Migration

Anerkennung durch Differenz

Von Professor Dr. Heinz Bude
 - 15:49

Der aus Indien stammende und in den Vereinigten Staaten lehrende Sozialanthropologe Arjun Appadurai hat 2006 ein Buch mit dem Titel „Fear of Small Numbers“ veröffentlicht. Es widmet sich der Frage, warum Leute in unseren Gesellschaften Angst vor Populationen letztlich geringer Zahl haben. Die Antwort verbirgt sich in einem Bild der Überlistung: Man hat deshalb Angst vor Muslimen oder Juden oder Armeniern, weil sie im Augenblick zwar nicht die Mehrheit der Gesellschaft bilden, aber sich Schritt für Schritt vermehren. Mit anderen Worten: Die geringe Zahl wird als Vorbote einer großen Zahl angesehen. Dahinter steht die Befürchtung, dass die Migranten nur einen Fuß in die Tür kriegen wollen, um dann erst ihre Familienangehörigen und dann ihre Freunde und schließlich ihre Nachbarn nachzuholen.

In Europa trifft die Angst vor der geringen Zahl auf eine insgesamt irritierende Zukunftserwartung. In zehn Jahren macht die Bevölkerung Europas, wobei wir für den Moment offenlassen, wer alles dazu gerechnet wird, vielleicht noch sechs Prozent der Weltbevölkerung aus. Dieser Tatbestand wirft die beängstigende Frage auf, wie die erste abendländische Welt in der Zukunft in einer Welt vieler Welten noch bestehen kann. Was wird von Europa bleiben? Der Rationalismus, die doppelte Buchführung, die innovative Wissenschaft oder ein entweltlichtes Christentum?

Nicht nur die Demographie macht den Leuten untergründig Angst. Wir stehen in der Tat am Ende einer vielleicht 150-jährigen Geschichte, in der sich der Abstand zwischen den europäisch dominierten Gesellschaften und den nicht europäisch dominierten Gesellschaften der Erde immer weiter vergrößert – und zwar merkbar für die Lebensrealität der Mehrheit der Bevölkerung. Der Lebensstandard in den OECD-Ländern ist immer weiter gestiegen, nicht nur, was das persönliche Einkommen, sondern auch, was die öffentliche Infrastruktur unserer Gesellschaft betrifft. Wer kann sich eigentlich heute noch vorstellen, in einer Wohnung ohne Zentralheizung, ohne Bad, ohne Internetanschluss und ohne dichte Fenster zu leben? Dazu kommen öffentliche Badeanstalten, ein System von Stadttheatern und eine kontinuierliche Verbesserung der Luft- und Wasserqualität. Daran gemessen, ist die Kluft zwischen den OECD-Ländern und dem Rest der Welt immer tiefer geworden.

Doch diese Geschichte, die mit dem Doppelschlag der politischen Revolution in Frankreich und der industriellen Revolution in England begonnen hat, ist vorbei. Im Vergleich der entwickelten und der noch nicht so entwickelten Gesellschaften ist seit etwa zwanzig Jahren weltweit eine Umkehr der Wachstumsgeschwindigkeiten zu beobachten. In bestimmten Teilen Chinas oder Indiens, in bestimmten Teilen Vietnams oder Nigerias liegt das jährliche Wirtschaftswachstums bei sechs bis acht Prozent. In den meisten EU-Ländern ist man schon zufrieden, wenn die Wirtschaftsleistung um 1,5 oder zwei Prozent zunimmt. Noch vor 20 Jahren lebte man in Deutschland oder Frankreich zwanzig Mal besser als in Indien oder China, heute geht es uns nur noch zehn Mal besser.

Diese Tatsachen sind mittlerweile ein weltgesellschaftliches Gemeingut. Die Menschen in den entwickelten Ländern ahnen, dass sie auf dem absteigenden, und die in den entwickelten Ländern, dass sie auf dem aufsteigenden Ast sind. Das ist vielleicht kein klarer, durch exakte Wissenschaft bestätigter Umstand. Aber das untergründige Gefühl sagt einem doch, dass die Menschen in vielen OECD-Ländern in einer vergehenden und dass die in den anderen Teilen der Welt in einer kommenden Zeit leben.

Migration ist ein Wohlstandsphänomen. Die findet nämlich nur statt, wenn es den Menschen in ihren Herkunftsländern besser geht. Damit steigen die Hoffnungen und auch die Möglichkeiten, sich das nötige Geld für das Abenteuer der Migration zu beschaffen. Mobil sind gerade nicht die Ärmsten der Armen, sondern diejenigen, die sich für ihr Leben noch etwas ausrechnen. Und sie machen sich erst dann auf den Weg, wenn ihre Familie und ihr nächster Lebensumkreis dafür sorgt, dass diejenige Person, die sie in die große weite Welt schicken, das nötige Geld dafür auch bekommt.

Man braucht, um aus dem subsaharischen Afrika nach Europa zu kommen, einige tausend Euro, sonst hat es keinen Sinn, sich auf den Weg zu machen. Und dieses Geld ist ein Kredit auf die Zukunft. Die eine Person, die es schafft, öffnet einen Korridor, für jene, die es sich ebenfalls zutrauen. Im Übrigen schafft Migration Migration, und insofern haben die Leute hierzulande durchaus recht, wenn sie den Eindruck haben, dass wir es mit den Flüchtlingen, die vor der libyschen Küste von europäischen Schiffen aufgenommen werden, mit einer Avantgarde der Rekomposition der Wohnbevölkerung zu tun haben. Ihnen werden nicht unabsehbar viele, aber doch viele folgen. Die ersten bilden den Brückenkopf, der für nachfolgende einen Orientierungspunkt darstellt.

Mit was für Wanderungsbewegungen haben wir es heute in Europa zu tun? Da ist zunächst die europäische Binnenmigration, die durch die EU verstärkt worden ist. Innerhalb Europas kann man aufgrund der Freizügigkeitsregelungen einen Ortswechsel zum persönlichen Vorteil vornehmen. Das ist völlig legitim, und der Begriff des Wirtschaftsflüchtlings ist für diese Art von Migration im Prinzip zutreffend. Diese europäische Binnenmigration aus den Ländern des neuen in die Länder des alten Europas hat in vielen europäischen Stammländern die Arbeitsmärkte durcheinandergebracht. Das ist durch den sprichwörtlichen polnischen Klempner in Großbritannien auf den Punkt gebracht worden. Diese Handwerker arbeiten nicht nur billiger, sondern auch noch besser. Dadurch kommen sie unversehens für das autochthone Publikum zu einem gewissen Wohlstand, der es ihnen erlaubt, ein Haus auf dem Land in der Nähe von London zu kaufen und mit einem deutschen Auto in Leeds vorzufahren.

Dann haben wir die Migration, die man als Flucht aus „Gesellschaften ohne Staat“ verstehen kann. Das ist heute vor allem bei den Flüchtlingen aus Syrien der Fall, die nicht allein wegen des Krieges ihr Herkunftsland verlassen, sondern vor allem wegen des Verlusts von Erwartungssicherheiten. Wer sich für seine Kinder etwas ausrechnet, der will nicht mehr in einem Land bleiben, in dem normaler Unterricht nicht mehr stattfindet, in dem es keine öffentliche Infrastruktur gibt und in dem keine Rechtssicherheit vorhanden ist. Vor Kriegshandlungen kann man sich schützen, aber vor der Zerstörung der basalen staatlichen Strukturen einer Gesellschaft gibt es keine Rettung. Mit anderen Worten: Es geht nicht ums nackte Überleben, sondern um ein Leben mit Zukunft.

Ein dritter Typ von Migration kommt aus den vom Weltmarkt entkoppelten Gesellschaften. Dazu muss man sich vor Augen halten, dass um 1850 die Relation einfacher Arbeit, beispielsweise auf dem Bau, zwischen den unterentwickelten Teilen Chinas und den entwickelten Teilen der Niederlande 1 zu 4 war. Man verdiente als Bauarbeiter in Amsterdam gerade mal vier Mal so viel wie als Bauarbeiter in Schanghai. Heute beträgt die Relation von einfacher Arbeit zwischen einem Bauarbeiter aus Burundi und einem aus Dänemark 1 zu 100. Man könnte jetzt einwenden, so etwas hat es immer schon gegeben. Der entscheidende Unterschied zur jetzigen Situation besteht freilich darin, dass die jungen Bauarbeiter aus Burundi über ein Smartphone verfügen, das ihnen die Möglichkeit gibt, zu erfahren, was es in Dänemark zu verdienen gibt. Hundert Mal mehr zu verdienen ist schon ein ziemlich starker Anreiz. Da lässt man sich nicht davon abschrecken, dass man in einem städtischen Elendsviertel landen wird und sich erst mal auf informellen Arbeitsmärkten bewähren muss. Wer durchhält, wird ziemlich gut dastehen; jedenfalls verglichen mit den elenden Lebensverhältnissen im zentralen Afrika.

Aus dieser Situation erwachsen enorme Herausforderungen für die Ankunftsstaaten der alten ersten Welt. Natürlich verfügt jede europäische Gesellschaft über eine lange Erfahrung mit Migration. In Frankreich wird man von den Kabylen reden, die die Pariser Metro mitgebaut, in Deutschland von den Polen, die das Ruhrgebiet aufgebaut haben. Schließlich trägt ein populärer „Tatort“-Kommissar den Namen Schimanski und heißt einer der großen Stars des französischen Fußballs Zinédine Zidane. Das kann die Menschen in Frankreich oder Deutschland aber nicht wirklich beruhigen. Denn im Augenblick kann man auf der ganzen Welt beobachten, dass die bisherigen Strategien der Absorption von Migration scheitern.

In den Vereinigten Staaten, die nach wie vor als das klassische Einwanderungsland gelten, ist das von der Stadtsoziologie der Chicagoer Schule so anschaulich wie eindringlich herausgearbeitete Modell der Integration durch Segregation augenscheinlich an sein Ende gekommen. „Little Italy“, „China Town“ oder die „Lower East Side“ werden heute nur noch in der Literatur oder im Film oder für Touristen als Orte des Ankommens von Italienern, Chinesen und Juden im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ beschrieben.

Die Wirklichkeit ist durch die „Intersektion“, wie man in der Sprache der soziologischen Ungleichheitsforschung sagt, von „gender, class, and race“ bestimmt. Wer männlich, schwarz und schlecht gebildet ist, landet ganz schnell auf der anderen Seite der Straße. Die Sonne scheint für die Weißen, die eine der wichtigen Universitäten besucht haben und die in einer Familie groß geworden sind, die in einem guten Viertel beheimatet ist. Wenn Familie und Bildung stimmen, kann man auch als „African, Latin oder Asian American“ vorankommen – aber wenn man ohne College-Abschluss ist und aus den Suburbs von Detroit kommt, nützt es einem auch nichts, wenn man weiß ist und so blaue Augen wie Robert Redford hat.

Der „melting pot“, der dem Glauben des amerikanischen Exzeptionalismus zufolge für jeden, der hart arbeitet und sich an die Regeln hält, eine Chance bereit hält, wird in der öffentlichen Diskussion von ganz verschiedenen Seiten als eine schöne Lebenslüge entlarvt. Die gegenwärtige amerikanische Gesellschaft, in der sich Bewegungen wie „Black Life Matters“ und die Anhänger von Donald Trump wie zwei Bürgerkriegsparteien gegenüberstehen, scheint eher von einem „Coming apart“, so der dem republikanischen Lager zuzurechnende Soziologe Charles Murray über die Situation des weißen Amerikas von 1960 bis 2000, als von einem „Living apart together“ gekennzeichnet zu sein.

Auch das französische Modell der Republik, die soziale Inklusion von Einwanderern durch rechtliche Abstraktion ihrer Staatsbürgerschaft bewerkstelligt, ist durch die Konfrontation mit verschärften Verhältnissen sozialer Exklusion in nachhaltige Legitimationsprobleme geraten. Zwar ist man Französin, wenn man auf französischem Staatsgebiet geboren ist. Und es soll offiziell niemanden interessieren, ob die Familie, aus der man stammt, ihre Wurzeln in der Bretagne, in Martinique oder in Algier hat. Aber im Leben und für die Lebenschancen der Einzelnen macht es einen großen Unterschied, ob man wie ein Nordafrikaner aus einem Hochhaus der Vorstadt, wie ein Vietnamese aus einem dürftigen Apartment aus dem Quartier Latin oder wie eine Pariserin aus dem 6. Arrondissement aussieht. Die Banlieues von Lyon, Paris oder Marseille, in denen knapp fünf Millionen Einwohner leben, gelten als urbane Gettos, in denen sich seit Mitte der 1970er Jahre zugewanderte Franzosen sammeln. Sie fühlen sich nicht nur von den einheimischen Franzosen ausgegrenzt. Schon der konservative Staatspräsident Jacques Chirac hat die verarmte Population als Beweis für die soziale Spaltung der Republik angeführt. Frankreich ist von seinem kolonialen Erbe heimgesucht worden und sieht sich nach den Anschlägen von Paris vom 13. November 2015 durch eine innere, ethnisch, religiös und sozial definierte Bruchlinie in seinen Grundfesten bedroht.

In Großbritannien steht das Modell des Empire unter Druck. Das migrationspolitische Arrangement, gesellschaftliche Zivilität durch die wechselseitige Akzeptanz verschiedener Gruppen nach den Regeln indirekter Herrschaft herzustellen, ist ausgerechnet durch die Freizügigkeitsregelungen der Europäischen Union in Frage gestellt worden. London rühmt sich nach wie vor seiner bunten Vielfalt, in der Sikhs, Juden, Muslime, Hindus, Anglikaner und Katholiken relativ unbekümmert voneinander zusammenleben. Sie alle repräsentieren eine große Familie von Herkünften im britischen Königreich. Im Mutterland des Empire steht bemerkenswerterweise nicht die postkoloniale Problematik im Vordergrund. Die öffentliche Kontroverse bezieht sich vielmehr auf die Abgabe von Souveränität an einen europäischen Quasi-Souverän, der über einen Europäischen Gerichtshof seine leise Macht entfaltet.

Was Britishness ist und bedeutet, verstand sich angesichts von offenen Grenzen in einer Europäischen Union offenbar nicht mehr von selbst. So konnte über den Umweg über das Unbehagen über europäische Mikropolitiken das Verhältnis von alteingesessenen Etablierten und dazugekommenen Außenseitern innerhalb der britischen Gesellschaft zum Thema werden. Die öffentlichen Kontroversen drehen sich um die Frage, ob das Modell des Empires noch die Kraft zur Zivilisierung der britischen Gesellschaft hat oder ob in Zeiten dissoziierender sozialer Konflikte nicht deutlicher werden muss, wer nach welchen Maßstäben und aufgrund welcher Ressourcen wen regiert.

In Deutschland setzt man bis heute auf die industriegesellschaftliche Absorption von Migration. Bislang hat noch jede Einwanderungsgruppe, so die Vorstellung, mit der man sich beruhigt, durch die Arbeitsmärkte in der bundesrepublikanischen Gesellschaft ihren Platz gefunden. Das war zuletzt bei der großen Einwanderungswelle in den frühen 1990er Jahren der Fall, als zusammen mit den Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem zerfallenden Jugoslawien, aus den kurdischen Gebieten der Türkei sowie aus Palästina die Spätaussiedler vor allem aus der untergegangenen Sowjetunion ins Land kamen. Allein 1990 wurden rund 400 000 Spätaussiedler eingebürgert, 1992 beantragten 438 000 Personen Asyl, fast drei Viertel davon aus Ost- und Südosteuropa. Die überwiegende Mehrheit ist in Lohn und Brot und damit zu gewissem Wohlstand und selbstverständlicher Wertschätzung gekommen – wobei man aus der Erfahrung der Zugewanderten etwas weniger freundlich von einer selektiven Arbeitsmarktinklusion auf Grundlage einer relativen Diskriminierung sprechen muss.

Trotzdem mehren sich in Deutschland die Zweifel, ob nach diesem Schema auch die neue Einwanderungssituation der Jahre 2015 und 2016 mit einer Mehrheit von Flüchtlingen aus den Krisenländern des Nahen und Mittleren Ostens zu bewältigen ist. Die Zweifel beziehen sich in erster Linie auf das Qualifikations- und Kompetenzniveau der zumeist jungen Menschen, die mit Trikots von Bayern München, mit Sneakers von Adidas und mit großen Erwartungen auf ein besseres Leben um politisches Asyl bitten. Werden die Arbeitsmärkte wieder alles richten oder wird man sich in mittlerer Sicht auf die Versorgung eines migrantischen Wohlfahrtsstaatsklientels ohne berufliche Erstausbildung und ohne normale Beschäftigungsverhältnisse einstellen müssen? Die Facharbeitermärkte sind zwar leergefegt, verlangen inzwischen aber ein hohes Maß an Fachgeschultheit von den BewerberInnen. Und auf den „Jedermanns-Arbeitsmärkten“ für die Geringqualifizierten sind unangenehme „ethnorassistische“ Auseinandersetzungen über die „Hierarchie des Hierseins“ zwischen den Migrantengruppen zu erwarten. Drohen bei Kontrollverlust über die Situation Extremisierungen der öffentlichen Meinung wie in den Vereinigten Staaten, Vorstädte wie in Frankreich oder eine europafeindliche protektionistische Welle wie in Großbritannien?

In der Erkenntnis der Probleme stecken, wie so oft, die Fingerzeige zu ihrer Lösung. Ein gemeinsames europäisches Herangehen an die jetzt nicht mehr zu leugnende Wanderung einer großen Zahl armer Menschen in reiche Länder wird berücksichtigen müssen, wie und warum die Einbeziehung von Einwanderern in Frankreich, in Großbritannien oder in Deutschland nicht mehr so funktioniert, wie es über eine lange Nachkriegszeit anscheinend funktioniert hat. Der entscheidende Punkt ist, dass Migration weder in erster Linie ein ökonomisches noch ein letztlich kulturelles Problem darstellt. Die reichen Länder können, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, so reich wie die Schweiz und die glücklichen, gemessen nach dem World Happiness Index, so glücklich wie Dänemark sein. Einwanderung stellt für die Aufnahmegesellschaften und Auswanderung für die Abgabegesellschaften vor allem ein soziales Problem dar. Darauf bezieht sich der Ausdruck des Migrationsregimes, mit dem das Ensemble von alltäglichen Praktiken, institutionellen Regelungen, ökonomischen Prüfungen, tradierten Erinnerungen und moralischen Kommentaren im Umgang mit Menschen gemeint ist, die kommen und gehen und kommen und bleiben. Selbst wenn es die EU, so wir wird sie kennen, nicht mehr geben sollte, wird Europa dafür ein gemeinsames Verständnis entwickeln müssen.

Natürlich ist das Monitum aus Deutschland nicht von der Hand zu weisen. Man muss die Erwerbsbasis und die daraus sich ableitenden Erwerbschancen von Migranten in Rechnung stellen. Wo kann wer aufgrund welcher Voraussetzungen in der Beschäftigungsstruktur eine Position finden? Das betrifft heute das europaweite Entstehen eines „Dienstleistungsproletariats“ für die „einfachen“ Dienste der Zustellung von Waren, des Transports von Gütern, der Reinigung von Gebäuden und der Pflege von Personen. Bei durchlässigen Grenzen ist dieser Omnibus immer voll, und für diejenigen, die es in den Omnibus geschafft haben, kommt jede Bildung, die ihr Arbeitsvermögen wertvoller und ihr Beschäftigungsangebot teurer machen würde, zu spät.

Sind die relativ privilegiert lebenden Menschen in den europäischen Gesellschaften zu der notwendigerweise widersprüchlichen Haltung bereit, diese neue Form proletarischer Ungleichheit einerseits hinzunehmen und andererseits dafür Sorge zu tragen, dass man von „einfacher Dienstleistung“ leben kann und dass die Kinder aus dieser nach Herkünften sehr gemischten Unterklasse die Chance auf ein besseres Leben haben? Diese Selbstprüfung muss in einem politischen Streit ausgetragen werden, in dem empörte Leugnung unterschiedlicher Anstrengungen genauso vermieden wird wie die schulterzuckende Hinnahme von krasser Ausbeutung. Migration hat jedenfalls einen wichtigen Anteil an einer neuen Klassenstruktur der europäischen Gesellschaften.

Aus Großbritannien kommt der Hinweis auf das nicht aus der Welt zu schaffende Distanzbewusstsein der Gruppen gerade in einer variantenreichen und unübersichtlichen Gesellschaft. Migration bringt, ob man das nun will oder nicht, die von Norbert Elias und John L. Scotson am Beispiel einer Vorortsiedlung aus den britischen Midlands mustergültig herausgearbeiteten Figuration von „Etablierten und Außenseitern“ mit sich. Hier geht es um Konflikte über Sprecherautoritäten, um rote Linien im Zusammenleben und um Narrative legitimer sozialer Größenvorstellungen. Distanzmarkierungen lassen das Spiel der Anerkennung nie zur Ruhe kommen. Deshalb ist Migration immer eine Quelle von manchmal produktiver, manchmal dissoziativer Unruhe in den gesellschaftlichen Öffentlichkeiten.

Dabei ist von Seiten der jeweils Etablierten der Blick darauf gerichtet, welche Migranten sich als Siedler absondern, aber aufgrund ihrer speziellen Talente und Energien womöglich am Ende einen Gewinn für alle bringen und welche als Auswanderer die Gesellschaft ihrer Herkunftslandes hinter sich lassen, um sich in der Ankunftsgesellschaft ganz offen und neu zu orientieren. Manche Einwanderer empfinden ein gesteigertes Bewährungsbewusstsein, das zur Hypostasierung eines grundsätzlich differenten Eigensinns führen kann, andere drohen sich in Assimilationsfallen zu verheddern.

Von Frankreich aus stellt sich die Frage nach der Geltungskraft und dem Geltungsumfang staatsbürgerlicher Solidarität in einer Republik der Migration. Wer hat aufgrund welcher Kriterien des Bleiberechts in den europäischen Staaten Anrecht auf Schutz und Versorgung? Dass ein europäischer Asylparagraph nach deutschem Vorbild in den Ländern Europas allgemeine Zustimmung finden wird, ist wegen der sehr unterschiedlichen Geschichten von Postfaschismus, Postkolonialismus, Postkommunismus und Postnationalsozialismus ziemlich unwahrscheinlich. Die Formel vom antitotalitären Konsens ist wegen ihrer Offenheit für verschiedene Ausbuchstabierungen durchaus gemeinschaftsstiftend. Aber daraus folgt andererseits, dass das Recht, Rechte zu haben, ziemlich strikte und für die Lebenspraxis der Einzelnen folgenreiche Unterscheidungen zwischen Flüchtlingen, Migranten, EU-Bürgern und Staatsbürgern mit sich bringt. Der für die jeweilige Diskriminierung wichtige Hintergrund wird die Frage nach der Ausschließung und Verhinderung von migrantischem Trittbrettfahrer-Verhalten darstellen. Man verlangt von den Zuwandernden eine Kultur der Mäßigung bei der Wahrnehmung von Anrechten, die wiederum von den Zugewanderten als Zumutung von Zurückhaltung angesehen werden kann.

Der Blick von Europa in die Vereinigten Staaten wirft die Frage nach dem gesellschaftlichen Konsens über Migration auf, wenn das Gefühl der Exzeptionalität des eigenen Verständnisses als Einwanderungsgesellschaft schwindet. Die postmigrantische Gesellschaft muss keine Gesellschaft großzügigen Respekts sein. Sie kann auch eine Gesellschaft engherziger Vorteilssuche werden, die im Glauben an eine unbarmherzige Meritokratie, der die zivilisierende Erinnerung an „historische Kompromisse“ zwischen Religions-, Bürgerkriegs- oder Klassenparteien abhandengekommen ist, einem Regime des Erfolgs ohne Maß und Mitte zuneigt.

Das Europa der Migration muss sich bei all diesen Fragen in einem postsäkularen Zeitalter erkennen, in dem die Darstellung von Religion und Religionszugehörigkeit einen ganz anderen Stellenwert für das Selbstwertgefühl der Einwanderer und der Eingewanderten gewonnen hat. Die stille Mitgliedschaft, wie sie in den bundesrepublikanischen Zeiten der „Gastarbeiter“ der sechziger, siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch gang und gäbe war, ist einer Performanz der prononcierten Differenzmarkierung gewichen. Die Deutsche mit Zuwanderungsgeschichte gibt offen und selbstbewusst zur Kenntnis, woher sie kommt und woran sie glaubt. Anerkennung durch Differenz lautet die Formel der postmigrantischen Gesellschaft.

Darin zeigt sich ein weltweiter Wandel von der privaten und sentimentalen zur öffentlichen und naiven Religion – oder von der „unsichtbaren“ zur „sichtbaren Religion“. Man will nicht mehr nur mit sich und seinem Gott ausmachen, was für einen von letzter Bedeutung ist, sondern mit Gleichgläubigen vor Andersgläubigen und Nichtgläubigen zum Ausdruck bringen, was einen letztlich bewegt und wofür man im Zweifelsfall einsteht. So stärkt Religion das Selbst, das sich unter Bewährung sieht, und stellt es in eine Gemeinschaft, die ihm ein haltendes Milieu bietet.

Das europäische Christentum wird heute durch den europäischen Islam herausgefordert. Diese für Europa in der Zukunft prägende interreligiöse Konstellation nötigt beide Seiten, ihr Eigenes in Fragen des Glaubens zur Geltung zu bringen. Dieses Gespräch muss sich auf den einen Gott beziehen, von dem aus dann zu klären ist, wie man zum Rechtsstaat, zur Demokratie und zum Kapitalismus steht. Wie die beiden französischen Sozialwissenschaftlicher Luc Boltanski und Laurent Thévenot in ihrer Soziologie der kritischen Urteilskraft dargelegt haben, funktioniert die Sphäre der Inspiration, wo es um Erleuchtung, Vollendung, innere Bewegtheit und phantastische Erhobenheit geht, nach anderen Kriterien als die Sphäre der familialen Tradition, der öffentlichen Meinung, des industriellen Betriebs oder des freien Marktes. Keine dieser Sphären kann auf die andere reduziert werden. Die alltäglichen Praktiken der Kritik haben mit Präsentationen, Infragestellungen, Übergängen und Kompromissen zu tun. Den Fluchtpunkt solcher Kritik hat Jacques Delors den „offenen Universalismus“ Europas genannt.

Europa, so die beiden großen Europäer Jürgen Habermas und Jacques Derrida, ist ein Kontinent der Öffentlichkeit und einer der Gastfreundschaft. Was uns alle angeht, bedarf der öffentlichen Beratschlagung, wo niemand die Wahrheit für sich allein beanspruchen darf, und die Art und Weise, wie wir leben, bedarf der Öffnung für den anderen, damit man an seinem Narzissmus nicht zugrunde geht. Insofern wäre Europa wesentlich ein Kontinent der Migration, der sich deshalb vor der Einbeziehung der anderen nicht fürchtet, weil er sich dadurch selbst begreift.

Der Verfasser lehrt Makrosoziologie an der Universität Kassel.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHorst SchimanskiAfrikaBurundiChinaDeutschlandDänemark-ReisenEuropaFrankreichGroßbritannienIndienLondonUSAEuropäische UnionJudenEinwanderungFlüchtlinge