Vor 50 Jahren

Kunst für alle

Von Klaus Staeck
 - 15:58

Es heißt, 1966 sei ein Schwellenjahr gewesen, „unentschieden zwischen Stagnation und Umbruch“. Das sehe ich anders. Fest steht: Im Jahr 1966 war ich 28 Jahre alt. Zehn Jahre zuvor, am 4. August, von Bitterfeld aus der DDR geflüchtet, war ich für kurze Zeit in Düsseldorf untergekommen. Da unser Ost-Abiturzeugnis vor den strengen ideologischen Augen des Westens keine Anerkennung fand, wurde ich zunächst nach Wuppertal eingewiesen und konnte schließlich in Heidelberg die notwendige Ergänzungsprüfung absolvieren. Hier lebe und arbeite ich noch heute - inzwischen mit Wohnung, Büro, Galerie und Lagerräumen in der Altstadt im Schatten des mächtigen Schlosses. Besucht habe ich die wohl berühmteste Ruine Deutschlands übrigens erst viele Jahre später. Ich wollte Christo anstiften, das brüchige Bauwerk für das Festival „intermedia ’69“ zu „verpacken“ - wie man damals sagte. Wegen unüberwindlicher technischer Schwierigkeiten und mutmaßlich viel zu hoher Kosten kam es nach langen Verhandlungen doch nicht dazu. Statt dessen führte Christo Regie bei der Verhüllung des deutlich kleineren Amerika-Hauses im Stadtzentrum. Was wir so nicht erwartet hatten, war der hemmungslose Zorn eines Teiles der Studentenschaft gegen unser Vorhaben. „USA=SS“ war eine der harmlosesten Parolen, die an die Gitterfolie gesprayt wurden.

Nach 50 Jahren wird wohl fast jede Erinnerung mehr oder weniger brüchig und lückenhaft, wenn es nicht um schicksalhafte persönliche Einschnitte geht. Die Verwechslungen nehmen zu. Leider habe ich erst 1971 mit meinen täglichen Tagebuchnotizen begonnen. Sonst wäre es ein Leichtes, vor allem die persönlichen Wege und Irrwege nachzuzeichnen. Doch als Jäger und vor allem Sammler, der ich bis an die Suchtgrenze bin, gibt es allemal Möglichkeiten, in den angestauten Mengen von Papier und sonstigen Dokumenten zu wühlen, bevor man in der Not zu den einschlägigen Jahresbüchern greifen muss.

Obwohl längst kein Student mehr, wohnte ich 1966 noch zusammen mit 200 Kommilitonen im Heidelberger Studentenwohnheim I am Klausenpfad, einem Hochhaus, das inzwischen abgerissen wurde. Als Tutor der „Arbeitsgemeinschaft Kunst“ hatte ich mir von der Heimleitung ein verlängertes, weil auch preiswertes Wohnen ertrotzt. Unser Heim war laut Satzung paritätisch belegt mit je einem Drittel Westdeutschen, Republikflüchtlingen und Ausländern - darunter zahlreiche Algerier, die als Studenten am Befreiungskampf ihres Volkes gegen die Kolonialmacht Frankreich teilgenommen hatten. Ich erinnere mich auch an Mitbewohner aus Moçambique, die ständig über ihren Kampf gegen die portugiesischen Kolonialherren debattierten. Spendenaufrufe für wechselnde hehre Ziele gehörten zu unserem Alltag.

Täglicher Treffpunkt für das große Palaver über Politik und Kunst und Gott und die Welt war eine Bar im Keller. Auf Bitten der Heimselbstverwaltung hatte ich die Wände der Lokalität nach und nach mit eher düsteren abstrakten Motiven ausgemalt. Ich galt ja als der Künstler vom Dienst. Gefürchtet war der ominöse 11-Uhr-Paragraph der Hausordnung. Wer nach dieser Uhrzeit auch nur auf den Fluren des jeweils anderen Geschlechtes erwischt wurde, musste mit sofortiger Kündigung rechnen. Vor dem Heim befand sich übrigens ein riesiger kostenloser Parkplatz. Deshalb hatte ich nie Probleme, für meinen alten Buckel-VW einen Ruheplatz zu finden.

Fest steht weiter, dass ich mich zu jener Zeit noch als Rechtsreferendar durch diverse Institutionen quälte. So stand im Jahr dieser Gedächtnisübung zunächst das Landratsamt Pforzheim auf dem Plan. Von dort verschlug es mich in das Bürgermeisteramt der Gemeinde Stein. Da niemand vor Ort mit dem Referendarius Staeck etwas Rechtes anzufangen wusste, machte ich mich selbständig und verbrachte die meiste Zeit des Sommers ungestört auf dem Dachboden jenes Amtes, auf der Suche nach Erkenntnis in uralten, in akkurater Schönschrift verfassten Akten stöbernd.

Bald nach meiner Ankunft in Westdeutschland als SBZ-Flüchtling, wie es im Behördendeutsch und in der Kampfpresse des Springer-Konzerns seinerzeit hieß, war ich auf der Suche nach einer Gemeinschaft, die meinen politischen Ideen am ehesten entgegenkam. Ein Patenonkel hätte mich am liebsten in seiner schlagenden Verbindung gesehen. Deutlich sympathischer waren mir da schon die liberalen Vorstellungen von Karl-Hermann Flach in der „Frankfurter Rundschau“, die ich in Treue fest bis heute neben der F.A.Z. abonniert habe. Aber die FDP mit dem Ritterkreuzträger Erich Mende als prominentem Mitglied kam dann doch nicht in Frage. So trat ich schließlich am 1. April 1960 in einem Düsseldorfer Arbeiterbezirk der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bei und wurde noch am selben Tage Mitglied einer Krankenkasse. In Heidelberg wurde ich sechs Jahre später zusammen mit dem später führenden Atomkraftgegner Hermann Scheer in den Kreisvorstand der Jusos gewählt.

Als eine Art Hospitant beim Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) lernte ich meinen politischen Ziehvater Oskar Negt kennen. Er war Assistent des Philosophen Jürgen Habermas, dessen Seminare ich gelegentlich besuchte. In Freundschaft verbunden habe ich im Laufe der Jahre zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen zusammen mit Oskar Negt und Johano Strasser geplant und nach unseren Vorstellungen verwirklicht. Nichts hat sich seitdem geändert: Einmischung ist und bleibt meine erste Bürgerpflicht. Und der Satiriker in mir verteidigt - auch schon einmal ungefragt - die unverschuldet Schwachen gegen den Übermut der Starken. Auf diese Weise wird man niemals arbeitslos.

Noch immer gelähmt durch die überlange Regierungszeit Konrad Adenauers bis ins Jahr 1963, hatten sich zu viele Konflikte aufgestaut. Berauscht und bestätigt von den Erfolgen des Wiederaufbaus im Nachkriegsdeutschland, war es allzu lange weder opportun, nach der Verantwortung für die Verbrechen der Nazizeit zu fragen noch sich ihr offen zu stellen. Angesagt war die große Verdrängung. Vor allem erhebliche Teile der Jugend waren es, die das ewige Weiter-so nicht mehr duldeten.

Besonders während meines Studiums an der Universität Heidelberg quälte mich das Wissen, dass die meisten meiner Professoren willig dem Nationalsozialismus gefolgt waren. Erst das Ereignis, dass ein hessischer Generalstaatsanwalt wenigstens einige der übelsten Verbrecher unter den Tätern endlich vor ein deutsches Gericht brachte, besänftigte meine Zweifel am Zustand des Rechtswesens im Nachkriegsdeutschland. Es war Fritz Bauer, der um den Preis vielfältiger persönlicher Schmähungen und Drohungen - „Wenn ich mein Zimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland“ - den Kampf gegen das große Verschweigen in fast allen Lebensbereichen aufgenommen hatte.

Der ein Jahr zuvor in Frankfurt am Main zum Ende gekommene große Auschwitz-Prozess hatte versucht, dem Rechtsstaat und der Demokratie wieder zur Geltung zu verhelfen. Daran änderte sich auch nichts, als bei den folgenden Verfahren für Teilnahme und Beihilfe am Massenmord teilweise nur die niedrigstmöglichen Strafen verhängt wurden. Für mich bedeutete das Handeln von Fritz Bauer und seiner Unterstützer eine Art Befreiung. Diese aufrechten Juristen halfen mir, mich meines Berufes nicht mehr schämen zu müssen.

Zwar bahnte sich die 68er-Revolution während der dreijährigen Amtszeit von Bundeskanzler Ludwig Erhard an, doch die alten Eliten waren mehrheitlich unfähig, die Zeichen der Zeit zu erkennen und ihnen durch notwendige Reformen an Haupt und Gliedern zu begegnen. Das Wenige, das mich an Kanzler Erhard, den „Vater der Sozialen Marktwirtschaft“, wie er bis heute genannt wird, noch erinnert, ist die ewige dicke Wohlstandszigarre und sein ultimativer Appell vom „Maß halten“, ergänzt durch seine für mich recht nebulöse Forderung nach der „formierten Gesellschaft“.

Auch in Anbetracht seiner Leibesfülle diente er vor allen Dingen den Karikaturisten als Arbeitsbeschaffungsprogramm der leichteren Art. Nachdem ihm über einen haushaltspolitischen Streit 1966 die FDP-Minister seiner Regierung abhandengekommen waren, erschien sein Rücktritt auch als Zeichen einer tiefen gesellschaftlichen Erschöpfung. Als leidenschaftlicher Wahlkämpfer habe ich diese politischen Entwicklungen mit besonderem Interesse verfolgt.

Nachdem es Erhard zunächst noch einmal mit einer Minderheitsregierung versucht, die CDU/CSU-Fraktion sich aber für Kurt Georg Kiesinger als Kanzlerkandidaten entschieden hatte, kam es zur Großen Koalition zwischen den Unionsparteien und den Sozialdemokraten. Auf SPD-Seite war es vor allem Herbert Wehner, der auf diesem Schritt gedrungen hatte, die Nazi-Vergangenheit Kiesingers in Kauf nehmend. Wehners Kalkül bestand darin, die Sozis aus der Ecke der ewigen vaterlandslosen Gesellen herauszuführen und sie für die bürgerliche Mitte endlich wählbar zu machen. Aber das ehemalige NSDAP-Mitglied neben dem Emigranten Brandt gemeinsam auf der Regierungsbank, wie sollte das gehen? Nicht nur mir schien damals dieser Preis zu hoch. Wie viele andere Bürger hatte auch ich schon Adenauer nicht verzeihen können, dass er während seiner schier endlosen Amtszeit den Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassegesetze Hans Globke zum Chef des Bundeskanzleramtes gemacht und damit nicht nur den Mitläufern der NS-Diktatur eine politische Generalabsolution erteilt hatte.

Mit der neuen Regierungskonstellation wurde zu meiner Freude immerhin der Weg für die Vizekanzlerschaft Willy Brandts geebnet, der drei Jahre später nach dem Ende auch dieser Koalition im Kampf um die neue Ostpolitik zum Kanzler einer sozial-liberalen Koalition gewählt wurde. Aus dem Umstand, dass die gerade einmal 52 Abgeordnete zählende FDP-Fraktion das einzige parlamentarische Gegengewicht der Großen Koalition bildete, erwuchs schließlich die APO, die außerparlamentarische Opposition. Sie war es, die vor allem an den Universitäten für die notwendige Unruhe sorgte. Sicher nicht nur mir ist die Parole „Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren“ in lebhafter Erinnerung geblieben, die ein Jahr später in Form eines Transparentes in das Audimax der Universität Hamburg demonstrativ Einzug hielt, getragen von zwei Studenten.

Erwähnenswert bleibt, dass bereits im November 1966 die NPD in die Landtage von Hessen und Bayern einzog. Daran zu erinnern ist auch deshalb wichtig, weil jetzt endlich der neue Verbotsantrag vor dem Bundesverfassungsgericht in die finale Phase getreten ist.

Im Innern schien die Teilung Deutschlands durch den Mauerbau 1961 auf ewig zementiert. Jemand, der wie ich schon aus familiären Gründen stets für die Einheit eintrat, machte sich mit dieser Einstellung bei seinen meist linken Freunden reichlich verdächtig. So habe ich mich schon früh nach Mitstreitern umgesehen, die politisch völlig unkorrekt damals bereit waren, sich ganz praktisch für Begegnungen zwischen den Studenten der Universitäten Heidelberg und Leipzig einzusetzen. Es waren ausgerechnet diese Kontakte, die mich erstmals für den Verfassungsschutz zum Objekt der Begierde machten. Mit Freunden hatte ich mir angewöhnt, an jedem 17. Juni, der zum nationalen Feiertag erhoben worden war, die Festredner aufzusuchen, um sie zu fragen, was sie von derartigen direkten Treffen hielten. Jene, die eben noch die Bevölkerung mit leidenschaftlichen Appellen aufgefordert hatten, ja nicht die persönlichen Beziehungen abreißen zu lassen, gerieten in helle Aufregung, als wir sie baten, doch die Patenschaft für unser Projekt zu übernehmen. Ich war sogar Mitglied im „Kuratorium Unteilbares Deutschland“, wollte mich aber nie damit begnügen, rituell zu den einschlägigen Daten brennende Kerzen in die Fenster zu stellen.

Nicht nur die Innen-, sondern auch die Außenpolitik wurde weitgehend vom Kalten Krieg bestimmt. In China, dem schon damals bevölkerungsreichsten Land der Erde, propagierten die Roten Garden die „wahre Lehre“ des Parteivorsitzenden Mao Tse-tung und seine „Große Proletarische Kulturrevolution“. Maos Rotgardisten, hauptsächlich Jugendliche, wüteten nicht nur gegen „westliche Dekadenz“. In einem 23-Punkte-Programm wurde gefordert, dass jeder chinesische Bürger manuelle Arbeit verrichten solle. Schon im Kindergarten müsse die Lehre des Großen Vorsitzenden verbreitet werden. Die revolutionäre Massenbewegung machte selbst vor den Verkehrsampeln nicht halt. Rot war künftig Grün, und Grün wurde zu Rot. Während ich zu dieser Zeit die teils skurrilen, teils brutalen Entwicklungen noch distanziert zur Kenntnis nahm, bekam der Wahnsinn 1973 mit der Gründung der Politsekte „Kommunistischer Bund Westdeutschland“ (KBW) in den Universitätsstädten Struktur. Ich war dennoch nicht beunruhigt, weil ich wusste, dass die absolute Mehrheit nicht nur der Heidelberger Bürger sicher überall hinwollte, nur nicht in das blutige Reich des weisen Führers Mao Tse-tung.

Wie wohl für die meisten Menschen meiner Generation wurde das Jahr 1966 überschattet von dem seit Mitte der 50er Jahre andauernden Vietnam-Krieg, der schließlich zum Stellvertreterkrieg der Großmächte wurde und im Laufe der Zeit ganz Indochina erfasste. Die Orte Hue, Haiphong, Da Nang, My Lai, der Ho-Chi-Minh-Pfad, natürlich Hanoi und Saigon, sowie der Name des südvietnamesischen Ministerpräsidenten Ky haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Nicht zu vergessen die weltweit verbreiteten Fotos des Saigoner Polizeichefs, der auf offener Straße einen Verdächtigen erschießt, und des nackten Mädchens, das auf einer Dorfstraße in der Nähe der Hauptstadt vor einem Napalm-Bombardement flieht. Die Vereinigten Staaten fühlten sich als Schutzmacht des südvietnamesischen Regimes zunehmend provoziert und begannen mit der systematischen Bombardierung des kommunistischen Nord-Vietnams. Zum Einsatz kamen vor allem Brandbomben und ein unter dem Namen „Agent Orange“ flächendeckend eingesetztes chemisches Entlaubungsmittel. Noch heute leidet die Bevölkerung an den schwerwiegenden Folgen dieser Art Kriegsführung. Für die Amerika wurde Vietnam zum Menetekel, während zu Hause schwere Rassenunruhen das Land erschütterten. Auch der Israel-Palästina-Konflikt war im Studentenheim ständiger Gesprächsstoff, ebenso die mit äußerster Brutalität durchgesetzte Apartheid-Politik der südafrikanischen Regierung. Der Freiheitskämpfer Nelson Mandela saß bereits vier Jahre im Gefängnis. Die verschiedenen Gruppen, die zum Boykott Südafrikas aufriefen, habe ich nicht nur grafisch unterstützt.

Militärisch war die Bundesrepublik zu jener Zeit eher in einem desaströsen Zustand. Die heftigen Auseinandersetzungen über Wiederbewaffnung, Gründung der Bundeswehr und Nato-Beitritt waren weitgehend abgeklungen, ein ständiger Streitpunkt blieb aber der Einsatz des Kampfflugzeuges Starfighter. In einer Debatte im Deutschen Bundestag im März wurde heftig darüber diskutiert, dass bei 51 Totalschäden während Übungsflügen schon 27 Piloten ihr Leben verloren hätten. Nicht nur ich hatte mir damals angewöhnt, eine Strichliste über die häufigen Abstürze zu führen, makaber genug. In den Medien wurde das Foto einer Tragfläche verbreitet, die sich senkrecht in den Boden gerammt hatte. Dieses Bild habe ich später für eines meiner Plakate verwendet, versehen mit dem Slogan „Die Sicherheitspolitik der CSU/CDU ist fest im deutschen Boden verwurzelt“.

Beruflich war ich noch immer ein Suchender. Meine beiden juristischen Staatsexamina hatte ich zwar ordentlich hinter mich gebracht. Aber ich hatte keinen wirklichen Plan, wie ich mein weiteres Leben „gestalten“ sollte. Nur Volljurist wollte ich nicht sein. Die ohnehin lange Referendarzeit hatte ich schon durch mehrfache Unterbrechungen verlängert, in der Hoffnung, durch meine Kunst auch nur annähernd einen finanziellen Status zu erreichen, den man Existenzgrundlage nennen könnte. Leider gelang mir das zunächst nicht. Ich mühte mich noch mit sperrigen Holzschnitten ab, bald erweitert durch Fotos aus Zeitungen und Illustrierten. Später kamen Siebdruck-Collagen zu politischen Themen hinzu. Alles war stets angelegt auf die Möglichkeit der Vervielfältigung und weiten Verbreitung.

Meine Partner suchte ich mir hauptsächlich im studentischen Umfeld. Viele meiner Arbeiten fanden Verwendung als Flugblätter für den ASTA der Universität und anderer Gruppen. Noch während meiner Anwaltstätigkeit nutzte ich jede Chance, meine Drucksachen öffentlich zu zeigen. Ein wenig stolz war ich, als ich in der Ausstellung „Der deutsche Holzschnitt“ in der Kunsthalle Baden-Baden drei Blätter unterbringen konnte.

Immerhin kamen mir in der großen Zeit der Produzentengalerien die Umstände entgegen. Die Künstler selbst gründeten zahlreiche Klein- und Kleinstverlage, organisierten Messen, suchten den direkten Weg in die Öffentlichkeit. Die Selbstvermarktung triumphierte. Angeregt durch Gespräche mit Kollegen wie dem Fluxus-Pionier Wolf Vostell, hatte ich 1965 meinen eigenen Verlag gegründet. Im besten Walter Benjaminschen Sinne wollte ich multiplizierte Kunstwerke möglichst vielen zu kleinen Preisen zugänglich machen. Allem Gründergeist zum Trotz hatten meine ersten Versuche, wenigstens Teile der Bevölkerung mit dem Prinzip „Kunst für alle“ vertraut zu machen, nur wenig Erfolg. Um Leute zu erreichen, war mein wichtigstes Aktionsfeld zunächst eine Kette vorwiegend süddeutscher studentischer Club-Galerien mit dem Namen „tangente“. Auch als Folge des allgemeinen Aufbruchs, Kunst und Kunstmarkt zu demokratisieren, kam es ein Jahr später zum 1. Kölner Kunstmarkt, der heute unter dem Namen Art Cologne eine der weltweit erfolgreichsten Kunstmessen ist und mit Dutzenden Veranstaltungen dieser Art konkurriert. Von all den ursprünglichen Ideen und Erwartungen der sechziger Jahre ist wenig übrig geblieben.

In der bildenden Kunst fanden neben Wolf Vostell, K.P. Brehmer, Nam June Paik und Dieter Roth vor allem Gerhard Richter, der sich kritisch mit dem Fotorealismus auseinandersetzte, sowie Sigmar Polke mit seinen konsumkritischen Rasterbildern mein besonderes Interesse. Dann gab es natürlich auch Joseph Beuys, der 1964 mit seiner Aktion „Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet“ Aufsehen erregt hatte. Persönlich lernte ich Beuys während der documenta ’68 in Kassel anlässlich des Entwurfs einer Postkarte kennen. Damals arbeitete er schon an der Idee seiner „Sozialen Plastik“. Im Laufe einer intensiven Arbeitsfreundschaft wurde ich sein größter Verleger. Er war es auch, der nicht nur mit seinem oft missverstandenen Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ Kunst und Gesellschaft und auch meine eigene Arbeit wesentlich beeinflusste.

Günter Grass, der mit dem Roman „Die Blechtrommel“ und der Verfilmung durch Volker Schlöndorff weltbekannt geworden war, polarisierte mit einem neuen Theaterstück „Die Plebejer proben den Aufstand“. Es ging um die dramatischen Ereignisse rund um den Volksaufstand am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin. Im Westen wurde Grass umjubelt, die DDR-Regierung missbilligte via „Neues Deutschland“ das Stück: er habe sich auf die Seite von „Reaktion und Konterrevolution“ geschlagen. Für mich war das Schauspiel schon deshalb von Bedeutung, weil ich den Arbeiteraufstand als 15 Jahre alter Schüler in meiner Heimatstadt Bitterfeld miterlebt hatte. Mein Verhalten in diesen schicksalhaften Tagen sollte neben anderen Verfehlungen später Anlass sein, mir nach dem Abitur einen Studienplatz in der DDR zu verweigern.

In Paris geriet die Premiere des Peter-Weiss-Stückes „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“ im Théâtre Sarah-Bernhardt nach empörten Angriffen gegen die Inszenierung zum Publikumserfolg. Etwa zur selben Zeit verunsicherte der Schriftsteller Heinrich Böll anlässlich der Eröffnung des Wuppertaler Schauspielhauses die Zuhörer mit provozierenden Thesen über Kunst und Staat.

Als Kinogänger interessierten mich neben den italienischen Produktionen von Fellini, De Sica und Co. der junge deutsche Film mit Regisseuren wie Ulrich und Peter Schamoni, Alexander Kluge, Edgar Reitz, Werner Herzog und Wim Wenders. Der polnische Regisseur Roman Polanski erhielt für seinen Berlinale-Beitrag „Wenn Katelbach kommt“ den Goldenen Bären.

Ein Interview mit John Lennon ist mir in Erinnerung geblieben, das er im März 1966 dem Londoner „Evening Standard“ gab. Mit Blick auf die Beatles behauptete er dort „We’re more popular than Jesus now“. Diese steile These führte dazu, dass mehrere Radiostationen in den Vereinigten Staaten die Pilzköpfe boykottierten. Und während Udo Jürgens den „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ mit dem Ohrwurm „Merci, Chérie“ gewann, tourte Bob Dylan mit seinen Folk-Songs durch Amerika.

Kurzer Nachtrag für die Freunde des Fußballs, denn auch dieses Massenphänomen ist allemal der Erinnerung wert: Im Kampf um die Weltmeisterschaft wurde am 30. Juli 1966 die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Londoner Wembley-Stadion mit 2:4 von England geschlagen. Dagegen vollbrachten zur Freude des Borussia-Fans Staeck die Dortmunder das „Wunder von Glasgow“, als sie den Europa-Pokal mit einem 2:1-Sieg über den FC-Liverpool ins Revier holten.

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Der Verfasser ist Künstler und war bis Mai 2015 Präsident der Akademie der Künste in Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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