Weimarer Verhältnisse? (2)

Die wahren Totengräber der Republik

Von Werner Plumpe
 - 07:00
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Über wenige Themen der jüngeren Geschichte ist so intensiv diskutiert worden wie über den Untergang der Weimarer Republik. Galt dabei lange die These von der „Republik ohne Republikaner“ als ausschlaggebend, die in der Krise unter dem Ansturm rechts- und linksradikaler Kräfte zusammengebrochen sei, so verschob sich der Fokus später auf die Weltwirtschaftskrise und deren Zuspitzung im Sommer 1931. Diese habe auch deshalb zum Untergang der Republik geführt, weil spätestens jetzt große Teile der bürgerlichen Eliten von einer vom Parlament unabhängigen Regierung keine Besserung ihrer Situation mehr erwartet hätten. Totengräber der Republik war hiernach vor allem Reichskanzler Heinrich Brüning, der mit seiner Austeritätspolitik die Krise dramatisch verschärft habe. Hätte Brüning eine andere Politik betrieben und die Großindustrie nicht aus egoistischen Gründen den Weimarer Sozialstaat zerstört, so die Annahme, hätte das Experiment Weimar keineswegs in der Machtübernahme Hitlers enden müssen.

Das scheint in der Tat für viele bis heute festzustehen: Weimar ist nicht in einer zumindest kurzfristig unbeherrschbar gewordenen Problemlage untergegangen, sondern scheiterte am fehlenden Willen der verantwortlichen Eliten. Deren Fehlverhalten ist im Einzelnen nicht zu bestreiten. Aber waren es nicht gerade die ungelösten Probleme der Nachkriegszeit und des Weimarer Sozialstaates, die in der Weltwirtschaftskrise die Politik überforderten – Probleme, für die die Regierung Brüning wenig konnte, weil sie sie ja von ihren Vorgängerregierungen geerbt hatte?

Offensichtlich gab es eine Kumulation von Problemen, die das politische System der Weimarer Republik längst vor der Weltwirtschaftskrise schwer belasteten. Die Weltwirtschaftskrise spitzte diese Lage schließlich dramatisch zu. Deshalb musste es nicht zwangsläufig zu einer Regierung Hitler kommen. Aber wenn Weimar heute als Menetekel demokratischer Politik gesehen wird, dann wohl eher wegen der schließlich kaum mehr beherrschbaren Anhäufung von Problemen. Und diese begann nicht erst 1929.

Im Kern der Weimarer Problemkonstellation standen wirtschaftliche und soziale Schwierigkeiten ganz unterschiedlicher Art, vor allem als Folge des Großen Krieges. Dass sich die erste deutsche Republik als Sozialstaat verstand, hatte gleichermaßen mit der Versorgung der Kriegsopfer wie mit dem Selbstverständnis einer modernen Demokratie zu tun: die materiellen Interessen vor allem der ärmeren Bürger konnten nicht länger ignoriert oder bestenfalls wohlwollend-patriarchalisch behandelt werden. Konkret hieß das: Eine verarmte Republik hatte einen sehr viel aufwendigeren Staat zu finanzieren. Der Staatsanteil an der wirtschaftlichen Gesamtleistung, der vor 1914 bei etwa 15 Prozent gelegen hatte, musste deutlich steigen.

Die Erzbergersche Steuerreform, mit der 1919/20 ein modernes Steuersystem geschaffen wurde, war vor allem eine massive Steuererhöhung. Das fiel anfangs nicht sonderlich auf. Denn Reichsregierung und Reichsbank setzten zur Stabilisierung der Republik zunächst weiter auf die Notenpresse. Das gelang, doch lief die Inflation spätestens mit der Zuspitzung des Reparationskonflikts 1921 aus dem Ruder. Nach der Ruhrbesetzung 1923 kam es zur Hyperinflation. Als die Währung im Herbst 1923 saniert wurde, waren die vorhandenen Bargeldbestände und entsprechenden Papiere schließlich wertlos. Die Inflation war nichts anderes als eine Enteignung der Bevölkerung, der die Kriegslasten aufgebürdet wurden; für die Akzeptanz der Republik in breiten Kreisen des ehedem wohlhabenden Bürgertums war das ein schwerer Schlag.

1924 wurden dann auch die hohen Steuersätze wirklich spürbar, die zuvor unter dem Inflationsschleier verborgen geblieben waren. Wenn auch der Spitzensteuersatz wieder gesenkt wurde, lag in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre die Staatsquote am Inlandsprodukt deutlich über 30 Prozent – angesichts der großen ökonomischen Probleme eine schwere Belastung insbesondere der Unternehmen.

Der Staat kam zudem mit den gewachsenen Einnahmen nicht aus. Obwohl oder gerade weil er 1924 einen Überschuss erwirtschaftet hatte, gingen die Ausgaben bereits 1925/26 konjunktur- und sozialpolitisch bedingt in die Höhe. Der Reichshaushalt war fortan defizitär. Wie dieses Defizit ausgeglichen werden sollte, war einer der Streitpunkte aller Weimarer Regierungen zwischen 1925 und 1930; eine Lösung hierfür wurde nicht gefunden.

Die Reparationsregelung von 1924, der Dawes-Plan, verhinderte zudem, dass sich das Reich abermals nennenswert verschuldete. Zwischen 1919 und 1923 hatte zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern und Deutschland ein Streit über die Höhe der Reparationen getobt. 1924 wurde er mit dem Dawes-Abkommen entschärft. Unter Vermittlung amerikanischer Geschäftsbanken erklärte sich Deutschland gegen eine große Anleihe und die Öffnung der internationalen Kapitalmärkte zur jährlichen Zahlung von etwa zwei Milliarden Goldmark bereit und akzeptierte zugleich die internationale Kontrolle der Reichsbank sowie die Rückkehr zum Goldstandard zu Vorkriegsparitäten.

Damit waren die wirtschafts- und finanzpolitischen Handlungsspielräume der Reichsregierung stark eingeschränkt; vor allem gab es nur einen engen Rahmen für Kredite der Reichsbank an das Reich. Da Frankreich und Großbritannien selbst hohe Schulden bei den Vereinigten Staaten hatten und Washington auf deren vollständiger Tilgung bestand, waren beide Staaten in der Reparationsfrage kaum zu Kompromissen bereit.

Mit dem Dawes-Plan entstand daher eine Art Schuldenkarussell: Deutschland erhielt vor allem aus den Vereinigten Staaten Kredite, leistete mit ihrer Hilfe Zahlungen an seine Reparationsgläubiger, wovon zumindest ein Teil weiter in die Vereinigten Staaten floss, die es als kommerzielle Ausleihungen wiederum nach Deutschland weitergaben, das die Devisen benötigte, um die nächsten Reparationszahlungen transferieren zu können.

Das Schuldensystem verfestigte damit jene wirtschaftlichen Strukturverschiebungen, die der Weltkrieg verursacht hatte. Denn der größte Profiteur des Krieges waren die Vereinigten Staaten. Sie stiegen von einem Schuldnerland zum weltweit größten Gläubiger auf, während Deutschland, Großbritannien und Frankreich an Bedeutung verloren, Deutschland gar zum weltgrößten Schuldner wurde. Großbritannien hatte wesentliche Teile seines Auslandsvermögens zur Finanzierung des Weltkrieges liquidieren müssen; London als Zentrum der Weltfinanzwirtschaft war ernsthaft bedroht. Das lag auch daran, dass der große Profiteur, die Vereinigten Staaten, für die Weltwirtschaft kaum Verantwortung übernahm, sondern überaus egoistisch handelte.

Amerika wurde zum Ziel der globalen Finanzströme, doch behinderte es deren Ausgleich, denn das Geld wurde nicht verwendet, um Waren oder Dienstleistungen im Ausland zu kaufen. Im Gegenteil: Wie schon vor 1914 waren die Vereinigten Staaten auch in den 1920er Jahren das Land mit den höchsten Zollmauern. Washingtons Schuldner hatten mithin keine Chance, den Gegenwert ihrer Schulden oder zumindest der Zinslast durch Exporte zu verdienen. Stattdessen kreditierten amerikanische Geschäftsbanken die europäischen Geldmärkte, die auch deshalb attraktiv waren, weil etwa Großbritannien und Deutschland ihre Zinssätze hochhalten mussten, um den Goldstandard zu verteidigen.

Das traf vor allem Großbritannien, das London als zentralen Finanzplatz nicht widerstandslos aufgeben wollte. Um dessen Rolle zu behaupten, kehrte das Land Mitte der 1920er Jahre zu den Vorkriegsparitäten zum Goldstandard zurück. Doch war dieser Schritt angesichts der kriegsbedingt aufgeblähten Geldmenge nur durch eine starke Beschränkung der Staatsausgaben namentlich im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik möglich. Nicht nur ein einjähriger Bergarbeiterstreik war die Folge; ein großer Generalstreik lähmte zeitweilig die gesamte Wirtschaft.

Lediglich Frankreich, das erst 1927 zu einem sehr viel geringeren Wert des Franc in den Goldstandard zurückkehrte, konnte sich dessen negativer Dynamik entziehen. Es wurde selbst zum Zielland von Goldströmen und hatte nach den Vereinigten Staaten bald die weltweit zweitgrößten Goldreserven. Das Schuldenkarussell hing daher von der Bereitschaft der amerikanischen und (eingeschränkt) der französischen Banken ab, Kredite nach Europa zu geben. Deren Struktur freilich machte es Deutschland und Großbritannien nicht leichter. Die Masse amerikanischen Geldes wurde nicht mittel- und langfristig in die europäischen Kapitalmärkte investiert, sondern floss als kurzfristige Ausleihe den Geldmärkten zu. Sie konnten also, sollten sich die Verhältnisse in Amerika ändern, rasch versiegen.

Den Zeitgenossen war dieses Risiko durchaus bewusst. Felix Somary, ein Schweizer Privatbankier österreichischer Herkunft, wurde nicht müde, vor der großen Krise zu warnen, die unmittelbar bevorstehe. Aber angesichts der zahlreichen politischen und ökonomischen Probleme war die Mehrheit der internationalen Finanzwelt bereit, einen Zustand zu tolerieren, dessen Labilität bekannt war.

Im Schatten dieses prekären Status quo wurden die übrigen Probleme nicht geringer. Die Weltwirtschaft litt ja nicht allein darunter, dass die Vereinigten Staaten ihren Markt verschlossen hielten und sich in Europa nur kurzfristig engagieren wollten. In Europa und im Nahen Osten waren zahlreiche neue Nationalstaaten entstanden, die sich durch Zollmauern vor der internationalen Konkurrenz schützten. Auch die ehemaligen Kriegsgegner suchten sich durch diskriminierende Handelsvorschriften weiter zu schaden. Erschwerend wirkte sich aus, dass wegen des Ausfalls der europäischen Exporte während des Krieges in vielen Ländern eigene Industrien entstanden oder die vorhandenen Kapazitäten deutlich vergrößert worden waren.

Besonders dramatisch war die Lage in der Landwirtschaft, wo die Weltmarktpreise, die während des Krieges hoch gewesen waren, spätestens zu dem Zeitpunkt unter Druck kamen, als die russischen Getreideexporte wiederaufgenommen wurden. Die Weltlandwirtschaft geriet in eine andauernde Strukturkrise – angesichts der Tatsache, dass in vielen Staaten noch mehr als ein Drittel der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig war, eine schwere Hypothek.

In Deutschland schreckten die ohnehin zumeist schwachen Regierungen der 1920er Jahre vor harten Einschnitten zurück. Dadurch gerieten sie sehr rasch in das Dilemma wachsender Haushaltsdefizite. Die Hoffnung auf von der Industrie wiederholt geforderte Entlastungen erfüllte sich nicht. Angesichts überaus niedriger Gewinnmargen war zudem eine Erhöhung der Löhne, wie sie zur Stärkung des Binnenmarktes von den Gewerkschaften wiederholt gefordert wurden, sozial nachvollziehbar, ökonomisch aber schwierig.

Eigentlich hätten, so die Unternehmen, die Löhne sogar sinken müssen. Doch das staatliche Zwangsschlichtungssystem verhinderte, dass die Arbeitgeberseite ihre bessere Position zur Senkung der Lohnkosten nutzen konnte, freilich um den Preis, dass der Staat als Garant der Kontinuität der Lohnhöhe immer stärker in die Kritik jener Industriebranchen geriet, die wie der Montansektor große Strukturprobleme hatten.

Die im Vergleich mit der Vorkriegszeit dramatisch niedrigen Investitionsquoten wurden folgerichtig weniger zur Erweiterung der ohnehin gering ausgelasteten Kapazitäten genutzt, sondern dienten der technischen Modernisierung der Produktion. Menschliche Arbeit wurde in zunehmendem Maße ersetzt oder eingespart. Diese Art der inneren Kostensenkung zur Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit auf den hart umkämpften Weltmärkten war in vielen Fällen erfolgreich. Sie hatte aber paradoxe Folgen. In dem Maß, wie diese Verbesserungen in der Summe die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft steigerten, verfestigten sie die gesamtwirtschaftlichen Kapazitätsprobleme, trugen zur Dauerarbeitslosigkeit bei und erhöhten damit die Ansprüche an den Weimarer Sozialstaat.

Die wirtschaftliche Lage Deutschlands und anderer großer Volkswirtschaften war mithin im Jahr 1928, als sich die weltwirtschaftliche Atmosphäre zu verdüstern begann, nicht gut. Sollten das Schuldenkarussell und mit ihm die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung zusammenbrechen, musste die nächste konjunkturelle Krise katastrophale Ausmaße annehmen. Die Versuche, auf Weltwirtschaftskonferenzen gegenzusteuern, blieben hilflos. Der Völkerbund erkannte die Probleme; handlungsfähig war er nicht.

1928 reduzierten die Vereinigten Staaten angesichts von Goldabflüssen ihren Kapitalexport. Das heizte die überhitzte Börsenentwicklung in New York weiter an, da das im Land bleibende Geld an die Börsen strömte. Für die europäischen Schuldner waren das keine guten Nachrichten. Denn nun wurde es schwieriger, die eigenen Defizite durch amerikanische Kredite auszugleichen.

In Deutschland verbanden sich alle Probleme in der großen Debatte über den Young-Plan, mit dem 1928/29 die Dawes-Regelung ersetzt werden sollte. Der nach dem amerikanischen Bankier Owen D. Young benannte Plan sah eine Festschreibung der Höhe der deutschen Schuld und ihre ratenweise jährliche Bedienung in Höhe von zwei bis drei Prozent des Volkseinkommens (Stand 1930) bis in die 1980er Jahre vor. Als Gegenleistung sollte die internationalen Kontrolle Deutschlands gelockert werden. In Deutschland sorgte der von Gustav Stresemann ausgehandelte Plan für einen schweren Konflikt, den vor allem die rechtsradikalen Parteien beziehungsweise die Hugenberg-Strömung in der DNVP skrupellos für ihre Zwecke ausnutzten. Das Volksbegehren gegen den Plan scheiterte zwar, doch zeichnete sich um Hitler und Hugenberg eine stark gewordene Rechtsfront ab, mit der in Zukunft zu rechnen war.

Als im Herbst 1929 nach dem spektakulären Krach an der Wall Street die Weltwirtschaftskrise ausbrach, traf sie auf eine schwer gezeichnete Wirtschaft. Gleichzeitig war die deutsche Politik selbst zu kleinen Reformen nicht mehr fähig. Die Koalition von Reichskanzler Hermann Müller (SPD), die eigentlich die parlamentarische Mehrheit für Reformen gehabt hätte, zerbrach im Frühjahr 1930 an der Frage der Haushaltssanierung.

Heinrich Brüning, bislang Fraktionsvorsitzender des Zentrums im Reichstag, übernahm die Kanzlerschaft und begann, gestützt auf die Zusage des Reichspräsidenten, ihm im Zweifelsfall mit dem Paragraphen 48 der Reichsverfassung auch gegen parlamentarischen Widerstand zu helfen, unmittelbar mit einer harten Politik der inneren Abwertung. Die Staatsausgaben wurden beschränkt, Löhne, Preise und Gebühren gesenkt. Brüning wollte somit die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft auf den Weltmärkten zu verbessern und gleichzeitig die Untragbarkeit des bisherigen Reparationssystems aufzeigen. Brüning scheiterte zunächst am Widerstand des Reichstages, in dem ihm die linke wie die rechte Opposition nicht folgte. Hindenburg löste daraufhin den Reichstag auf uns schrieb Neuwahlen für den September 1930 aus. Diese Wahl führte zu dem Erdrutschsieg der NSDAP, die sich von gut zwei auf 18 Prozent verbesserte, und pulverisierte zugleich das bürgerliche Lager. Mit diesem Schock im Nacken tolerierte die SPD fortan Brünings Politik, um eine neuerliche Auflösung des Reichstages zu vermeiden. Freilich geriet sie dadurch in die Kritik namentlich der KPD, die ihr diese Tolerierung als Sozialfaschismus ankreidete.

Brünings durch keine parlamentarische Einrede beschränkte Politik der inneren Abwertung war bei allen Lasten, die sie der ohnehin geschundenen Bevölkerung abverlangte, zunächst durchaus erfolgreich. Die zumeist defizitäre Handelsbilanz erzielte 1930 Überschüsse. Der Außenhandel wurde zum Stabilisator in der Krise. Anfang 1931 war die Stimmung in der Wirtschaft verhalten positiv. Doch nun rächte sich, dass die internationale Verschuldungskrise nicht gelöst worden war. Im Mai 1931 gerieten die überschuldeten österreichischen Banken in Zahlungsschwierigkeiten, im Juni folgten die deutschen Banken. Ausländische Kredite wurden zurückgezogen, alle großen Banken gerieten in Zahlungsschwierigkeiten, es kam zum Bank-Run. Erst staatlich verordnete Bankfeiertage beruhigten die Situation.

Der Staat handelte danach rasch, es kam zu Zwangsfusionen und Teilverstaatlichungen im Bankensektor. Da die Reichsbank in der Krise erhebliche Devisenverluste zu verzeichnen hatte, ging Deutschland zusätzlich zum Devisenzwangsverkehr über. Ausländische Geldgeber konnten ihre Kredite nun aus Deutschland nicht mehr zurückerhalten. Stattdessen zogen sie ihre Gelder aus anderen Ländern, namentlich Großbritannien ab, das im September 1931 in einer Art Panikreaktion den Goldstandard aufgab, das Pfund abwertete und sich in eine Schutzzollzone („Imperial Preferences“) zurückzog.

Für die Weltwirtschaft war das ein weiterer schwerer Schlag, zumal auch in den Vereinigten Staaten der Wille erkennbar war, sich strikt an eigenen Interessen zu orientieren. Schon 1930 waren die Zölle drastisch erhöht worden, 1932/33 wurde auch der Goldstandard aufgegeben und der Dollar abgewertet. Brünings Strategie war damit faktisch der Boden entzogen. Gleichwohl hielt er an ihr fest, so dass die Verschärfung der Krise im Winter 1931/32 vor allem seiner Austeritätspolitik angekreidet wurde. Ob Brüning nach dem Sommer 1931 seine Politik hätte ändern müssen oder können, ist bis heute umstritten.

Im historischen Vergleich ist die Frage nach den Handlungsmöglichkeiten Brünings letztlich nicht interessant. Obwohl wiederholt behauptet, sind die Krisen von 1929 und 2008 kaum miteinander zu vergleichen. Das, was die Krise von 2008 begrenzte, fehlte 1929: ein umfassend ausgebauter Sozialstaat, der das Problem der Arbeitslosigkeit zumindest in Deutschland fast automatisch entschärfte und durch die großen Transferleistungen auch den Binnenmarkt stabilisierte. Die Politik des billigen Geldes und die Konjunkturprogramme beanspruchten zwar Aufmerksamkeit und sollten politische Handlungsfähigkeit signalisieren, waren, gemessen an den sogenannten automatischen Stabilisatoren, aber von nur geringer Bedeutung. Sowenig Brüning die Weltwirtschaftskrise zu verantworten hatte, so wenig geht der glimpfliche Verlauf der Weltfinanzkrise auf eine Politik zurück, die aus Brünings vermeintlichen Fehlern gelernt zu haben behauptet.

Über diese aus politischen Gründen naheliegenden, wissenschaftlich wenig überzeugenden Vergleiche gehen die eigentlichen Lehren der Weimarer Verhältnisse leicht verloren. Die Erfahrung zeigt, dass eine durch Kredite und Schulden stabilisierte Situation extrem fragil ist, wenn es nicht gleichzeitig die zentralen Problemfelder beseitigt werden. Und sie zeigt überdies, dass demokratisch gewählte Regierungen in schweren Krisenzeiten nationale Handlungsfähigkeit über internationale Verpflichtungen stellen, ja stellen müssen, wollen sie nicht ihre Legitimität verlieren.

Solche Problemkumulationen bergen die eigentliche historische Brisanz, da sie schon bei geringen Störungen in kaum kontrollierbare Eskalationen münden können und in nationalen Alleingängen enden. Hiervon ist die Gegenwart weniger weit entfernt als zumeist angenommen. Zwar sind die gegenwärtigen Probleme teils anders gelagert, teils anders strukturiert, zumal die großen westlichen Volkswirtschaften über ein hohes Wohlstandsniveau verfügen. Doch gerade in der Angst, dass die scheinbar oder wirklich ungeregelte Globalisierung den sozialen Status großer Bevölkerungsgruppen gefährdet, liegt einer der Gründe, warum (sozial-)protektionistische Maßnahmen gefordert werden und nationale Handlungsfähigkeit einer internationalen Kooperation vorgezogen wird.

Die Zwischenkriegszeit lehrt, dass Auflösungserscheinungen der internationalen Kooperation nicht die eigentliche Ursache von Problemen sind. Sie sind vielmehr Ausdruck ihrer schwindenden Beherrschbarkeit, die unter demokratischen Bedingungen die (Wieder-)Herstellung nationaler Handlungsfähigkeit schließlich erzwingt. Wartet man zu lange mit Problemlösungen oder glaubt, sich Zeit kaufen zu können, leistet man dieser Tendenz Vorschub.

Der Verfasser lehrt Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Frankfurt am Main.

Quelle: F.A.Z.
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