Vor 100 Jahren

Erst siegen

Von Professor Dr. Birgit Aschmann
 - 17:01

Soll denn die zivilisierte Welt nurmehr ein Leichenfeld sein? Soll Europa, so ruhmreich und so blühend, wie von einem allgemeinen Wahnsinn fortgerissen, in den Abgrund rennen und die Hand gegen sich selbst wenden zum Selbstmord?“ Mit diesen Worten wollte Papst Benedikt XV. im August 1917 die Oberhäupter der kriegführenden Völker wachrütteln. Das in der zweiten Augustwoche den jeweiligen Regierungen zugestellte, auf den 1. August rückdatierte Schreiben des Papstes sollte mehr sein als eine „Mahnung“, wie es im Titel hieß. Vielmehr unterbreitete Benedikt XV. konkrete Vorschläge für einen „gerechten und dauerhaften Frieden“ in der Hoffnung, damit das „unnütze Gemetzel“ zu beenden. Mit derart scharfen Worten ist der Krieg kaum jemals verurteilt worden.

Die Friedensinitiative des Papstes ist heute so gut wie vergessen. Wird der Zäsurcharakter des Jahres 1917 beschworen, dann entspricht die Würdigung der päpstlichen Initiative gemeinhin dem Wert einer Fußnote. Dabei dürfte insbesondere ihr Scheitern den Gedächtnisschwund befördert haben. Aber gerade weil 1917 als ein „Epochenjahr“ in die Weltgeschichte eingehen sollte, lohnt es sich, das Augenmerk auf den womöglich letzten realistischen Versuch zu lenken, den Krieg mit einer Konsenslösung zu beenden.

Mit 1917, so viel ist unstrittig, begann ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte: Nicht nur, weil die Länder ferner Kontinente in den Krieg hineingezogen wurden, sondern vor allem, weil sowohl die Demokratiemission des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson als auch das revolutionäre Konzept Lenins auf die Veränderung der Welt zielten. Zudem wurden im Frühjahr und Herbst 1917 noch einmal hochfliegende Erwartungen in den Öffentlichkeiten diverser Länder geweckt, um alle Kräfte für die kommende Kriegsphase zu mobilisieren. Angesichts dieser Erwartungen konnten die Kompromisslösungen des Versailler Friedens subjektiv nur Verlierer hinterlassen – mit allen Folgen bis in das späte 20. Jahrhundert.

In Anbetracht dieser Folgen des Jahres 1917 ist es zwar kontrafaktisch, gleichwohl aber lehrreich, sich vorzustellen, welchen Verlauf die Geschichte hätte nehmen können und – vor allem – was der Welt womöglich erspart geblieben wäre, wenn sich die europäischen Mächte auf einen Frieden hätten einlassen können.

Damit steht zugleich eine ethische Verantwortung im Raum, die nicht weniger schwer wiegt als jene zu Beginn des Krieges. Wussten die Staatsmänner im Juli 1914 vielleicht noch nicht, was ein moderner Krieg im industriellen Zeitalter bedeutete, so galt dieses entlastende Motiv drei Jahre später nicht mehr. Die anfänglichen Kriegspläne hatten sich als Makulatur erwiesen, und selbst der Kriegstod von Millionen Soldaten in den Materialschlachten des Jahres 1916 hatte keine Entscheidung erzwingen können. Umso zentraler ist die Frage, warum die Regierungen der kriegführenden Länder nicht bereit waren, sich auf Friedensgespräche einzulassen – wenn sich denn eine realistische Chance dafür bot.

Appelle, Frieden zu schließen, hatte es seit August 1914 immer wieder gegeben. Schon im ersten Kriegswinter hatte Präsident Wilson seinen Vertrauten Oberst Eward M. House zu Sondierungsgesprächen nach London, Berlin und Paris entsandt – ohne irgendwo auf eine Kompromissbereitschaft zu treffen, die die Voraussetzung für einen Friedensschluss hätte sein können. Ende 1916 ergriff Reichskanzler Bethmann Hollweg die Initiative und forderte am 12. Dezember die Alliierten dazu auf, sich auf Friedensverhandlungen einzulassen. Wilson, der im November als Präsident wiedergewählt worden war, drängte seinerseits die Kriegsparteien in einer Note vom 21. Dezember, in einen „Meinungsaustausch über ihre Friedensbedingungen und Forderungen“ einzutreten. Aber die Regierungschefs Frankreichs und Englands lehnten ab. Der deutsche, sehr vage gebliebene Vorschlag sei ein „Taschenspielermanöver“, der Kanzler Bethmann Hollweg ein „Verbrecher“.

Die Friedensbereitschaft war Anfang 1917 schon deshalb nicht groß, weil sich die französischen Militärs von ihrer Frühjahrsoffensive und die Deutschen von dem nunmehr uneingeschränkten U-Boot-Krieg eine Entscheidung zu eigenen Gunsten versprachen. Über den Sommer aber wurde klar, dass diese Rechnungen nicht aufgingen. Die französische Nivelle-Offensive war gescheitert, massenhafte Meutereien hatten den Abbruch des Vorstoßes und den Austausch des Oberbefehlshabers erzwungen. Der U-Boot-Krieg brachte aus deutscher Sicht nicht die von der Obersten Heeresleitung (OHL) erhofften Erfolge, was insoweit das Schlimmste befürchten ließ, als die Zeit eilte: Großbritannien sollte zur Kapitulation gezwungen werden, bevor die Amerikaner ihr militärisches Potential auf dem Kontinent zur Geltung bringen konnten. Zugleich waren die Amerikaner, die im April 1917 in den Krieg eingetreten waren, erstmals ernüchtert über das Ausmaß des deutschen Durchhaltevermögens. Die allgemeine Ernüchterung schien plötzlich das Fenster zur Friedensbereitschaft aufzustoßen. Diese Gelegenheit wollte Benedikt XV. nutzen.

„Dès le début“ – Von Anfang an, so lauten die ersten Worte der Friedensinitiative des Papstes vom 1. August 1917. Mit Berechtigung konnte Benedikt XV. darauf verweisen, dass er sich seit Beginn seines Pontifikats unermüdlich für den Frieden eingesetzt habe. Einen Monat nach Ausbruch des Krieges war Giovanni della Chiesa am 3. September 1914 zum neuen Papst gewählt worden. Dass die Wahl auf den gänzlich uncharismatischen, 60 Jahre alten Erzbischof von Bologna fiel, der erst im April zum Kardinal ernannt worden war, kam für viele völlig überraschend. Vermutlich aber waren in Zeiten des Krieges gerade seine Fähigkeiten gefragt: Benedikt XV. war Jurist und Diplomat.

Mit einer Doppelstrategie setzte sich der Papst seit Beginn seines Pontifikats für den Frieden ein: Zum einen ließen seine Verlautbarungen keinerlei Zweifel daran, dass er den Krieg verurteilte und erwartete, dass die Verantwortlichen einlenkten. Der Kontrast könnte größer kaum sein: Während der Klerus der kriegführenden Länder Waffen segnete und den Krieg als „Volksmissionar“ feierte, der die Menschen wieder das Beten lehre, brandmarkte Benedikt den Krieg bedingungslos als „Morden“, „Gemetzel“ oder „Selbstmord Europas“. Zum anderen suchte er weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit nach diplomatischen Kanälen, um direkten Einfluss auf die Politik zu nehmen. So versuchte er die italienische Regierung im Mai 1915 vom Kriegseintritt abzuhalten und riet den Deutschen im Dezember 1916, ihre Friedensbereitschaft durch konkrete territoriale Zugeständnisse zu untermauern. Auch lag ihm daran, die Eskalation zwischen den Kaiserreich und den Vereinigten Staaten zu verhindern, indem er die deutsche Regierung beschwor, vom U-Boot-Krieg Abstand zu nehmen, und die Amerikaner bat, nicht mit der Kriegserklärung zu reagieren. Alles vergeblich. Der Papst war sich darüber im Klaren, dass seine Ratschläge nicht auf fruchtbaren Boden fallen würden, solange die Kriegsbeteiligten fest davon ausgingen, einen militärischen Sieg erringen zu können.

Im Sommer 1917 schien die Lage plötzlich eine ganz andere: Allenthalben war die Siegesgewissheit verflogen. Darüber hinaus kamen von der österreichischen und der deutschen Regierung Signale, dass eine Friedensaktion des Heiligen Stuhls gewünscht würde. In diesem Moment galt es, dort den Hebel anzusetzen, wo der Schlüssel zur Verhandlungsbereitschaft der Alliierten zu liegen schien: Es ging um die Bereitschaft Berlins, das besetzte Belgien wieder preiszugeben. Schließlich war die Einnahme Belgiens durch die Deutschen der entscheidende Kriegsgrund für die Briten gewesen, und es waren die von deutschen Soldaten in Belgien begangenen Greueltaten, die die Weltöffentlichkeit gegen die Deutschen eingenommen hatten.

Um die deutsche Bereitschaft auszuloten, in dieser Frage nachzugeben, setzte Benedikt auf gute Kontakte und das Geschick von Einzelnen: Er schickte – gegen den Willen des Kardinalstaatssekretärs Pietro Gasparri – Ende Mai 1917 „das beste Pferd im Stall“ an die Nuntiatur in München: Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII. Die Münchener Nuntiatur war für den Vatikan von zentraler Bedeutung, war sie doch die einzige direkte Verbindung nach Deutschland, nachdem infolge des italienischen Kriegseintritts die beim Vatikan akkreditierten Gesandten Bayerns und Preußens sowie im Januar 1917 – wegen Spionageverdachts – auch der deutsche Geheime Kammerherr des Papstes aus Rom hatten abreisen müssen. Gerade weil es keine diplomatische Vertretung des Vatikans in Berlin gab, waren die persönlichen Kontakte des Nuntius zu Berliner Politikern von besonderem Gewicht. Kein Kontakt aber war so wichtig wie der zu Matthias Erzberger. Der Zentrumspolitiker wurde im Jahr 1917 zum entscheidenden Scharnier zwischen der vatikanischen und der deutschen Politik.

Erzberger kannte Pacelli seit einer Rom-Reise im November 1914. Als der neue Nuntius am 25. Mai nach München kam, sollte es ihm an nichts fehlen. Erzberger stellte ihm sogar einen nagelneuen Benz vor die Tür, dessen Luxusausführung Pacelli als symbolisches Kapital für den päpstlichen Vertreter mit Wohlgefallen akzeptierte. Das Fahrzeug war eigentlich für den plötzlich verstorbenen Vorgänger Pacellis in Auftrag gegeben worden, was zeigt, dass die Kooperation Erzbergers mit dem Nuntius nicht personengebunden war. Die überaus entgegenkommende Haltung Erzbergers gegenüber dem Vatikan erklärt sich zunächst aus einer regierungsamtlichen Perspektive, schließlich lag dem Kaiserreich daran, sich als Schutzmacht des Vatikans zu profilieren. Vor allem seit Italien im Mai 1915 in das Lager der Kriegsgegner gewechselt war, versuchte das Kaiserreich aus dem Dauerkonflikt zwischen dem Vatikan und dem italienischen Staat Profit zu schlagen. So bemühten sich die Deutschen, dem Wunsch des Vatikans nach territorialer Unabhängigkeit, die es mit dem Einmarsch italienischer Truppen in Rom 1870 verloren hatte, zu entsprechen. Im Winter 1915 bot Erzberger das Fürstentum Liechtenstein als vatikanisches Staatsgebiet an, derweil die fürstliche Familie entschädigt werden sollte. Diese Option zerschlug sich ebenso wie Mallorca, zeigt aber, wie eng Erzberger in die Gespräche mit dem Vatikan einbezogen war. Sein Engagement ist dabei nicht nur mit politischen Interessen, sondern auch aus Loyalitätsgefühlen gegenüber dem Oberhaupt der Katholiken sowie der Überzeugung heraus zu erklären, dass jetzt – im Sommer 1917 – dem Frieden der Weg bereitet werden müsse.

Entscheidend waren dafür die Begegnungen Pacellis mit dem deutschen Kanzler Bethmann Hollweg am 26. Juni und Kaiser Wilhelm II. drei Tage später, in denen die Bereitschaft der deutschen Regierung ausgelotet werden sollte, auf Vorschläge des Papstes einzugehen.Der Kaiser, der auf Pacelli „nicht ganz normal“ wirkte, wich politischen Festlegungen mit der Empfehlung aus, der Papst möge doch „ex cathedra“ den Befehl geben, für den Frieden zu wirken, und darüber hinaus die Mittel nutzen, die der Kirche zur Verfügung stünden: „den Beichtstuhl und den Einfluss auf und durch die Frauenwelt“.

Bethmann Hollweg hingegen beteuerte, Deutschland sei bereit, die Unabhängigkeit Belgiens wiederherzustellen, solange sichergestellt werden könne, dass es nicht unter britische oder französische Dominanz gerate. In Anbetracht dieser Zusicherung war Gasparri Ende Juni überzeugt, dass „ein Friedensangebot, . . . vom Heiligen Stuhl zum richtigen Moment gemacht . . ., eine gewisse Wahrscheinlichkeit haben würde, angenommen zu werden“. Einen Monat später ging der Vatikan weiterhin davon aus, dass ein solcher Vorschlag zwar „nicht mit Sicherheit, aber mit ernsthafter Wahrscheinlichkeit“ von den Alliierten akzeptiert werden würde.

Anfang August schien der richtige Moment gekommen: Die auf den symbolischen 1. August – den Tag des Kriegsbeginns – rückdatierte Friedensinitiative „Dès le début“ wurde den kriegführenden Mächten zugestellt. Darin mahnte Benedikt XV., dass „an die Stelle der materiellen Gewalt der Waffen“ nunmehr „die moralische Macht des Rechts“ treten solle. Konkret forderte er eine allgemeine Abrüstung bis auf das Maß, welches zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit nötig sei, die Einrichtung einer internationalen Schiedsgerichtsbarkeit, die Befreiung der Meere von jedem „Hindernis für die Verkehrswege“ und die gegenseitige Rückgabe der jetzt besetzten Gebiete. Deutschland müsse Frankreich und Belgien räumen und Letzteres in die Unabhängigkeit entlassen, würde dafür allerdings die Kolonien zurückerhalten. Auf Forderungen nach Reparationen solle wechselseitig verzichtet werden und alle strittigen Territorialfragen, vor allem die zwischen Österreich und Italien sowie Deutschland und Frankreich, sollten „in versöhnlichem Geiste“ geprüft werden, wobei es gelegentlich nötig sein werde, die „Sonderinteressen dem Gesamtwohl der großen menschlichen Gesellschaft“ unterzuordnen. Auf der Grundlage dieser Prinzipien und der Wahrung der „Waffenehre“ „hüben wie drüben“ sei die „Reorganisation der Völker“ möglich und eine Wiederholung ähnlicher Konflikte ausgeschlossen. Als Legitimation, in dieser Situation als Vermittler aufzutreten, führte der Papst die eigene Unparteilichkeit, das Pflichtgefühl, als „Vater aller Gläubigen“ zu handeln, sowie „die Stimme der Menschlichkeit und der Vernunft“ an.

Manche Historiker haben dem Papst Naivität nachgesagt und ihm unterstellt, die Situation falsch eingeschätzt zu haben. Dieser Vorwurf scheint allenfalls bedingt berechtigt zu sein. Im Vatikan war man immer nur von einer „Wahrscheinlichkeit“ ausgegangen – diese zumindest ausgelotet zu haben, ist dem Papst hoch anzurechnen. Schließlich sah es zwischenzeitlich nicht schlecht aus: Die Vereinigten Staaten hätten zufrieden sein können, weil sich die Vorstellungen des Papstes mit denen Wilsons weitgehend deckten. Den Interessen Englands war insofern Rechnung getragen worden, als die Rückgabe Belgiens gefordert wurde, und selbst die von den Kriegsgegnern eingeklagte Demokratisierung Deutschlands schien im Juli 1917 Fortschritte zu machen. Bethmann Hollweg war zudem im Sommer 1917 zu einer Art „Vernunftpazifist“ geworden, der den Frieden deshalb wieder schätzte, weil der Krieg keine sinnvolle Perspektive mehr zu bieten schien. Vernünftig sei es nun, einzusehen, dass – wenn nun einmal eine völlige militärische Niederwerfung der Gegner ausgeschlossen sei – schon die „unversehrte Selbstbehauptung Deutschlands“ ein Gewinn sei. Der Reichskanzler war im Juni 1917 davon überzeugt, dass es ihm gelingen werde, „beim Kaiser alles durchzusetzen“, wenn tatsächlich eine greifbare Friedensmöglichkeit vorliege.

Nur: Als die Friedensinitiative des Papstes die Staatsoberhäupter erreichte, war Bethmann Hollweg nicht mehr Kanzler. Womöglich liegt hier die große Tragik in Erzbergers Verhalten. Im Juli unternahm der Zentrumspolitiker alles, um der Friedensinitiative den Weg zu bereiten. Gleichzeitig half er dabei, einen politischen Sturm zu entfachen, der letztlich die einzige Person aus dem deutschen Regierungsgefüge hinwegfegte, der vielleicht noch zuzutrauen gewesen wäre, eine positive Reaktion auf die Friedensinitiative zu erwirken.

Um die Friedensbereitschaft der deutschen Gesellschaft zu vergrößern und damit die Akzeptanz der Friedensinitiative vorzubereiten, hatte Erzberger am 6. Juli im Hauptausschuss des Deutschen Reichstags die militärische Lage in düsteren Farben geschildert und schonungslos offengelegt, dass das Ziel des U-Boot-Krieges, England binnen eines halben Jahres niederzuringen, gescheitert sei. Folglich sei es jetzt ratsam, eine Friedensresolution zu erarbeiten, die dem Ausland den Friedenswillen Deutschlands vor Augen führen und damit zugleich die Sozialisten wieder integrieren könnte, deren Bereitschaft, Kriegskredite mitzutragen, geschwunden war. Gleichzeitig müsse das preußische Wahlrecht überarbeitet und die Parlamentarisierung vorangetrieben werden. Die Sitzung, auch als „Paniksitzung“ bekannt, veränderte die Tektonik des Kaiserreichs. Letztlich führte sie zu gegenläufigen Entwicklungen: Einerseits nahm die Entwicklung eines parlamentarisch-demokratischen Systems Fahrt auf, insoweit als sich Zentrum, Liberale und Sozialdemokraten zur Erarbeitung einer Friedensresolution in einem „Interfraktionellen Ausschuss“ zusammenschlossen und damit die spätere Weimarer Koalition begründeten. Ihre Arbeit mündete vorerst in der von Erzberger, Ebert und Scheidemann eingebrachten Friedensresolution des Deutschen Reichstags vom 19. Juli 1917, die einen Verständigungsfrieden ohne Annexionen forderte – und in mancherlei Hinsicht den Vorstellungen des Vatikans entsprach.

Gleichzeitig formierte sich in Deutschland als Gegenbewegung die Deutsche Vaterlandspartei (DVP), die die annexionistischen Ziele der OHL stützte. Fatalerweise kooperierten beide Institutionen, OHL und Reichstag, beim Sturz Bethmann Hollwegs am 13. Juli – war er den einen zu weit gegangen mit Demokratisierung und Friedensbereitschaft, so schien er den anderen, auch Erzberger, zu langsam und zu träge.

Georg Michaelis, sein Nachfolger, fühlte sich an die dem Vatikan gegebenen Zusagen nicht mehr gebunden. Verbittert äußerte Pacelli später, dass „von einem fanatischen Protestanten . . . auch nichts anderes zu erwarten“ gewesen sei. Bezeichnenderweise aber hatte der Katholik Graf Georg Hertling, der bayerische Regierungschef, das Kanzleramt abgelehnt – man könne ohnehin gegen die Vormacht der Militärs nichts ausrichten. Die Militärdiktatur, die die letzte Kriegsphase in Deutschland bestimmte, wurde nicht zuletzt durch solche Formen vorauseilender Kapitulation vor den eigenen Militärs erst möglich.

Die deutsche Antwort auf die Papstnote war durch die Entwicklungen im Juli vorgeprägt. Obwohl die Mehrheit des Interfraktionellen Ausschusses bereit war, Belgien zurückzugeben, setzte sich die Ansicht durch, dass man dieses Faustpfand nicht schon vor Verhandlungsbeginn preisgeben dürfe. Als Berlin schließlich am 19. September offiziell reagierte, waren die Formulierungen in Bezug auf Belgien so vage, dass Pacelli am 23. September eingestand: „Die Friedensinitiative ist gescheitert.“ Für ihn war klar: „Die deutsche Regierung trägt die Schuld.“

Mit Blick auf die Schuldfrage aber wird man zu ähnlichen Ergebnissen wie beim Kriegsausbruch kommen: Die deutsche Regierung trug einen erheblichen Teil der Verantwortung für das Scheitern der Friedensinitiative, aber auch alle anderen Staaten zeichneten sich nicht durch besondere Friedensbereitschaft aus. Letztlich ist als Ursache des Scheiterns ein ganzes Bündel zu benennen: Zum einen die plötzlich wieder wachsende Zuversicht in militärische Erfolge. Ludendorff etwa schwadronierte am 2. September 1917 von dem „herrlichen Geist“, der die Armee beseele, zumal die „letzten schönen Waffenerfolge“ gar „zu den besten Hoffnungen“ berechtigten. Zum anderen die feste Entschlossenheit insbesondere von Italien, aber auch von Frankreich, das Papsttum nicht aufwerten zu wollen.

Italien wurde nicht müde, die Bündnispartner an ihre Zusicherung zu erinnern, die es ihnen als Bedingung für den eigenen Kriegsbeitritt im April 1915 abgerungen hatte: den Vatikan aus allen internationalen Vereinbarungen über den Frieden herauszuhalten. Die Furcht, der Papst könne die „römische Frage“, also die nach einem Kirchenstaat, wieder aufwerfen, war zu groß. Womöglich spielte auch die Eitelkeit der Amerikaner eine Rolle, die dem Papst nicht das Vorrecht auf die Friedensvermittlung lassen wollten, wo doch die eigenen Initiativen bislang gescheitert waren. Was die Vorstellungen über Grundlagen für einen dauerhaften Frieden betraf, so stimmten der amerikanische Präsident und der Papst in vielen Dingen erstaunlich überein. Das „Vierzehn-Punkte-Programm“, mit dem Wilson am 8. Januar 1918 eine Friedensordnung für Europa skizzierte, wies bemerkenswerte Parallelen mit dem Text des Papstes auf. Dass die Antwort der amerikanischen Regierung auf die päpstliche Initiative am 27. August gleichwohl ablehnend ausfiel, wurde mit der Notwendigkeit begründet, dass Deutschland sich grundlegend demokratisieren und von der bösartigen Regierung des Kaiserreichs trennen müsse.

Welchen Spitzenplatz die eigene Nation in der Wertehierarchie einnahm, ließ sich selbst beim Klerus beobachten, der ja dem Papst in besonderer Weise hätte verpflichtet sein müssen. „Heiliger Vater“, so wies beispielsweise der Dominikaner Antonin-Gilbert Sertillanges, ein bekannter französischer Moralphilosoph, im November 1917 mit ausdrücklicher Billigung des Pariser Kardinals Amette die päpstliche Initiative zurück: „Wir können Ihren Friedensappell in diesem Augenblick nicht unterstützen.“ Als Franzosen wollten die Bischöfe keinen Verständigungsfrieden, sondern einen „französischen Frieden“.

Wenn auch die Friedensinitiative von Papst Benedikt XV. versandete, folgenlos blieb sie nicht. Langfristig trug sie dazu bei, dem Papsttum jene „moralische Weltgeltung“ zu verschaffen, die es nach dem Verlust weltlicher Macht im Jahr 1870 so sehr erstrebte. Sowohl das umfangreiche karitative Engagement bei der Sorge um Kriegsgefangene als auch der politische Einsatz für eine Friedenslösung profilierte den Papst als moralischen Akteur. Das akkumulierte Prestige zeigte sich im Januar 1919, als Woodrow Wilson als erster amerikanischer Präsident den Vatikan besuchte.

Zugleich hatte sich mit der Friedensinitiative ein Verhaltensmuster etabliert, dem auch die späteren Päpste treu blieben. So hielten sie an dem Prinzip fest, zugunsten möglicher Vermittlungsoptionen auf jede öffentliche Parteinahme in Kriegssituation zu verzichten, was Papst Pius XII. mit Blick auf sein öffentliches Schweigen zum Holocaust später viel Kritik eintragen sollte.

Im unmittelbaren Umfeld der Friedensinitiative waren es jedoch gerade diejenigen, die sich für den Frieden starkmachten, die plötzlich in den Fokus massiver Kritik gerieten. Sowohl Erzberger als auch Benedikt XV. wurden im Sommer 1917 zu Opfern dessen, was man heute „Hate Speech“ nennen würde. Als Defätisten wurden sie beschimpft, die mit ihren demoralisierenden Reden die Kampfkraft der deutschen und der italienischen Nation geschwächt hätten. Diese Zeit, so der Papst später, sei die bitterste in seinem Leben gewesen.

Die schwerwiegendsten Konsequenzen der Friedensinitiative aber lagen darin, dass die Chance, die sie geboten hatte, nicht ergriffen worden war. Das Massensterben ging weiter. Im Herbst 1917 stand die deutsche Politik wieder dort, wo sie schon im Januar gestanden hatte, als der Kaiser die Friedensempfehlungen des Papstes mit der Randnotiz abgetan hatte: „erst siegen!“

Quelle: F.A.Z.
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