Anzeige

Weimarer Verhältnisse? (6)

Ordnung ohne Hüter

Von Professor Dr. Herfried Münkler
 - 17:38
Zeichnung einer Festungsanlage der Maginot-Linie aus dem Jahre 1940. Bild: www.bridgemanimages.com, F.A.Z.

Die Pariser Friedensverträge von 1919/1920 haben Europa neu geordnet. Benannt nach den Vororten der französischen Hauptstadt, in denen sie unterzeichnet wurden – Versailles, Saint-Germain, Trianon, Neuilly und Sèvres – verschoben sie nicht nur die politischen Kräfteverhältnisse. Sie schufen auch eine neue Ordnung der Staaten in Mittel- und Osteuropa sowie im Vorderen Orient. Diese Neuordnung löste jedoch keineswegs sämtliche alten Probleme, und in vielen Fällen riss sie neue Wunden auf.

Anzeige

Im geschlagenen Deutschland wurde vor allem über den Versailler Vertrag diskutiert, der von der politischen Rechten bis zur Linken abgelehnt und bekämpft wurde. Eine Reihe von Gebietsabtretungen, namentlich des Elsass und von Teilen Schlesiens, wurden als ungerecht und Diktat der Sieger empfunden. Tatsächlich war es in Versailles nicht gelungen, das von dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker mit den Sicherheitsvorstellungen der Siegermächte und den Ansprüchen einer Reihe von neu entstandenen Staaten zur Deckung zu bringen.

Deutsche Unzufriedenheit mit der Ordnung Europas

Obendrein hatte Deutschland an den Pariser Friedensverhandlungen nicht als Partner teilgenommen, sondern die von den Siegern festgelegten Bedingungen entgegengenommen. Versailles galt darum als Diktat- und nicht als Verhandlungsfrieden. Dass die Weimarer Koalition den Vertrag nach einigem Hin und Her dann doch unterschrieb, weil die Unterschriftsverweigerung für Deutschland noch nachteiliger gewesen wäre, wurde zu einer schweren Belastung der neuen Republik, eine Hypothek, die einiges zu ihrem Scheitern beitrug. In konservativen und rechten Kreisen keimten Revisionsvorstellungen, und schon bald wurde dort über Revisionskriege nachgedacht.

Diese blieben indes reine Gedankenspiele, solange bei einer großen Mehrheit der Deutschen die Leiden und Lasten des Weltkriegs präsent waren. Bis zum Aufstieg Hitlers war die deutsche Unzufriedenheit mit der in Paris geschaffenen Ordnung Europas ein innenpolitisches Problem, aber keines für die Ordnung selbst.

Anzeige

In großen Teilen Europas gab es Kriege

Vor die größten Schwierigkeiten stellte die Pariser Unterhändler – entgegen der deutschen Wahrnehmung – nicht der mächtige Akteur in der europäischen Mitte. Es war der Untergang der drei Großreiche, die bis 1917/18 Mittel- und Osteuropa, den Balkan sowie den Nahen Osten beherrscht hatten, was in einer auf Versailles fixierten Betrachtung der Nachkriegsordnung zumeist übersehen worden ist: Saint-Germain, Trianon und Sèvres waren das größere Problem, und tatsächlich wurden im Geltungsbereich dieser Verträge Kriege geführt, lange bevor Hitler damit begann, die Versailler Ordnung in Frage zu stellen.

Mittel- und Osteuropa sowie der Balkan waren zwischen 1919 und 1939 ein Raum ständiger Kriege, die nicht selten mit Greueltaten gegen die Zivilbevölkerung einhergingen. Das blieb nicht ohne Folgen für die Verfassungsordnung dieser Länder: Von den Staaten Mittelost- und Südosteuropas, die 1918/19 neu entstanden, war 1938 nur noch die Tschechoslowakei eine Demokratie – und die wurde dann durch Hitler beseitigt.

Expansionsvorstellungen sorgten für Konflikte

Die Neuordnung dieses Raumes nach dem Untergang der multinationalen, multireligiösen und multilingualen Großreiche Donaumonarchie, Zarenreich und des Osmanisches Reichs war ein Problem, mit dem die Pariser Friedensstifter in vieler Hinsicht überfordert waren. Die auf nationale Zusammengehörigkeit dringenden Bevölkerungsgruppen siedelten zumeist nicht in geschlossenen Räumen. Staatsgebiet und nationale Zugehörigkeit waren somit kaum zur Deckung zu bringen.

Einige neue Nationalstaaten, Polen etwa, stellten sich in die Tradition von Großreichen, deren Grenzen im Verlauf der Geschichte immer wieder verschoben worden waren; Expansionsvorstellungen waren hier vorherrschend. Andere Staaten, darunter Ungarn, verloren Teile ihrer nationalen Bevölkerung, die nun zu anderen Staaten gehörten. Darüber entwickelten sie Revisionsvorstellungen. Wieder andere fühlten sich durch ihre unzufriedenen Nachbarn bedroht und bereiteten sich auf die Verteidigung ihres Landes vor. Was man aus westeuropäischer Sicht „Zwischenkriegszeit“ nennt, war für die Mittelost- und Südosteuropäer eine diffuse Kriegszeit, bei der nicht immer klar war, ob man es eher mit einem Bürgerkrieg oder einem zwischenstaatlichen Krieg zu tun hatte.

Nationale Zugehörigkeiten wurden lange ausgefochten

Die Erinnerung an diese Zeit und die von ihr auf ganz Europa ausstrahlende politische Instabilität war eines der Motive für die schnelle Ost-Erweiterung der Europäischen Union nach dem Ende der Sowjetunion wie auch für die Ost-Ausdehnung der Nato. Ebenso war die Erinnerung an das Abgleiten der Iberischen Halbinsel in Diktaturen, im Falle Spaniens nach einem furchtbaren Bürgerkrieg, zuvor das Hauptmotiv für die Süd-Erweiterung der EU. Das ist in der deutschen Öffentlichkeit zumeist übersehen worden – was auch eine Folge dessen ist, dass die historische Erinnerung an die internationalen Konstellationen im Europa der Zwischenkriegszeit infolge der Fixierung auf Versailles nur schwach ausgebildet war und ist.

Politisch lässt sich aus dem Problem einer Neuordnung von Räumen, die über lange Zeit unter der Herrschaft eines Großreichs standen, viel lernen. Die Ergebnisse dieses Lernens (oder auch Nichtlernens) kamen nach dem Zerfall der Sowjetunion und ihres äußeren Imperiums wieder auf die politische Tagesordnung. Die Westeuropäer haben ihre an nationaler Zugehörigkeit und strategischen Sicherheitsinteressen orientierten Staatsgrenzen über mehrere Jahrhunderte hinweg in Kriegen ausgefochten. Es gehört zum Problemkatalog einer „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, dass man nach dem Ende des Ersten Weltkriegs den Mittelost- und Südosteuropäern eine ähnliche Zeitspanne nicht einräumen konnte.

Bolschewiki sollten nicht stabilisiert werden

Zudem kam mit der bolschewistischen Machtübernahme in Russland zur nationalkulturellen Neuorientierung ein Ordnungsprojekt hin, das nicht sprachlichen oder kulturellen Identitäten folgte, sondern der Klassenzugehörigkeit. Einige Kriege in Mittelosteuropa, etwa die zwischen Polen und Sowjetrussland, erwuchsen aus einer Überlappung beider Ordnungsentwürfe. Das erschwerte die Arbeit der Pariser Friedensstifter zusätzlich.

Die Donaumonarchie, die bei der Entstehung des Krieges eine entscheidende Rolle gespielt hatte, gab es nicht mehr. Noch vor dem offiziellen Kriegsende hatten sich einige der in ihr zusammengeschlossenen Nationen aus dem Habsburgerreich verabschiedet. Die Diplomaten der Donaumonarchie konnte man nicht mehr einladen; die Bolschewiki hätte man einladen können, aber das wollte man nicht, weil man ihre noch ungesicherte Macht nicht stabilisieren wollte. Zudem war in Russland ein Bürgerkrieg ausgebrochen, bei dem sich nicht vorhersagen ließ, wer am Schluss die Oberhand behalten würde. Vor allem aber waren Lenins und insbesondere Trotzkis Vorstellungen von einer zukünftigen internationalen Ordnung unvereinbar mit denen Plänen der in Paris versammelten Siegermächte.

Geopolitik schlägt Wertebindung

Auch die Vorstellungen der vier Siegermächte gingen weit auseinander: Italien spielte keine große Rolle. Eigentlich war Rom bloß an der Durchsetzung seiner eigenen Interessen interessiert, was ihm jedoch nur in Ansätzen gelang. Die Franzosen wiederum wollten den Sieg ausnutzen und sich „für alle Zeit“ gegen die Bedrohung durch die Deutschen schützen. Dabei ging es nicht nur in der Frage von Elsass und Lothringen um eine Vorverlegung seiner Grenzen.

Frankreich wollte auch einen Gürtel von Staaten im Osten Deutschlands schaffen, der als ein cordon sanitaire Russland und Deutschland voneinander trennte: Polen und die Tschechoslowakei sowie die baltischen Staaten waren zentrale Bausteine im französischen Sicherheitskonzept. Das wiederum hatte zur Folge, dass Deutsche und Russen unbeschadet aller politisch-ideologischen Gegensätze über geeignete Formen der Kooperation nachdachten. Geopolitik schlug Wertebindung – zumindest in diesem Fall.

Die Friedensökonomie wieder ankurbeln

Der französische Entwurf einer Neuordnung Europas war wesentlich durch die eigenen Sicherheitsinteressen bestimmt. Damit wurden die Franzosen zum Gegenspieler von Präsident Wilson, der mit einem an Prinzipien orientierten Entwurf zur Neuordnung Europas angereist war: Demokratie und das Selbstbestimmungsrecht der Völker sollten die Leitvorstellungen sein. Großbritannien war damit beschäftigt, zwischen beiden Positionen zu vermitteln.

Auch Großbritannien und die Vereinigten Staaten hatten Interessen, die sie in die Nachkriegsordnung einbrachten. In ihnen spielten freilich weniger Sicherheitsfragen als die Ankurbelung der Weltwirtschaft die zentrale Rolle. Nach der 1914 erfolgten Umstellung auf Kriegswirtschaft musste die Friedensökonomie wieder in Gang gebracht werden, und dazu brauchte man Deutschland. Ohne eine längere Periode wirtschaftlicher Prosperität, so die liberale Sichtweise, würde Europa keinen Frieden finden. Das wiederholt sich heute beim Blick auf den Nahen Osten und die afrikanische Mittelmeerküste.

Europa, eine „Ordnung ohne Hüter“

Bei der Sicherung der neuen Ordnung kam ein Problem hinzu, das seit dem Ende der Ost-West-Konfrontation ebenfalls wieder auf der Tagesordnung steht: die Frage, welche Anstrengungen die Garanten der Ordnung auf sich zu nehmen bereit sind, um sie aufrechtzuerhalten. In der Regel wird diese Herausforderung heute mit dem Verzicht des Völkerbunds auf ein entschiedenes Vorgehen gegen das faschistische Italien verbunden, nachdem Mussolini einen Eroberungskrieg gegen Äthiopien begonnen hatte und die Garantiemächte des Völkerbundes außer Protestnoten nichts dagegen unternahmen.

Der Krieg in Abessinien, wie man das Land damals nannte, betraf keine vitalen Interessen der Garantiemächte, und so fand sich niemand, der gegen den italienischen Diktator einschritt. Der Abessinien-Krieg wurde jedoch zum Präzedenzfall, denn an ihm konnte man sehen, dass die Ordnung Europas und seiner Peripherie eine „Ordnung ohne Hüter“ war und man sie auch mit militärischen Mitteln verändern konnte, solange man dabei die vitalen Interessen Großbritanniens und Frankreichs nicht verletzte. Hitler und Teile der Wehrmachtsführung haben das sehr genau beobachtet und daraus ihre Schlüsse gezogen. Syrien und Libyen dürften die Lernfelder unserer Gegenwart sein.

Keine Unterstützung für die Kurden

Das Problem der Interventionsbereitschaft war freilich zuvor schon aufgetaucht. Frankreich war noch am ehesten dazu bereit, jedoch nur, wenn es dabei um seine ureigensten Interessen ging. Das zeigte sich 1923 beim Einmarsch französischer (und belgischer) Truppen an Rhein und Ruhr, als Deutschland mit den Reparationslieferungen in Rückstand geraten war. Hier überwogen die negativen Effekte der Intervention, da es sich bei den Verzögerungen nicht um einen Präzedenzfall handelte, den andere sich zum Vorbild hätten nehmen können. Die antiwestlichen Ressentiments in Deutschland wurden dadurch jedoch erheblich verstärkt, ebenso die Inflationsdynamik durch die Art, wie gegen die französisch-belgische Besatzung Widerstand geleistet wurde.

Im Unterschied dazu waren Frankreich und Großbritannien nicht bereit, zur Durchsetzung des mit dem Osmanischen Reich ausgehandelten Friedensvertrags von Sèvres in Anatolien zu intervenieren, als Kemal Atatürk sich weigerte, dessen Bestimmungen nachzukommen und die in Sèvres festgelegte Bildung eines Kurdenstaates zuzulassen. Als man sich später auf neue Verhandlungen einließ und diese im Jahr 1923 im Vertrag von Lausanne zusammengefasst wurden, kam der Kurdenstaat darin nicht mehr vor. Das war ein Lehrstück für alle, die an einer Veränderung der in Paris ausgehandelten Ordnung interessiert waren.

Millionen Menschen wurden aus der Türkei vertrieben

Ein anderes Problem war die Eigeninitiative von Mächten, die sich in Paris schlecht behandelt fühlten: Die Ungarn führten einen Krieg gegen Rumänien, um Siebenbürgen zurückzugewinnen; sie sollten ihn verlieren. Die polnisch-russischen Kriege drehten sich nicht nur um die Ausweitung des Bolschewismus nach Westen, sondern auch um die Idee eines Großpolens, das Gebiete des heutigen Weißrusslands und der Ukraine umfassen sollte.

Die Vorstellung von einem Großgriechenland, dem die kleinasiatische Westküste und Teile des Schwarzen Meeres angehören sollten, endete 1923 in einem Krieg, den die griechischen Angreifer verloren und der zur Vertreibung von mehr als einer Million Menschen aus der Türkei führte. Die Politik der „ethnischen Säuberung“ hatte es zuvor bereits auf dem Balkan gegeben, aber der „Bevölkerungsaustausch“ von 1923 zeigte, dass auch die Nachkriegsordnung nicht dagegen gefeit war.

Friedensordnung von Paris wird in Frage gestellt

Der Zerfall der multinationalen und multireligiösen Großreiche hatte eine Fülle ungelöster Probleme hinterlassen, von denen die Friedensordnung von Paris in Frage gestellt wurde. Indem die Garantiemächte das hinnahmen, akzeptierten sie de facto, dass der Krieg weiterhin eine Entscheidungsform strittiger Fragen war. Wieder einmal bewahrheitete sich hier die süffisante Antwort des großen französischen Politikers Talleyrand, der auf die Frage, was eigentlich Nichtintervention sei, geantwortet hatte, es sei wohl dasselbe wie Intervention. Das dürfte auch heute noch zutreffend sein, gerade mit Blick auf den Vorderen Orient und die Sahelzone.

Die internationalen Konstellationen der Zwischenkriegszeit waren eine „Ordnung ohne Hüter“, beziehungsweise die Hüter der Ordnung griffen nur ein, wenn sie ihre eigenen Interessen gefährdet sahen. Es gab niemanden, der sich für das Gemeingut Frieden in der Verantwortung sah. Das dürfte der wichtigste Unterschied zu der zweigeteilten Ordnung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg sein, als auf der einen Seite die Vereinigten Staaten und auf der anderen die Sowjetunion als Ordnungshüter auftraten – mit unterschiedlichen Methoden und unterschiedlichen Interessen, aber in tendenziell identischen Rollen. Die gegenwärtige Ordnung Europas ist abermals eine „Ordnung ohne Hüter“. Deswegen führt es in die Irre, wenn bei auftretenden Krisen von einer „Wiederkehr des Kalten Krieges“ die Rede ist. Richtig wäre stattdessen, auf die Konstellationen der Zwischenkriegszeit zu verweisen und sie modelltheoretisch mit den gegenwärtigen Zuständen zu vergleichen. Diese Zeit ist jedoch zu wenig geläufig, um von Politikern und ihrer Entourage ins Kalkül gezogen zu werden. Die Folge ist, dass wir im Dunkeln tappen.

Keiner wollte einen neuen Weltkrieg

Eine der Formeln, mit denen das „Im-Dunkeln-Tappen“ schöngeredet wird, ist die vom „Lernen aus der Geschichte“. Dass man aus der Geschichte lernt, ist eine Banalität und eigentlich nicht der Rede wert. Entscheidend ist, wie und was man aus der Geschichte lernt und in welcher Form die Politik das, was als Lernergebnis gilt, in die Praxis umsetzt. Bei der Betrachtung dessen, was aus dem Ersten Weltkrieg „gelernt“ wurde und welche Folgen das hatte, lässt sich tatsächlich einiges lernen – vor allem darüber, dass Lernen keineswegs heißt, dass man auch das Richtige gelernt hat.

Im Verlauf des Krieges waren postheroische Gesellschaften entstanden, die Krieg als Mittel der Politik ablehnten. Grundsätzlich war klar, dass man einen Krieg, wie den vom 1914 bis 1918, kein weiteres Mal durchstehen würde. Faschismus und Nationalsozialismus waren – auch – ein Projekt zur Rückgängigmachung dieser Kriegsmüdigkeit. Aus den postheroischen Gesellschaften sollten heroische Gemeinschaften „geschmiedet“ werden, mit denen man wieder Krieg führen konnte. Auch der Bolschewismus war an heroischen Idealen orientiert und pflegte eine Rhetorik des Krieges und der Gewalt.

Franzosen und Briten waren kriegsmüde

Dagegen gingen die westlichen Demokratien von der postheroischen Grundeinstellung ihrer Bevölkerungen aus und wollten diese nicht verändern – was sie mit demokratiekonformen Mitteln auch nicht konnten. Die Appeasementpolitik gegenüber Hitler des Franzosen Édouard Daladier und des Briten Neville Chamberlain war durch die kriegsaverse Disposition ihrer Länder geprägt. Man kann das Appeasement im Rückblick als politisch falsch bezeichnen, weil es Hitler in dem Bestreben bestärkte, er könne mit begrenzten Revisionskriegen seine Ziele erreichen.

Aber das ändert nichts daran, dass von 1936 bis 1939 in Frankreich und Großbritannien nichts unpopulärer war als die Vorstellung, ein weiteres Mal einen Krieg führen zu müssen wie den von 1914 bis 1918. Darauf musste die Militärführung reagieren und Strategien ausarbeiten, wie man sich unter diesen Umständen behaupten konnte. An interventive Kriegführung war dabei nicht zu denken.

Britannien konzentrierte sich auf einen Bombenkrieg

Die Franzosen folgten nach dem Ersten Weltkrieg der Spur ihres Verdun-Mythos: Das Festungssystem hatte dem deutschen Angriff standgehalten, die Deutschen waren bei Verdun gescheitert. Also musste die gesamte Grenze zu Deutschland durch ein riesiges Festungssystem gesichert werden, an dem ein neuer Angriff aus dem Osten gestoppt werden sollte. Also wurde ein solcher Festungsgürtel gebaut; er bekam den Namen des damaligen Verteidigungsministers André Maginot.

Aber das Verteidigungssystem leistete im Frühjahr 1940 beim deutschen Angriff nicht das, was es hätte leisten sollen. Die Briten wiederum nahmen die Idee des indirect approach wieder auf, wie er für eine Seemacht typisch ist, und konzentrierten sich auf die neuen Möglichkeiten des strategischen Bombenkriegs. Er sollte nicht gegen die gepanzerte Faust des Gegners, sondern gegen dessen Nervenbahnen und Sehnen geführt werden und das Ziel verfolgen, den Gegner zu ermatten und lahmzulegen, ohne sich auf einen verlustreichen Kampf „von gleich zu gleich“ einlassen zu müssen.

Krieg nur für kurze Zeit

In Deutschland folgte die Reichswehr- und nachmalige Wehrmachtsführung der Vorstellung, dass man den Ersten Weltkrieg gewonnen hätte, wenn man nicht von Anfang an einen Zweifrontenkrieg hätten führen müssen und bei den Angriffsoperationen schneller gewesen wäre. Nicht der Krieg war das absolut zu Vermeidende, sondern ein langer und kräftezehrender Krieg mit hohen Verlusten an Soldaten und Entbehrungen der Bevölkerung. Das war die deutsche Konzession an die postheroische Einstellung.

Die Fähigkeit zur strategischen Beschleunigung sollte durch den Aufbau von selbständig operierenden Panzertruppen und einer „fliegenden Artillerie“ in Gestalt von Sturzkampfbombern sichergestellt werden. Es ging darum, den Krieg wieder führbar zu machen, indem man seine Dauer auf wenige Wochen, allerhöchstens Monate begrenzte – eine Strategie, die bis zum Spätherbst 1941 aufging, bevor sie in Russland scheiterte. Aber da hatte man die „Weimarer Verhältnisse“ schon lange hinter sich gelassen.

Deutschland und Frankreich lernten aus der Geschichte

Daneben gab es in der Zwischenkriegszeit durchaus die Vorstellung einer West- und Mitteleuropa umfassenden Sicherheitspartnerschaft, und in der Zeit der Außenminister Aristide Briand und Gustav Stresemann führte diese Idee zu einer deutsch-französischen Annäherung. Die von Adenauer und de Gaulle seit den späten 1950er Jahren betriebene Politik der deutsch-französischen Aussöhnung als Kernbestand einer europäischen Friedensordnung hatte Vorläufer in der Zwischenkriegszeit, an die sie anknüpfen konnte: Was im ersten Anlauf misslang, glückte beim zweiten Versuch.

In diesem Fall lässt sich also eine Geschichte erfolgreichen und gelingenden Lernens beobachten. Wichtig ist freilich, dass man weiß, welche Probleme man jeweils gelöst hat – und welche nicht. In der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs spielte das deutsch-französische Verhältnis eine nachgeordnete Rolle. Allerdings war es auch kein Ausgangspunkt für die Bearbeitung der anderen Herausforderungen, was es heute sein muss, wenn die neue Ordnung Europas Bestand haben soll.

Die Politik der Westeuropäer in den vergangenen zwei Jahrzehnten ist als ein großangelegter Versuch anzusehen, die Wiederauflage der Zwischenkriegsverhältnisse zu verhindern. Die politischen Eliten scheinen das besser begriffen zu haben als ein Teil der Bevölkerung, der bei Wahlen gerne auch einmal mit dem politischen Feuer spielt.

Der Verfasser lehrt Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Die Essay-Reihe „Weimarer Verhältnisse“ ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, des Bayerischen Rundfunks und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nachzuhören sind alle Beiträge unter www.br.de/radio/bayern2/kultur/kulturjournal, nachzulesen unter www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBalkanDeutschlandElsaßEuropaFrankreichGroßbritannienOsteuropaParisRusslandSowjetunionTschechoslowakeiUngarnVersaillesEuropäische UnionHumboldt-UniversitätNatoBürgerkrieg

Anzeige