Vereinigte Staaten

Die Revolution findet nicht statt

Von Professor Dr. Stephan Bierling
 - 15:31

Die Vereinigten Staaten haben seit ihrer Gründung ein ambivalentes Verhältnis zum Rest der Welt. Soll man sich mit anderen Nationen einlassen oder sich auf das eigene Land konzentrieren? Allein vorgehen oder im internationalen Konzert? Klassische Machtpolitik betreiben oder für höhere Werte kämpfen? Auf diese Fragen haben die Vereinigten Staaten in unterschiedlichen Phasen unterschiedliche Antworten gegeben.

In den ersten 130 Jahren dominierten Isolationisten, die Amerika aus den Händeln Europas heraushalten wollten. 1917 setzten sich mit dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg die Internationalisten durch, die die Nation als globale Führungsmacht und Förderer der Demokratie sahen. Hundert Jahre später verspricht Präsident Donald Trump eine weitere radikale Wende in der amerikanischen Außenpolitik: Er will das Land aus seinen internationalen Verpflichtungen herausführen und amerikanische Interessen im Alleingang vertreten. Dabei knüpft er an alte Traditionen an.

Den Gründervätern, die 1787 die bis heute gültige Verfassung schrieben, war Außenpolitik, wie sie die europäischen Großmächte führten, ähnlich suspekt wie Trump. 1789 benannte der Kongress das gerade einmal acht Jahre alte Außenministerium (Department of Foreign Affairs) in Staatsministerium (Department of State) um, weil sich die Behörde mehr und mehr um Innenpolitik kümmern musste. In seiner Abschiedsansprache als Präsident bezeichnete George Washington es sieben Jahre später als „unsere wahre Politik“, das Land von „dauerhaften Allianzen mit irgendeinem Teil der ausländischen Welt fernzuhalten“. Außenminister John Quincy Adams unterstrich 1821, Amerika wünsche allen anderen Staaten Freiheit und Unabhängigkeit, „aber es geht nicht ins Ausland auf der Suche nach Monstern, die es zu vernichten gilt“. Bis in das frühe 20. Jahrhundert sahen sich die Vereinigten Staaten als das neue Jerusalem, als gelobtes Land, das die Welt durch seine Ideale inspiriert, jedoch nicht durch aktives Engagement zu einer besseren macht.

International mischten die Amerikaner zwar bisweilen mit, etwa im Krieg mit Großbritannien von 1812 bis 1815, im Krieg mit Mexiko von 1846 bis 1848, bei der wirtschaftlichen Öffnung Japans 1853 sowie Chinas 1899, nicht zu vergessen der Krieg mit Spanien 1898. Aber dabei ging es darum, die Kontrolle über den Kontinent zu erringen, andere Mächte aus Nordamerika zu verdrängen oder Handelsvorteile zu erzwingen. Mit der Übernahme der Philippinen und Guams infolge des Siegs über Spanien sowie der Vermittlung Präsident Theodore Roosevelts im Russisch-Japanischen Krieg 1905 engagierten sich die Vereinigten Staaten erstmals militärisch und politisch außerhalb der eigenen Hemisphäre. Auch dem lagen allerdings weder ein großes Design noch ein nationaler Wunsch nach dauerhafter Mitwirkung am Weltgeschehen zugrunde.

Dass sich die Vereinigten Staaten so lange aus der Weltpolitik herauszuhalten und eine isolationistische Außenpolitik zu verfolgen vermochten, lag an ihrer einmaligen geographischen Lage. Geschützt durch zwei Ozeane und mit zwei schwachen, die meiste Zeit freundlichen Nachbarn im Norden und Süden, konnten es sich die Vereinigten Staaten leisten, die Welt Welt sein zu lassen. Gefährliche Anrainer, eroberungslüsterne Potentaten, Erbfolgestreite, schnell wechselnde Allianzen, hochgerüstete Landarmeen, alles also, was die Staaten und Reiche Europas in ständiger Angst leben ließ und zu kontinuierlicher Beschäftigung mit internationaler Politik zwang, existierte in Amerika nicht. Angegriffen werden konnten die Vereinigten Staaten einzig auf dem Seeweg, und den sicherte die britische Royal Navy. Selbst als in der Alten Welt 1914 der Große Krieg ausbrach, glaubte Washington deshalb, sich heraushalten zu können.

Es bedurfte einer enormen Bedrohung, um die Vereinigten Staaten von ihrem tiefverwurzelten Isolationismus und Unilateralismus abrücken zu lassen und sie zu zwingen, an der Weltpolitik teilzunehmen und Bündnisse einzugehen. Anfang 1917 wurde das Deutsche Reich zu einer solchen Gefahr: Am 31. Januar ordnete Kaiser Wilhelm II. den uneingeschränkten U-Boot-Krieg gegen alle - auch amerikanische - Handelsschiffe an, um in einem letzten verzweifelten Akt Großbritannien in die Knie zu zwingen und das Patt an der Westfront zu beenden. Kurz darauf erfuhr Washington von der geheimen Zimmermann-Depesche, in der Berlin Mexiko ein Bündnis für den Fall anbot, dass Washington seine Neutralität aufgäbe, und dem Land in Aussicht stellte, es bei der Rückeroberung des Territoriums zu unterstützen, das 1848 an den nördlichen Nachbarn verloren worden war.

Der Bruch der internationalen Seekriegsregeln und die Bedrohung des eigenen Staatsgebiets ließ die Stimmung in Öffentlichkeit, Parlament und Kabinett kippen. Am 2. April 1917, nur wenige Wochen nach seiner Vereidigung für eine zweite Amtszeit, ersuchte Präsident Woodrow Wilson den Kongress um eine Kriegserklärung gegen Deutschland. Sie erfolgte vier Tage später.

Dass dies ausgerechnet unter dem Demokraten Wilson geschah, hatte sich noch wenige Monate vorher niemand vorstellen können. Seine Wiederwahl-Kampagne im Herbst 1916 stand unter dem Motto „Er hielt uns aus dem Krieg heraus“. Charles Evans Hughes, sein Herausforderer von der Republikanischen Partei, warf ihm vor, die „notwendigen Vorbereitungen“ angesichts des Konflikts in Europa zu unterlassen. Als Antikriegskandidat gewann Wilson im November die Wahl und erklärte, es wäre ein „Verbrechen gegen die Zivilisation“, die Vereinigten Staaten in den Krieg zu führen.

Als er nun im April 1917 das Gegenteil tat, sollte dies zumindest geschehen im Kampf gegen das Böse und für den Sieg der eigenen Werte. Amerika werde nicht wie eine klassische Großmacht in den Konflikt eintreten, um sich kurzfristige Vorteile zu sichern, versprach Wilson, sondern als Ausfluss seiner zivilisatorischen Mission: „Das Unrecht, gegen das wir jetzt auftreten, ist kein gewöhnliches Unrecht; es reicht bis an die Wurzeln des menschlichen Lebens. Die Welt muss sicher gemacht werden für die Demokratie.“ Aus den Vereinigten Staaten, die die Welt durch ihr schieres Vorbild perfektionieren wollten, machte Wilson einen „Kreuzfahrerstaat“ (Walter McDougall), der Demokratie notfalls mit Gewalt exportierte.

Die Ausbreitung der Demokratie war die eine Dimension von Wilsons Idealismus. Freihandel, kollektive Sicherheit und die internationale Führungsrolle der Vereinigten Staaten waren die anderen. Diese vier Perspektiven verstärkten sich in Wilsons Sicht nicht nur gegenseitig, sondern versprachen auch, etwas Neues, Größeres zu schaffen: eine gemeinsame Verteidigung der Demokratien und den globalen Frieden. Amerikanisches Eigeninteresse, nicht abermals von einem autokratischen Staat wie dem Kaiserreich in einen Krieg hineingezogen zu werden, verschmolz mit universalistischen Werten. „Von Anfang an ging es bei dem Unterfangen, die Welt sicher zu machen für die Demokratie, im selben Maße darum, die Welt sicher zu machen für Amerika“, schreibt der Politikwissenschaftler Nicolas Bouchet.

Gegen die Abkehr von der amerikanischen Variante der „splendid isolation“ gab es freilich immer wieder offenen oder latenten Widerstand. Wilson selbst scheiterte mit seinem Plan, das Land in den von ihm initiierten Völkerbund zu führen, an isolationistischen Senatoren und seiner eigenen Kompromisslosigkeit. In den 1920er und 1930er Jahren hielten sich die Amerikaner international weitgehend zurück. Sie beschlossen restriktive Einwanderungsgesetze, verschärften durch Hochzollpolitik die Weltwirtschaftskrise und blieben trotz der Eroberungszüge Japans in China sowie Deutschlands und der Sowjetunion in Europa neutral. Das „America First Committee“, das gegen jedes Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg ankämpfte, hatte Anfang 1941 800 000 Mitglieder und genoss besonders viel Rückhalt in den Staaten des Mittleren Westens. Seine prominentesten Vertreter waren die isolationistischen Senatoren aus Kansas und Idaho, Burton Wheeler und William Borah, der Sozialist Norman Thomas, der erzkonservative Eigentümer der „Chicago Tribune“, Robert McCormick, der antisemitische Priester Edward Coughlin sowie der Nazi-Sympathisant Charles Lindbergh.

Die Isolationisten verstummten erst, als Japan am 7. Dezember 1941 Pearl Harbor angriff und Deutschland und Italien wenige Tage später den Vereinigten Staaten den Krieg erklärten. Senator Arthur Vandenberg, ursprünglich ein glühender Isolationist, notierte in seinem Tagebuch: „Dieser Tag beendete den Isolationismus für jeden Realisten.“ Das Land kehrte mit voller Macht auf die Weltbühne zurück und versprach abermals, die internationale Politik zu revolutionieren. Die Atlantik-Charta von 1941, die unter anderem das Selbstbestimmungsrecht der Völker, die Freiheit der Meere und des Handels sowie ein System dauerhafter Sicherheit postulierte, erinnerte nicht von ungefähr an Wilsons Vierzehn-Punkte-Plan vom Januar 1918: Sein maßgeblicher Autor, Präsident Franklin D. Roosevelt, hatte sein außenpolitisches Handwerk als Staatssekretär in dessen Marineministerium gelernt.

Wie nach dem Sieg im Ersten, so gab es nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg den starken Wunsch in den Vereinigten Staaten, sich wieder hinter die beiden Ozeane zurückzuziehen. Ende 1946 verloren die Demokraten in einem Erdrutsch beide Häuser des Kongresses – ein deutliches Signal, dass die Wähler eine Konzentration auf die Innenpolitik wünschten. Robert Taft, republikanischer Senator aus Ohio und überzeugter Isolationist, redete die von der Sowjetunion ausgehende Gefahr mit denselben Begriffen klein, mit denen er zehn Jahre zuvor die Bedrohung durch Nazi-Deutschland heruntergespielt hatte. Angesichts dieser Stimmung riet Vandenberg, jetzt Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses des Senats, Präsident Harry Truman Anfang 1947, er bekomme die Unterstützung des Kongresses für sein Hilfspaket an Griechenland und die Türkei nur, wenn er „den Leuten einen Heidenschrecken einjage“. Das war einfacher, als von vielen erwartet, zwang Stalin mit der Berliner Blockade und seiner Übernahme Ostmitteleuropas die Vereinigten Staaten doch förmlich dazu, die Bühne der Weltpolitik nicht zu verlassen. Die letzten Zweifler in Washington zum Schweigen brachte 1950 die Invasion des kommunistischen Nordkoreas in Südkorea.

Washington blieb keine Alternative zur Abkehr von Isolationismus und Unilateralismus. Die waffentechnologische Entwicklung entriss ihnen den Status des Sanktuariums, die Ozeane verloren ihre Schutzfunktion. Im Ersten Weltkrieg waren es deutsche U-Boote, im Zweiten Weltkrieg die Flugzeugträger und U-Boote Japans vor Pearl Harbor und der Westküste sowie die U-Boote Deutschlands im Golf von Mexiko, die Amerika bedrohten. Im Kalten Krieg wurden es sowjetische Langstreckenbomber und atomare Interkontinentalraketen. Die Lehre aus zwei Weltkriegen, die alle Präsidenten in den Tagen des Kalten Krieges beherzigten, lautete: Die eigene Sicherheit ist nicht länger durch Abschottung zu gewährleisten, sondern einzig, wenn man die Gefahren dort bekämpft, wo sie entstehen.

Dazu mussten die Vereinigten Staaten verhindern, dass eine der drei weltpolitisch zentralen Regionen – Europa und Ostasien wegen ihrer industriellen und militärischen Ressourcen, später auch der Mittlere Osten wegen seines Ölreichtums – unter die Kontrolle einer ihnen feindlich gesinnten Macht fallen könnte. Dieses Ziel garantierte am besten eine internationale Ordnung, die auf der Kooperation von Demokratien, auf wirtschaftlicher Freiheit und auf westlichen Normen beruhte. In einer „pax americana“ vermählte Washington abermals realpolitische Ziele mit idealistischen Motiven. In vielen Fällen wie der Demokratisierung und dem Wiederaufbau Westdeutschlands und Japans ließen sie sich miteinander vereinbaren. In anderen Fällen, gerade in der Dritten Welt, akzeptierte Washington autoritäre Partner, solange sie antikommunistisch waren.

Die Auflösung des Warschauer Pakts und der Kollaps der Sowjetunion 1991 ließen die Vereinigten Staaten wie 1918 und 1945 als Gewinner zurück. Mehr noch: Der Triumph war nicht nur ein machtpolitischer, sondern auch ein weltanschaulicher. Die ehemaligen Feinde warfen den bankrotten Kommunismus über Bord und schlugen den Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft ein. Wilsons zivilisatorische Mission hatte sich erfüllt, Amerika schien im Zenit seiner Macht. Doch für die Internationalisten war der Weg nicht weit vom Glückstaumel zur Ernüchterung. Wie nach den beiden früheren Siegen, so wurden auch jetzt isolationistische Stimmen wieder lauter.

Der letzte Vollblut-Außenpolitiker im Weißen Haus, George H. W. Bush, wurde 1992 nicht im Präsidentenamt bestätigt – obwohl er mit der friedlichen Abwicklung des Kalten Kriegs und dem von einer breiten Koalition getragenen Irak-Feldzug zur Befreiung Kuweits zwei der größten internationalen Erfolge Amerikas seit 1945 feiern konnte. Schon im Vorwahlkampf der Republikaner hatte der Isolationist und Nationalist Pat Buchanan mit seiner Opposition gegen den Irak-Krieg sowie der Forderung nach Begrenzung der Einwanderung und dem Austritt aus den Vereinten Nationen fast ein Viertel der Stimmen gewonnen und Bush in Bedrängnis gebracht. In der Präsidentschaftswahl holte der parteilose Milliardär und Geschäftsmann Ross Perot trotz bizarren Gebarens mit seinen Angriffen auf das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta 19 Prozent der Stimmen und damit mehr als jeder andere Drittkandidat seit 1912.

Der Demokrat Bill Clinton gewann die Wahl nicht nur, weil er mit seinem Motto „It’s the economy, stupid“ die Wirtschafts- und Sozialpolitik in den Mittelpunkt gestellt hatte. Gleichzeitig hatte er Bush vorgeworfen, er kümmere sich über Gebühr um internationale Politik. Dieses Kalkül machte Karriere. Seither wurde stets jener der beiden Präsidentschaftskandidaten gewählt, der seinem Vorgänger zu viel außenpolitisches Engagement vorwarf und die globale Rolle Amerikas zu reduzieren versprach: George W. Bush versicherte 2000, die aktive Interventions- und Nationenbildungspolitik Clintons auf dem Balkan zu beenden und die Truppen heimzuholen. Barack Obama wurde 2008 auch wegen seines Versprechens gewählt, Bushs Irak-Krieg abzuschließen und keine neuen militärischen Abenteuer einzugehen.

Doch alle Präsidenten seit 1993 holten die Zwänge der internationalen Politik ein: Clinton ratifizierte Nafta sowie die Uruguay-Welthandelsrunde und griff militärisch in Somalia, Haiti, Bosnien und im Kosovo ein. Bush rief nach „9/11“ einen großangelegten Krieg gegen den Terror aus und schickte 150 000 Soldaten nach Afghanistan und in den Irak. Obama weitete den Einsatz am Hindukusch aus, intervenierte in Libyen und begann Gespräche über Freihandelsabkommen mit Pazifikanrainern und der EU.

Donald Trump führte die bei einer wachsenden Zahl der Wähler verbreitete Frustration über die eigene Rolle in der Welt in eine neue Dimension. Mit dem Rückenwind von Interventionsfehlschlägen, Weltfinanzkrise und IS-Terror rückte er zwei außenpolitische Ideen in den Mittelpunkt seines Wahlkampfs, die Wilsons multilateraler Internationalismus in den Hintergrund gedrängt hatte: den Isolationismus und den Unilateralismus. Beide Traditionen hatten den Höhepunkt ihres Einflusses im 19. Jahrhundert, aber sie waren nie völlig verschwunden, vor allem nicht im Mittleren Westen. Trumps Ideen waren auch nicht originell, vielmehr bediente er sich des gesamten Arsenals an Argumenten aus vergangenen Zeiten: Für seinen Neoisolationismus übernahm er vom Kongress der 1920er Jahre die rassistische Immigrationspolitik, von Lindbergh den nationalistischen „America First“-Slogan, von Buchanan das Nichtinterventionsdogma und die Ablehnung internationaler Organisationen, von Perot die Verdammung von Nafta und des Freihandels, von den Linken die Globalisierungskritik. Für seinen Unilateralismus konnte Trump auf Beispiele aus früheren Tagen zurückgreifen, als Washington regelmäßig in Lateinamerika interveniert hatte, um seine Interessen durchzusetzen und missliebige Regierungen zu stürzen.

Neu war am Trumpismus nur seine Radikalität. Zum einen sollten Isolationismus und Unilateralismus nicht Ausnahme und auf bestimmte Felder und Regionen begrenzt bleiben, sondern erste Handlungsoption der Vereinigten Staaten werden. Die Nato erklärte der Präsident für obsolet, den Brexit für gut, die EU für überholt, Alliierte zu Trittbrettfahrern. Zum anderen verlieh Trump seinen Forderungen eine überaus aggressive Note. Während Präsident Theodore Roosevelt seine Außenpolitik Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Satz „Sprich sanft und trage einen großen Knüppel“ charakterisiert hatte, bediente sich Trump martialischer Rhetorik. China warf er vor, die Vereinigten Staaten zu „vergewaltigen“, mexikanischen Einwanderern, „Rauschgift und Verbrechen zu bringen“ und „Vergewaltiger“ zu sein. Nafta sei „der schlechteste Handelsvertrag der Geschichte“, die Erderwärmung ein „Schwindel“ und „Unsinn“. Dem IS drohte Trump, seine Raffinerien zu zerstören und ihn mit Bomben zu pulverisieren, dem Irak, seine Ölquellen an sich zu reißen als Entschädigung für die amerikanischen Kriegskosten.

Trumps Weltbild kennt keine internationalen Abhängigkeiten, multilateralen Kooperationen und gewachsenen Allianzen, sondern nur den Glauben an die eigene Stärke. Er bewundert autoritäre Führer wie Russlands Wladimir Putin, Chinas Xi Jinping, Ägyptens Abdel Fattah al-Sisi oder Rodrigo Duerte von den Philippinen in der Überzeugung, mit ihnen gute „Deals“ für Amerika aushandeln zu können.

Die Hundertjahrfeier von Wilsons epochaler Rede im Frühjahr 2017 fiel somit zusammen mit dem Beginn einer Präsidentschaft, die versprach, sich von allen vier Prinzipien der Außenpolitik des Jahres 1917 zu verabschieden: Förderung der Demokratie, Freihandel, multilaterale Organisationen und amerikanische Führung. Wäre Trump ein kompetenter, seine außenpolitische Strategie entschlossen verfolgender Präsident, hätte er ein neues Zeitalter einläuten können. Ein Jahr nach seiner Wahl zeigt sich jedoch, dass er von seinem Amt hoffnungslos überfordert ist: inhaltlich, intellektuell, moralisch, emotional. Trump scheint die meiste Zeit nicht zu wissen, was er tut, kennt elementare Prinzipien des Regierens nicht, wechselt dauernd Themen und Berater und schafft sich selbst neue Brandherde.

Angesichts der Führungsschwäche und Disziplinlosigkeit des Präsidenten richtet sich weltweit die Hoffnung auf das Eigengewicht des Status quo. Die Vereinigten Staaten sind seit siebzig Jahren militärisch, politisch und wirtschaftlich global zu tief verwoben, als dass Trump dies mit ein paar Tweets zerstören könnte. Kein amerikanischer Präsident, sosehr er auch als Kandidat daran glauben mochte, findet eine Tabula rasa vor. Truppen stehen im Ausland, Verträge sind geltendes Recht, Handelsbeziehungen etabliert, Gefahren verschwinden nicht, nur weil man nichts darüber weiß.

Obwohl ein Präsident in der Außenpolitik über weitreichende Vollmachten verfügt, kann er einen radikalen Kurswechsel nur dann vollziehen, wenn er seine wichtigste Waffe einsetzt: die Macht der Überzeugung. Trump hat sich als erbärmlicher Verkäufer seiner eigenen Revolution entpuppt. Der Kongress korrigiert seine Anbiederung an Russland, Gerichte setzen seine Einwanderungserlasse außer Kraft, Bundesstaaten und Großstädte bekennen sich zu den Pariser Klimazielen. Die außenpolitischen Debatten in der Regierung dominieren jetzt sein Sicherheitsberater H. R. McMaster, Verteidigungsminister James Mattis und Stabschef John Kelly: drei erfahrene Generäle und erklärte Internationalisten. Zwei wichtige Verfechter von Trumps nationalistischer Agenda, der kremlfreundliche Sicherheitsberater Michael Flynn und der interventionsfeindliche Chefstratege Steve Bannon, haben den Machtkampf verloren und die Regierung verlassen.

Das alles heißt nicht, dass Trump auf einen klassischen außenpolitischen Kurs eingeschwenkt ist. Gerade mit seinen Kampf gegen den Freihandel, das Klimaabkommen und die Einwanderung versucht er, seine eingefleischtesten Unterstützer bei der Stange zu halten: weiße, schlecht ausgebildete Männer, die ihn in Staaten wie Michigan, Wisconsin, Pennsylvania und Ohio zum Präsidenten gemacht haben. Aber in vielen Fragen setzt sich zunehmend die Linie vergangener Jahrzehnte durch. Nafta wird nicht gekündigt, sondern nachverhandelt, China nicht der Währungsmanipulation angeklagt, internationale Kooperationen sind nicht mehr tabu, seit der Präsident im Nordkorea-Konflikt erfahren muss, dass es Probleme gibt, die sich nicht mit brachialen Parolen lösen lassen. Sogar die Nato hält Trump wieder für eine wichtige Organisation.

Am deutlichsten wird sein Kurswechsel beim Einsatz des Militärs. Nach seiner Wahl hatte er noch gesagt, die „Politik von Interventionen und Chaos“ müsse zu einem Ende kommen. Im Gegensatz zum Zauderer Obama ordnete Trump im April jedoch einen Militärschlag gegen einen syrischen Luftwaffenstützpunkt an, von dem aus Flugzeuge des Assad-Regimes einen weiteren Chemiewaffeneinsatz geflogen waren. Und nachdem er jahrelang den sofortigen Rückzug aus Afghanistan gefordert hatte, kündigte er Ende August an, den Wünschen seiner Generäle nach einer Truppenerhöhung zu folgen.

Eine Abkehr vom versprochenen Isolationismus und Unilateralismus liegt im ureigensten Interesse Washingtons – und wie Winston Churchill einst gespottet hatte, machen die Vereinigten Staaten immer das Richtige, nachdem sie alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Denn die relative Macht Amerikas in der Welt nimmt ab und die Gefahren wachsen: Russland modernisiert seine atomaren Langstreckenraketen, bricht den INF-Vertrag über die Verschrottung aller Mittelstreckenraketen und marschiert in Nachbarstaaten ein, Nordkorea entwickelt Trägersysteme, die Atomsprengköpfe auf amerikanische Territorium lenken können, China weitet seine Hoheitszone im Südchinesischen Meer rücksichtslos aus, die Taliban und der IS sind in Afghanistan auf dem Vormarsch, fast täglich attackieren russische und chinesische Hacker Regierungsdatenbanken, Moskau greift mit Datenklau, Manipulationen und Falschinformationen direkt in den Präsidentschaftswahlkampf ein, der Klimawandel bedroht die Landwirtschaft in Kalifornien und im Südwesten sowie die Existenz jenes Teils Floridas, der noch über Wasser liegt.

All diesen Bedrohungen können die Vereinigten Staaten alleine schlechter begegnen als im Verbund. Das größte Pfund, mit dem sie seit ihrem Eintritt in die Weltpolitik wuchern konnten, war die große Zahl von Bündnispartnern in allen Regionen der Erde. Dies sollte auch künftig Amerikas stärkste Waffe sein. Wen können Rivalen wie Russland oder China schon als Alliierte aufweisen? Nordkorea, Venezuela, Kuba – viel länger wird die Liste nicht. Ein modifizierter Internationalismus mit einer stärkeren Teilung militärischer und politischer Lasten mit den Verbündeten und einer weniger interventionistischen Demokratieförderung ist nach wie vor mehrheitsfähig im Kongress wie in der Bevölkerung. Wilsons außenpolitisches Vermächtnis einer weltzugewandten Mischung aus Realismus und Idealismus verschwindet nicht über Nacht. Nicht, weil sich der Rest des Westens es sich so wünscht, sondern weil Sicherheit und Wohlstand der Vereinigten Staaten es erfordern.

Quelle: F.A.Z.
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