Gründer der RAF

Radikal, terroristisch – und hochbegabt?

Von Professor Dr. Alexander Gallus
 - 20:56
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Wer würde angesichts des „deutschen Herbstes“ 1977 an Begabtenförderung denken? Die Frage klingt fast ein wenig zynisch. Die blutigen Morde der RAF in jenem Jahr, als der Linksterrorismus in der Bundesrepublik seinen Höhepunkt erreichte, aber auch Gewaltakte in früheren und späteren Jahren bieten wenig Anlass, um über herausragende Talente nachzudenken. Schaut man sich die Biographien der Begründer der Roten Armee Fraktion an, so findet man – außer im Falle Andreas Baaders – allerdings eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Gudrun Ensslin, Horst Mahler und Ulrike Meinhof waren allesamt Stipendiaten der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Die Studienstiftung blickt auf eine mehr als neunzig Jahre währende Geschichte zurück. Nachdem sie 1934 unter den Nationalsozialisten aufgelöst worden war, etablierte sie sich in der Bundesrepublik nach ihrer Neukonstituierung 1948 als wichtigste Institution für die Förderung der besten Studentinnen und Studenten. Wer es in den Kreis der Stipendiaten geschafft hatte, der gehörte zur Studienelite und galt als hochbegabt – ein Begriff, der sich in Dokumenten der frühen Nachkriegszeit häufiger findet. In der ersten Satzung der wiederbegründeten Studienstiftung vom April 1949 hieß es im zeittypischen Jargon, sie wolle „wissenschaftlich hervorragend begabte und nach ihrer Persönlichkeit besonders geeignete Menschen“ fördern, den „für die Volksgesamtheit wertvollen“ studentischen Nachwuchs. In späteren Satzungen wurden daraus „besondere Leistungen im Dienste der Allgemeinheit“.

Frühe Indizien für die Gesinnung

Ungeachtet der Formulierungsfrage und auch des bekannten Aperçus „des einen Terrorist, des anderen Freiheitskämpfer“ wird wohl niemand dem Terrorismus der RAF besondere Verdienste um die Allgemeinheit erkennen. Mit dem Wissen der siebziger Jahre wirkt die Förderung Ensslins, Mahlers und Meinhofs irritierend, ja in frappierender Weise falsch. Es liegt indes auf der Hand, dass eine solche Verkehrung der zeitlichen Reihenfolge einer seriösen Betrachtung zuwiderläuft. Doch waren nicht schon während des Auswahlprozesses und der Förderzeit Indizien erkennbar, die auf die Abwege in den Terrorismus schließen ließen?

Als Gründungsmoment der RAF gilt gemeinhin die „Baader-Befreiung“ vom Mai 1970, als sich auch Ulrike Meinhof für den Weg in den Untergrund entschied. Zehn Jahre waren seit ihrer Stipendiatenzeit als Pädagogik-Studentin zwischen 1955 und 1960 vergangen. Fast genau in demselben Zeitraum – von 1955 bis 1959 – war auch der Jurastudent Horst Mahler Studienstiftler. Die um einige Jahre jüngere Ensslin kam 1960 in Kontakt mit der Studienstiftung, gelangte aber erst im dritten Anlauf 1964 in den Kreis der Stipendiaten. Die Förderung der Germanistik-Studentin lief am Ende des geschichtsträchtigen Jahres 1968 aus. Freilich war Ensslin schon Monate zuvor wegen ihrer Beteiligung an den Frankfurter Kaufhausbrandanschlägen in Untersuchungshaft genommen worden. In ihrem Fall gab es also eine zeitliche Überschneidung zwischen Begabtenförderung und einem gewalttätigen Aktionismus, der gelegentlich als Vorstufe des Terrorismus der 1970er Jahre gilt.

Ermordung Buback
Terror damals und heute
© F.A.Z., F.A.Z.

Die in der Godesberger Zentrale der Studienstiftung für Ensslin zuständige Referentin besuchte sie im Frauen-Untersuchungsgefängnis Frankfurt-Preungesheim. Vor allem nahm sich aber der langjährige Berliner Vertrauensdozent Ernst Heinitz, der Ensslins Stipendiatengruppe in Berlin betreute, ihrer an. Der Juraprofessor und ehemalige Senatspräsident am Berliner Kammergericht, trat sogar – neben Otto Schily – als Ensslins Strafverteidiger vor dem Frankfurter Landgericht auf. Heinitz stand der SPD nahe, war einst vor den Nazis geflohen und hatte aktiv im italienischen Widerstand mitgewirkt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland machte er als Rechtswissenschaftler Karriere.

Er lehrte zuerst in Erlangen, dann bis zu seiner Emeritierung an der FU Berlin. Sympathien für die späteren linksterroristischen Taten und die dahinterstehenden ideologischen Legitimationsmuster lagen ihm fern. Heinitz gab es Rätsel auf, wie sich Ensslin maßgeblich an den Anschlägen hatte beteiligen können. Vergleichbares traf auf Horst Mahler zu, den Heinitz ebenfalls als Studenten und Stipendiaten kennengelernt und der begonnen hatte, unter seiner Obhut eine Promotionsschrift vorzubereiten.

Statt sich akademische Meriten zu verdienen, führte der Weg des bald bekanntesten APO-Anwalts im „sozialistischen Anwaltskollektiv“ immer weiter nach linksaußen, bis Mahler als einer der Köpfe der RAF zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurde. Im Gefängnis soll ihn Heinitz besucht und mit ihm Schach gespielt haben. Er fühlte sich für ihn irgendwie verantwortlich, noch stärker aber für Ensslin, die er in ihrer sprunghaften, zweiflerischen Art anders als den selbstgewissen Mahler wohl für besonders sensibel und schutzbedürftig hielt. Im Oktober 1968 äußerte Heinitz: „Wir in der Studienstiftung sehen nicht ohne Besorgnis, dass die Begabtesten, Sensibelsten und Kritischsten es sind, die sich nicht mit den Verhältnissen abfinden wollen und die auf Abwege kommen.“

Hohe Ansprüche – nicht nur an Noten

Auf Ensslin wie Mahler hatte Heinitz einst große Stücke gehalten, weil sie in seinen Augen Eigenschaften besaßen, wie sie auch die Studienstiftung von ihren Stipendiaten erwartete: neben akademischer Leistungsfähigkeit (die in Ensslins Fall allerdings mit einem Fragezeichen versehen werden muss) eine ausgeprägte Persönlichkeit. „Wissenschaft plus Charakter, aber weder Charakter ohne Wissenschaft noch Wissenschaft ohne Charakter“ als Zielvorstellung – so drückte es Heinz Haerten, der erste Geschäftsführer der Stiftung, nach dem Krieg einmal aus.

Eine Persönlichkeit richtig einzuschätzen war mit mehr Unwägbarkeiten verbunden als die notenmäßige Messung schulischer oder universitärer Prüfungsleistungen. Nur wollte die Studienstiftung gerade nicht eine Ansammlung notenbester Musterschüler bilden. Den im Jahr 1955 aufgenommenen Schützlingen wie Mahler und Meinhof teilte sie mittels eines Formschreibens mit, wie sehr sie sich über erfolgreiche Abschlüsse freue, aber wisse, „dass die spätere Berufs- und Lebensleistung eines Menschen nur bedingt aus den Prüfungsnoten abgelesen werden kann“.

Diese Grundhaltung zeigte sich schon an den Auswahlverfahren, zumal einzig Mahler ein Reifezeugnis „mit Auszeichnung“ vorlegen konnte. Ensslins und Meinhofs Abiturnoten waren durchwachsener. Überhaupt verlief der Aufnahmeprozess in fast sympathischer Weise unformalistisch ab. Wesentlich für die Aufnahmeentscheidung waren die Voten zweier ehrenamtlich für die Studienstiftung tätiger Gutachter, die intensive Gespräche mit den vorgeschlagenen Bewerbern führten. Eine Selbstbewerbung war nicht möglich.

Mahler: ein schwieriger Gesprächspartner

Dies war ein aufwendiges, individuelles Verfahren, das von einem lebendigen Interesse aller Beteiligten durchzogen war, statt vergleichsweise abstrakte Kriterien oder Testfragen abzuarbeiten. Eine Psychologin nahm sich beispielsweise einen ganzen Vormittag Zeit, um mit Ensslin zu sprechen und eine Einschätzung vorzunehmen. Am Ende empfahl sie die Förderung, wenngleich mit Vorbehalten gegenüber manch „extravaganten Vorstellungen und Plänen“ der Kandidatin (gemeint waren gewagte verlegerische Gehversuche Ensslins in Tübingen).

Ähnlich viel Zeit investierte auch eine Berliner Philosophin in das Auswahlgespräch mit Horst Mahler, zumal sie anfangs mit seiner „fast finsteren Reserve“ zu kämpfen hatte, mit der er zunächst sie musterte – statt umgekehrt, wie man sich das bei einem Bewerbungsgespräch für gewöhnlich vorstellt. Sie beeindruckte aber, wie sehr „M“ aufblühte, sobald er Fragen nicht nur der „Tagespolitik“, sondern auch „künftiger Weltgestaltung“ erörtern durfte. Zugleich bewirkte dieser Elan bei ihr eine gewisse Skepsis, ob damit eine ähnlich große Leidenschaft für das rechtswissenschaftliche Studium einhergehe. Im Ergebnis votierte sie für die Aufnahme, nannte Mahler aber einen „Risikofall“. Die Einschätzungen über Meinhof fielen dagegen ohne Einschränkung positiv aus. Sie sei eine kluge, bescheidene und reife Persönlichkeit – da waren sich ein Mainzer Medizinprofessor und eine frühere Staatssekretärin und rheinland-pfälzische CDU-Landtagsabgeordnete nach den Gesprächen in ihren Urteilen einig.

Bei der Lektüre von Meinhofs Studienberichten, die sie – wie alle Stipendiaten – nach Abschluss eines jeden Semesters einzureichen hatte, entsteht der Eindruck einer fleißigen, eifrigen, ja mustergültigen Studentin, die dem in sie gesetzten Vertrauen in geradezu ostentativer Weise entsprechen wollte. Aus ihren Berichten wie auch aus jenen Ensslins und Mahlers geht ein hohes Maß an Reflexionsfähigkeit ebenso wie an Bildungsstreben hervor, das die drei keineswegs von vornherein durch die Rekapitulation ewiger linker Wahrheiten stillen wollten. So zählte zu Mahlers Professoren der konservative Staatsrechtslehrer Karl August Bettermann. Meinhof besuchte in Münster Veranstaltungen des Philosophen Joachim Ritter und seiner Schüler Hermann Lübbe und Odo Marquard. Ensslin bemühte sich eine Zeit lang um eine Betreuung ihrer Dissertation durch den prominenten Berliner Literaturwissenschaftler Wilhelm Emrich, der später wegen seiner NS-Vergangenheit in die öffentliche Kritik geraten sollte.

Ensslins emotionale Texte

1966 äußerte Meinhof allerdings in einem Brief an die Studienstiftung, dass sie, wäre sie weitblickender gewesen, lieber Soziologie in den linken akademischen Hochburgen Frankfurt oder Marburg hätte studieren sollen. Sie hatte dabei wohl die Ikonen der Kritischen Theorie sowie den bekennenden Marxisten Wolfgang Abendroth im Blick. Im selben Atemzug bedauerte sie, während ihres Studiums allzu lange dem „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno) aufgesessen zu sein. In der Tat sind insbesondere ihre frühen Semesterberichte an die Studienstiftung von einem arg gewöhnungsbedürftigen metaphyselnden Tonfall durchzogen.

Mahler neigte stattdessen zu einem apodiktischen Stil. Er trug sein Weltwissen selbstbewusst vor, gelegentlich auch in einem Ton der Überlegenheit. Dies lässt einen sperrigen Charakter erkennen, der sein Jurastudium aber – entgegen der anfänglichen Sorge der Gutachterin – so konzentriert wie zielführend absolvierte. Darüber hinaus sinnierte er auf einem für einen jungen Studenten beachtlichen Niveau über diverse politische, gesellschaftliche und (rechts-)philosophische Fragen. Ensslins Texte wirken demgegenüber emotional und intellektuell überspannt, lassen aber ein authentisches, geradezu existentielles Interesse an Literatur – ihrem Wissenschaftsgebiet – erkennen.

Am Beginn der Geschichte, die die Akten der Studienstiftung erzählen, brannte Mahler am stärksten für politische Probleme. Meinhof und Ensslin sollten ein entsprechendes Interesse erst mit zunehmender Semesterzahl ausbilden. Während Mahler vom ersten Semester an regelmäßig seine Begeisterung für Marxsche Denkansätze kundtat und dies argumentativ unterfütterte, nahm Meinhofs politische wie publizistische Betriebsamkeit ab dem letzten Drittel der 1950er Jahre deutlich zu. In Münster engagierte sie sich stark in den studentischen Ausschüssen für ein „kernwaffenfreies Deutschland“. Ab derselben Zeit schrieb sie für die bekannteste linke Studentenzeitschrift „konkret“.

Bald beteiligte sie sich auch an deren Redaktion in Hamburg. Ensslin begründete mit ihrem Verlobten Bernward Vesper – ebenfalls Studienstiftler und künftige Schriftstellerikone der 68er-Generation – in Tübingen den Verlag „studio neue literatur“. 1964 gab sie mit ihm den Band „Gegen den Tod. Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe“ heraus. Nach ihrem Wechsel nach West-Berlin waren beide zunächst im SPD-nahen „Wahlkontor deutscher Schriftsteller“ aktiv, bevor sie sich vom studentischen Protest der Jahre 1967/68 mitreißen ließen.

Grundsätzlich begrüßte die Studienstiftung gesellschaftliches und politisches Engagement neben dem Studium – solange dies nicht überhandnahm und Studienfortschritte konterkarierte. Mit der Zeit entwickelten sich Meinhof und Ensslin zu Sorgenfällen, während Mahler sein Jurastudium im Jahr 1959 mit großem Erfolg abgeschlossen hatte. Meinhof und Ensslin, die jeweils eine damals nicht unübliche Direktpromotion anstrebten, ließen indes zunehmend wissenschaftliche Arbeitsresultate vermissen. Dies bereitete den Bad Godesberger Begabtenförderern einiges Kopfzerbrechen. Nach und nach erhöhten sie den Druck auf die beiden Stipendiatinnen, um sie auf den Pfad der akademischen Tugend zurückzuführen. Dabei finden sich in den Akten keine Anhaltspunkte für ein Dringen auf politische Mäßigung – und das, obgleich Meinhof und Ensslin ebenso wie Mahler eine mit der Zeit an Deutlichkeit gewinnende Grundsatzkritik an der Bundesrepublik und westlich-kapitalistischen Gesellschaften äußerten, die einem ausgeprägten, letztlich übersteigerten Gerechtigkeitsempfinden entsprang. Anders als in späteren Jahren hantierten sie aber nicht bloß mit kruden ideologischen Versatzstücken, sondern suchten argumentativ zu überzeugen. Deshalb ließen Vertrauensdozenten und Referenten der Stiftung, selbst wenn sie die vorgetragenen Positionen ablehnten, diese wohl aus einer immanenten Perspektive gelten.

Obgleich die Studienstiftung politisch nicht nach links tendierte, von Anfang an auf weltanschauliche Neutralität achtgab und in ihrer Leistungsbezogenheit eher konservativ-liberalen Ordnungsmodellen entsprach, erwies sie sich als überaus offenherzig gegenüber linken „Querköpfen“. Eigenwillige, nonkonformistische Charaktere waren erwünscht. Dies signalisierte sie in Meinhofs Fall, als diese gegen Ende ihrer Förderung zu einem Gespräch mit dem Hamburger Vertrauensdozenten Rudolf Sieverts, einem bekannten Strafrechtsprofessor, gebeten wurde. Die Studienstiftung wurde nämlich zunehmend unwillig, Meinhofs Promotionsstudium weiter zu unterstützen, da sie hauptsächlich als Journalistin für „konkret“ arbeitete. Obgleich Sieverts der politischen Ausrichtung der Zeitschrift kaum Gegenliebe entgegenbrachte, nannte er sie eine „geistig rege Angelegenheit“. Er habe „Sinn für ihre oft provozierende Art, die der konformistischen Haltung eines großen Teils unserer Studentenschaft nur gut tut“. Auch gewann er den Eindruck, dass „Fräulein Meinhof offenbar von einer politisch-sittlichen Verpflichtung zu dieser Mitarbeit getrieben wird“.

„Keine Fehlinvestition“

Aufgrund dieser Einschätzung räumte die Studienstiftung Meinhof nochmals eine zweimonatige Gnadenfrist ein, in der sie schriftliche Arbeitsproben als Beleg für das Voranschreiten ihrer Dissertation vorlegen sollte. Als ihr das misslang, war Meinhof einsichtig und bedankte sich Anfang April 1960 bei der Studienstiftung „sehr herzlich und sehr ehrlich“ für die mehrjährige Förderung.

Wie Ensslin blieb Meinhof ohne Universitätsabschluss. Insofern enttäuschten beide die einst von der Studienstiftung in sie gesetzten Erwartungen. Einzig Mahler legte also das Examen ab. Er begründete als Anwalt für einige Jahre das, was man eine „bürgerliche Existenz“ nennt – Meinhof sogar eine „großbürgerliche“, denkt man an die gemeinsamen Jahre in einer Hamburger Villa mit ihrem Ehemann und „konkret“-Herausgeber Klaus Rainer Röhl, der einen bohemienhaften Lebensstil pflegte. Vor allem aber machte sich Meinhof in den 1960er Jahren einen Namen als Journalistin, die ungeachtet politischer Differenzen selbst bei Publizisten wie Karl Heinz Bohrer oder Joachim C. Fest Anerkennung genoss. Angesichts dieses Karrierewegs teilte sie der Studienstiftung später einmal mit, dass sie zu Unrecht als „schwarzes Schaf“ in der Stipendiatenkartei geführt werde. Sie sei keine „Fehlinvestition“ gewesen, die Studienstiftung hätte „keine Fehleinschätzung“ ihrer Person vorgenommen. Obwohl sie „keinen Studienabschluss ordentlicher Art gemacht habe“, schrieb sie selbstbewusst, würde ihre damalige Förderung durch ihre „heutige Tätigkeit“ gerechtfertigt.

Diese Auffassung löste keine Widerworte in der Studienstiftung aus. In der Tat lag es nahe, in Meinhofs herausgehobener publizistischer Tätigkeit einen Legitimationsgrund für das frühere Stipendium zu erkennen. Es ist allerdings anzunehmen, dass die Studienstiftung insbesondere Meinhofs Förderung wohl kaum bis ins Frühjahr 1960 fortgesetzt hätte, wenn bekanntgeworden wäre, dass sie im Herbst 1958 in die illegale KPD eingetreten war. Dann wären Reisen zu Archiv- und Forschungszwecken in die DDR schon damals und zu Recht in einem anderen Licht erschienen. Mit Terrorismus hatte selbst dies freilich noch nichts gemeinsam.

Ambivalentes Potential

Es bleibt die Frage, ob die Studienstiftung nach Stipendiatenprofilen verlangte, die in besonderer Weise zu den späteren Terroristenbiographien von Meinhof, Mahler oder Ensslin passten. Es ließe sich an ein Gefühl des Auserwähltseins verbunden mit einem Genie-Kult denken. Waren dies nicht habituelle Übereinstimmungen mit den Terroristen der RAF, die zur Selbstheroisierung neigten? Und entsprachen kleine, klandestine Gruppen mit Avantgardeanspruch nicht einer quasi-klösterlichen exklusiven Gemeinschaft, wie sie die Studienstiftung zu versammeln schien? Träfe dies zu und ergäbe sich daraus ein schlüssiger Zusammenhang, dann hätte die durch die Studienstiftung geförderte Bildungselite allerdings scharenweise gewaltaffine Berufsrevolutionäre hervorbringen müssen.

Wie absurd diese Vermutung ist, liegt offen zutage. Sie wird auch dadurch nicht schlüssiger, wenn man andere Eigenschaften wie Initiative, Entschiedenheit, Kameradschaftlichkeit, Konsequenz und Beharrlichkeit hinzunimmt. An den Fällen Mahler, Meinhof und Ensslin zeigt sich vielmehr, welch ambivalentes Potential in derlei Merkmalen liegt. Es wäre sinnvoll, anstatt festgefügte psychopathologische Charakterbilder zu zeichnen, die Dynamik und die Wendemomente von Lebenswegen in Rechnung zu stellen.

Sosehr sich anhand der drei Biographien Tendenzen einer Politisierung und Radikalisierung nachspüren lassen, so wenig spricht für die These, die drei hätten sich in einem linear ansteigenden Prozess radikalisiert. Unterschiedliche Geschwindigkeiten, Weggabelungen, Kehren und Anpassungen lassen den einen „point of no return“ hinein in den Terrorismus nicht leicht erkennen. In jedem Fall gestaltet es sich schwierig, eine klare Linie zwischen freigeistiger Radikalität und gedanklichem Extremismus zu ziehen. Schwer ist sodann die Frage zu beantworten, wann und unter welchen Bedingungen aus einem „kognitiven Extremisten“ ein handelnder Terrorist hervorgeht.

Hochbegabt, radikal, terroristisch

Vor dem Hintergrund der späteren skrupellosen Taten der RAF lässt einen die Lektüre so mancher skrupulösen Ausführung in den Studienstiftungsakten Meinhofs, Mahlers und Ensslins fast ein wenig ratlos zurück. Hier entfaltet sich ein ebenso intensives wie ausführliches biographisches Material, und doch lässt gerade dies die Zweifel an der frühzeitigen Prognosefähigkeit von Terroristenlebensläufen wachsen, nach der wir zumal in heutigen Zeiten wieder so sehr verlangen. Auch wird man nach der Lektüre hinter die Präventionsleistung von (politischer) Bildung ein Fragezeichen setzen dürfen.

Meinhof, Mahler und Ensslin lernten durch die Studienstiftung ein Höchstmaß an Liberalität und die großen Möglichkeiten einer pluralistischen Streitkultur kennen. Dies schützte jedoch nicht vor der späteren Herabwürdigung ebenjenes offenen Dissenses – frei nach Herbert Marcuse – als gewährte Toleranz mit repressiver Funktion (der nur mit Taten statt mit Worten beizukommen sei). Und noch eines: Wer Intelligenz und akademische Schulung als Garanten für politische Mäßigung erachtet, der sieht sich eines Besseren belehrt, ohne gleich die Stufenfolge umzukehren: hochbegabt, radikal, terroristisch.

Wer nach den Urszenen des Terrorismus in Meinhofs, Mahlers und Ensslins Studienstiftungsakten sucht, wird diese womöglich enttäuscht zur Seite legen. Wer die Offenheit von Lebenswegen zugrunde legt und die Studienjahre der drei in emotionaler, intellektueller und politischer Hinsicht genauer und empirisch gesicherter als bisher nachvollziehen will, dürfte diese Zeit mit Gewinn betrachten. Für die Biographen bleibt noch einiges zu tun. Zur Ergründung der frühen Jahre Meinhofs, Mahlers und Ensslins steht ihnen dafür das jahrzehntelang verschlossene Material aus dem Aktenschrank der Studienstiftung nun zur Verfügung.

Alexander Gallus lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Chemnitz.

Quelle: F.A.Z.
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