Reformationsjubiläum

Ein Sommermärchen namens Luther?

Von Professor Dr. Hartmut Lehmann
 - 12:08

Um zu begreifen, was man hierzulande während der Lutherdekade und im Jubiläumsjahr sehen und erleben konnte, gilt es zurückzugehen in die Jahre 2007 und 2008. Damals fielen drei wichtige Entscheidungen: Erstens, dass in Deutschland Kirche und Staat die Erinnerung an den Beginn der Reformation gemeinsam gestalten würden; zweitens, dass Martin Luther ins Zentrum der Feierlichkeiten gerückt werden sollte; und drittens, dass die Lutherdekade als Dekade der Freiheit und die Reformation als Religion der Freiheit zu verstehen sein. Jede dieser drei Entscheidungen hatte langfristige Wirkungen, positive ebenso wie negative.

Diese Entscheidungen waren keineswegs zwingend. Denkt man an die verfassungsrechtlich gebotene Trennung von Kirche und Staat, wäre es auch vorstellbar gewesen, dass staatliche und kirchliche Organe ihr je eigenes Jubiläumsprogramm mit je eigenen Schwerpunkten entwickelt hätten. Denkt man an die zahlreichen Reformatoren neben und nach Luther, von Zwingli und Calvin hin zu Menno Simons und John Knox, wäre es gewiss möglich gewesen, sich auf ein internationales Ensemble, gebildet aus vielen Reformatoren, zu besinnen. Und denkt man an die Unterdrückung der Täufer und später der separatistisch gesinnten Pietisten, hätte man die Parole von der Lutherdekade als Dekade der Freiheit relativieren, vielleicht sogar zurücknehmen müssen. Es war also nicht notwendig, die Entscheidungen, die 2007/08 gefällt wurden, in dem erwähnten Sinn zu fällen.

Staat und Kirche feierten seit 2008 den Beginn der Reformation vor 500 Jahren gemeinsam. Von Anfang an war klar, dass die Interessen beider Seiten nicht identisch waren. Für die Redner, die im Deutschen Bundestag die finanzielle Unterstützung des Jubiläums befürworteten, stand die Förderung des Tourismus in Ländern wie Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen und Brandenburg im Vordergrund. Touristen aus der ganzen Welt sollten ins sogenannte Lutherland kommen: Hotelbetten reservieren, Restaurants besuchen, um so der nach wie vor notleidenden Wirtschaft dieser Länder einen kräftigen Schub zu verleihen. Ein Lutherjubiläum zum Motor der Wirtschaftsförderung zu machen war im Übrigen keine neue Idee. Das hatte schon die DDR im Jahr 1983, bei Luthers 500. Geburtstag, geplant, ebenso die Deutschen Christen und die Nazis 1933, beim 450. Geburtstag von Luther.

Wie aus vielen Reden des vergangenen Jahrzehnts hervorgeht, spielte für die politische Seite ein zweites Motiv eine wichtige Rolle: Nachdem die Welt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter deutschen Aggressionen und Verbrechen furchtbar gelitten hatte, sollte die Erinnerung an die Reformation der Welt zeigen, dass die Menschheit den Deutschen auch viel Gutes verdankt, eben die Segnungen der Reformation.

Schließlich: 2017 sollte in Deutschland wieder ein „Sommermärchen“ inszeniert werden – die Nation vereint im Jubel, so wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, die allen, die 2008 die Entscheidungen trafen, noch in frischer Erinnerung war.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ging bei ihren Planungen von anderen Voraussetzungen aus. In einer Zeit der Säkularisierung, die gerade im Osten der Republik längst Züge einer Dechristianisierung angenommen hat, sollte unter Bezug auf die Reformation der besondere Beitrag der Kirche zum gesellschaftlichen Leben herausgestellt und das besondere Profil der evangelischen Kirche gezeigt werden. Obwohl an keiner Stelle ausdrücklich von einer Kampagne zur Rechristianisierung die Rede war, bestand auf kirchlicher Seite doch die Hoffnung, im Zuge der Feierlichkeiten könnten manche Menschen, die der Kirche den Rücken gekehrt hatten, sich ihr wieder zuwenden und in Kirchengemeinden engagieren. Das Jubiläum sollte schließlich den Kirchen im kirchenfeindlichen Osten die Möglichkeit bieten, aus den Nischen herauszukommen, in die sie sich zurückgezogen hatten, und sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Deshalb wurden im eigentlichen Lutherland 2017 sechs regionale Kirchentage veranstaltet.

Noch ist es viel zu früh, um zu erkennen, ob und wie weit die Erwartungen der einen wie der anderen Seite erfüllt wurden. Ohne Zweifel eröffnete das finanzielle Engagement der staatlichen Seite die Möglichkeit, die Gedenkstätten der Reformation, von denen viele zum Weltkulturerbe gehören, nach allen Regeln der heutigen Restaurationskunst wiederherzustellen. Die staatliche Förderung ermöglichte es auch, eine Vielzahl lokaler Projekte mit einem Bezug zur Reformation durchzuführen. Dies alles gilt es zu würdigen.

Das ist jedoch nur die eine Seite. Die andere Seite besteht darin, dass die staatliche Förderung dazu beitrug, dass die gesamten Jubiläumsaktivitäten eine durchaus nationale Note erhielten. Hätte die Kirche allein entschieden, wären, so ist zu vermuten, von Anfang an mehr internationale Akzente gesetzt worden. Das Jubiläum hätte dann eine völlig andere Färbung bekommen. Gleichzeitig ist aber nicht zu übersehen, dass die kirchliche Seite mit staatlicher Hilfe ein großes Jubiläum planen konnte, das sie so mit eigenen Kräften nie hätte verwirklichen können.

Ein „Sommermärchen“ wurde 2017 jedenfalls nicht aufgeführt. Dafür war das Jahr von zu vielen anderen Problemen überschattet. Ohne Zweifel hatten es die Organisatoren des Reformationsjubiläums schwer, für ihre Veranstaltungen immer wieder die notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen.

Ob sich die Erwartungen der kirchlichen Seite erfüllten, kann ebenfalls noch nicht beurteilt werden. Es gilt abzuwarten, bis exakte Kirchenmitgliedsstatistiken für die Jahre der Lutherdekade und insbesondere für das Jahr 2017 vorliegen. Auf Historiker und Religionssoziologen warten in den kommenden Jahren spannende Forschungsaufgaben.

Der deutsche Reformator Dr. Martin Luther im Zentrum der Erinnerung an 500 Jahre Reformation. Das war die vielleicht wichtigste Entscheidung, die 2008 getroffen wurde. Notwendig ist es, die verschiedenen Aspekte dieser Entscheidung sorgfältig auseinanderzuhalten.

Die Werbung für das Jubiläum konnte mit Hilfe dieser Entscheidung auf eine Person fokussiert werden. Die ganze Kampagne hatte damit ein unverkennbares Gesicht, einen Namen, den die allermeisten Menschen kannten. Deshalb: Lutherdekade, nicht Reformationsdekade, deshalb: Lutherjubiläum, auch wenn einige Reformationshistoriker anmahnten, man müsse eigentlich von einem Reformationsjubiläum sprechen. Zur Fokussierung kam, den Regeln der Tourismusbranche folgend, fast unvermeidlich die Trivialisierung der Person Luthers und der Luther-Kitsch: Luther als Playmobil-Figur, Luthers Konterfei als Ausstechförmchen. All dies lenkte ab von den religiösen Aussagen Luthers und von seinen theologischen Anliegen. All dies verleitete dazu, sich eben nicht an das zu erinnern, was vor 500 Jahren Luther und seine Mitmenschen, seine Anhänger ebenso wie seine Gegner, bewegte. Viele Veranstaltungen waren zudem als „Event“ konzipiert. Events sind aber Eintagsfliegen.

Natürlich konnten mit der Fokussierung auf Luther viele Themen verbunden werden, die der Kirche heute wichtig sind und die mit Luther direkt in Beziehung stehen: Luthers Bibelübersetzung und seine Kirchenlieder, die Katechismen, der Protestantismus als Bildungsreligion, nicht zu vergessen auch die komplizierte, aber faszinierende Geschichte der Rezeption der Lutherschen Impulse vom 16. bis ins 20. Jahrhundert.

Bei Fokussierung der ganzen Jubiläumsaktivitäten auf Luther 2008 wurde nicht bedacht, was man als die dunkle Seite des Lutherschen Erbes bezeichnen kann. Erinnert sei an seine maßlose Polemik gegen das Papsttum seiner Zeit, an die von ihm mit aller Schärfe vollzogene Ausgrenzung derjenigen, die er als Schwärmer und Enthusiasten bezeichnete, an seinen Streit mit Erasmus von Rotterdam, durch den er sich von einem guten Teil der Humanisten entfremdete, ferner an seine rabiate Verurteilung der Bauern, die um eine Verbesserung ihrer Lage kämpften, an seine Charakterisierung der Türken als Verbündete des Teufels und schließlich an seine bitterbösen Schriften gegen die seiner Ansicht nach von Gott verstoßenen und verstockten Juden.

Bemerkenswert ist jedoch, dass in den vergangenen zehn Jahren an diese höchst unterschiedlichen, aber in allen Fällen polemischen Ausfälle Luthers durchaus unterschiedlich erinnert wurde. Dass er den Papst einen Antichristen genannt hatte, hielten Katholiken ihm erstaunlicherweise nicht mehr vor. Im Gegenteil: Seit den Jahren des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) sehen einige katholische Theologen im jungen Luther einen ihnen selbst gesinnungsverwandten Reformer, einen Reformkatholiken. Als Erich Honecker im Jubiläumsjahr 1983 Luther als einen der größten Söhne des deutschen Volkes bezeichnete, wurde dessen Charakterisierung als Fürstenknecht und Bauernschlächter durch Friedrich Engels obsolet. Einige Freikirchen, so die Mennoniten, hatten schon 2010 mit dem Lutherischen Weltbund ihren Frieden gemacht. Vieles, was in Luthers Schriften als anstößig erschien, wurde somit im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nicht mehr als anstößig empfunden.

Aus dem gesamten Katalog der dunklen Seiten Luthers sollte, was 2008 niemand voraussah, während der Lutherdekade aber ein Thema mehr und mehr die Debatte bestimmen: Luthers Verhältnis zu den Juden.

Im Jahr 1983, an Luthers 500. Geburtstag, hatte kirchenamtlicherseits noch niemand in Deutschland den Reformator in die Diskussionen über die deutsche Schuld an der Judenvernichtung einbezogen. 2017 wurde dagegen von vielen Beobachtern, auch von der Reformationsbotschafterin Margot Käßmann, als das erste große Reformationsjubiläum nach dem Holocaust bezeichnet. Mehr noch: Seit den 1990er Jahren ist in Deutschland eine eigene Erinnerungskultur an den Holocaust entstanden, mit dem Mahnmal an die ermordeten Juden in Berlin, mit der Umwandlung vieler Konzentrationslager in Gedenkstätten, mit der Aktion Stolpersteine in vielen deutschen Städten. Damit stellte sich die Frage, ob und auf welche Weise Luther mit seinen antisemitischen Schriften den deutschen Antisemitismus und speziell die Vernichtungsphantasien der Nazis befördert hatte.

Waren die antijüdischen Schriften Luthers womöglich die Reaktion eines verbitterten alten Mannes, der sich von allen Seiten vom Teufel umzingelt sah und der fürchtete, sein großes Werk einer Erneuerung der christlichen Kirche könne noch zu seinen Lebzeiten scheitern? Oder waren Luthers Aussagen zwar schlimm, aber nicht schlimmer, als die antijüdischen Vorurteile aller seiner Mitstreiter, auch seiner katholischen Zeitgenossen – oder waren sie doch fataler, weil sich die Deutschen Christen und die Nazis auf Luther beriefen und Luther als Vorläufer Hitlers und Hitler wiederum als Vollender des Werks von Luther feierten?

Es ist wichtig, zwischen der frühen Schrift Luthers „Dass Jesus Christus ein geborener Jude war“ und seinen späten Schriften zur Judenfrage zu unterscheiden. Der frühe Luther riet dazu, sich von antijüdischen Vorurteilen zu lösen und sich um die Bekehrung der Juden zu kümmern. Für den alten Luther war dagegen kein Ausdruck schlimm genug, um Juden zu charakterisieren.

Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hat sich im November 2015 dezidiert von diesen Aussagen und von den Judenschriften des alten Luther distanziert. Das war ein wichtiger, längst überfälliger Schritt. Dieser Schritt konnte aber das Dilemma nicht beseitigen, in dem sich alle befinden, die Luthers epochale Leistungen würdigen und die gleichzeitig an den Holocaust als eine fatale Zäsur in der Menschheitsgeschichte erinnern wollen. Denn Luthers tiefsitzender Antijudaismus lässt sich aus seiner Theologie nicht herausoperieren, ohne seine theologischen Aussagen insgesamt zu beschädigen. An Luthers Geburtstag am 10. November 1938 brannten in ganz Deutschland die Synagogen. Auch am Ende des Jubiläumsjahres ist die Diskussion darüber, was als Konflikt zwischen zwei elementar wichtigen Erinnerungskulturen bezeichnet werden kann, der Erinnerung an Martin Luther und der Erinnerung an den Holocaust, noch nicht abgeschlossen.

Die Fokussierung der Feierlichkeiten auf Martin Luther hatte noch weitere Folgen. Schon zu Beginn der Lutherdekade hatten Reformierte in den Niederlanden den Eindruck, dass ihre besondere Form des Protestantismus bei den Planungen nicht ausreichend berücksichtigt worden sei. Sie hatten soeben, 2009, den 500. Geburtstags ihres Kirchenvaters Calvin gefeiert. Mit internationaler Unterstützung schufen sie deshalb eine eigene Organisation, REFO 500 genannt, die rasch in vielen reformierten Kirchen in ganz Europa aktiv wurde.

Festzuhalten bleibt schließlich, dass auch die Nachfolger Luthers während der Lutherdekade nicht mit einer Stimme sprachen. Die EKD und der Lutherische Weltbund gingen mit Blick auf 2017 durchaus getrennte Wege. Während sich die EKD auf die Durchführung der Themenjahre in der Lutherdekade konzentrierte, bemühte sich der Lutherische Weltbund um Projekte in seinen Gliedkirchen auf der ganzen Welt und intensivierte die Gespräche mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen. Das führte dazu, dass der Lutherische Weltbund zusammen mit Papst Franziskus im schwedischen Lund am 31. Oktober 2016 an die Anfänge der Reformation erinnerte. Gleichzeitig würdigte die EKD in Berlin Luthers Verdienste in einem großen Gottesdienst.

Die Lutherdekade als Dekade der Freiheit – der Protestantismus als Religion der Freiheit? Die EKD war 2008 entschlossen, die Fünfhundertjahrfeier der Reformation als Jubiläum zu feiern. Für die katholische Seite war es dagegen nur möglich, sich an einem Gedenken zu beteiligen. Ihre Vertreter erinnerten an die Spaltung der Kirche und an die vielen Opfer der Religionskriege der folgenden Jahrzehnte, ja Jahrhunderte. Jubiläum oder Gedenken, das war in den Jahren von 2008 bis 2013 mehr als ein Streit über Worte. Das war ein Streit über die angemessene Form der Erinnerung.

Nach Ansicht der EKD wirkte die Reformation außerdem als „Bildungsimpuls“ und trug bei „zur Ausbildung der modernen Grundrechte von Religions- und Gewissensfreiheit“, so der Ratsvorsitzende Schneider 2014. Die Reformation veränderte, so Schneider, „das Verhältnis von Kirche und Staat, hatte Anteil an der Entstehung des neuzeitlichen Freiheitsbegriffs und des modernen Demokratieverständnisses“.

Man musste nicht der katholischen Kirche angehören, um solche Worte als Ausdruck eines protestantischen Triumphalismus zu empfinden. Uns, den Protestanten, verdanke die moderne Welt ihre entscheidend wichtigen Werte, konnte man Schneiders Worten entnehmen. Historiker wie der Berliner Luther-Biograph Heinz Schilling betonten in ihren Publikationen dagegen immer wieder, es komme beim Rückblick auf den Beginn der Reformation auf eine möglichst exakte historische Kontextualisierung an, wolle man falsche Aktualisierungen und leichtfertig vorgetragene Anachronismen vermeiden. Vorstellungen von Religionsfreiheit und von Gewissensfreiheit seien Ideen des 18., nicht des 16. Jahrhunderts. Solche Einwände hatten aber wenig Resonanz. Die Versuchung war vor allem bei Politikern, die sich zum Jubiläum äußerten, überaus groß, eine direkte Linie von der Reformation hin zur Gegenwart zu ziehen und heutige Vorstellungen in die Zeit vor 500 Jahren zurückzuprojizieren.

Als ich die Parole von der Lutherdekade als Dekade der Freiheit hörte, fielen mir viele gegenteilige historische Beispiele ein. Ich erinnerte mich an die absolutistisch regierten protestantischen Kleinstaaten im Alten Reich, in denen Dissidenten gezwungen wurden, sich der Obrigkeit zu beugen oder zu emigrieren. Ich erinnerte mich an das Bündnis von Thron und Altar im 19. Jahrhundert, das es Freikirchen außerordentlich schwer machte, in einzelnen deutschen Ländern Fuß zu fassen. Ich erinnerte mich an die Protestanten der Weimarer Zeit, die sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit der neuen Demokratie nicht anfreunden konnten und die Monarchie der Hohenzollern zurückwünschten. Mir kamen die vielen Protestanten ins Gedächtnis, die Hitlers Machtergreifung feierten, dazu die Deutschen Christen, die sich für Hitlers Gewaltherrschaft begeisterten. Mir fiel ein, dass viele Protestanten in der alten Bundesrepublik fast zwanzig Jahre gebraucht hatten, ehe sie offiziell die Demokratie als eine von Gott gesetzte und gewollte Staatsform anerkannten.

Aus vielen Gesprächen mit evangelischen Kirchenhistorikern wusste ich außerdem, dass auch sie Bedenken gegen die Parole von der Lutherdekade als einer Dekade der Freiheit hatten. Kein Wunder, dass diese Vorstellung im Lauf der Lutherdekade nicht wirklich verfing.

In der Mitte der Lutherdekade erreichte der Konflikt zwischen den beiden großen Kirchen einen Höhepunkt. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland publizierte 2014 einen Grundlagentext mit dem Titel „Rechtfertigung und Freiheit“. Kurz zuvor, 2013, hatte eine Kommission des Lutherischen Weltbundes und des Päpstlichen Einheitsrates ebenfalls einen Text publiziert. Sein Titel lautete „Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017“. In diesem Text skizzierten die Autoren, wie ein Reformationsgedenken im Zeitalter von Ökumene und Globalisierung aussehen könnte. Die Unterschiede zwischen beiden Texten, zwischen dem Text „Rechtfertigung und Freiheit“ und dem Text „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“, waren unübersehbar.

Wie Vertreter der EKD seit 2008 immer wieder betont hatten, sollte das Lutherjubiläum „ökumenisch“ und zugleich „international“ gefeiert werden. Davon war in der Mitte der Lutherdekade noch wenig zu spüren. Ökumenisch und international, das waren von 2008 bis 2013 kaum mehr als wohlklingende Worte.

Mit der Wahl von Bischof Heinrich Bedford-Strohm zum neuen Ratsvorsitzenden der EKD kam es dann aber zu einer höchst bemerkenswerten Wende. Bedford-Strohm suchte und fand den Kontakt zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx. Das von beiden entworfene Programm kam einem Paradigmenwechsel gleich. Die Annäherung der beiden großen Kirchen im Geist der Ökumene sollte von nun an im Zentrum aller Aktivitäten stehen. Vorläufiger Höhepunkt der Bedford-Strohm-/Marxschen Initiative war ein ökumenischer Gottesdienst im März dieses Jahres in Hildesheim, der von drei Botschaften geleitet und geprägt wurde: erstens dem Bekenntnis der eigenen Schuld, zweitens der Bitte um Vergebung und drittens der Selbstverpflichtung, mutig auf dem Weg der Ökumene weiter voranzuschreiten. Nicht übersehen sei, dass in der letzten Phase der Lutherdekade auch deutlich mehr internationale Akzente gesetzt wurden.

Die Aktivitäten während der Lutherdekade, während des zu Ende gehenden Jahres und speziell am 31. Oktober 2017 lassen sich, mit etwas Mut zur Generalisierung, in vier Gruppen einteilen.

In eine erste Gruppe gehören jene Aktivitäten, die in den Jahren unmittelbar nach 2008 auf den Weg gebracht wurden. Viele von ihnen zeugen von einem gewissen Hang zu einem protestantischen Triumphalismus. Dazu gehörten beispielsweise die Weltausstellung Reformation in Wittenberg mit ihren „Toren der Freiheit“ sowie die Sonderausstellung „Luther und die Deutschen“ auf der Wartburg.

In eine zweite Gruppe gehören jene Aktivitäten, die von Bischof Bedford-Strohm seit 2014 geplant und durchgeführt wurden. Prägende Leitidee dieser Aktivitäten war die Bereitschaft, 2017 auf dem Weg der Ökumene einen großen Schritt voranzukommen. Im Gottesdienst am 31. Oktober 2017 in Wittenberg hat Bedford-Strohm diese Botschaft noch einmal auf eindrucksvolle Weise bestätigt. Schade, so könnte man anfügen, dass die EKD diese Zielsetzung nicht schon 2008 in den Blick genommen hat. Dann hätte die gesamte Erinnerung an 500 Jahre Reformation 2017 einen unverkennbaren eigenen und wahrscheinlich langfristig wirksamen Schwerpunkt erhalten. Und dann wäre es vielleicht auch möglich gewesen, die Freikirchen viel stärker in den ökumenischen Prozess einzubeziehen, als es geschehen ist.

In eine dritte Gruppe gehören alle Bemühungen, die Originalschauplätze der Reformation zu restaurieren und Originale der Reformationszeit, also Materialien jeder Art, in großen Ausstellungen einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Nachdem diese Ausstellungen ihre Tore geschlossen haben, bleiben immer noch die wunderbaren Kataloge – Mehrfarbdruck auf Glanzpapier samt fachkundigen Einführungen und Erklärungen.

Viertens schließlich: die überraschend große Zahl lokaler Initiativen. Zunächst, unmittelbar nach 2008, schien es, als ob auf lokaler Ebene nicht viel geschehen würde. Das hat sich in den vergangenen zwei, drei Jahren geändert. Kaum ein Archiv ließ es sich nehmen, eine eigene Ausstellung zu organisieren. Viele Kirchengemeinden, in West und Ost, in Nord und Süd, planten besondere Gottesdienste, häufig mit einem ökumenischen Akzent, dazu Vortragsreihen, Konzerte und Aufführungen mit einem Bezug zu Luthers Leben und zu seinem Werk. Zwar ließen die Besucherzahlen bei den Großereignissen zu wünschen übrig. Erstaunlich und überaus erfreulich waren dagegen diese lokalen Ereignisse. Die Erinnerung an Luther ist an vielen Orten nach wie vor lebendig. Die Zahl der Personen, die am 31. Oktober die Gottesdienste besuchten, war jedenfalls beeindruckend.

Weshalb die protestantischen Kirchen am 31. Oktober 2017 voll waren, ist jedoch völlig offen. Selbst kirchenpolitische Optimisten werden wohl kaum behaupten, es sei mit Hilfe des Reformationsjubiläums gelungen, den Trend zur weiteren Säkularisierung der deutschen Gesellschaft zu brechen. Welches Zeichen beziehungsweise welche Zeichen wollten diejenigen setzen, die an diesem denkwürdigen Tag die Kirche besuchten? Zeichen für ihre protestantische Identität oder Zeichen für eine vom Christentum geprägte Gesellschaft? Ebenso wenig ist bisher klar, wie das gesamte Reformationsjubiläum zu bewerten ist. Schon während der Lutherdekade wurde deutlich, dass alle Versuche, die Reformationsgeschichte und auch die Luthergeschichte kritisch aufzuarbeiten, auf vehemente Ablehnung derjenigen stießen, die glaubten, eine erfolgreiche Erinnerungskultur müsse möglichst auf Aktualisierung setzen und nicht auf eine konsequente historische Kontextualisierung.

Da sich die allermeisten kirchlichen Angebote an die eigene Gruppe richteten, lässt sich im Rückblick die Lutherdekade leicht als Erfolg bezeichnen. Ändert man jedoch die Blickrichtung, wird deutlich, wie bescheiden die Angebote für die Personen waren, die sich vom kirchlichen Leben entfremdet haben, und wie wenig getan wurde für die vielen neuen Mitbürger mit anderen kulturellen Wurzeln. Das Argument, in einer pluralistischen Gesellschaft sei mehr nun einmal nicht möglich und auch nicht zu erwarten, kann trotzdem nicht überzeugen.

Wenn schon die Kirchen zunächst und vor allem an ihre eigene Klientel dachten, kann man sich fragen, warum die politischen Vertreter, die in den Gremien saßen, die das Jubiläum vorbereiteten, sich nicht mehr darum bemühten, auch dem großen säkularen Teil der Gesellschaft die eigentliche Bedeutung dieses Ereignisses – sowie dessen nicht unerhebliche Kosten – zu erklären. Wenn man in einigen Jahren auf die erinnerungspolitischen Aktivitäten in Deutschland 2017 zurückblickt, bleibt somit, aufs Ganze gesehen, als ein signifikantes Charakteristikum der Fünfhundertjahrfeier der Eindruck von Selbstbezogenheit, gar Enge, und im Zeitalter der Globalisierung ein Mangel an interkultureller Komparatistik.

Quelle: F.A.Z.
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