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Die geballte Ladung Optimismus

Von Timo Frasch
 - 06:14

In dieser Woche wurde bekanntlich gefeiert, dass die Mauer nun genauso lange nicht mehr die innerdeutsche Grenze ist, wie sie es zuvor war. Ein ähnliches Bergfest scheint auch bei der SPD immer näher zu rücken: Nach der erfolgreichen Anwerbung von Neumitgliedern zur Verhinderung der Groko könnte sie, wenn sie nicht aufpasst, bald genauso viele Mitglieder wie Wähler haben. Noch Zukunftsmusik ist hingegen, dass jeder SPD-Wähler zugleich Bundesminister ist. Wobei: Nach dem, was die Union der SPD jetzt zugestanden oder was die SPD der Union abgetrotzt hat, ist das so unrealistisch nun auch wieder nicht.

Dass die beiden kleineren potentiellen Koalitionspartner SPD und CSU als erste dran sein würden, wenn es um die Verteilung der wichtigsten Ressorts geht, war klar, auch dass die CSU womöglich „Koa Koa“ gesagt hätte, wäre sie wieder mit Zweite- und Dritte-Liga-Ministerien abgespeist worden. Aber dass sich die SPD gleich drei Topressorts – Finanzen, Außen, Arbeit – schnappt? Das ist ein Erfolg von Martin Schulz, dem man nun von Herzen wünscht, dass er Außenminister wird, damit er mal wieder damit aufhört, so schwermütig zu schauen, als habe ihm die designierte SPD-Vorsitzende Andrea Nahles eben eröffnet, dass er nun doch nicht Außenminister werden könne. Am Mittwochabend beschloss der SPD-Vorstand, dass die abstimmungsberechtigten 463.723 SPD-Mitglieder vom 20. Februar bis zum 2. März über den Koalitionsvertrag befinden sollen. Am 4. März soll das Ergebnis bekanntgegeben werden. Unklar ist hingegen weiterhin, wann sich in der CDU mal vernehmbar Unmut äußert, dass ihr nach diesen Koalitionsverhandlungen, wie Berthold Kohler in seinem heutigen Leitartikel in der F.A.Z. schreibt, nur mehr eins bleibt: das Kanzleramt, Merkel.

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Andererseits: Glücklich das Volk, das mit solchen Alternativlosigkeiten zurechtkommen muss. In Amerika zum Beispiel hat sich nun Präsident Donald Trump in den Kopf gesetzt, er wolle eine genauso prächtige Militärparade wie die, die er am französischen Nationalfeiertag in Paris offenbar zutiefst beeindruckt miterleben durfte. Wie unser Amerika-Korrespondent Andreas Ross schreibt, sind die Militärs nicht ganz so begeistert von der Idee. „Sie möchten ungern mit Diktaturen wie Nordkorea wetteifern, wer die längste Rakete vorzeigt – während Tausende Soldaten in aller Welt für ein Land kämpfen, das lange keinen Krieg gewonnen hat.“ Dass Amerika beabsichtigt, künftig kleinere Atomwaffen zu bauen, dürfte an den Bedenken auch nichts ändern.

Aber wir wollen hier auch auf die jüngst vom Schlagerkünstler Tony Marshall in der F.A.Z. geäußerte Kritik eingehen, dass in den deutschen Medien gerade morgens zu wenig Optimismus verbreitet werde. Hier also kommt eine geballte Ladung: Zum ersten Mal, so berichtet Kollege Patrick Welter aus Seoul, wird wohl ein Mitglied der nordkoreanischen Diktatorenfamilie Kim den Süden besuchen. Nordkoreas Führer Kim Jong-un, von Trump in einer Mischung aus Verachtung und Neid „Rocket Man“ genannt, wolle seine Schwester am Freitag als Teil der politischen Delegation zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang schicken. Erst mal ist heute aber Weiberfastnacht – nach langem mal wieder ein wunderbarer Tag für Männer wie für Frauen, vor allem aber für alle AfD-Männer, die endlich mal ungeniert „Weiber“ sagen dürfen, und für alle AfD-Frauen, die endlich die Gelegenheit haben, Alexander Gauland unter Zuhilfenahme seiner Hundekrawatte zu entmannen, und sich dabei noch auf urdeutsche Traditionen berufen können.

Quelle: FAZ.NET
Timo Frasch
Politischer Korrespondent in München.
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