Weimarer Verhältnisse? (5)

Wie viel NSDAP steckt in der AfD?

Von Jürgen W. Falter
 - 15:57
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Es ist richtig: Adolf Hitler ist nicht durch Wahlen an die Macht gekommen. Aber ohne die rasanten Wahlerfolge der NSDAP, die ihren Stimmenanteil von 2,6 Prozent im Jahr 1928 auf 37,4 Prozent im Juli beziehungsweise 33,1 Prozent im November 1932 steigern konnte, hätte Reichspräsident Hindenburg den Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei nicht am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt. Keiner anderen deutschen Partei zuvor oder danach ist es in so kurzer Zeit gelungen, von einer unbedeutenden Splitterpartei zu der mit Abstand stärksten Parlamentspartei aufzusteigen.

Obwohl die AfD sicherlich nicht mit den Nationalsozialisten gleichgesetzt werden kann und sie zumindest anfänglich eine demokratisch orientierte, fest auf dem Boden des Grundgesetzes stehende Partei war, können Vergleiche der Wählerschaft beider Parteien doch unter verschiedenen Gesichtspunkten erkenntnisfördernd sein. Unterschiede, möglicherweise aber auch Gemeinsamkeiten werden erkennbar.

Kurze Zeit schien es, als sei die „Alternative für Deutschland“ in der Lage, zumindest den ersten Akt dieses beispiellosen Aufstiegs einer Rechtsaußenpartei zu wiederholen. Zwar scheiterte sie bei der Bundestagswahl 2013 an der Fünfprozenthürde, lag aber mit 4,7 Prozent der Stimmen schon deutlich über dem Wahlergebnis der NSDAP bei den Reichstagswahlen von 1924 und 1928. In allen Landtagswahlen, die seit der letzten Bundestagswahl abgehalten wurden, schaffte die AfD den Sprung in das jeweilige Landesparlament, und das oft mit einem zweistelligen Ergebnis. In Mecklenburg-Vorpommern etwa löste die AfD mit knapp 21 Prozent die CDU als zweitstärkste Kraft hinter der SPD ab. In Baden-Württemberg wurde die AfD klar vor der SPD drittstärkste Partei.

Für wahlhistorisch Bewanderte schien sich hier eine Parallele zur Entwicklung der NSDAP anzudeuten; denn dieser gelang es nach der Reichstagswahl 1928, bei der sie nur 2,6 Prozent der Stimmen erreicht hatte, zunächst ebenfalls in eine Reihe von Landesparlamenten einzuziehen, bevor sie bei der Reichstagswahl 1930 mit 18,3 Prozent ihren ersten großen Wahlerfolg auf Reichsebene erzielte. Begleitet wurde der Höhenflug der AfD seit dem Spätherbst 2015 von durchweg zweistelligen Umfrageergebnissen bei der Sonntagsfrage („Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre . . .). Ihren bundesweiten Umfragezenit erreichte die AfD laut Infratest dimap im September 2016 mit 16 Prozent. Danach gingen die Umfragewerte der Partei langsam, aber stetig wieder zurück, um Ende Mai 2017 wieder in den einstelligen Bereich abzurutschen.

Wer waren die Wähler und Mitglieder der NSDAP? Und was waren die Gründe, dieser Partei die Stimme zu geben oder sich ihr als Mitglied anzuschließen? Lassen sich über die reine Entwicklung der Wahlergebnisse hinaus Parallelen zum Aufstieg der AfD ziehen? Kann man eventuell sogar Trends der damaligen Zeit auf die Gegenwart und die nähere Zukunft extrapolieren?

Um es vorweg klarzustellen: Die AfD-Wählerschaft mit der der NSDAP zu vergleichen heißt nicht, sie mit ihr gleichzusetzen. Es ist ein Fehler, der gerade auch in der historischen Debatte oft begangen wird, wenn man von der unvergleichlichen Inhumanität des NS-Regimes oder der Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Verbrechen spricht und damit eine Art Vergleichsverbot aufstellt. Das jedoch ist ein Widerspruch in sich, da man die Einzigartigkeit eines historischen Phänomens nur feststellen kann, wenn man es zuvor mit anderen, ähnlichen Ereignissen verglichen hat. Der Vergleich ist eine notwendige Operation, um Dinge einordnen und das historisch Einmalige bestimmen zu können. Der systematische Vergleich hat zudem nur Sinn, wenn er ergebnisoffen durchgeführt wird.

Von den Zeitgenossen wurde die NSDAP überwiegend als eine Mittelstandsbewegung angesehen. Sozialwissenschaftler der Weimarer Republik, aber auch viele deutsche Historiker der Nachkriegszeit waren sich weitgehend einig, dass „Panik im Mittelstand“ (Theodor Geiger) der NSDAP die Wähler in Scharen zugetrieben habe. Es habe sich im Kern um eine faschistische Bewegung gehandelt, deren Trägerschichten zum einen der von der Modernisierung verunsicherte selbständige Mittelstand der Handwerker, Bauern und Gewerbetreibenden, zum anderen die von Abstiegsängsten und Proletarisierungsfurcht geplagten Angehörigen der neuen Mittelschicht der Angestellten und Beamten gewesen seien. Arbeiter hingegen seien weitgehend immun gegenüber der NS-Propaganda geblieben. Alles in allem sei der Nationalsozialismus ein typischer Vertreter des in der Zwischenkriegszeit virulenten „Extremismus der Mitte“ gewesen, so der amerikanische Soziologe Seymour Martin Lipset.

Diese Auffassung dominierte bis weit in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Dann erschütterte die moderne Mitglieder- und Wahlforschung, die sich fortgeschrittener statistischer Auswertungsverfahren bediente, diesen Konsens. Tatsächlich war die NSDAP sowohl von ihren Wählern als auch von ihren Mitgliedern her gesehen sozial weitaus vielschichtiger zusammengesetzt, als man bislang annahm. So stammten zwischen einem Drittel und 40 Prozent der NSDAP-Wähler (wie übrigens auch ihrer Neumitglieder) aus Arbeiterhaushalten, was gegen die These spricht, es habe sich um eine reine oder weit überwiegende Mittelschichtbewegung gehandelt. Auch waren es keineswegs in der Mehrheit „atypische“ Angehörige der Arbeiterschicht, die die NSDAP wählten oder sich ihr als Mitglieder anschlossen. Vieles spricht dafür, dass vor allem Facharbeiter für die NSDAP votierten oder ihr beitraten. Allerdings kamen der damaligen Wirtschaftsstruktur entsprechend die meisten von ihnen nicht aus großindustriell, sondern aus handwerklich geprägten Betrieben. Arbeiter waren sowohl unter den NSDAP-Mitgliedern als auch unter den Wählern im Vergleich zur wahlberechtigten Bevölkerung zwar leicht unter-, Angehörige der Mittelschicht hingegen leicht überrepräsentiert. Doch handelt es sich dabei nicht um gravierende Abweichungen vom Durchschnitt aller Wahlberechtigten.

Von ihrer sozialen Zusammensetzung her gesehen war die NSDAP folglich alles andere als eine homogene Partei, sondern eine Art „Volkspartei mit Mittelstandsbauch“. Weder ihre Wähler noch ihre Mitglieder stammten zur Gänze oder auch nur weit überwiegend aus einer einzigen sozialen Schicht.

Das gilt auch für die AfD, der es gelang, seit der Bundestagswahl 2013 in zunehmendem Maße Arbeiter für sich zu mobilisieren. Waren Ende 2013 nur knapp 20 Prozent der AfD-Wähler Arbeiter, so waren es 2016 schon mehr als ein Viertel. Im Vergleich zu den NSDAP-Werten mutet das auf den ersten Blick wenig an. Doch darf nicht vergessen werden, dass sich die Berufswelt in Deutschland seit der Weimarer Republik grundlegend verändert hat. Übte 1933 rund die Hälfte aller Erwerbstätigen einen Arbeiterberuf aus, so stellen Arbeiter heute nur noch etwa ein Viertel der Beschäftigten. Gemessen am Bevölkerungsdurchschnitt, entspricht der Arbeiteranteil unter den AfD-Wählern somit ziemlich exakt dem der NSDAP-Wähler von 1932.

Ein weiteres Ergebnis der historischen Wahlforschung ist die Erkenntnis, dass es sich bei den NSDAP-Wählern keineswegs überwiegend um sozial entwurzelte, wirtschaftlich gescheiterte und vom Schicksal benachteiligte Personen handelte. Arbeitslose waren nach allem, was wir heute wissen, innerhalb der NSDAP-Wählerschaft sogar unterrepräsentiert. Erwerbslose Arbeiter haben in der Weimarer Republik häufiger der KPD als der NSDAP die Stimme gegeben. Anders gesagt: Die klassische Arbeitslosenpartei der damaligen Zeit war die KPD, nicht die NSDAP. Diese konnte zwar von der Arbeitslosigkeit der Angestellten profitieren. Von denen gab es allerdings sehr viel weniger als erwerbslose Arbeiter. Auch hier besteht eine Parallele zur AfD. Zwar ist der Anteil der AfD-Wähler unter den Arbeitslosen zwischen 2013 und 2016 gewachsen; dennoch stellt die Gruppe der Arbeitslosen mit derzeit etwa 3 Prozent nur einen sehr kleinen Anteil ihrer Wähler dar.

Die neuere historische Wahlforschung hat eine Reihe von Mythen richtiggestellt, die sich jahrzehntelang um die Affinität verschiedener Sozialgruppen zur NSDAP rankten. Eine dieser Legende besagte, Frauen seien in hellen Scharen, und das soll wohl bedeuten: weitaus häufiger als Männer, der NSDAP zugeströmt. Bis ins Jahr 1932 votierten Frauen jedoch unterdurchschnittlich häufig für die NSDAP. Sie stimmten bevorzugt für religiöse und konservative Parteien, darunter das katholische Zentrum, die ebenfalls dem politischen Katholizismus verbundene Bayerische Volkspartei oder der evangelische Christlich-Soziale Volksdienst sowie die protestantisch geprägte rechtskonservative Deutschnationale Volkspartei (DVP). Die Vorstellung von den sich massenhaft Hitler und dem Nationalsozialismus hingebenden Frauen beruht wohl eher auf Beobachtungen von „Führer“-Besuchen während des Dritten Reiches.

Was die NSDAP-Mitglieder betrifft, waren Frauen sogar weit unterrepräsentiert. Sie machten vor 1933 nur zwischen sechs und acht Prozent aller Parteigenossen aus. Erst während des Krieges stieg der Prozentsatz von Frauen, die sich der NSDAP anschlossen, deutlich auf zuletzt 38 Prozent aller Neueintritte.

Nicht viel anders sieht es bei den Wählern der AfD aus. Fast drei Viertel sind Männer – ein in der Frühphase radikaler Parteien fast überall anzutreffendes Phänomen. Auch die KPD der Weimarer Republik erhielt sehr viel seltener von Frauen als von Männern die Stimme; das Gleiche gilt in der Bundesrepublik für Rechtsaußenparteien wie die Republikaner, die DVU und die NPD. Auch hier muss betont werden, dass ein solcher Vergleich nicht Gleichsetzung bedeutet. Er sagt aber etwas über die Wahrnehmung der AfD durch die Bevölkerung aus. Mittlerweile ist die Bewegung politisch stigmatisiert.

Ebenso vielschichtig wie die soziale Zusammensetzung war die parteipolitische Herkunft der NSDAP-Wähler. Keine Parteianhängerschaft der Weimarer Zeit erwies sich gegenüber der Hitlerbewegung als immun. Im Vergleich zur Abwanderung aus dem bürgerlich-protestantischen Lager waren die relativen Verluste sowohl des sozialistischen als auch des katholischen Lagers an die NSDAP zwar geringer. Wechselt man jedoch die Perspektive, so zeigt sich, dass zwischen 1928 und 1933 die Nichtwähler den mit Abstand stärksten Beitrag zu den nationalsozialistischen Wahlerfolgen leisteten. Von erheblicher Bedeutung für den Aufstieg der NSDAP waren aber auch frühere Wähler der Interessen- und Regionalparteien. Überraschen dürfte jedoch, dass absolut gesehen aus dem sozialistischen Lager der NSDAP fast genauso viele Stimmen zuflossen wie von den beiden liberalen Parteien und dem deutschnationalen Wählerblock. Das ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass SPD und KPD zusammengenommen erheblich mehr Wähler auf sich vereinigen konnten als beispielsweise die beiden katholischen Parteien Zentrum und BVP beziehungsweise die liberale oder die deutschnationale Wählerschaft. Den mit Abstand geringsten Abstrom zur NSDAP hin hatten die KPD und die beiden Parteien des katholischen Lagers zu verzeichnen. Von einem starken Wähleraustausch zwischen der KPD und der NSDAP als den beiden extremistischen Flügelparteien des Weimarer Systems kann folglich nicht gesprochen werden, so willkommen die Vorstellung von der Nähe der Extreme auch manchem Extremismustheoretiker sein mag.

In diesem Punkt unterscheiden sich NSDAP- und AfD-Wählerschaft. Zwar rekrutiert die AfD ihre Wähler keineswegs in einem einzigen politischen Lager, doch ist eine überdurchschnittliche Affinität früherer Wähler der Linken unverkennbar. In den Landtagswahlen von Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt verlor die Linke relativ gesehen am stärksten von allen Parteien an die AfD. Anfangs gab auch die FDP viele Stimmen an die AfD ab, was sicherlich auf den dezidiert eurokritischen Kurs der damals eher noch national-liberal orientierten „Professorenpartei“ AfD zurückzuführen war. Hätte sich damals Frank Schäffler in der FDP beim Mitgliederentscheid über den Eurokurs mit seiner kritischen Position durchgesetzt, hätte die AfD zumindest bis zu ihrer Spaltung im Jahr 2015 wohl kaum ein Bein auf den Boden bekommen. Auch wäre die FDP 2013 wohl nicht aus dem Bundestag ausgeschieden.

Der Wandel der AfD von einer eher nationalliberalen zu einer rechtspopulistischen beziehungsweise nationalkonservativen Partei mit rechtsextremistischem Einschlag in manchen Landesverbänden lässt sich also nicht zuletzt auch an der Veränderung der Wählerschaft ablesen: Anfänglich sprach die Partei kaum ehemals linke Wähler an, denen das Thema „soziale Gerechtigkeit“ auf den Nägeln brennt. Später rekrutierte sie – beispielsweise in Ost-Berliner Bezirken – genau hier einen erheblichen Anteil ihrer Wähler. Dies ging einher mit einer programmatischen Änderung; so tritt die AfD heute auch für den Mindestlohn ein, was in ihrer Anfangsphase undenkbar gewesen wäre. Die Herkunft der AfD-Wähler ist folglich ähnlich heterogen wie die der NSDAP-Wähler. Seit der Landtagswahl in Baden-Württemberg stellen Nichtwähler etwa gleichauf mit den Wählern der „Sonstigen“ den stärksten Anteil der AfD-Zuwanderer, gefolgt von CDU-Abwanderern. Aber auch ehemalige SPD-Wähler, ja in einzelnen Landtagswahlen sogar manche bisherige Grünen-Wähler stießen in der Vergangenheit zur AfD.

Die Wählerbewegungen zur NSDAP lassen sich mit der Mittelschichthypothese ebenso wenig erklären wie die Affinität vieler Arbeiter zu dieser Partei. Nicht zur These vom Extremismus der Mitte passt überdies, dass sich die NSDAP bei Wahlen in überwiegend katholischen Regionen weitaus schwerer tat als in evangelisch geprägten Gebieten. Bis ins Jahr 1933 hinein waren Katholiken sehr viel seltener geneigt, der NSDAP die Stimme zu geben oder sich ihr als Mitglied anzuschließen, als Protestanten. Tatsächlich ist die Konfession der mit weitem Abstand stärkste Einflussfaktor des Wahlverhaltens zugunsten der NSDAP. So erhielt die NSDAP in dem Viertel der Stadt- und Landkreise mit dem höchsten Protestantenanteil bei der Juli-Wahl 1932 mehr als 50 Prozent der Stimmen, während in dem Viertel der Kreise mit dem niedrigsten Protestantenanteil nur knapp 21 Prozent für sie stimmten. Im Juli 1932 votierten schätzungsweise nur etwa 15 Prozent der wahlberechtigten Katholiken, aber fast 40 Prozent der wahlberechtigten Protestanten für die NSDAP.

Es gibt zwar einige kleinere regionale und lokale Ausnahmen, aber im Allgemeinen erwies sich die Konfession als der stärkste Einflussfaktor des Wahlverhaltens zugunsten der NSDAP. Die seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bestehende konfessionelle Prägung des Wahlverhaltens in Deutschland wirkt auch jetzt noch, im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts, zumindest in Spurenelementen fort. Zwar haben sich die Unterschiede im Wahlverhalten von Katholiken und Protestanten weitgehend eingeebnet. Katholiken stimmen jedoch immer noch im Durchschnitt etwas seltener als Protestanten für Parteien wie die AfD. Bei kirchengebundenen Katholiken, die allerdings nur noch eine Minderheit unter den Katholiken darstellen, hat es die AfD, wie schon die NSDAP, ausgesprochen schwer – trotz mancher wertkonservativer Positionen etwa im Hinblick auf Familie, Ehe oder Abtreibung, die von der CDU längst aufgegeben wurden, von der AfD aber ganz bewusst gepflegt werden. Parteien der Wahl sind hier nach wie vor die Unionsparteien, auch wenn manche aus dieser Gruppe ihnen nur noch zähneknirschend die Stimme geben.

Durch statische Faktoren wie die Schichtzugehörigkeit oder die Konfession allein lassen sich das Anschwellen der nationalsozialistischen Wählerschaft und der rasante Anstieg der Mitgliederzahlen ab 1930 freilich nicht erklären. Um das Ausmaß der nationalsozialistischen Wahlerfolge zu verstehen, ist es notwendig, nach dynamischen Erklärungsfaktoren zu suchen, die sich über die Zeit veränderten. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit gehörte ebenso dazu wie die zunehmende Verschuldung in Landwirtschaft und Gewerbe, aber auch das Organisationswachstum der NSDAP und die Wirkung von Veränderungen der Presselandschaft.

In der Tat besteht eine positive statistische Beziehung zwischen dem NSDAP-Stimmenanstieg auf der lokalen und regionalen Ebene einerseits und andererseits dem Ausmaß und der Entwicklung der Verschuldung von Landwirtschaft und Gewerbe, der Zunahme der NSDAP-Mitgliederzahl vor Ort und der Tatsache, dass sich immer mehr lokale und regionale Tageszeitungen zum Nationalsozialismus bekannten und dessen Botschaft verbreiteten.

Aus der negativen Beziehung von Arbeitslosenquote und NSDAP-Stimmen in den Gemeinden und Kreisen darf allerdings nicht gefolgert werden, die Massenarbeitslosigkeit habe keine Bedeutung für die nationalsozialistischen Wahlerfolge gehabt. Auch hier gibt es eine Analogie zur AfD, die gerade in ostdeutschen Ländern mit geringem Ausländer- und Flüchtlingsanteil reüssierte – was jedoch nicht heißt, dass dieses Thema für diese Wähler keine Rolle gespielt hätte. Ähnlich verhielt es sich bei der NSDAP mit Blick auf die Arbeitslosigkeit. Die Massenarbeitslosigkeit, von der direkt etwa acht Millionen Personen betroffen waren, beunruhigte naturgemäß nicht nur die direkt und indirekt Betroffenen. Selbst für diejenigen war die steigende Arbeitslosigkeit ein zentrales Thema, die nach menschlichem Ermessen gar nicht arbeitslos werden konnten wie die Beamten und Selbständigen, in erster Linie aber natürlich für diejenigen Arbeiter und Angestellten, die zwar ihren Arbeitsplatz (noch) nicht verloren hatten, aber in ständiger Angst davor lebten, dass auch sie dieses Schicksal ereilen könnte.

Von der Massenarbeitslosigkeit betroffen waren auch Gewerbetreibende, deren Umsätze zurückgingen, weil vor allem die Dauererwerbslosen, deren Zahl nach 1930 sprunghaft zunahm, nicht mehr in der Lage waren, in gewohntem Maße bei ihnen einzukaufen oder handwerkliche Aufträge zu vergeben. Besorgt, ja verängstigt waren aber auch die Angehörigen der oberen Mittelschicht und Oberschicht. Sie waren zwar nicht selbst durch Arbeitslosigkeit gefährdet, fühlten sich aber nicht selten durch deren befürchtete politische Folgen bedroht. Angst vor dem Kommunismus und vor revolutionären Erschütterungen war in diesen Kreisen weit verbreitet, was dazu führte, dass vor allem in protestantisch geprägten Großstädten die NSDAP in den sogenannten guten Vierteln wie Zehlendorf oder Grunewald in Berlin und Harvestehude oder Othmarschen in Hamburg beachtliche Wahlerfolge erzielen konnte.

Ohne die Auflösung der parteipolitischen Bindungen im Verlauf mehrerer gesellschaftlicher Großkrisen wie der Inflation, der gern übersehenen tiefgreifenden Agrarkrise der zwanziger Jahre und der Weltwirtschaftskrise mit ihrer existenzbedrohenden Massenarbeitslosigkeit wäre die NSDAP vermutlich eine extremistische Kleinpartei geblieben. Die institutionelle Instabilität der Weimarer Republik, die Unfähigkeit der Weimarer Parteien, stabile Koalitionen zu schließen, die scheinbare Machtlosigkeit der Reichsregierung angesichts der Weltwirtschaftskrise wie auch die Spaltung der politischen, intellektuellen und gesellschaftlichen Eliten in Republikgegner und Republikbefürworter ebneten der radikalen Systemfeindin NSDAP den Weg. Bei weitem nicht alle, die ihr die Stimme gaben oder sich ihr als Mitglieder anschlossen, dürften in der Wolle gefärbte Nationalsozialisten gewesen sein. Ein nicht geringer Teil ihrer Wähler stimmte vermutlich für sie aus Protest. Daher lässt sich in der Zusammenschau von sozialer Zusammensetzung und Motivation ihrer Wähler die NSDAP mit guten Gründen als eine Volkspartei des Protests (Thomas Childers) charakterisieren.

Protest ist es auch, der viele Wähler der AfD motiviert, für diese Partei am rechten Rand des politischen Spektrums zu stimmen. Auch die AfD profitiert von den Sorgen und Ängsten weiter Kreise der Bevölkerung. War es zunächst die Sorge, dass der Euro-Rettungskurs der Kanzlerin nicht beherrschbare Risiken für die Stabilität unserer Währung und unseren Wohlstand mit sich bringe, so befeuerte ab Herbst 2015 die Angst vor nicht beherrschbaren Risiken einer ungeordneten Masseneinwanderung die Wahlerfolge der AfD. Angst vor Terrorismus, steigenden Kriminalitätsraten, aber auch Abwehrreaktionen gegen die als wesensfremd empfundene Religion und Kultur des Islams finden sich bei Anhängern der AfD weitaus häufiger als im Durchschnitt der Bevölkerung. Hinzu stießen zunehmend politisch entfremdete und radikalisierte Wähler, die den etablierten Parteien längst den Rücken gekehrt hatten.

Wie bei der Wahl der NSDAP sind es nicht zuletzt Mentalitätsfaktoren und krisenbedingte Reaktionen, die die Wahlerfolge der AfD beflügeln. In dem Maße allerdings, in dem die Krisensymptome aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden und in dem die Regierung in der Lage zu sein scheint, die Dinge in den Griff zu bekommen, verringern sich die Wahlchancen der AfD.

Die heutigen politischen, gesellschaftlichen und intellektuellen Eliten sind überdies ungleich demokratischer und republikanischer gesinnt, als das nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs der Fall war. Auch sind die Parteien kompromissfähiger, während sich die übergroße Mehrzahl der Bundesbürger dem liberaldemokratischen System weitaus stärker verbunden fühlt, als das jemals in der Weimarer Republik der Fall war. Das bildet einen starken Loyalitätspuffer, der dabei hilft, auch gesellschaftliche Großkrisen durchzustehen.

Einerseits gilt: Berlin ist nicht Weimar. Andererseits gibt es Gefährdungen, die nicht unterschätzt werden sollten: Wie schnell sich ein politisches Klima wandeln kann, zeigen die Erfolge der Populisten in Frankreich, Holland, Großbritannien, den Vereinigten Staaten oder Österreich. Die Anzeichen einer allmählichen Erosion der Grundfesten des demokratischen Systems im Westen sind unübersehbar – und Deutschland ist keine Insel.

Insofern kann der Aufstieg der NSDAP durchaus, sollte es noch einmal eine solche Abfolge wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Großkrisen wie in der Weimarer Republik geben, als Menetekel für die Gefährdungen angesehen werden, denen sich jedes demokratische System ausgesetzt sieht. Insbesondere wenn nationale und soziale Motive zusammenkommen, wie das bei den NSDAP-Wählern, aber auch denen manch anderer populistischer Parteien (Le Pen, Trump) der Fall ist, ergibt sich daraus ein durchaus gefährliches Mobilisierungspotential.

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Der Verfasser lehrt Politikwissenschaft an der Universität Mainz.

Die Essay-Reihe „Weimarer Verhältnisse“ ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, des Bayerischen Rundfunks und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nachzuhören sind alle Beiträge unter www.br.de/ radio/bayern2/kultur/kulturjournal, nachzulesen unter www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart.

Quelle: F.A.Z.
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