mai als einen Gedenktag der Befreiung zu feiern. Wir alle wissen, wie weit die Wirklichkeit davon entfernt ist.“

Am selben Tag schimpfte der SPD-Vorsitzende Willy Brandt in Wiesbaden auf ostdeutsche Kommunisten, die mit ihrer „Braunbuch“-Aktion über die belastende Vergangenheit westdeutscher Eliten zum propagandistischen Großangriff anträten: „Die Einheitspartei versucht, der Welt glauben zu machen, dass bei uns im Westen alles braun sei, während man in der Zone die richtigen Konsequenzen aus Krieg und NS-Diktatur gezogen habe.“ Die „Befreiung von Diktatur und Unrecht auch im sowjetisch besetzten Gebiet Deutschlands“ bleibe jedoch die Aufgabe der Deutschen: „Für uns bedeutet der Mai 1945 nicht nur, dass wir frei von etwas, sondern dass wir auch frei für etwas wurden: frei von Zwang, frei für die Würde der Menschen. In diesem Sinn hat die Zone den 8. Mai 1945 erst noch vor sich.“

Viel milder gestimmt gegenüber Ost-Berlin war das politische Bonn am 25. Jahrestag des Kriegsendes. Bundespräsident Gustav Heinemann (SPD), der als Mitglied der „Bekennenden Kirche“ dem Nationalsozialismus ferngestanden und 1947 besorgt formuliert hatte, „noch aus dem Grab heraus sitzt uns der tote Hitler an der Kehle“, ging am 6. Mai 1970 in seiner Ansprache vor dem Diplomatischen Corps kurz auf das „Dritte Reich“ ein. „Wir hatten unzählige dunkle Stunden zu ertragen, ehe die verbrecherische Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus von uns genommen wurde“, sagte er und erwähnte allgemein „Unmenschlichkeiten des Hitler-Regimes, das so viele in unserem Volke verblendete“.

Im Bundestag fand erstmals eine Gedenkveranstaltung statt. Brandt war seit wenigen Monaten Bundeskanzler. Der einstige Emigrant und Hitler-Gegner, der den 8. Mai 1945 in Stockholm erlebt hatte, empfahl im Zuge der sozialliberalen Ostpolitik einen nüchternen Blick auf die Geschichte: „Was in jenen Tagen vor 25 Jahren von unzähligen Deutschen neben der persönlichen als nationale Not empfunden wurde, war für andere Völker die Befreiung von Fremdherrschaft, von Terror und Angst. Auch für die Mehrheit des deutschen Volkes erwuchs die Chance zum Neubeginn, zur Schaffung rechtsstaatlicher und demokratischer Verhältnisse.“ Das war ein kleiner Seitenhieb gegen die DDR, den er zurücknahm, als er den Wiederaufbau im anderen Teil Deutschlands würdigte. Nicht zuletzt aus der Achtung davor „sollten sich gleichberechtigte Beziehungen zwischen den beiden Staaten in Deutschland gründen lassen“.

Nach Brandt ergriff für die CDU/CSU-Fraktion der damals 50 Jahre alte - und von Helmut Kohl protegierte - Richard von Weizsäcker das Wort. Der 8. Mai sei für die Deutschen kein Feiertag, aber ein neuer Anfang. Dieser Tag „beendete das sinnlose Sterben und die Zerstörungen eines Krieges, der fast 50 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte. Zugleich begannen neue schwere Leiden für viele unschuldige Menschen.“ Es gebe seither „eine neue Zwangsherrschaft“ auf deutschem Boden. Bonn müsse die „motorische Kraft“ zur Einigung eines freien Europa werden. „Unsere Freiheit“ solle der Versöhnung mit allen einstigen Gegnern dienen. „Mit ihr wollen wir allen Deutschen dazu verhelfen, ihre Lebensbedingungen und ihre Beziehungen zueinander selbst frei zu gestalten.“ Diese Freiheit - das wiederholte Weizsäcker 15 Jahre später fast wörtlich - „ist es, die uns mit Zuversicht erfüllt, dass der 8. Mai nicht das letzte Datum unserer Geschichte bleibt, das für alle Deutschen verbindlich war“.

Im Jahr 1970 wurden der Moskauer und der Warschauer Vertrag unterzeichnet, auch das Verhältnis zwischen Bonn und Ost-Berlin normalisierte sich hin zum Grundlagenvertrag. In jener Phase war der FDP-Politiker Walter Scheel Außenminister. Im Mai 1974 - wenige Tage nach Brandts Rücktritt - wurde er zum Bundespräsidenten gewählt. Der 1919 geborene Scheel war 1945 Oberleutnant der Luftwaffe und Adjutant gewesen. Er nahm den 30. Jahrestag des Kriegsendes zum Anlass für eine ausführlichere Betrachtung des Nationalsozialismus und war damit stilbildend für seine Nachfolger.

Scheel sagte am 6. Mai 1975 in der Schlosskirche der Universität Bonn im Beisein von Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) vor dem Diplomatischen Corps und vor Ehrengästen: „Unsere ehemaligen Gegner feiern diesen Tag. Die Opfer, die sie für den Sieg über das Unrecht erbracht hatten, geben ihnen das Recht dazu. Wir gedenken dieser Opfer und aller Toten des Krieges in Achtung und Ehrfurcht.“ 30 Jahre zuvor war Deutschland „zerschlagen, zerstört, verachtet, gehasst“: „Wir wurden von einem furchtbaren Joch befreit, von Krieg, Mord, Knechtschaft und Barbarei. Und wir atmeten auf, als dann das Ende kam. Aber wir vergessen nicht, dass diese Befreiung von außen kam, dass wir, die Deutschen, nicht fähig waren, selbst dieses Joch abzuschütteln, dass erst die halbe Welt zerstört werden musste, bevor Adolf Hitler von der Bühne der Geschichte gestoßen wurde.“ Daher hätten die Deutschen „keinen Anlass zu feiern“.

Scheel erwähnte einzelne Opfergruppen, nannte Zahlen der Toten und Vernichteten, hob Hitlers Willen zum Krieg hervor und den „in unserem Namen“ geschehenen „millionenfachen Mord, an Juden, Zigeunern, Geisteskranken, politischen Gefangenen und vielen anderen“. Der Bundespräsident streifte die Frage der Schuld, um darauf eine ausweichende Antwort zu geben: „Ob er sich darum schuldig fühlen oder sich dessen schämen will, das mag jeder Deutscher, der in dieser Zeit als verantwortlicher Mensch lebte, mit sich allein abmachen. Unser Volk hat für die zwölf Jahre der Gewaltherrschaft gebüßt.“ Vertreibung und deutsche Teilung nannte er unter den Folgen des „Dritten Reiches“. Laut Scheel begann „die deutsche Tragödie“ nicht erst 1945, sondern 1933; damals verlor Deutschland seine Ehre: „Wollten wir sie wiedergewinnen, dann mussten wir diese dunkle Zeit auf uns nehmen.“ Für ihn war 1945 der Tiefpunkt: „Fast alles, woran wir irrend geglaubt, wofür wir gekämpft hatten, war uns aus den Händen geschlagen worden.“ Hohen Respekt zollte er auch dem „Geist derer, die Widerstand geleistet hatten, auf dem wir unseren neuen Staat bauten“.

Scheels Ausführungen nahmen manches von dem vorweg, was Weizsäcker ein Jahrzehnt später vertiefte und popularisierte. Das lag nicht zuletzt an Scheels Redenschreiber Michael Engelhard. Der 1936 geborene Jurist, Goethe-Kenner und Puschkin-Übersetzer gehörte bis zum Jahr 2001 dem Auswärtigen Dienst an. Er verfasste fast alle präsidialen Reden Scheels. Das Staatsoberhaupt war laut Mathias Schreiber „in mancher seiner berühmten Reden kaum mehr als der Sprecher seines Schreibers“. Engelhard kehrte 1985 für zwei Jahre ins Bundespräsidialamt zurück, auch wegen Weizsäckers Rede zum 8. Mai: „Zu ihrer Vorbereitung hatte ich Gespräche aller Art geführt und viel gearbeitet, am intensivsten zusammen mit Michael Engelhard, einem Diplomaten unseres Auswärtigen Dienstes, den Walter Scheel mir empfohlen hatte und der dank seiner vollkommenen Unabhängigkeit im Denken und der Schärfe seines gewissenhaften Urteils ein unentbehrlicher Partner geworden war“, gestand Weizsäcker in seinen Memoiren ein.

Zur weithin ausgeblendeten Vorgeschichte der großen Weizsäcker-Rede zählt auch der „Bericht zur Lage der Nation im geteilten Deutschland“, den Kohl am 27. Februar 1985 im Bundestag vortrug. Hier bezeichnete der 1930 geborene Bundeskanzler den 8. Mai 1945 als „Tag der Erinnerung und der Trauer ebenso wie der Dankbarkeit und der Hoffnung“. Kohl zitierte das Heuss-Diktum „erlöst und vernichtet“, um sich danach - wie 1975 Scheel - mit der gängigen Ost-Berliner Sicht auseinanderzusetzen: „Die Deutschen waren befreit vom Schrecken des Krieges und von den tausend Verstrickungen, die der totalitäre NS-Staat geschaffen hatte. Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Aber Befreiung brachte er nicht allen. Unser Vaterland, die Mitte Europas, wurde geteilt. Für die Deutschen in der DDR und für unsere östlichen europäischen Nachbarn wurde der 8. Mai auf bisher unabsehbare Zeit zum Tag der Ablösung der einen Diktatur durch eine andere.“ Der 8. Mai 1949 stehe durch die Annahme des Grundgesetzes „auch für eine neue Chance, die wir im freien Teil unseres Vaterlandes erhalten haben“; Freiheit und Demokratie blieben der „Auftrag für ganz Deutschland und Europa“.

Wenige Wochen nach dieser Rede geriet Kohl wegen seiner Besuche mit dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan in der Gedenkstätte Bergen-Belsen und auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg - dort waren auch Angehörige der Waffen-SS bestattet - in mediales Kreuzfeuer. Daher fand sein Vortrag zum Kriegsende wenig Beachtung, den er am 21. April in Bergen-Belsen aus Anlass des 40. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers hielt. Kohl formulierte ähnlich wie Ende Februar im Bundestag: „Der Zusammenbruch der NS-Diktatur am 8. Mai 1945 wurde für die Deutschen ein Tag der Befreiung. Nicht allen aber verhieß er, wie es sich rasch erwies, neue Freiheit.“

Mit dieser Kritik am SED-Regime unterschied er sich vom Bundespräsidenten, der 17 Tage später im Bundestag konstatierte: Der 8. Mai 1945 „war ein Tag der Befreiung“, um erläuternd hinzuzufügen: „Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten.“ Weizsäcker verstärkte seine Ausrufung des 8. Mai zum „Tag der Befreiung“ durch die Redewendung „was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt“ - womit er sein eigenes Urteil als allgemeinverbindlich dekretierte oder wenigstens als Konsensangebot verstand.

Einen weiteren Höhepunkt der Rede bildete der Satz: „Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten.“ Damit sprach Weizsäcker - viel direkter als Heuss 1952 - die Deutschen als Mitwisser, Wegschauer und Zuschauer an. Im Gegensatz dazu hatte der frühere Hauptmann der Reserve und Adjutant in einem Elite-Regiment seinen eigenen Vater Ernst, der unter Ribbentrop Staatssekretär des Auswärtigen Amts gewesen und 1949 im Nürnberger „Wilhelmstraßen-Prozess“ wegen bürokratischer Mitwirkung an der Deportation von Juden aus Frankreich nach Auschwitz verurteilt worden war, stets mit Nichtwissen um die „Endlösung“ entschuldigt und zu einem Mann des Widerstandes stilisiert.

Der im Herbst 1998 abgewählte Kohl zeigte sich noch 2001 bei der Arbeit an seinen „Erinnerungen“ entrüstet über Weizsäckers „Anbiederungsrede“. Durch dessen „Bilderbuchrede fürs deutsche Schulbuch“ sei die Ansprache in Bergen-Belsen der Vergessenheit anheimgefallen. Das lag zum einen am glänzenden Vortragsstil Weizsäckers, der den richtigen Ton von Trauer und Mitgefühl getroffen hatte, zum anderen daran, dass er an den Schluss der bewegenden Totenrede einen nachdenklichen Appell stellte, der ihn selbst und seine Familiengeschichte einbezog: „Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.“ Außerdem verwies er auf deutsch-deutsche Gemeinsamkeiten: „Wir fühlen uns zusammengehörig, weil wir dieselbe Geschichte durchlebt haben. Auch den 8. Mai haben wir als gemeinsames Schicksal unseres Volkes erlebt, das uns eint.“ Um einen visionären Blick auf den Herbst 1989 handelte es sich (obwohl dies manchmal behauptet wird) dabei nicht, wenn auch die Rede insgesamt beim Wiedervereinigungsprozess hilfreich gewesen sein dürfte.

Es ist kurios, dass Kohl in seinen Memoiren quasi die Urheberschaft für Weizsäckers Rede beansprucht: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung, das hatte ich schon in Bergen-Belsen betont, und Bundespräsident Weizsäcker griff den Gedanken in einer großen Rede vor dem Bundestag am 8. Mai 1985 auf.“ Dem Präsidenten gelang allerdings viel mehr: Er würdigte die Opfer, zunächst rassisch und politisch Verfolgte, danach deutsche Gefallene, Vertriebene und Zivilisten, brachte Verständnis für die damals Lebenden und Überlebenden auf und korrigierte vor allem bei den Deutschen - wie der Zeithistoriker Anselm Doering-Manteuffel treffend urteilt - „die Einseitigkeit im Selbstverständnis der vermeintlichen Opfernation“. Trotzdem blieben bei Weizsäcker die Täterschaften weitestgehend im Dunkeln. An einer Stelle hieß es: „Die meisten Deutschen hatten geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden. Und nun sollte sich herausstellen: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient.“ Ambivalent klang etwa die Bemerkung: „Unser Schicksal lag in der Hand der Feinde.“ Weizsäcker ließ offen, wie das zum „Tag der Befreiung“ passte.

Eigentlich wollte Weizsäcker noch ein Problem hervorheben, das die Wirkung seiner Rede vielleicht verändert hätte. Davon erzählt Friedbert Pflüger, enger Mitarbeiter Weizsäckers und bis 1989 dessen Pressesprecher, in seinen Büchern „Richard von Weizsäcker. Ein Porträt aus der Nähe“ (1990) und „Richard von Weizsäcker. Mit der Macht der Moral“ (2010). Demnach hatte der Präsident die Absicht, „die Begnadigung des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß zu fordern“. Beim Thema Heß ging es ihm „ausschließlich um Gnade für den alten Mann, nicht etwa um Relativierung von Schuld und Mitwirkung“, weiß Pflüger und sieht dies vor dem Hintergrund der Biographie des Vaters Ernst.

Pflüger rief am 6. Mai 1985 abends wegen der „verheerenden Wirkung“ des Treffens Reagan/Kohl in Bitburg Weizsäcker an, weil er die Schlagzeile befürchtete: „Präsident fordert Freilassung des Hitler-Stellvertreters!“ Der Präsident „reagierte zuerst sichtlich genervt, weil er ja die Gegenargumente kannte“. Am 7. Mai holte Pflüger ein Meinungsbild im Präsidialamt ein, um ein weiteres Telefonat mit Weizsäcker zu führen, der nur „knurrte“: „Sie haben sie agitiert.“ Erst am Nachmittag lenkte er ein; die Heß-Sätze werde er „bei einer anderen Gelegenheit“ vortragen.

In der Weihnachtsansprache 1985 setzte sich Weizsäcker dafür ein, nach 23 Jahren im südafrikanischen Gefängnis doch endlich Nelson Mandela die „Freiheit zu geben“. Danach leitete er zu einem anderen Thema über, auf das ihn angeblich Berliner auf einem Weihnachtsmarkt angesprochen hätten - auf Heß im Spandauer Gefängnis: „Er war wahrscheinlich kein Kämpfer für Menschenrecht und Freiheit. Als Hitlers Stellvertreter wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Das entspricht unserem Rechtsempfinden. Doch nun verbüßt er seine Strafe seit 44 Jahren. Er ist ein 92-jähriger Greis.“ In der „Hitlerzeit“ habe es keine Gnade gegeben: „Und heute? Barmherzigkeit würde das Urteil über begangene Untaten nicht aufheben, sondern nur noch bekräftigen. ,Gnade ist die Stütze der Gerechtigkeit‘, so sagt es ein tiefes und großherziges russisches Sprichwort.“ Diese solle ihm 1986 zuteil werden - eine Initiative, die im Kreml kein Gehör fand. Heß setzte seinem Leben 1987 selbst ein Ende und stieg im wiedervereinigten Deutschland noch zu einer Ikone der Ewiggestrigen und Rechtsextremisten auf.

Zum 50. Jahrestag des Kriegsendes spielte die - bei „runden“ Daten in der alten Bonner Republik oft beschworene - Überwindung der Teilung keine Rolle mehr. Am Staatsakt 1995 in Berlin nahmen höchste Repräsentanten der ehemaligen Anti-Hitler-Koalition teil. Bundespräsident Roman Herzog erklärte den Streit darüber, „ob der 8. Mai 1945 für die Deutschen ein Tag der Niederlage oder ein Tag der Befreiung gewesen sei“, für beendet, weil die Vorgänger Heuss und Weizsäcker - Scheel blieb leider unerwähnt - „dazu schon Richtungweisendes, ja Abschließendes gesagt haben“. Für Herzog stieß der Tag des Kriegsendes vor allem „ein Tor in die Zukunft“ auf. Er dankte daher den „Menschen aller Völker, die an diesem Werk des materiellen und des moralischen Wiederaufbaus beteiligt waren“. Der französische Staatspräsident François Mitterrand erwiderte darauf in seiner Rede höchst einprägsam: „Der Feind von gestern ist der Freund von heute.“

Quelle: F.A.Z.
Rainer Blasius
Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.
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