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Vor 150 Jahren

Die Weltzivilisation als Ordnung und System

Von Professor Dr. Benedikt Stuchtey
 - 15:54
Benedikt Stuchtey: Die Weltzivilisation als Ordnung und System Bild: INTERFOTO, F.A.Z.

Weniges hat die Dynamiken in der Epoche zwischen Industrialisierung und Jahrhundertwende so gebündelt wie die Weltausstellungen. Modernisierung, Technikbegeisterung und große Zukunftserwartungen – das waren die Signaturen der Zeit, auch im Paris des Jahres 1867.

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Verglichen sich Mitte des 19. Jahrhunderts zwei europäische Städte miteinander, so waren dies in der Regel London und Paris, wenn es um Glanz und Weltgeltung, Großstadtlärm und Kriminalität ging. Theodor Fontane meinte, das politisch und wirtschaftlich viel mächtigere London sei in seiner Eigenschaft, im Verkehrschaos zu versinken, Paris um Längen voraus. Die französische Metropole werde um ihrer Ausstrahlung und gepflegten Parks willen beneidet. Wetteifer zwischen zwei Städten hat es immer gegeben: Rom und Karthago, Neu-Delhi und Kalkutta, Chicago und New York – die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Die beiden seinerzeit größten Hauptstädte Europas rivalisierten aber auf denkbar höchstem Niveau, nämlich um die Gunst der Weltöffentlichkeit im Zeichen der planetaren kolonialen Expansion.

Nirgends bildete sich dies so deutlich ab wie in den großen Weltausstellungen. London hatte 1851 begonnen, Paris war 1855 gefolgt, dann kam London 1862 abermals an die Reihe. Nun, zwischen April und November 1867, sollte Paris alles bis dahin Gesehene übertreffen. Indem die „Exposition Universelle“ elf Millionen Besucher anlockte, stellte sie einen Rekord auf, der seinesgleichen suchte. Doch darauf war die Stadt vorbereitet. Während Londons Crystal Palace durch die engen, teils mittelalterlich verwinkelten Straßen der britischen Metropole nur mit Mühe zu erreichen gewesen war, hatte Georges-Eugène Baron Haussmann die Stadt in den sechziger Jahren mit fast 30 Meter breiten, gasbeleuchteten Boulevards, neuen, Kathedralen gleichenden Bahnhöfen und einer Kanalisation städtebaulich radikal modernisiert. In die Zukunft weisend wollte Paris sich zeigen und noch rücksichtsloser eine moderne, den Anforderungen schneller Mobilität gehorchende Infrastruktur errichten, als dies bereits im Jahrzehnt davor der Fall gewesen war. Bislang innerstädtische Arbeiterbezirke wurden in die Randbezirke verdrängt. Repräsentative Wohn- und die großen Warenhäuser traten an ihren Platz, elegante Kaufhauspassagen und Markthallen bestimmten das Straßenbild.

Der Erschaffung innerstädtischen Raums durch neue Plätze und militärstrategisch wichtige Sichtachsen der Boulevards und Avenuen speiste sich aus dem Bedürfnis, London zu übertreffen. Denn in dieser Hinsicht war die Metropole des britischen Empires, die sich nationalstaatlichen Interessen entzog, weniger hauptstädtisch. Der Wettbewerb zwischen London und Paris war allgegenwärtig, die gegenseitige Beobachtung diesseits und jenseits des Ärmelkanals zeitweise geradezu obsessiv. Das Pariser urbane Programm großer Avenuen machten sich später andere Städte wie Buenos Aires, Istanbul und Kairo zu eigen.

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1867 wollte Napoléon III. Paris so präsentieren, dass die Stadt sich gleichsam selbst ausstellte und die Moderne sichtbar machte. Ordnung und Panorama der Welt zugleich sollten in der Metropole an der Seine untergebracht werden. Der französische Kaiser wusste, dass die Kosten für dieses Vorhaben immens sein würden. Am Ende betrugen sie fast 23 Millionen Francs. Aber er setzte auf das Prestige, das unbezahlbar sein würde, sowie darauf, dass die Zahl der Touristen sich während und in Folge der Weltausstellung vervielfachte. Besaß Thomas Cook nicht für seine Pauschalreisenden eigens ein Hotel in Paris? Alleine die Eintrittsgelder spielten mehr als neun Millionen Francs wieder ein. „Kirkland’s Guide to Paris and its Exhibition“, der 1867 in London erschien, vermutete in dem Massentourismus das Erfolgsrezept einer jeden derartigen Großveranstaltung. Er sollte recht behalten. Bis zur Jahrhundertwende richtete Paris noch drei weitere Male eine Weltausstellung aus, ansonsten waren dies unter anderem Wien, Antwerpen, Barcelona, Brüssel, Melbourne, Philadelphia und Chicago. Damit war eine Tradition gewissermaßen erfunden worden. Ein Vermächtnis würde sie hinterlassen wie mit dem Eiffelturm 1889, andernfalls Zeichen der Vergänglichkeit setzen, sofern die Gebäude nach einer Weltausstellung wieder abgetragen wurden. In jedem Fall aber waren unermessliche Potentiale globalen Ausmaßes zu erschließen.

In Paris konnte Haussmann sich auf die rückhaltlose Förderung durch Napoléon verlassen. Der Kaiser versprach sich einen Boom für den Bau- und Arbeitsmarkt und für die Pariser Unterhaltungsbranche, also für die Theater, die Oper und die Konzertsäle. Schnell würden sich Kosten und Gewinn die Waage halten. Dabei sollten sich Lärm und Staub der Baustellen umso leichter ertragen lassen, als sie Paris, das neue Babylon, und seine Weltausstellung perfekt ergänzten: Das Thema „Geschichte der Arbeit“, unter das die Weltausstellung gestellt wurde, kam einer Grundsatzerklärung für beide gleich. Es symbolisierte den durch die Industrielle Revolution erreichten Fortschritt, vor allem aber deren historische Prozesshaftigkeit – Entwicklung erschien als eine Größe, die mess- und darstellbar war. Fortan sollten alle Weltausstellungen thematisch bestimmt werden.

In Form eines Globus stellte sich das vom Kommissar der Ausstellung, Frédéric le Play, entworfene und vom Architekten Jean Baptiste Krantz ausgeführte Kolosseum dar. Es war das ovale Hauptgebäude der Ausstellung, das in sieben konzentrisch angeordneten Hallen zwischen nördlicher und südlicher Halbkugel unterschied, ganz so, als trete der Besucher wie über den Äquator in den zentralen Pavillon ein. Im Zentrum waren französische und englische Gärten angelegt. Zur gleichen Zeit wie der Lesesaal der Bibliothèque nationale eingeweiht, war der Palais d’exposition ähnlich dem Londoner Kristallpalast funktional gestaltet. Mit seiner bautechnischen, gusseisernen und stählernen Ästhetik glich er den Pariser Bahnhöfen, etwa der Gare de l’Est. Der Bau war das Wahrzeichen und unter den Parisern zunächst genauso umstritten wie der Eiffelturm.

Der technische Anspruch spiegelte sich in den Kreisbahnen und ihrer rationalen Klassifikationssystematik, die gleichermaßen jedem ausstellenden Land als auch jeder Warengruppe gerecht werden und zum Vergleich anregen sollte. Wer Erzeugnisse derselben Produktgruppe gegenübergestellt sehen wollte, schritt die einzelnen Bahnen entlang. Dabei waren die größten Ausstellungsstücke in den äußersten Galerien untergebracht. Die inneren widmeten sich demgegenüber den schönen Künsten.

Wer jedoch die Produkte eines spezifischen Landes zu prüfen beabsichtigte, schritt die Wege von innen nach außen beziehungsweise umgekehrt ab. Wie ein Tortenstück also waren die Nationen geordnet. Das machte die Sache nicht leicht, denn die Unterschiede in der Auswahl und Präsentation der Waren ließen sich nicht ohne Weiteres auf den Nenner der Größen von Staatenpavillons bringen.

Ungeachtet seiner riesigen Ausmaße – immerhin war der Palais d’exposition zwei Mal so groß wie sein Londoner Vorgänger – erwies er sich letztlich als viel zu klein. Auf dem eigentlich militärischen Zwecken vorbehaltenen Marsfeld errichtet und trotz seines futuristischen Charakters nur für die Dauer der Weltausstellung konzipiert, nahm das Palais ein Drittel des Gesamtgeländes von nahezu 69 Hektar ein. Jean-Charles-Adolphe Alphand, der im Zuge der Umgestaltung von Paris an der Seite Haussmanns für die Gestaltung des Bois de Boulogne und des Bois de Vincennes verantwortlich gewesen war, konzipierte das Gelände so, dass der angeblich vernünftigen, verdichtenden Ordnung des Hauptpavillons die architektonische Unordnung vor seinen Toren gegenüberstand. Auf den vier äußeren Restflächen um den Ovalbau herum herrschte gleichsam das Chaos. Mehrere Hundert kleine Pavillons, Gewächshäuser, Aquarien, künstlerisch aufwendige Wasserspiele und Kioske sowie Restaurants mit landestypischer Küche und Cafés verteilten sich schier unkontrolliert. Es lag auf der Hand, dass hier, wo die Teilnahmekosten niedriger lagen als im prominenten Hauptgebäude, mehr nichteuropäische Länder vertreten sein würden. Die Unterbringung in einzelnen, nach eigenen Entwürfen errichteten Staatenpavillons war neu. Seitdem wird sie als ein Charakteristikum aller Weltausstellungen bis in die Gegenwart fortgeführt, was nicht zuletzt praktischen Gründen geschuldet ist. Und zur Pariser Regel bis 1937 wurde es, dem Marsfeld als Ausstellungsgelände den Vorzug zu geben.

Freilich mussten sich die Ausstellungsmacher die Frage stellen, wie „universell“ die ganze Angelegenheit überhaupt präsentierbar war. Anders gewendet: Wie leicht konnten oder mussten Idee und Programm eines universalen, auf Homogenität abzielenden Archivs der menschlichen Zivilisation scheitern, weil die Idee der Gleichberechtigung aller Beteiligten utopisch war? Unter den mehr als 40 Teilnehmerländern und über 50 000 Ausstellern dominierten die Europäer mitsamt ihrer damaligen Kolonialreiche. Allein auf Frankreich entfielen 16 000 Aussteller. Das Ausrichterland und sein Kolonialreich, in dem Algerien offiziell als ein französisches Departement galt, beanspruchte die Hälfte des Kolosseums. Die andere Hälfte teilten sich Preußen und die deutschen Staaten, Russland, Italien, China, Siam, Persien und Japan, vor allem aber England und sein Empire, dazu die mittel- und südamerikanischen Staaten sowie die Vereinigten Staaten von Amerika. Erstere und Letztere benötigten außergewöhnlich viel Platz. Preußen zeigte Krupps Riesenkanone, die „dicke Berta“, ein Symbol modernster Waffentechnik. Die Vereinigten Staaten waren mit einer Lokomotive vertreten.

Der Anspruch des atlantischen „Westens“, seine zivilisatorische Überlegenheit geltend zu machen, war übergroß. Allerdings leitete er sich nicht zuletzt von dem Nutzen ab. Ohne die Eisenbahn hätten niemals so viele Besucher befördert, ohne sie aber auch nicht die modernste technische Errungenschaft der Dampfmaschine in das Zentrum der Stadt transportiert werden können.

Schon die Dokumentationsweise der „Encyclopédie“ (1751–80) von Denis Diderot und Jean Baptiste le Rond d’Alembert war nicht „universell“, sondern in aufklärerischer Manier eurozentrisch gewesen. Diese Perspektive auf die Welt prägte auch das 19. Jahrhundert. Eng damit verbunden war der Anspruch im Jahr 1867, Wissen und Bildung vermitteln zu wollen. Die Weltausstellung bildete gewissermaßen eine moderne Version der Enzyklopädie, die ihrem Titel gemäß in ihren 35 Bänden die Wissenschaften und Künste, aber auch das Handwerk repräsentierte. Also versammelten sich in Paris Fachleute verschiedener Disziplinen, um auf Konferenzen über ihre Forschungen zu sprechen und Erkenntnisse zu teilen. Auch das war ein besonderer Aspekt der Pariser Weltausstellung.

Den Besuchern bot sich entsprechend ein bunter Strauß an Angeboten: Hier debattierten Architekten über die Planung von Kolonialstädten, dort erläuterten Ethnologen die Lebensweise von Menschen fern des europäischen Kontinents und betreuten Zurschaustellungen von Menschen und Tieren. Exotismus und Orientalismus, gepaart mit sozialdarwinistischem, auch rassistischem Sendungsbewusstsein, äußerten sich nicht zuletzt in den Nachbildungen arabischer, afrikanischer, asiatischer und pazifischer Dorfsiedlungen. Sie zeigten, wie man sich das Leben in den Kolonien vorstellte oder präziser: wie man glaubte, es dem europäischen Blick vermitteln zu können.

Paris 1867, das war Staunen, Amusement und Bildungserlebnis in einem. Indem man Miniaturnachbauten einer gotischen Kathedrale und eines indischen Palastes miteinander vergleichen konnte, sollte nicht nur die Überlegenheit Europas zur Schau gestellt werden. Gleichzeitig sollte die grenzüberschreitende Verbundenheit der menschlichen Zivilisationen und die Möglichkeit ihrer Klassifizierung in Gestalt einer globalen Ordnung vor Augen geführt werden.

Menschheit und Objekte boten sich dazu gleichermaßen an, um die Grade der Perfektionierung zu studieren, aber auch deren Grenzen. Der Weg von der Phrenologie (Schädellehre) über die Völkerschauen zum Rassismus war nicht weit. Fremdheit in Abgrenzung zum Eigenen zu erfassen war ein Wechselspiel von Entzauberung des anderen und Verzauberung durch das andere. Im gedrängten Ort der Weltausstellung wurde der Betrachter so selbst zum Gegenstand der Betrachtung, in der Dichte der Eindrücke aber gleichzeitig auch seiner Phantasie ausgesetzt. Ägypten trug dazu mit einem Nachbau des Tempels von Philae bei, die Niederlande boten eine Meierei an, und russische Bauernhäuser wurden in der Nähe der Replik eines mexikanischen Tempels präsentiert. Alle diese Kombinationen waren aus der Überzeugung geboren, nicht lediglich den Ist-Zustand der Welt darzustellen, sondern historische Entwicklung als auch unveränderliche Eigenschaften darzustellen. Anders ist es auch kaum zu erklären, warum weltpolitische Umwälzungen wie der seinerzeitige Amerikanische Bürgerkrieg keinen Eingang in die vierjährige Planungsphase der Ausstellung gefunden hatten.

Verbunden fühlte man sich durch das Thema der menschlichen Arbeit. Es bildete sich nicht nur in repräsentativen Gebäuden ab, sondern auch in Modellhäusern für Arbeiter. Auch auf diesem Feld sollte ein transnationaler Vergleich ermöglicht werden. So wurden irische und belgische Arbeitersiedlungen einander gegenübergestellt, dazu unterschiedliche sozialpolitische Konzepte als Teil des Ringens der Nationen um die besten Ideen für eine Reform der Lebensbedingungen gerade der Arbeiter. So lobte der Bericht der preußischen Mitglieder der internationalen Jury das englische Einfamilienhaus, während er die Pariser Mietwohnungen als „Schreckensplätze“ bezeichnete. Dermaßen ideologisch überhöht, standen utopische Elemente unmittelbar neben Wissensvermittlung und schließlich dem für Weltausstellungen nicht zu unterschätzenden Bedürfnis nach dem, was einen Jahrmarkt und heute Disneyland kennzeichnet: Sensationslust und Vergnügungssucht. Möchte man insofern das Jahr 1867 auch als die Geburtsstunde für modernes Entertainment verstehen, stillte ein Ereignis wie die Weltausstellung die Nachfrage nach dem Außergewöhnlichen und verknüpfte sie mit dem Lehrreichen und der seinerzeitigen europaweiten Asien-Faszination. Nirgends erregte der Chinese Chang Woo Gow, der erst ein Jahr zuvor in Europa angekommen war, mehr Aufsehen als in Paris, wo seine Körpergröße von 2,50 m zum Schauobjekt wurde. Um seinem Riesenwuchs einen noch stärkeren Eindruck zu verleihen, unternahm Chang seine Gastspielreisen in der Regel mit seinem Partner Chung, der seinerseits kaum 90 cm gemessen haben soll. Vorzüglich ergänzte sich dies mit einer Kopie des Manchu-Sommerpalastes, in dessen Inneren man chinesischen Teezeremonien beiwohnen konnte.

Das Konzept der Weltausstellung ging auf. Alle Bereiche der menschlichen Arbeit wurden in zehn Produktgruppen gegliedert. Innerhalb dieser Gruppen wurden Klassen gebildet: Kunstwerke, Möbel, Instrumente, Kleidung, Industrieprodukte, Nahrungsmittel. Ihre Herstellung, gegebenenfalls ihre Reparatur, wurde den Besuchern praktisch und plastisch vorgeführt, ihr Verkauf war indessen verboten.

Es ist schwer vorstellbar, wie Technikbegeisterung und Zukunftserwartung der Zeitgenossen unmittelbarer hätten eingefangen werden können als über die Nutzung einer Fülle von Verkehrsmitteln. Konnte das Ausstellungsgelände per Zug oder Schiff auf der Seine erreicht werden, boten sich zu dessen Erkundung dampfbetriebene Busse oder sogar Ballonfahrten an. Die heute in Paris äußerst beliebten bateaux mouches gehen auf die erstmals 1867 eingesetzten Passagierschiffe zurück. Spezielle, 50 Meter hohe Leuchttürme strahlten elektrisches Licht und machten es möglich, die Ausstellung bis 23 Uhr zu besuchen. Ehe der Suez-Kanal Mitte November 1869 eröffnet wurde, mussten zwar noch zwei Jahre vergehen. Aber Ferdinand de Lesseps erläuterte höchstpersönlich den Fortgang der Bauarbeiten.

Der Prestigegewinn des französischen Kaisers war immens. Von der Presse und einem für die zeremoniellen Inszenierungen sehr empfänglichen Bürgertum beobachtet, machten die gekrönten Häupter die Weltausstellung vorübergehend zu einem transnationalen Begegnungsort. Napoléon III. hatte ursprünglich von einem Kongress geträumt, zu dem sich Monarchen der Welt in der französischen Hauptstadt einfänden. Das war ihm nicht vergönnt. Aber die „Exposition Universelle“ kam der Idee doch recht nahe. Nie zuvor fanden sich so viele internationale Staatsgäste in so kurzer Zeit in Paris ein wie zwischen April und November 1867, allerdings meist zu verschiedenen Terminen. So wetteiferten nicht nur die Nationalstaaten in Technik, Wissenschaften und Künsten miteinander, sondern auch deren monarchische Repräsentanten, um zumindest symbolisch Friedenswillen darzutun. Leopold II. von Belgien erschien Mitte Mai, dazu Edward, der Prinz von Wales. Auch der Bruder des japanischen Kaisers, Taikun, sowie Ismail Pascha, der Vizekönig von Ägypten, wollten sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Abdülaziz war der erste Sultan des Osmanischen Reiches, der jemals den Boden des christlichen Abendlandes betrat. Der russische Zar Alexander II. wiederum wäre beinahe Opfer eines Attentats im Bois de Boulogne geworden. Die polnischen Freiheitskämpfer versuchten, europaweit auf sich aufmerksam zu machen.

Auf höchster Ebene war man bemüht, den Glanz der Weltausstellung nicht durch Mächterivalitäten zu trüben und Harmonie zu dokumentieren. König Wilhelm I. und Otto von Bismarck gaben sich in zeitlicher Absprache mit dem Zar persönlich die Ehre, ebenfalls der österreichische Kaiser Franz Joseph I. Als dessen Bruder Maximilian, den Napoleon III. als Kaiser in Mexiko eingesetzt hatte, im Juni 1867 von Aufständischen unter der Führung von Benito Juárez exekutiert wurde, steuerten die französisch-österreichischen Beziehungen schließlich doch einem Tiefpunkt entgegen. Kurzfristig behoben konnte der Schaden nur durch die feierliche Preisverleihung Anfang Juli, die offiziell als „fête de la paix“, als ein Friedensfest deklariert wurde. Nahezu 20 000 Medaillen, Orden und Auszeichnungen aller Art wurden den Ausstellern, der Hälfte davon den französischen, unter den Klängen der von Gioacchino Rossini komponierten Friedenshymne verliehen. Mehr Pomp und Prachtentfaltung war kaum möglich.

Was aber blieb nach 217 Tagen von alledem? Nachdem Königin Victoria die Pariser Weltausstellung von 1855 besucht hatte, hatte sie noch zufrieden feststellen können, England und seine Kolonien würden eine „very fine show“ abgeben. War dieses Selbstverständnis zwölf Jahre später so noch möglich? Oder wurden die Weltausstellungen im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht immer stärker von politischen und kommerziellen Interessen bestimmt? Sie ließen sich für beides vereinnahmen, ebenso wie die sie repräsentierenden Monarchen, die ihre Rundgänge auf dem Ausstellungsgelände dazu nutzten, sich selbst herrschaftstechnisch ins Werk zu setzen und ihre Nähe zur industriell-bürgerlichen Gesellschaft zu festigen.

Dem Anspruch auf eine europäische, ja globale Dokumentation von transnationalem technischem Fortschritt, mithin einer Weltzivilisationsschau, standen die Realität und Rivalität nationalstaatlicher Repräsentation gegenüber. Eingebettet wurden beide schließlich in die Flüchtigkeit des Moments. Nichts konnte diesen so eindringlich illustrieren wie die zahllosen, teilweise spektakulären Vergnügungsgelegenheiten, die im Laufe des Sommers 1867 aus der Exposition einen einzigartigen Unterhaltungs- und Freizeitpark machten und das hehre Ziel nach Bildungsvermittlung allmählich verdrängten. Außerdem konnte ihn nichts so anschaulich bestätigen wie das Tempo, mit dem die Gebäude abgerissen und das Gelände geräumt wurde. Von der Ordnung und der Systematik, mit der die Ausstellungsmacher ein Konzept geplant hatten, dem zufolge die Welt klassifizierbar, abbildbar und neuschöpfbar sein sollte, blieb nichts mehr übrig. Spätestens im Durcheinander des Abbaus sollte sich das Konzept als Illusion erweisen. Und wenn sich die Friedenserwartungen als Trugschluss entpuppten, dann mit dem Deutsch-Französischen Krieg drei Jahre später. Krupps Riesenkanone, ein Objekt der Bewunderung für viele Besucher der „Exposition Universelle“, beschoss Paris.

Der Verfasser lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Philipps-Universität Marburg.

Quelle: F.A.Z.
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