Islam-Gegner Wilders

Der gar nicht einsame Kämpfer

Von Andreas Ross
 - 19:22
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Der Mann, von dem sich immer mehr Niederländer verstanden fühlen, lebt abgeschottet von ihnen. Nicht einmal aus seinem Fraktionsvorsitzendenbüro darf Geert Wilders in die Niederlande gucken. Das Fenster geht zwar sowieso nur auf einen Innenhof des Haager Parlaments.

Trotzdem wurde eine schwarze, schusssichere Barriere vor die Scheibe montiert. Verriegelt bleibt selbst die Tür zum Vorzimmer. Kaum ein Mitarbeiter kennt den Zugangscode. Wie eingesperrt sitzt der erklärte Islamfeind und bedrohteste Politiker des Landes im Neonlicht an seinem schweren Holzschreibtisch, ackert sich durch Akten und kontrolliert im Videotext, ob er oder vorübergehend etwas anderes die Schlagzeilen bestimmt.

Abgeschottet in der Arrestzelle

Schon beim Gang zum Plenarsaal umringen ihn stets vier Sicherheitsleute. Dann sieht man auf dem Parlamentsflur nur noch das gebleichte Haar des hochgewachsenen 46 Jahre alten Mannes, der einst das Angebot ausschlug, im Nationalteam Tennis zu spielen. Bereits vor dem dramatischen November 2004, also der Ermordung des Künstlers Theo van Gogh und den folgenden Razzien gegen islamistische Terrorzellen, galt Wilders als Arbeitstier.

Jetzt hat er sowieso kein Privatleben mehr. Mit seiner ungarischen Ehefrau lebt er an geheimem Ort. Sie war Diplomatin, bis Wilders mit ihr im Alter von 29 Jahren seine zweite Ehe schloss. Immerhin muss das kinderlose Paar nicht mehr wie nach den ersten Drohungen in der Arrestzelle einer Kaserne ausharren.

Wilders, der unerschrockene Held der Wahrheit

Am Mittwoch wurde Wilders’ „Partij voor de Vrijheid“ (PVV) bei der Kommunalwahl stärkste Kraft in Almere und zweitstärkste in Den Haag. Voriges Jahr hatte die PVV schon den zweiten Rang bei der Europawahl belegt. Die Christlichen Demokraten von Ministerpräsident Jan Peter Balkenende fürchten nach dem Kollaps ihrer Koalition mit den Sozialdemokraten, dass die PVV sie bei der Neuwahl im Juni überrunden könne.

Wilders will Ministerpräsident werden. Würde er dazu Partner finden? Unwahrscheinlich. Manche Konservative glauben allerdings, entzaubern werde sich Wilders erst an der Macht. Wer ein Bündnis vorweg ausschließe, lade ihn jedenfalls ein, sich im Wahlkampf als Opfer darzustellen.

Die politisch zunehmend erhitzten Niederländer treiben Wilders’ Fieberkurve nämlich immer dann in die Höhe, wenn er zum Schweigen gebracht werden soll. Als er 2007 ankündigte, den Islam in einem Film als „faschistische Ideologie“ zu entlarven, wollte die Regierung den Plan vereiteln.

Am Ende entpuppte sich „Fitna“ als belanglose Collage bekannter Terrorbilder. Doch Wilders stand da als unerschrockener Held der Wahrheit. Umso mehr, als ihm die britische Regierung die Einreise untersagte. Wilders flog trotzdem nach Heathrow und brachte Dutzende Reporter mit, vor deren Augen er sich dann abschieben ließ. Inzwischen hat ein britisches Gericht das Einreiseverbot aufgehoben.

Als auch noch die türkische Regierung wissen ließ, Wilders sei in Ankara nicht willkommen, sagte der Auswärtige Ausschuss lieber gleich seine Ankara-Exkursion ab.

Er will den Koran verbieten wie „Mein Kampf“

Ärgerlich genug finden es die meisten Politiker, dass ein Amsterdamer Gericht die Staatsanwaltschaft gegen deren Willen angewiesen hat, Wilders wegen Volksverhetzung und Gruppenbeleidigung zu verfolgen. Prompt setzte der Angeklagte in der Vorverhandlung durch, dass er öffentlich befragt wird – im Sommer geht es weiter.

Die Anklageschrift liest sich eintönig. Der Islam, hat Wilders wieder und wieder gesagt, sei eine kranke, faschistische Ideologie. Sie verlange von allen Muslimen, den Koran zu befolgen; der aber stifte an zu Hass und Mord und gehöre verboten wie Hitlers „Mein Kampf“.

Um den „Tsunami der Islamisierung“ zu stoppen, müssten die Grenzen der Niederlande sofort für alle Menschen aus nichtwestlichen Staaten geschlossen werden. Einmal hat Wilders marokkanische Jugendliche pauschal als „echt gewalttätig“ bezeichnet. Oft hat er die Ausweisung „muslimischer Straftäter“ gefordert – auch solcher mit niederländischem Pass.

Den Vorschlag der „Kopffetzensteuer“ bereute er

Kaum ein Jurist erwartet, dass dem Führer einer neunköpfigen (und bei Urteilsverkündung womöglich dreimal so großen) Parlamentsfraktion eine Haftstrafe auferlegt wird. Immerhin hält sich Wilders meist an seinen Leitsatz: „Ich hasse nicht die Muslime, ich hasse den Islam.“

Sobald er davon abwich, hat er es bereut. Als er im dänischen Fernsehen sagte, „Dutzende von Millionen“ krimineller Muslime müssten aus Europa ausgewiesen werden, rechneten ihm daheim die Sozialdemokraten vor, dass es in der ganzen EU überhaupt nur rund 20 Millionen Muslime gebe. Und als Wilders eine „Kopffetzensteuer“ von 1.000 Euro pro Muslima vorschlug, fragten sich nicht nur Abgeordnete, ob man den Mann ernst nehmen müsse.“

Seine Mitstreiter sind auch bei anderen Fraktionen beliebt

Gleich nach seinem Austritt aus der rechtsliberalen Fraktion im September 2004 hat Wilders Aufstieg und Fall der Bewegung Pim Fortuyns studiert. Der 2002 erschossene Populist hatte seine Partei erst wenige Monate vor der Parlamentswahl gegründet und trat mit Leuten an, die einander sofort zerfleischten.

Wilders ließ sich mit seiner Parteigründung anderthalb Jahre Zeit. Seine Mitstreiter im Parlament sind auch bei der politischen Konkurrenz als fleißige Parlamentarier und Fachleute anerkannt. Immer wieder finden PVV-Anträge den Beifall anderer Fraktionen.

Ärger gab es nur einmal: Da hatte der Barkeeper vom Parlaments-Presseklub dem betrunkenen PVV-Abgeordneten Hero Brinkman kein Bier mehr ausschenken wollen, woraufhin der Politiker handgreiflich wurde. Tags drauf verbot Wilders allen Mitarbeitern, das Lokal zu betreten.

Unumstrittener Anführer

Ein Aufbegehren muss Wilders auch nach solchen Machtworten nicht fürchten: Er ist das einzige Mitglied der „Freiheitspartei“ und sorgt eisern für Ruhe. Selbst eine als Praktikantin in die Fraktion eingeschleuste Journalistin hat in drei Monaten Undercover-Recherche für die Zeitschrift „HP/De Tijd“ nichts Spannenderes enthüllt als die Lästereien des Parteisprechers über die „linke Presse“.

Noch in den Kommunalwahlen hatte Wilders eher Gefahren als Chancen gesehen. Nur in zwei Städten wagte die PVV den Versuch – und gewann. Bewährte Fraktionsmitglieder führten die Listen an, örtliche Kandidaten wurden erst gründlich überprüft, dann ausgiebig geschult - und im Wahlkampf trotzdem lieber nur stumm vorgezeigt.

Früher wollte er den Wohlfahrtsstaat zurechtstutzen

In der aktuellen Dauerkampagne mutiert Wilders’ Leib-und-Magen-Thema fast zum Hintergrundrauschen. Mag er auf Vortragsreisen in Amerika und anderswo nach wie vor sein Publikum mit Islamisierungsanekdoten aus Old Europe erschrecken – daheim stilisiert er sich zum tapferen Retter der Rentenversicherung.

Schon die Parolen gegen „Brüssel“, auf die er im Europawahlkampf setzte, wirkten hohl im Vergleich zu seinen islamfeindlichen Überzeugungen. Die Überholversuche auf der linken Spur empören nun nicht nur Sozialdemokraten und Sozialisten, sondern auch die Rechtsliberalen.

Deren damaliger Chef, der spätere EU-Kommissar Frits Bolkestein, hatte Wilders 1990 eingestellt, nachdem der sich beworben hatte. Zuvor hatte der an der deutschen Grenze in Venlo geborene und katholisch erzogene Wilders im Sozialversicherungsrat gearbeitet, und Bolkestein gefiel an ihm, dass er den Wohlfahrtsstaat zurechtstutzen wollte. Als Wilders 1998 für die Rechtsliberalen ins Parlament gelangte, blieb das eines seiner wichtigsten Anliegen.

Seine Fraktion, dachte er, duckte sich feige weg

Aber auch der Islamismus beschäftigte Wilders schon lange. Mit dem Phänomen war er als junger Mann in Israel konfrontiert worden. Denn dort schlug sich Wilders nach der Schule (und dem Kirchenaustritt) zwei Jahre lang mit Gelegenheitsjobs durch. Heute würde er die „jüdisch-christlichen Wurzeln“ der westlichen Zivilisation gern im ersten Artikel der Verfassung verankern.

Als Abgeordneter warnte er anfangs vor Entwicklungen in Staaten wie Syrien oder Iran. Der Blick wandte sich ins Innere, als er sich mit seiner neuen Fraktionskollegin Ayaan Hirsi Ali anfreundete. Die auf der Flucht vor einer Zwangsheirat in Amsterdam gestrandete Somalierin hatte bereits einige Intellektuelle wie den Schriftsteller Leon de Winter um sich geschart und dadurch ein großstädtisches Publikum für ihre Islamismus-Warnungen eingenommen.

Wilders machte sich mit herkömmlichen Mitteln in der Provinz einen Namen, vor allem im katholischen Süden. Ayaan Hirsi Ali, die später mit Theo van Gogh den Film „Submission“ produzierte und mittlerweile in Washington lebt, bekam rasch Todesdrohungen.

Wilders empörte das, aber seine Fraktion, so schien es ihm, duckte sich feige weg. Wilders verließ die Rechtsliberalen im September 2004, weil sie einen EU-Beitritt der Türkei nicht ausschließen wollten.

Nichts zu bieten, als „armselige Parolen“

Ist Wilders nun vielleicht selbst erschrocken über die Geister, die er rief? Ersehnt er Koalitionsgespräche gar als Vorwand, um wieder moderatere Töne anstimmen zu können? Frits Bolkestein, sein Meister, würde das wohl gern sehen. Den 76 Jahre alten Mann, einen der ersten Mahner wider einen sorglosen Multikulturalismus und Kulturrelativismus, muss man heute drängen, das Wirken seines einstigen Schützlings zu kommentieren.

Ist der Korken aber aus der Flasche, sprudelt es heraus: „Wilders geht zu weit. Wer ausgerechnet in den Niederlanden die Religionsfreiheit in Frage stellt, hat nichts verstanden. Wilders hat nichts anzubieten als armselige Parolen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ross, Andreas (anr.)
Andreas Ross
Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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