Russlands Schicksalsjahr 1937

Stimmzettel gegen Volksfeinde

Von Professor Dr. Karl Schlögel
 - 11:35

Eine Zentenarfeier ist gewichtig, ein rundes Datum, bei dem man innehält. So war es beim 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. So war es dieses Jahr auch mit den hundert Jahren russische Revolution. Das Schicksalsjahr 1937, dessen 80. Wiederkehr dieses Jahr gleichfalls zu begehen war, konnte solche Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen. „1937“ fand hin und wieder Erwähnung, aber von einer Vergegenwärtigung eines Datums, das so einschneidend in das Leben von Millionen sowjetischer Familien eingegriffen hat, kann nicht die Rede sein. Zwar wurde in Anwesenheit Wladimir Putins das Mahnmal für die Opfer der politischen Repression – die „Mauer der Trauer“ – am Sacharow-Prospekt im Zentrum Moskaus eingeweiht. Der Name des Mannes, der die Repressionen zu verantworten hatte, aber kam dem russischen Präsidenten nicht über die Lippen. 1937 war das Jahr der „Stalinschen Säuberungen“, der Schauprozesse und des „Großen Terrors“.

In der Wahrnehmung des Auslandes ist das Jahr 1937 – wenn überhaupt – präsent in den literarischen Figuren von Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“, freilich auch in Lion Feuchtwangers beschönigendem „Reisebericht für meine Freunde“ – „Moskau 1937“. Doch nach dem Ende der Sowjetunion und der – vorübergehenden – Öffnung der Archive Anfang der neunziger Jahre wissen wir, dass die ungeheuerlichen Schauprozesse gegen führende Kommunisten, die der Gegenstand dieser Bücher sind, nur die sichtbare Spitze einer bis dahin nicht bekannten und verschwiegenen Welle des geplanten Massenmords war, die mit dem Befehl Nr. 00447 in Gang gesetzt wurde – die „Operation zur Repression ehemaliger Kulaken, Krimineller und anderer antisowjetischer Elemente“. Es traf die Masse, einfache Leute, Menschen aller Schichten, Volkszugehörigkeiten, religiöser Gemeinschaften, politische Gegner und „sozial fremde Elemente“, am Ende sogar Zehntausende von Angehörigen des NKWD selbst. In den Jahren 1937/38 sind laut Statistiken 1 575 295 Menschen verhaftet und davon 681 692 ermordet worden. Befehl Nr. 00447 hatte zwei Kategorien definiert – Kategorie I für die „Höchststrafe“ (Erschießung), Kategorie II (Verbannung und Lager). Während die Masse der 1937 als „kulakische, antisowjetische und kriminelle Elemente“ verurteilt wurden, standen bis zum Ende der Massenoperationen am 17. November 1938 Angehörige ethnischer Gruppen – Polen, Deutsche, Litauer, Koreaner und Angehörige anderer grenznaher Völker – im Zentrum der Verfolgung.

Die Zeitgenossen, über die dieser Orkan der Gewalt hinweggefegt war, suchten nach Erklärungen für das Unbegreifliche. Es müsse sich um einen Irrtum handeln, so eine weitverbreitete Deutung. Die politische Führung, vor allem der weise Stalin, wisse nichts von diesen Vorgängen, so eine andere. Da die Kriegsgefahr rings um die Sowjetunion steige – der Nationalsozialismus an der Macht, Japans Aggression in Fernost, der Spanische Bürgerkrieg –, sei die verdeckte Wühlarbeit von Agenten durchaus naheliegend. Aber auch diese Version gab es: Der Faschismus selbst habe in den Sicherheitsorganen die Macht ergriffen. Es ist gerade die totale Willkür und Unbestimmtheit, die Schrecken verbreitete, die Selbstverteidigung paralysierte und die Angst zu einem permanenten Lebensgefühl werden ließ. Wie sollte auch alles zusammenpassen: Die Hauptstadt im Boom von Abriss und Neubau, die Sprengung der Christ-Erlöser-Kathedrale und der Bau des 420 Meter hohen Palastes der Sowjets; die Sportlerparaden auf dem Roten Platz und die Hassgesänge gegen die „Volksfeinde“, die soeben noch Helden der Revolution gewesen waren; die fast täglichen Exekutionen auf dem Schießplatz von Butowo im Sommer 1937 und die harmlosen Vergnügungen im Gorkij-Kultur- und Erholungspark.

Eine dramatische Steigerung waren die Wahlen zum Obersten Sowjet am 12. Dezember 1937 – genauer die Gleichzeitigkeit und das Ineinander von „allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlen“, wie sie nach der im Dezember 1936 verabschiedeten „Stalin-Verfassung“ durchgeführt werden sollten, und den großen Massenoperationen zur systematischen Tötung von Hunderttausenden von Menschen. Ein Blick in die Zeitungen zeigt sehr schnell, dass es sich bei den Wahlen zum Obersten Sowjet um ein großes Ereignis gehandelt hat. 90 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen, ihrer „sozialistischen Bürgerpflicht“ nachzukommen. Der organisatorische Aufwand war gigantisch. Abertausende von Wahlbezirken waren einzurichten, landesweit gab es 130 000 Wahlkommissionen, 1,5 Millionen Menschen waren mit der Durchführung der Wahlen befasst, Tausende von Kandidaten mussten nominiert und registriert werden. Die Durchführung dieser Wahlen war vergleichbar nur mit der anderen organisatorischen Großleistung des Jahres 1937: der Allunionsvolkszählung im Januar, als an einem einzigen Tag die 160-Millionen-Bevölkerung des Reiches zu erfassen und zu kategorisieren war.

Schon in der Nacht bildeten sich Schlangen vor den Büros, um ab 6 Uhr früh dann den Wahlschein auszufüllen und einzuwerfen. Es gab Wahlkabinen, die viele nicht benutzten, weil sie nicht Verdacht erregen wollten, sie hätten etwas zu verbergen oder gar den Namen des Kandidaten durchgestrichen, der vom „Block aus Parteimitgliedern und Parteilosen“ nominiert worden war. Das ganze Land schien sich in einer Mischung aus großer Staatsaktion und landesweitem Volksfest zu befinden. Der Schriftsteller Konstantin Fedin beschrieb die Moskauer Situation: die Straßen und Plätze geschmückt, die Fassade des Bolschoj-Theaters verhängt mit den Porträts der Führung, Busse und Straßenbahnen mit Wahlaufrufen geschmückt, überall ertönt Musik aus Lautsprechern oder von Blasmusikorchestern. Gedichte wurden geschrieben, Buffets aufgestellt. Wahlbüros gab es in Schulen, Kulturpalästen, sogar in Fernzügen. Wer krank und bettlägerig war, wurde von Agitatoren aufgespürt und zur Abstimmung gekarrt. Hunderttausende waren auf den Beinen: auf Straßen und in Parks der Hauptstädte und in der Provinz. Gefeiert wurden nicht nur die Wahlen, sondern 20 Jahre Oktoberrevolution, 15 Jahre Gründung der UdSSR, zehn Jahre Einführung des Sieben-Stunden-Tages, die erfolgreiche Beendigung des zweiten Fünfjahresplans, 20 Jahre Tscheka/NKWD, der erste Jahrestag der Verabschiedung der Stalinschen Verfassung. Vor den Wahlen gab es auch materielle Wohltaten: eine Erhöhung der Mindestlöhne in der Industrie, die Reduktion der Milchlieferungspflicht der Kolchosbauern, die Erhöhung der Gehälter für Hochschullehrer und der Stipendien für Studenten.

Obwohl es sich um die größte Massenmobilisierung des Jahres 1937 handelt, obwohl diese Wahlen bis zum Ende des Sowjetblocks das Grundmuster für den Wahlvorgang in den „Volksdemokratien“ abgaben, kommen die Wahlen in der Darstellung der Stalin-Ära kaum vor. Das liegt kaum an den Quellen – die Massenmobilisierung war allgegenwärtig –, sondern wohl eher an der Perspektive: In dem in Zeiten des Kalten Krieges vorherrschenden Totalitarismusmodell waren sowjetische Wahlen bloß Inszenierung und Farce, kein analysewürdiges Thema. Und als in den 1970er Jahren die sozialhistorische Schule das Reich Stalins mit neuen Augen erschloss, ging es mehr um (unpolitischen) Alltag und Lebenswelt, in der Wahlen als „Haupt- und Staatsaktionen“ nicht mehr „relevant“ waren. So fiel ein Schlüsselereignis durch die Raster paradigmatischer Schulbildungen – Ausnahmen wie die Forschungen von J. Arch Getty, Wendy Goldman, David Shearer oder Andrej Meduschewskij bestätigen nur die Regel.

Dabei gibt es klare Hinweise auf den Zusammenhang zwischen dem Versammlungsdemokratismus der Wahlen und der gezielten Massenoperation gegen „antisowjetische Elemente“. Der wichtigste Hinweis ist die zeitliche Koinzidenz der Entscheidungen: Am 2. Juli 1937 veröffentlichte die „Prawda“ die „Verordnung über die Wahlen zum Obersten Sowjet der UdSSR“, die die „allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlen“ regelte, und vom 2. Juli datiert auch die Politbüro-Resolution „Über die antisowjetischen Elemente“, in der die Zielgruppe der Repressionen, denen der spätere Befehl Nr. 00447 galt, benannt wurden. Das eine Dokument setzte den geheim zu haltenden Massenmord nach Plan in Gang, das andere legte das Prozedere für die Wahlen fest. Beide Operationen sollten bis Mitte Dezember abgeschlossen werden. Ziel des Anschlags waren jene Gruppen, die durch die neue Verfassung ihre Bürgerrechte zurückerhalten hatten, die aber als potentielle Opposition ausgeschaltet werden sollten. Besonders aufschlussreich ist aber, dass das Plenum des Zentralkomitees am 14./15. Oktober die grundlegende Neuerung, die mit den Wahlen ursprünglich avisiert war und für die bereits die Wahlzettel entworfen worden waren – die Aufstellung mehrerer Kandidaten und die geheime Stimmabgabe –, wieder zurücknahm zugunsten der Aufstellung einer Liste des „Blocks aus Parteimitgliedern und Parteilosen“. Die Kontrolle über einen Vorgang, der außer Kontrolle zu geraten schien, war wiederhergestellt.

Dem amerikanischen Historiker J. Arch Getty, der zusammen mit seinem Kollegen Oleg Naumow diesen Aspekt des „Weges in den Terror“ dokumentiert hat, gebührt das Verdienst, auf diese wohl nicht zufällige Koinzidenz von Wahlordnung und Massenoperation hingewiesen und damit einen Schlüssel geliefert zu haben, wie sich zentral gesteuerter Terror von oben und die Mobilisierung von unten zu einem unüberschaubaren Chaos verbinden konnten, in dem jederzeit jeder zum Feind, Spion, Saboteur, Agenten, Schädling erklärt werden konnte.

Grundlage für die Wahlen war die sogenannte „Stalin-Verfassung“, verabschiedet am 5. Dezember 1936 vom VIII. Außerordentlichen Sowjetkongress der UdSSR. Theoretisch sollte sie den sozialen Veränderungen der zwei Jahrzehnte seit der Revolution Rechnung tragen und die Verfassungen von 1918 beziehungsweise 1924 ablösen. Die Ausbeuterklassen seien spätestens mit der „Liquidierung der Kulaken als Klasse“ verschwunden, das sozialistische Eigentum durchgesetzt, es gebe nur noch befreundete Klassen, die Arbeiter und die Bauern sowie die werktätige Intelligenz. Entsprechend könnten die Beschränkungen aus der Zeit der Diktatur des Proletariats abgeschafft werden. Wahlen sollten jetzt allgemein sein, das heißt gesellschaftliche Gruppen, die ihre Bürgerrechte verloren hatten – ehemalige Landbesitzer, Unternehmer, Offiziere, Mitglieder nichtbolschewistischer Parteien, Priester –, erhielten ihre Bürgerrechte zurück und sollten sich wieder in vollem Umfang am politischen Leben beteiligen können. Die Wahlen waren gleich, das heißt jeder Bürger hatte von nun an eine Stimme, Arbeiter hatten nicht mehr Stimmen als die Landbevölkerung, wie dies in einer Art Zensuswahlrecht bis 1936 galt. Die Wahlen sollten direkt sein, das heißt der Oberste Sowjet, das „Parlament“, wurde nicht mehr über die Pyramide von lokalen und Republik-Sowjets gewählt. Und schließlich: Alle gesellschaftlichen Organisationen sollten Kandidaten aufstellen können, über die in dann in geheimer Wahl entschieden werden sollte. Ein ganzes Jahr lang wurden 1935/36 Debatten über den Entwurf, an dessen Ausarbeitung übrigens die später als „Verräter“ verurteilten und hingerichteten Bolschewiken Karl Radek und Nikolaj Bucharin beteiligt waren, organisiert, mit Abertausenden von Kritiken und Verbesserungsvorschlägen. Michail Kalinin, der Vorsitzende des Obersten Sowjets, sprach von 51 Millionen Menschen, die sich in einer halben Million Veranstaltungen zu Wort gemeldet hätten. Aber dies war im Grunde nur die erste Stufe der Massenmobilisierung nach der neuen, „der demokratischsten Verfassung der Welt“.

Tatsächlich gab es Stimmen, die auf die Inanspruchnahme des neuen Wahlrechtes, die Ausübung der geheimen Stimmabgabe setzten. Eine Stimme sagte: „Es ist ein Elend, dass sie die Sinowjew-Leute erschossen haben. Wir hätten für sie gestimmt bei den Neuwahlen.“ Manche riefen die Bauern auf, die kommunistischen Kandidaten zu boykottieren und „unsere eigenen Leute“ zu wählen. Ein anderer sagte: „Jetzt werden die Wahlen geheim sein, und wir können für unsere eigenen Leute und nicht für die Kommunisten stimmen.“ NKWD-Informanten berichteten, dass orthodoxe Aktivisten, Sektenanhänger und Altgläubige die Bauern aufriefen, gegen die Kommunisten zu stimmen, und die Wiedereröffnung der Kirchen forderten. Hier wird deutlich, was schon bei der Volkszählung im Januar zu beobachten gewesen war: An die 57 Prozent der Bevölkerung hatten sich als gläubig bezeichnet. Die orthodoxe Kirche war der ideologische Konkurrent der Partei, die auf dem Land nach wie vor sehr schwach verankert war.

Nichts war in der von sozialen Krisen und Verwerfungen gezeichneten Welt der 1930er Jahre leichter, als das Leitungspersonal zum Sündenbock für alle Zumutungen, Erniedrigungen und Schrecken des Alltags verantwortlich zu machen. Jagd auf Manager, „Spezialistenfresserei“, die Denunziation als Massenerscheinung – all das ist oft als „Stalinismus von unten“ bezeichnet worden. Stalin und seine Leute haben die Kritik- und Hasskampagne bewusst initiiert und befeuert, um das Management der mittleren und höheren Ebene unter Druck zu setzen, zu disziplinieren oder auch zu vernichten, während „das Volk“ diese Rituale nutzte, um mit „denen da oben“ abzurechnen. Nichts war einfacher, als auf solchen Versammlungen mit oft Tausenden Teilnehmern schmutzige Wäsche zu waschen und persönliche Rechnungen zu begleichen: „unmoralisches Verhalten“, wenn jemand einem die Frau ausgespannt hatte, „antisowjetische Reden gehalten“, wenn man es auf die Wohnung eines anderen abgesehen hatte, „Speichelleckerei“, „Kriecherei“, „Arroganz“, „Vetternwirtschaft“ für die weitverbreitete Praxis der Kooptation der Führungsebenen. Abertausende sind im Sturm dieses wohlorchestrierten Volkszorns zu Fall gebracht und vernichtet worden. Das Vokabular und die Rhetorik der Denunziation, des Neides, des „Klassenhasses“ und „gesunden Volksempfindens“ brachen sich Bahn. Diese Mischung aus berechtigter Volksklage und opportuner Massendenunziation ist der Raum, in dem sich das fürchterliche Drama vom Aufstieg der einen und dem Untergang der anderen vollzieht. Ohne die Stimmung einer auf Dauer gestellten Hysterie und Panik, ohne das Zusammentreffen eines Stalinismus von oben und einer Rebellion und Aufstiegsentschlossenheit von unten ist der „Hexensabbat“ der Großen Säuberungen nicht zu verstehen.

Die Parteifunktionäre wussten, was ihnen drohte. Sie berichteten von den Abertausenden von Kulaken, die sich nach Verbüßung ihrer fünf Jahre währenden Strafe – Verbannung, Lager – anschickten, in ihre Dörfer zurückzukehren und ihr Land zurückzufordern. Es waren vor allem Lokal- und Regionalbosse, die vor Unruheherden, Aufständen, Verschwörungen warnten. Wirkliche Wahlen mit mehreren Kandidaten und geheimer Stimmabgabe waren für sie undenkbar, sie verlangten freie Hand. Sie machten Druck und forderten die Erhöhung der „Quoten“ derer, die aus dem Weg geräumt werden sollten.

Der Befehl Nr. 00447 benennt die Zielgruppen der in den kommenden Monaten durchgeführten Massenoperationen in einer Art Proskriptionsliste. Es handelt sich um: „Kulaken“, Repräsentanten der zaristischen Bürokratie; ehemalige Offiziere der weißen Armee; Anführer von Bauernaufständen; alle jene „Ehemaligen“, die nach der Revolution ihrer Bürgerrechte beraubt gewesen waren; Angehörige des orthodoxen Klerus wie überhaupt Vertreter „religiöser Kulte“; ehemalige Mitglieder verschiedener politischer Parteien; aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossene Mitglieder; politische Immigranten und Remigranten; Sowjetbürger, die mit ausländischen Diplomaten Kontakt hatten; Sowjetbürger polnischer, deutscher, finnischer, lettischer, litauischer, koreanischer Herkunft, meist Politemigranten und also Bewohner grenznaher Gebiete und Beschäftigte in Betrieben von militärisch-strategischer Bedeutung; Personen, denen die Niederlassung in Städten verweigert oder die aus Städten ausgewiesen worden waren – ehemalige Aristokraten, Hausbesitzer, Prostituierte; nach Paragraph 58 – „konterrevolutionäre Tätigkeit“ – Verurteilte; Kriminelle – meist Kleinkriminelle, Pferdediebe und Wiederholungstäter.

Für die Parteibosse und den NKWD ist Befehl Nr. 00447 der Freibrief, möglichst viele auf schnellstem Wege zu beseitigen, die überfüllten Gefängnisse zu räumen und die Lager zu füllen – bis zu dem Punkt, wo die Repression mit ihren „Überspitzungen“ „kontraproduktiv“ wurde und der eine Henker durch einen anderen ausgewechselt wurde. Auf Nikolaj Jeschow folgte Lawrentij Berija.

Mitte Oktober 1937, als der „Wahlkampf“ in aller Breite und Wucht eröffnet wurde, zog die Parteiführung die Notbremse. Die Angst vor dem potentiellen Erfolg der nichtkommunistischen Kandidaten führt zu einer Revision der ursprünglichen Wahlordnung. Es ist noch immer nicht ganz klar, wie der Entscheidungsprozess zum Rückzug von den offenen und geheimen Wahlen genau verlief. Jedenfalls gab es geheime Instruktionen zur Implementierung dieser Entscheidung. Tausende von Parteipropagandisten wurden losgeschickt, um den Kampf gegen die „konterrevolutionären Verleumdungen“ der neuen Wahlordnung aufzunehmen.

Aber die „Verleumdungen“ hörten damit nicht auf. Baptisten zum Beispiel traten sogar auf Kolchosversammlungen auf und empfahlen den Gemeinden, in den Wahlkabinen „die Namen aller Kandidaten auf dem Wahlschein durchzustreichen und stattdessen andere Namen einzutragen“, die Wähler sollten „für die Besten“ stimmen, also nicht für Vertreter der Kommunistischen Partei. Bauern artikulierten ihre Kritik an unfähigen Dorfsowjet- und Kolchos-Vorsitzenden und verlangten deren Absetzung und Bestrafung.

In Schauprozessen, die es allenthalben im Lande gab, bekannten sich Angeklagte – anders als bei den Prominenten-Prozessen in Moskau – nicht schuldig. Alles deutet auf Improvisation, Chaos, Überforderung, Durcheinander. Die Situation war äußerst verwirrend. „Was geht hier vor sich?“, fragte das ZK-Mitglied Pramnek auf dem Oktober-Plenum: „Ich gehe davon aus, dass es bei uns im Donbass, und wahrscheinlich auch in anderen Gebieten, Wahlkreise gibt, die, wenn wir das nicht in unsere Hand bekommen, unseren Kandidaten durchfallen lassen können.“ Von daher erscheint ganz schlüssig, was der Archangelsker Parteisekretär Kontorin fordert: „Wir bitten und werden das Zentralkomitee bitten, uns zu gestatten, das Limit der ersten Kategorie (die Quoten für Erschießung, Anmerkung des Autors) zu erhöhen in der Vorbereitung der Wahlen.“ So kommt es zu einem regelrechten Wettlauf in der Erhöhung der Planzahlen für die Beseitigung Abertausender von unschuldigen Menschen.

Bei einer Totalmobilisierung und fast perfekten Kontrolle der Wahlen ist es erstaunlich, dass es keine kleine Zahl von ungültigen oder Gegenstimmen gegeben hat. 90 Millionen gingen zu den Urnen. Über 90 Prozent stimmten für den Kandidaten. Immerhin galten 600 000 Stimmen als ungültig. Dort waren die Kandidaten auf dem Wahlzettel durchgestrichen worden. Auf manchen fand man auch Kommentare: „Danke, Stalin“; „Du Schwein“; „Speichellecker“; „Wir brauchen Fleisch, keine Deputierten“; „Korrupt“.

All das zeigt: Die Wahlkampagne war nicht bloß Show, sie war alles andere als eine Farce. Umso erstaunlicher, dass sie bis heute in der Forschung vernachlässigt wird. Es ging dabei zu keinem Zeitpunkt um eine freie Wahl, um die Selbstorganisation konkurrierender Parteien, sondern um etwas anderes: die Form einer Mobilisierung, die dem Zusammenspiel von Macht und Masse, von Regierung und Volk diente, eine Form der Verfertigung des „Sowjetmenschen“, um einen die Massen ergreifenden Akt der Identifikation mit der Sowjetmacht, mit der Partei, besonders aber mit dem Führer.

So gesehen, war sie ein Meisterwerk einer eigentümlichen PR – „piarism“, so nennt es Andrej Meduschewskij in seinem jüngst erschienenen Buch –, mit einer Blockbildung aus Parteimitgliedern und Parteilosen, die im Ausland zum selben Zeitpunkt als „Volksfront gegen den Faschismus“ Schule machte. Staatsritual und Volksfest in einem. Es ging nicht primär um das formale Prozedere, sondern um Einübung in Praktiken der Akklamation und Unterwerfung, um die Erziehung zu einem Reichspatriotismus, um einen Kommunikationsprozess zwischen Macht und Gesellschaft, um die alt-neue Tradition der Anerkennung des „Guten Zaren“.

Potentielle Oppositionsgruppen wurden als verlängerter Arm des äußeren Feindes gebrandmarkt und als „Fünfte Kolonne“ – eine zentrale Chiffre des Spanischen Bürgerkriegs – zum Abschuss freigegeben. Mit der größten Selbstverständlichkeit hat Wjatscheslaw Molotow im Rückblick diesen Zusammenhang benannt und die Stalinsche Vernichtungspolitik gerechtfertigt. Die Sowjetunion hätte, so Molotow im vielzitierten Gespräch mit dem Journalisten Felix Tschujew im Jahre 1978, Hitler nicht besiegt, wenn sie nicht den Feind im Rücken der Sowjetmacht rechtzeitig ausgeschaltet, das heißt vernichtet hätte. Das ist die offizielle Version des Mitstreiters Stalins. Warlaam Schalamow hat eine andere, wenn er sagt: Das Thema der Epoche – der Terror, das Lager – sei im Schatten eines andere Themas – des Krieges – verschwunden.

Dass dieses furchtbare Jahr in der Gesellschaft und in den Seelen der Menschen Wunden und Narben zurückgelassen hat, versteht sich von selbst. Mit den Spurenelemente dieser Erbschaft aus gelenkter Demokratie und Agentenparanoia hat das nachsowjetische Russland bis heute zu tun.

Der Verfasser ist Osteuropahistoriker. Vor seiner Emeritierung lehrte er an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.

Quelle: F.A.Z.
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