Reformationsjubiläum 2017

Lebendiges Licht

Von Professor Dr. Christoph Markschies
 - 11:49

Am 31. Oktober 2017 wird nicht nur ein Jahr zu Ende gegangen sein, das dem Thema „Reformation“ gewidmet war; es endet eine ganze Dekade des Feierns und Gedenkens. Kein Wunder, wenn nun landauf, landab nach dem Ertrag gefragt wird, danach, was gelungen und misslungen war. Das pflegt so zu sein, wenn Ausstellungen ihre Tore schließen oder Gedenkjahre an ihr Ziel und Ende gekommen sind.

Es ist wenig verwunderlich, wenn in einer differenzierten Gesellschaft die Ergebnisse solcher ersten Analysen durchaus unterschiedlich ausfallen. Dazu sind die Erwartungen an ein solches Jahr beziehungsweise Jahrzehnt des Gedenkens an die Reformation viel zu unterschiedlich: Professoren hoffen, dass Ergebnisse ihrer je eigenen wissenschaftlichen Arbeit endlich den Weg in die breite, nicht nur kirchliche Öffentlichkeit finden; Bischöfe wünschen sich neue Aufmerksamkeit für Kirche in unkirchlich gewordenen Landschaften; Tourismusverbände arbeiten an der maximalen Auslastung eigens aufgebauter Kapazitäten.

Es ist wenig verwunderlich, dass allzu große Erwartungen an solche Gedenkjahre enttäuscht werden: Differenzierte Wissenschaft wird notwendigerweise vereinfacht, wenn sie einem größeren Publikum präsentiert werden soll; ein Jubiläum einer kirchlichen Erneuerungsbewegung hat per se keine Rechristianisierung ganzer Landstriche zur Folge; und die Wochen nach den Ferien oder einem Großereignis wie dem Kirchentag fallen im Blick auf Übernachtungszahlen natürlicherweise ab.

So weit alles keine Überraschung: Wenn es regnet, kommen weniger Besucher zur Internationalen Gartenschau als erwartet. Und als im Zusammenhang des Weltjahres der Physik 2005 ein Einsteinjahr zur Erinnerung an das hundertjährige Jubiläum der Entdeckung der Relativitätstheorie mit namhaften Bundesmitteln gefeiert wurde, waren einzelne Akteure ebenfalls enttäuscht, wie wenig das allgemeine Verständnis für diese Jahrhunderttheorie gesteigert worden war. Eher noch war die Menge der Menschen angewachsen, die anstelle von physikalischem Wissen ein von Anekdoten geprägtes, historisch wenig zutreffendes Bild vom „Genie Albert Einstein“ gewonnen hatten.

Für eine wissenschaftliche Gesamtanalyse des Reformationsjubiläums, die auf einschlägigen Methoden wie beispielsweise repräsentativen Befragungen basiert, ist es derzeit noch zu früh. Aber es ist am Ende einer längeren Periode doch möglich, auf einige Besonderheiten aufmerksam zu machen, die das Reformationsjubiläum vom Jahr der Physik und der letzten Internationalen Gartenschau unterscheiden.

Zunächst einmal war nicht erst auf der Frankfurter Buchmesse 2017 unübersehbar, was für eine reiche Ernte an wissenschaftlichen Veröffentlichungen in diesem Reformationsjubiläum eingefahren werden konnte: Neben großen Monographien zum Gesamtthema wie zu Einzelaspekten und Personen gab es eine Fülle von Ausstellungskatalogen, die zugleich als Kompendien bestimmter Themenbereiche wie dem spätmittelalterlichen Ablasswesen angelegt sind. Selbst zu Themen, die mehr als genug behandelt schienen, wurde Neues zutage gefördert, wie eine beliebig ausgewählte Veröffentlichung aus den Stapeln zeigen kann: In der Wittenberger Stadtkirche, Luthers Predigtkirche, steht ein Altar, dessen Predella schon fast zu oft abgebildet wurde, vielfach in Monographien behandelt ist und dazu in zahllosen Predigten wie Gemeindevorträgen: Luther steht auf einer Kanzel, die linke Hand liegt auf der geöffneten Bibel und weist mit den Fingern auf eine Textpassage, die rechte deutet mit einer Art Segensgeste auf einen gekreuzigten Christus, der in der Mitte zwischen Luther und einer Wittenberger Gemeinde aus Jungen, Alten, Kindern, Greisen steht.

In diesem Jubiläumsjahr wurde erstmals ausführlicher behandelt, warum Luther auf diesem Gemälde mit geschlossenem Mund portraitiert ist und gar nicht predigend, wie oft zu lesen ist – in einer kunsthistorischen Dissertationsschrift der Berliner Humboldt-Universität zur protestantischen Bildkultur. Es kommt in der reformatorischen Theologie des Wortes eben nicht auf menschliche Worte allein an, sondern auf das Wort Gottes. Solche nicht eben einfachen theologischen Zusammenhänge wurden in der gegenüber dem Bild so kritischen evangelischen Kirche der Frühen Neuzeit durchaus präzise in Bilder gefasst und den Menschen präsentiert.

Wie es sich für eine lebendige wissenschaftliche Debatte gehört, wurde in vielen dieser Veröffentlichungen auch kräftig gestritten – und in den Medien dazu: Schon die Frage, ob wenigstens eine gewisse Konzentration auf Martin Luther angesichts der Ereignisse der Jahre nach 1517 im Reich sachgemäß sei, ist unterschiedlich beantwortet worden. Während die einen die Theologie von Martin Luther stärker mit seinem einstigen Ordensheiligen Augustinus, dem Patron der Wittenberger Theologischen Fakultät, verbanden oder mit der mittelalterlichen Mystik, betonten die anderen die systemsprengenden Anteile seiner Gedanken im Vergleich zur zeitgenössischen Theologie. Wer sich klarmacht, wie stark solche basalen Fragen einer historischen Rekonstruktion auch bei Historikern von metahistorischen Grundannahmen bestimmt sind, wird sich über unterschiedliche Antworten nicht verwundert zeigen.

Es überrascht eher, wie lebendig in solchen Diskussionen noch theologische Deutungskonflikte um Recht und Grenze des sogenannten Kulturprotestantismus sind. Diese Konflikte hatten die ersten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt, schienen nach 1945 beendet und stehen und nun plötzlich wieder im Hintergrund bestimmter scheinbar historiographischer Auseinandersetzungen: Ob man Luther als besonderen Reformer mittelalterlicher Theologie versteht oder als Urheber eines kategorial neuen Typus christlicher Theologie, ist Folge der jeweiligen historischen Hermeneutik und des theologischen Vorständnisses.

Es liegt vermutlich an einer auffälligen Konzentration auf den Berliner Theologen Friedrich Schleiermacher (1768–1834) in der gegenwärtigen evangelischen Theologie, dass im Jubiläum merkwürdig wenig von den tiefen Prägungen Luthers durch den antiken nordafrikanischen Theologen Augustinus die Rede war. Dass Luther 1517 und in den Jahren danach stark durch das vertiefte Nachdenken über die Sakramente der Taufe, der Buße und des Abendmahls zu seiner besonderen Konzentration auf das Wort Gottes gekommen ist, das in Form mündlich zugesprochener biblischer Sätze Menschen ins Herz trifft, verbindet den Wittenberger Theologieprofessor eher mit dem katholischen Kirchenvater Augustinus als mit gegenwärtig beliebten protestantischen Theologen des neunzehnten Jahrhunderts. Entsprechend stellt der Wittenberger Altar über der erwähnten Predella auch die Sakramente in einer besonderen, reformatorischen Interpretation und Bildtradition dar: Die Taufe vollzieht mit Melanchthon ein Laie, der niemals zum Priester geweiht oder zum Pfarrer ordiniert worden war.

Eine ganz andere Frage im Jubiläum war, ob stärker mit der ungetrennten abendländischen Christenheit verbundene Theologen des sechzehnten Jahrhunderts – man kann Ähnliches für Calvin und nicht nur für Luther oder Melanchthon zeigen – sich deswegen weniger zur Anknüpfung für die Gegenwart eignen. Vor allem Historiker haben scharfe Kritik an einer angeblichen Verzweckung in Wahrheit fremder Figuren der Frühen Neuzeit für Anliegen der Gegenwart in kirchlichen Gebrauchstexten geübt. Aber vom fremden Luther und einer heute fremd geworden Reformation war in den vergangenen Monaten auch oft die Rede: Der Antijudaismus Martin Luthers, der stellenweise als Antisemitismus zu bezeichnen ist, ist nicht nur in wissenschaftlichen Texten gründlich aufgearbeitet worden, sondern auch in kirchlichen Gebrauchstexten – solche Zusammenhänge zeigen, wie stark Luther in vielen Zügen im Unterschied zu weltgewandteren Reformatoren dem engen Raum einer mitteldeutschen Provinzmentalität verbunden blieb und sich tatsächlich nicht als protestantischer Heros der Neuzeit eignet.

Aber gerade eine Rekontextualisierung Luthers und anderer Reformatoren in der longue durée der christlichen Antike kann zeigen, dass ein weiterer bemerkenswerter Zug des Jubiläums nicht einfach bloße Kirchenpolitik oder Frucht eines engen persönlichen Verhältnisses zweier Münchner Kirchenführer war: Für das Gewicht der katholisch-evangelischen Ökumene beim Reformationsjubiläum lassen sich gute Gründe in der Reformationszeit ausmachen, wenn man seine Analysen nicht im dem Jahr 1517 beginnen lässt und die Bedeutung von Geistes- und Ideengeschichte nicht unzulässig marginalisiert.

Zunächst sah es nicht so aus, als ob evangelisch-katholische Ökumene einen großen Anteil an den Feierlichkeiten haben würde. Man debattierte nicht nur über die Alternative zwischen Feiern oder Gedenken und rang um eine gemeinsame Sprachregelung. Es drohte vielmehr eine Neuauflage von Debatten der vergangenen Jahrzehnte wie beispielsweise über die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Am überraschendsten in den vergangenen Jahren war angesichts dieser Vorgeschichte, wie sehr sich dieses anfängliche Bild gewandelt hat und wie stark sich römisch-katholische Bischöfe, aber auch die berühmten schlichten Christenmenschen auf das Jubiläum einer Bewegung eingelassen haben, die anfangs nur als Grund einer großen abendländischen Kirchenspaltung thematisiert werden konnte. Zu Beginn der Feierlichkeiten hatte wohl kaum jemand erwartet, dass man sich in einem gemeinsamen Gottesdienst in Hildesheim gegenseitig feierlich bekennen würde, was man der jeweils anderen Konfession verdankt, und verabreden würde, einander regelmäßig in Gottesdiensten fürbittend ebenso wie auch der eigenen Kirche zu gedenken. Manche katholische Kirchengemeinde hat über reformatorische Theologie nachgedacht, oft gemeinsam mit der evangelischen Nachbargemeinde, und selbst in Beichtstühlen der römischen Peterskirche wurde Luther gelesen.

Natürlich war das manchem hüben wie drüben schon wieder zu viel an ökumenischer Gemeinsamkeit auf Kosten konfessioneller Profilierung, während andere auf noch viel mehr gehofft hatten. Besonders an der Idee, 2017 gemeinsam ein Christusfest zu feiern, wurde immer wieder Kritik geübt: Es sei doch jeder Sonntagsgottesdienst ein Christusfest, hieß es dann. Wenn man aber in der erwähnten Wittenberger Predella einen dem älteren Cranach besonders gelungenen Ausdruck von Luthers erwähnter Theologie des Wortes Gottes sehen darf, dann kann man schlecht ignorieren, dass Luther dort und so auch in vielen seiner Texte nichts anderes ins Zentrum gestellt sehen will als eben Christus, und zwar als den Gekreuzigten, der in seinem Tod Menschen Heil und Leben schenkt.

Wo in diesem Sinne in den vergangenen Monaten ein Christusfest gefeiert wurde, war man gleichzeitig ganz ökumenisch bei der einen Bibel und bei einer nicht nur in der Wittenberger Reformation verbreiteten theologischen Figur: Durch den biblischen Text vergegenwärtigt sich Jesus Christus selbst im Raum der Kirche als der lebendige Herr seiner Gemeinde.

In der erwähnten Predella wird diese besondere Lebendigkeit an der Lichtführung deutlich, die den Gekreuzigten aus den eher dunklen Partien heraushebt, und an der Darstellung des Gekreuzigten, bei dem die Spuren eines blutigen Leidens zurückgedrängt sind. Die geschlossenen Augen des Gekreuzigten signalisieren, dass alles schon vollbracht ist. Und der von rotbraunen Adern durchzogene Stein, der die Wände des Raumes bildet, in dem die Szene auf der Predella spielt, bewahrt die Erinnerung an das vergangene Leiden als Hintergrund gegenwärtigen Heils.

Solche theologischen Gedanken der Reformation, die tief von antiken Theologen geprägt sind und daher ganz gewiss nicht trennend zwischen den großen Konfessionen stehen, am Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts so zu entfalten, dass sie beispielsweise von den vielen Menschen in Wittenberg gehört und verstanden werden können, die sich nicht zum Christentum bekennen, ist nicht eben einfach. Das sollte man bedenken, bevor man sich darüber beschwert, dass nicht immer alle Dimensionen der reformatorischen Rede von Christus in Texten zum gemeinsamen Christusfest präsent waren – oder darüber räsoniert, dass nicht jeder und jede erreicht wurde von den Botschaften.

Bekanntlich gehört es auch zu den Grundüberzeugungen reformatorischer Theologie, dass die Wirkung menschlicher Predigt Werk des Heiligen Geistes und nicht menschlicher Arbeit allein ist. Außerdem kann nahezu jeder, der sich etwas gründlicher in Wittenberg oder anderen Orten Mitteldeutschlands umgesehen hat, davon berichten, wie beeindruckt dem Christentum eher Fernstehende davon waren, etwas begriffen zu haben von Anliegen der Reformation.

Unbedingt erwähnt werden muss ein Aspekt des Jubiläums, über den kein Dissens besteht bei allen unterschiedlichen Wertungen dessen, was gelungen und was misslungen war: Dank einer großzügigen Förderung des Bundes und der Länder, vor allem aber der Staatsministerin für Kultur und Medien, sind vor allem in den östlichen Bundesländern viele bedeutende Gebäude durchgreifend renoviert oder restauriert worden. Der bereits mehrfach erwähnte Altar in der Wittenberger Stadtkirche bildet nun den Mittelpunkt eines durch ein neues Beleuchtungssystem in warme Farben getauchten gotischen Kirchenraums. In der Schlosskirche hat man sich dazu bekannt, einen neugotischen Kirchenraum der wilhelminischen Zeit wieder als Kunstwerk und Traditionszeugnis ernst zu nehmen. Ein von der dänischen Königin entworfenes und teilweise selbstgestaltetes Altartuch zeigt, dass Reformation nicht nur ein deutsches Ereignis war und in den vergangenen Monaten in ihren internationalen Kontexten bedacht und gefeiert wurde. Direkt neben der Schlosskirche wurde das durch einen Umbau zur preußischen Kaserne geschundene Renaissanceschloss der Kurfürsten zwar nicht in seiner Urgestalt rekonstruiert wie in Dresden oder Torgau, aber behutsam mit architektonischen Mitteln des einundzwanzigsten Jahrhunderts ergänzt und zu einem bemerkenswerten Ensemble aus Alt und Neu fortgebaut.

Von den vielen Ausstellungen war schon die Rede, die aber nicht nur historische Bezüge zum Thema hatten. In den Zellen eines Gefängnisses, das sich an das Wittenberger Amtsgericht anschließt, gelang Kuratoren eine überaus eindrückliche zeitgenössische Kunstausstellung – während an der diesjährigen Documenta in Kassel viel Kritik geübt wurde, reagierten hier viele Besuchende sehr begeistert.

Auch am staatlichen Engagement für solche Projekte, insbesondere seinen finanziellen Ausmaßen, wurde gelegentlich heftige Kritik geübt, und nicht jeder fand angemessen, dass der Bundespräsident beim Festakt am 31. Oktober 2016 zwar betonte, nicht als Pfarrer zu sprechen, aber doch präzise über die Bedeutung von Gnade in einer oft gnadenlosen säkularen Gesellschaft sprach. Aber warum sind gebildete Politiker, die ihr Christentum verstehen, etwas Schlechtes? Und Kritiker des finanziellen staatlichen Engagements könnte man darauf hinweisen, dass die öffentliche Hand in regelmäßigen Abständen ein Internationales Deutsches Turnfest finanziert, obwohl sich die Menge Turnbegeisterter durchaus in engeren Grenzen hält als die der Besucher von Veranstaltungen des Reformationsjubiläums. Analoges gilt für mancherlei andere Großveranstaltungen.

Wenn man sich derartige Zusammenhänge öffentlicher Förderung vor Augen hält, braucht man die Fernwirkungen der Reformation auf die bundesrepublikanische Gesellschaft nicht aus Gründen der Rechtfertigung für die reichlich geflossene Unterstützung zu überzeichnen. Natürlich führt keine schnurgerade Linie von Luthers differenziertem Verständnis einer Freiheit, durch die ein Christenmensch sich freiwillig in Dienst nehmen lässt für Gott und den Nächsten, zum deutlich individualisierteren Freiheitsverständnis weiter Kreise der Bevölkerung.

Selbstverständlich spielt auch in einer katholischen Kirche und Theologie, die in der Tradition des Zweiten Vatikanischen Konzils steht, ein differenzierter Begriff von Freiheit eine Rolle und nicht nur in einer sich als „Kirche der Freiheit“ proklamierenden Evangelischen Kirche. Bei allen Versuchen, Wirkungen der Reformation in der Gegenwart allzu schnell zu identifizieren, ist Vorsicht angesagt: So folgt natürlich aus dem unerhört selbstbewussten Auftritt eines Professors einer relativ frisch gegründeten mitteldeutschen Reformuniversität vor dem Kaiser und den Reichsfürsten auf dem Reichstag in Worms 1521 nicht quasi automatisch der vergleichbar freche Auftritt von Fritz Teufel vor einem Berliner Gericht 1967: Zwischen einer rhetorisch höchst präzise ausgeführten Berufung auf das Gewissen, die im sechzehnten Jahrhundert den Rahmen des vorgesehenen Verfahrens sprengte, und dem geflügelten Wort eines zum Aufstehen aufgeforderten Angeklagten „Wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient“, liegen Welten.

Daher ist man gut beraten, diese Welten nicht im Zuge didaktisch motivierter Vereinfachung in eins zu schieben. Aber man sollte wahrnehmen, dass beispielsweise einige der Widerstandskämpfer im nationalsozialistischen Staat, als sie den „Aufstand des Gewissens“ wagten, Trost wie Ermutigung durch den Rekurs auf reformatorische Texte und Figuren fanden. Die Bedeutung dieser mehrfach gebrochenen Traditionslinie sollte nicht überzeichnet, aber auch nicht durch Klischees vom angeblich so staatsfrommen Luthertum über Gebühr marginalisiert werden.

Die Reformatoren des sechzehnten Jahrhunderts haben die zweiteilige christliche Bibel, die für sie ein schlechterdings grundlegender Text alles christlichen Lebens und Denkens war, zunehmend in den Bahnen einer humanistischen Tradition von ihren Ursprachen her zu begreifen versucht. Die im Jubiläumsjahr überraschend nachgefragte und in einer vorzüglichen Revision rechtzeitig veröffentlichte Luther-Bibel ist dafür ein beredtes Zeugnis. Von dieser die Reformation tief prägenden Orientierung an den alten Sprachen kann man aber auch etwas lernen, wenn man mit Hebräisch, Griechisch und Latein gar nichts am Hut hat: Wer je einmal an einer Schule oder Universität eine alte Sprache unterrichtet hat, weiß, dass es mit einer Schnellbleiche von wenigen Monaten und einer abschließenden Prüfung nicht getan ist. Vertrautheit mit den alten Sprachen erwirbt, wer sich darin übt.

Gleiches gilt, wenn man nach dem fragt, was am Reformationsjubiläum gelungen war und was bleiben wird. Die Antwort auf diese Frage wird stark davon abhängen, was in den kommenden Monaten und Jahren geschehen wird. Wer nach einer angemessenen Erholungs- und Reflexionspause im Winter 2017/2018 bequem auf dem Sofa sitzen bleibt und sich weiter ausruht, darf sich nicht wundern, wenn wenig von Feier und Gedenken, von Ausstellung und Lektüre, vom ganzen Erlebnis auf Elbwiesen und in restaurierten Kirchengebäuden bleibt. Wenn dagegen das, was gut gelungen war, und das, was nicht so gelungen war, nüchtern analysiert wird und Konsequenzen gezogen werden, dann kann der Aufbruch, der an vielen Stellen durch Kirchengemeinden, aber auch durch nichtkirchliche Zusammenhänge gegangen ist, weitergetragen werden in die kommenden Jahre.

Ein einziges Beispiel zum Schluss: In Frankfurt/Oder hat eine durchaus mehrheitlich nichtchristliche städtische Bevölkerung zusammen mit der evangelischen und katholischen Christengemeinde viel Geld aufgebracht, um die reformatorisch geprägten Kunstwerke der großen gotischen Marienkirche in der Stadtmitte zum Jubiläum zu restaurieren und in einer beeindruckenden Ausstellung zu präsentieren. Anlässlich dieses Projektes ist vielen Menschen vor Ort deutlich geworden, was für eine solche Stadt die reformatorische Rede vom Priestertum aller Glaubenden und von der Freiheit eines Christenmenschen bedeuten konnte, wie mindestens einzelne Spuren von Mündigkeit und Autonomie sich durch die folgenden Jahrzehnte und Jahrhunderte Stadtgeschichte ziehen. An solche gemeinsamen bürgerschaftlichen Erfahrungen mit dem Reformationsjubiläum ist in den kommenden Jahren anzuknüpfen, an vergleichbaren Projekten ist nun auch an anderen Orten weiterzubauen.

Es gibt noch genügend Menschen und Plätze, an denen sich Vergleichbares realisieren lässt. Man könnte also alle Mängeldiagnosen – zu wenig theologischer Tiefgang in manchen Veranstaltungen wie Projekten, zu viele Veranstaltungen, zu wenig Beachtung für Frauen in der Reformationszeit, kaum Ökumene mit den orthodoxen Kirchen und so fort – als Ansporn für die kommenden Jahre verwenden, in denen unzählig viele Jubiläen anstehen. Denn nach einem so weit über Wittenberg und Deutschland hinaus strahlenden Jubiläum können in den kommenden Jahren nicht nur die lutherischen Erinnerungsorte gefeiert werden wie der erwähnte Reichstag zu Worms, dessen Gedenken sich 2021 jährt. Vielmehr müssen beispielsweise auch reformierte Jubiläen begangen werden wie das Züricher Wurstessen von 1522, das einem schon vergleichsweise bald die Gelegenheit geben kann, dortige Fasnachts-Chüechli mit Scheiben von scharfen Rauchwürsten zu probieren und sich dabei an die städtische Reformation sowie an Zwingli mit den Seinen zu erinnern.

Ein wenig heitere Gelassenheit bei der nun anstehenden Betrachtung des Reformationsjubiläums täte gut. Nicht nur deswegen, weil solche heitere Gelassenheit in der Regel eine präzisere Analyse erlaubt als wütende Ausfälle gegen tatsächliche oder angebliche Defizite oder ängstliche Apologetik von Verantwortlichen. Nein: Getroste, ja heitere Gelassenheit ist eben auch die Haltung, in die das Menschen frei machende Wort Gottes führen will. Sie ist also vielleicht die tiefste Form, im Umfeld des Reformationsfestes 2017 Reformation zu feiern – und auch in den Jahren danach.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAlbert EinsteinMartin LutherWittenbergHumboldt-UniversitätKatholische KircheKircheReformationsjubiläum