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Die Entfesselung der Gesellschaft

Von DIETMAR NEUTATZ

07.03.2017 · Mit der Februarrevolution begann vor hundert Jahren ein kurzlebiger Versuch, in Russland eine Demokratie zu errichten. Das Wissen um ihr gewaltsames Ende durch die Oktoberrevolution wenige Monate später verdeckt, welche Entwicklung in Richtung Demokratie und Rechtsstaat das Zarenreich und seine Gesellschaft in den Jahren zuvor gemacht hatten.

Am 8. März 1917 – nach dem damals in Russland verwendeten julianischen Kalender der 23. Februar – gingen in der russischen Hauptstadt Arbeiterinnen auf die Straße, um gegen die Brotknappheit und für die Rückholung ihrer Männer von der Front zu demonstrieren. Arbeiterproteste und Streiks hatten sich schon in den Wochen davor verdichtet. Die Lage in Petrograd, wie St. Petersburg seit Beginn des Ersten Weltkriegs hieß, geriet immer mehr außer Kontrolle. Den protestierenden Frauen schlossen sich im Laufe des Tages 130.000 Arbeiter an, die Kundgebungen schlugen ins Politische um: „Weg mit der Monarchie! Schluss mit dem Krieg!“ stand auf den Transparenten. In den folgenden Tagen mündeten die Proteste in einen Generalstreik, in Plünderungen und Ausschreitungen. Die Polizei wurde der Lage nicht mehr Herr, die herbeigerufenen Soldaten verbrüderten sich mit den Demonstranten.

  • © Picture-Alliance Brennende Staatsinsignien vor dem Anitschkow-Palais während der Februarrevolution
  • © Picture-Alliance Die Petrograder Stadtmiliz ersetzt 1917 die zaristische Polizei.
  • © Picture-Alliance Zu Fall gebracht: Bronzekopf der einstigen Statue von Zar Alexander III. während der russischen Revolutionswirren 1917
  • © Picture-Alliance Kurz nach dem Ausbruch der Februarrevolution bevölkern Menschen vor der Ruine des Nikitsky Gate die Straße zum Kaiserpalast in Petrograd (St. Petersburg).

Am 27. Februar (12. März) trat die Regierung zurück. Unter dem Eindruck des Zusammenbruchs der staatlichen Autorität beeilten sich nun auch politische Akteure, die Revolution mitzugestalten: Unter der Leitung des Präsidenten der Staatsduma konstituierte sich ein „Provisorisches Komitee zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung“. Das Parlament agierte als Souverän. Gleichzeitig entstand jedoch auch ein eigenes Organ der Revolution der Straße, der Petrograder Rat (Sowjet) der Arbeiter- und Soldatendeputierten, der ein Provisorisches Exekutivkomitee wählte, das ebenfalls Regierungsgewalt beanspruchte. Zar Nikolaus II. dankte am 2. (15.) März ab. Der Generalstabschef hatte ihm eröffnet, dass das Militär nicht bereit sei, die Revolution mit Gewalt niederzuschlagen. Am selben Tag führten die Verhandlungen des Petrograder Sowjets mit dem Dumakomitee zur Bildung einer neuen Regierung. Sie stand unter der Führung des Fürsten Georgij Lwow und nannte sich „provisorisch“, weil sie nur bis zum Zusammentritt der erst zu wählenden Konstituierenden Versammlung amtieren sollte. Die Mitglieder des Kabinetts gehörten überwiegend bürgerlichen Parteien an. Mit Alexander Kerenskij war aber auch ein gemäßigter Sozialist vertreten.

  • © Picture-Alliance Das Provisorische Komitee der Duma, Februar 1917
  • © Picture-Alliance Alexander Kerenski, zeitweise Chef der russischen provisorischen Regierung, in seinem Büro im Winterpalast in Petrograd (St. Petersburg)

Diese Ereignisse, die als Februarrevolution in die Geschichte Russlands eingegangen sind, jähren sich 2017 zum hundertsten Mal. Die Februarrevolution ist im historischen Bewusstsein von der bolschewistischen Oktoberrevolution völlig an den Rand gedrängt worden. Wer heute von der russischen Revolution spricht, denkt häufig nur an den Roten Oktober. Dabei waren es gar nicht die Bolschewiki, die den Zaren stürzten. Die Bilder vom Sturm auf den Winterpalast, die sich dank der genial-manipulativen Verfilmung durch Sergej Eisenstein in das Bewusstsein von Generationen eingegraben haben, suggerieren falsche Vorstellungen von den Ereignissen 1917. Mit der Februarrevolution öffnete sich damals für wenige Monate ein Fenster für eine demokratisch-freiheitliche Entwicklung Russlands. Nicht nur Russland, sondern die Weltgeschichte stand an einer Wegscheide. Im weiteren Verlauf des Jahres 1917 wurde Russland nicht zu einer demokratischen Republik, sondern zu einer kommunistischen Diktatur. Es versank 1918 im Bürgerkrieg und ein Jahrzehnt später in der stalinistischen Gewaltherrschaft. Im Frühjahr 1917 war aber keineswegs vorherbestimmt, dass es so kommen musste.

Die Februarrevolution war mit 433 Toten vergleichsweise unblutig. In der Provinz äußerte sie sich nicht in Kämpfen, sondern in Festen, nachdem die Nachrichten per Telegraf eingetroffen waren. „Die Menge strömte auf die Straßen. Einer beglückwünschte den andern wie am Ostersonntag. Überall sah man rote Bändchen und Rosetten, die kurz zuvor noch verbotenen Embleme der revolutionären Freiheit“, berichtete ein Augenzeuge über die Ereignisse in Kiew. Die erfolgreiche Abschüttelung der Zarenherrschaft mündete in ein allgemeines Gefühl der Befreiung und des Aufbruchs. Heute wissen wir, dass diese Hoffnungen enttäuscht wurden. Und wie so oft beeinflusst das Wissen um den Ausgang die Auswahl dessen, was in den Geschichtsbüchern berichtet wird. Die gängige Erzählung über das Jahr 1917 enthält viel über das, was die Provisorische Regierung alles versäumt und wie sie mit ihrer Zögerlichkeit und Inkonsequenz zur Radikalisierung und zum Scheitern des demokratischen Ansatzes beigetragen hat.

  • © Picture-Alliance Arbeiter- und Soldatenräte in der Staatsduma im März 1917
  • © Picture-Alliance Versammlung in den Putilow-Werken. Im Februar 1917 trugen Streiks in der Fabrik dazu bei, dass eine Revolution ausgelöst wurde.
  • © Picture-Alliance 23. März 1917: Trauerzug für die Opfer der Februarrevolution

Das trifft alles zu und erklärt vieles, aber es ist die Geschichte der Sieger. Selten liest man hingegen, was die Provisorische Regierung in der kurzen Zeit ihres Bestehens auf den Weg gebracht hat. Kaum im Amt, setzte sie einen fundamentalen Wandel nach rechtsstaatlichen und demokratisch-freiheitlichen Prinzipien in Gang: Im März wurden die bürgerlichen Grundrechte und die Pressefreiheit proklamiert sowie die Todesstrafe und die Militärgerichtsbarkeit außerhalb der Front abgeschafft. Alle diskriminierenden Beschränkungen für religiöse und ethnische Gruppen wurden aufgehoben. Das betraf vor allem die jüdische Bevölkerung, die bis dahin nur im sogenannten „Ansiedlungsrayon“ im Westen und Südwesten des Reiches leben durfte und nun Freizügigkeit erhielt. Im April setzte die Regierung Komitees ein, die eine Agrarreform vorbereiten sollten, und schaffte die Verbannung ab.

Das war ein klares Signal, welchen Weg Russland einschlagen sollte. Freilich gingen wichtige Bevölkerungsgruppen leer aus: Die Arbeiter, die im landwirtschaftlich geprägten Russischen Reich zwar nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung ausmachten, aber in den Großstädten politisch eine wichtige Rolle spielten, warteten vergeblich auf eine Verbesserung ihrer erbärmlichen Lebensumstände. Ohne auf die Regierung zu warten, führten sie daher in Eigenregie den Acht-Stunden-Tag ein. Den Bauern gingen die Vorbereitungen der Landreform zu langsam. Auch sie waren nicht gewillt, auf eine Entscheidung der Verfassunggebenden Versammlung in der Landfrage zu warten, von der unklar war, wie sie ausfallen würde. Sie schritten zur Tat und verteilten das Land der Gutsbesitzer unter den Gemeinden. Einige Nationalitäten in den nichtrussischen Randgebieten wiederum wollten gar nicht mehr in einem russischen Staatsverband leben, sondern strebten nach Unabhängigkeit. Die Erwartungen an die neue Ära der Freiheit waren hoch und die Umstände zu ihrer Befriedigung extrem schwierig. Immerhin befand sich Russland im Krieg.

© Picture-Alliance Petrograd (St. Petersburg) 1917: Arbeiter demonstrieren für einen Achtstunden-Arbeitstag.

Der Erste Weltkrieg, der für die Provisorische Regierung zu einer schweren Bürde wurde, hatte allerdings die Revolution überhaupt erst möglich gemacht. Die Überforderung durch diesen Krieg, der dem Zarenreich in den ersten beiden Jahren mit empfindlichen Niederlagen schmerzhaft bewusst gemacht hatte, dass Russland den Anforderungen militärisch, ökonomisch und politisch nicht gewachsen war, trug maßgeblich zum Zusammenbruch des zaristischen Regimes bei.

Den zunehmenden Autoritätsverlust des Zaren und seiner Bürokratie nutzten bereits in den ersten Kriegsjahren liberale gesellschaftliche Kräfte, um gegenüber den autokratischen Strukturen an Boden zu gewinnen. Über die regionalen Selbstverwaltungsorgane, die sogenannten Semstwo-Organisationen, entfalteten sie Aktivitäten, mit denen sie demonstrativ Defizite der staatlichen Behörden kompensierten: Gegen den Widerstand der staatlichen Bürokratie stellten die gesellschaftlichen Organisationen Programme zur Versorgung verwundeter Soldaten und zur Unterstützung Hungernder auf die Beine. 1915 gingen sie zu unverhohlener politischer Aktivität über und kritisierten die Versäumnisse der Regierung offen. Der Krieg bewirkte eine ungeheure politisch-gesellschaftliche Dynamisierung.

© Picture-Alliance Pawel Miljukow, russischer Historiker und Politiker, mit Frau und Tochter um 1910

Die Staatsduma, die in den Jahren vor dem Krieg nur eine sehr eingeschränkte Rolle hatte spielen können, emanzipierte sich ebenfalls gegenüber der Regierung. Im Juli 1915 schlossen sich unter der Führung des liberalen Politikers Pawel Miljukow drei Viertel der Abgeordneten zum fraktionsübergreifenden Progressiven Block zusammen und forderten die Einsetzung einer dem Parlament verantwortlichen Regierung. Im November 1916 ging Miljukow zum Generalangriff auf Regierung und Herrscherhaus über. In einer aufsehenerregenden Rede prangerte er die Versäumnisse der Regierung öffentlich an: „Dummheit oder Verrat?“, fragte er nach jedem seiner Anklagepunkte. Dieses neuartige selbstbewusste Auftreten der Volksvertreter gegenüber dem Zaren und seiner Regierung signalisierte ihren Anspruch auf politische Macht und mündete bald darauf in eine aus der Duma heraus gebildete Regierung. Ermöglicht wurde die erfolgreiche Durchsetzung des Machtanspruchs aber nur durch das gleichzeitige Aufbegehren der städtischen Arbeiter und der Bauernsoldaten. Allein hätten die liberalen Politiker den Zaren nicht zur Abdankung zwingen können. Den dafür nötigen Handlungsdruck erzeugten die Revolution der Straße und die Auflösungserscheinungen in der Armee.

Bei Kriegsbeginn 1914 war die russische Bevölkerung zunächst von patriotischer Erregung erfasst worden. Angesichts der Niederlagen und hohen Verluste sowie der Versorgungsprobleme und der offensichtlichen Überforderung der Bürokratie kippte die Stimmung aber bald. Der Krieg verschärfte und beschleunigte die schon vor dem Krieg bestehenden inneren Konflikte. An den großen Industrie- und Bergbaustandorten hatten die Arbeiter immer wieder gestreikt, und die Bauern, die drei Viertel der Bevölkerung ausmachten, waren schon lange der Ansicht, bei der Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 von den adeligen Gutsbesitzern um das ihnen zustehende Ackerland betrogen worden zu sein. Ab dem Sommer 1915 häuften sich in den Städten und Industriezentren Streiks und Demonstrationen von Arbeitern. Güterknappheit, Teuerung und die schlechten Nachrichten von der Front erzeugten eine weitverbreitete Unzufriedenheit und Kriegsmüdigkeit.

So wie die liberalen Politiker auf den Druck der Straße angewiesen waren, um sich gegenüber der Autokratie zu behaupten, hätte umgekehrt der Aufstand der Massen zu keinem konstruktiven Ergebnis geführt, wenn er nicht in politische Maßnahmen umgemünzt worden wäre. Das Zusammenwirken von Liberalen und rebellierenden Arbeitern war aber prekär, denn zwischen beiden Milieus klaffte ein tiefer Graben. Die gesellschaftlich-politische Spannung, die Russland schon vor dem Krieg gekennzeichnet hatte, ist als „doppelte Polarisierung“ beschrieben worden: Zwischen der Regierung des Zaren und den liberalen Eliten tat sich eine Kluft auf, eine andere zwischen den Liberalen und den städtischen Unterschichten. Letztere hatten nichts gemein mit den Professoren, Unternehmern und Adligen des Progressiven Blocks, während für diese soziales Aufbegehren ein Schreckgespenst darstellte. Daher konnte es nicht überraschen, dass es der Provisorischen Regierung schwerfiel, im Umgang mit Arbeitern und Bauern eine überzeugende Linie zu finden.

© Picture-Alliance 14. April 1917: Ein Student verteilt unter Moskauern Zeitungsblätter der Revolutionäre.

Die demokratisch-freiheitlichen Prinzipien, die sich in der Februarrevolution Bahn brachen, waren in Russland seit der Jahrhundertwende von liberalen Oppositionellen mit zunehmender Intensität eingefordert worden. In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte im Zuge des sozioökonomischen Wandels eine gesellschaftlich-politische Aktivierung von Teilen der Eliten stattgefunden. Als wichtiger Nukleus dieser Aktivierung erwiesen sich die Selbstverwaltungskörperschaften (Semstwo) in den Gouvernements und Kreisen. Sie wurden von der Bevölkerung gewählt und entwickelten sich zu einer Plattform, auf der staatsbürgerliches Engagement und demokratische Verfahren eingeübt wurden. Seit 1893 fanden illegale überregionale Semstwokongresse statt. Dort trafen sich reformorientierte Adlige im Streben nach politischer Teilhabe. Zusammen mit Angehörigen der städtischen Bildungsschichten bildeten sie im rechtlichen Graubereich die Vorstufe einer politischen Partei. Parallel dazu kam es auch im revolutionären Lager zu einer institutionellen Verdichtung. Die Marxisten organisierten sich zwischen 1898 und 1903 in der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die Agrarsozialisten gründeten 1901/02 die Sozialrevolutionäre Partei.

In der Revolution von 1905 traten die bis dahin im Untergrund konspirativ tätigen oppositionellen Kräfte erstmals an die Öffentlichkeit. Die Liberalen artikulierten ihre Forderung nach Grundrechten, Demokratie und der Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung. Das allein hätte nicht ausgereicht, um Nikolaus II. Zugeständnisse abzuringen. Das autokratische Regime stand aber in mehrfacher Hinsicht unter Druck: Um die Jahrhundertwende war Russland von einer schweren Wirtschaftskrise erfasst worden, die zu sozialen Unruhen führte. Demonstrationen, Streiks und Bauernrevolten erschütterten das Land. Als Russland 1904/05 dann auch noch im Krieg gegen Japan blamable Niederlagen einstecken musste, entluden sich die Spannungen in einer Revolution. Unter deren Eindruck unterzeichnete Nikolaus II. im Oktober 1905 ein Manifest, in dem er bürgerliche Freiheiten sowie die Einberufung einer Volksvertretung versprach.

© Picture-Alliance Unter Hausarrest: Zar Nikolaus II. und sein Sohn Alexei im Schlosspark von Zarskoje Selo (Puschkin) im Frühjahr 1917

Die Staatsduma, die im April 1906 eingerichtet wurde, blieb zwar mit sehr eingeschränkten Befugnissen und einem äußerst ungleichen Wahlrecht weit hinter den Erwartungen der Liberalen zurück, aber das Schlagwort vom „Scheinkonstitutionalismus“ ist aus heutiger Sicht zu hart. Es verstellt den Blick darauf, dass die Staatsgrundgesetze von 1906 die politische Kultur Russlands veränderten. De facto hatte der Staat nun eine Verfassung als konstitutionelle Monarchie und anerkannte die bürgerlichen Grundrechte. Parteien konnten sich formieren, die Presse entfaltete sich rasant, und es entstand eine neue Qualität von politischer Öffentlichkeit. Allein der Umstand, dass alle Gesetzesvorlagen in der Duma verhandelt werden mussten, schuf für die zaristische Regierung ungekannte Begründungszwänge. Die Zeitungen konnten über alles, was in der Duma debattiert wurde, berichten. Die so hergestellte Öffentlichkeit von Politik förderte auch die Herausbildung einer Zivilgesellschaft.

Insbesondere in russischen Provinzstädten verbreiteten sich bürgerliche Werte, formierten sich Vereine und eine „Kultur des Engagements“. Das städtische Milieu befand sich in einem Wandlungsprozess, der geeignet war, ein langsam breiter werdendes Fundament für ein freiheitlich-demokratisches System zu bilden. Allerdings beruhte dieses Fundament nur auf einem kleinen Segment der Gesellschaft. Der Brückenschlag in die Milieus der Bauern und Arbeiter gelang nicht. Die Bevölkerungsmehrheit dachte, sprach und handelte in anderen Kategorien als die liberalen Eliten – was 1917 von zentraler Bedeutung für das Scheitern der Provisorischen Regierung war.

Das Ergebnis der Februarrevolution war nämlich – ganz im Sinne der „doppelten Polarisierung“ – eine Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Petrograder Sowjet, wobei weder die eine noch der andere durch allgemeine Wahlen legitimiert war. Die ungeklärte Machtfrage und die fehlende Legitimation führten dazu, dass die Regierung in wichtigen Fragen keine Entscheidungen traf, weil sie diese der noch zu wählenden Verfassunggebenden Versammlung vorbehielt. Die Wahlen zur Konstituante wurden jedoch wegen der Kriegslage mehrfach verschoben. Das hatte zur Folge, dass zentrale Probleme ungelöst blieben: Weder wurde über den Staatsaufbau entschieden, noch über die drängende Agrarfrage, noch wurde das Verhältnis zu den Nationalitäten geklärt. Die Versorgung der Bevölkerung blieb prekär, die Wirtschaft brach ein, der unpopuläre Krieg wurde fortgesetzt, und die nichtrussischen Randgebiete begannen, sich zu verselbständigen.

© Picture-Alliance 10. November 1917: Soldaten des ersten Maschinengewehrbataillons wechseln zu den Bolschewiki.

So verlor die Provisorische Regierung seit Frühsommer 1917 massiv an Vertrauen in der Bevölkerung. Daran konnte auch die Verbreiterung der Koalition durch den Eintritt mehrerer gemäßigter Sozialisten in die Regierung nichts ändern. Die immer häufiger streikenden Arbeiter radikalisierten sich. Die Soldaten wollten nicht mehr in einem als sinnlos empfundenen Krieg sterben und meuterten. In dem Maße, in dem die Provisorische Regierung Rückhalt verlor, erstarkten die Bolschewiki. Sie, der radikale Flügel der Sozialdemokratie, punkteten bei den unzufriedenen Arbeitern mit klaren Parolen: Sturz der Provisorischen Regierung, Errichtung einer Räterepublik, Beendigung des Krieges, Enteignung des Großgrundbesitzes und der Banken, Kontrolle der Arbeiter über die Industrie. Aber nicht nur die Arbeiter wandten sich von der Provisorischen Regierung ab. Die Auflösungserscheinungen in der Armee, der Niedergang der Wirtschaft und die schlimmer werdende Anarchie ließen allgemein den Glauben an die Regierung schwinden. Immer häufiger wurde der Ruf nach einer „starken Hand“ laut. Die umfassende Krise der staatlichen Ordnung ermöglichte es den Bolschewiki im Oktober, die Macht an sich zu reißen, die buchstäblich auf der Straße lag.

Die Machtergreifung der Bolschewiki bedeutete einen radikalen Bruch mit den Prinzipien des Februar. Die rechtsstaatlich-demokratische Umgestaltung Russlands wurde abrupt beendet. Mit dem Roten Oktober wurde ein radikal anderer Weg eingeschlagen, der auf eine komplette Neuformatierung von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Lebensweise hinauslief. Die Bolschewiki implementierten in Russland ein System, das sich als grundsätzlicher Gegenentwurf zur pluralistischen Demokratie verstand.

Die Bolschewiki konnten die Macht ergreifen und behaupten, weil es ihnen im Laufe des Jahres 1917 gelang, mit suggestiven Parolen eindeutige Antworten auf die wichtigsten Probleme zu geben und sich auf diese Weise in den großen Städten bei den Arbeitern eine Massenbasis zu schaffen. Dem Zaudern der Provisorischen Regierung stand die Entschlossenheit Lenins gegenüber, der zielstrebig nach der Macht griff und dabei den Einsatz von Gewalt einkalkulierte. „Große Fragen werden im Leben der Völker nur durch Gewalt entschieden“, hatte Lenin schon 1905 geschrieben. Auch zeigte sich in der Krise, dass Demokratie als Wert an sich noch nicht stark genug in der russischen Gesellschaft verwurzelt war, als dass sich breiterer Widerstand gegen ihre Abschaffung geregt hätte.

  • © Picture-Alliance Wladimir Iljitsch Lenin während einer Rede am 4. April 1917 im Taurischen Palais in Petrograd (St. Petersburg)
  • © Picture-Alliance Charismatischer Redner: Wladimir Iljitsch Lenin 1917

Nach dem Ende der Sowjetunion bot sich die Februarrevolution als Anknüpfungspunkt für die Wiederaufnahme einer russischen demokratischen Tradition an. Im Zuge der Bildungsreform von 1992 wurden Lehrpläne und Schulbücher überarbeitet, mit dem ausdrücklichen Ziel, die Werte einer demokratischen Gesellschaft zu vermitteln. In vielen Darstellungen wurde die bis dahin obligatorische Glorifizierung der Oktoberrevolution abgelöst von einer Aufwertung der „demokratischen Revolution“, wie die Februarrevolution nun oft genannt wurde.

Inzwischen hat sich der offizielle Umgang mit der Februarrevolution gewandelt, denn Putins Russland tut sich grundsätzlich schwer mit Revolutionen. Nicht Liberalismus, Demokratie und Zivilgesellschaft und schon gar nicht das Aufbegehren gegen die Obrigkeit sind angesagt, sondern das Ideal des mächtigen russischen Staates, der an die einstige Größe des russischen wie des sowjetischen Imperiums anknüpft. Das verbindet sich mit dem Bestreben, die russische und sowjetische Geschichte als grundsätzlich positive Geschichte zu erzählen, die für die Selbstvergewisserung einer großen und heroischen Nation taugt. Diese neue Hierarchie der Werte mündet in ein synkretistisches Geschichtsbild, das aus der Februar- und der Oktoberrevolution eine zusammenhängende „Große Russische Revolution“ macht, deren Ergebnis nach zeitweiligem Chaos letztlich wieder ein positives ist, nämlich ein mächtiger Staat, der im Zweiten Weltkrieg NS-Deutschland besiegen kann.

Präsident Putin, der sonst nicht mit pointierten Aussagen geizt, vermeidet in auffälliger Weise wertende Stellungnahmen zu den Revolutionen von 1917. Anlässlich der hundertsten Wiederkehr des Revolutionsjahres hat er angeregt, ein Denkmal der Versöhnung der damals gegeneinander kämpfenden Seiten zu errichten. Der einflussreiche Kulturminister Wladimir Medinskij schlägt in dieselbe Kerbe und fordert, bei der Darstellung von Revolution und Bürgerkrieg polarisierende Sichtweisen zu überwinden: Der „Weiße Februar“ und der „Rote Oktober“ seien Episoden ein- und derselben Epoche des Chaos gewesen, die zum Zusammenbruch Russlands als Staatswesen geführt habe. Im Gegensatz zu den Liberalen sei es aber den Bolschewiki gelungen, wieder Ordnung herzustellen und auf den Trümmern des zerstörten Reiches ein neues Staatswesen zu errichten.

Ähnlich lautet die Botschaft der groß aufgemachten Dauerausstellung „Russland - meine Geschichte“, die seit 2016 in Moskau gezeigt wird: Sie zeichnet ein verklärendes Bild von Russland unter Nikolaus II., das 1917 kurz davor gestanden habe, den Weltkrieg zu gewinnen, als die Revolution losbrach. Diese wird als eine Verschwörung fehlgeleiteter Eliten diffamiert, die den Feinden Russlands in die Hände arbeiteten - eine russische Variante der Dolchstoßlegende. Februar- und Oktoberrevolution werden gleichermaßen als Verirrungen zum Schaden Russlands dargestellt - nur, dass die Bolschewiki am Ende die Anarchie beseitigten und den Staat wiederaufbauten.

In einer aktuellen Umfrage des renommierten Levada-Zentrums stimmten 45 Prozent der Befragten der Aussage zu, die Februarrevolution habe für sich genommen keine Bedeutung, sondern sei nur die erste Etappe der Oktoberrevolution gewesen. Nur elf Prozent teilten die Ansicht, dass die Februarrevolution ohne den Oktoberumsturz Russland auf den Weg von Fortschritt und Demokratie geführt hätte.

Die überwiegende Mehrheit der Russen hat am 8. März ohnehin anderes im Sinn. Dieser Tag ist in Russland gesetzlicher Feiertag. Gewidmet ist er aber nicht der Erinnerung an die Februarrevolution. Gefeiert wird vielmehr in guter sowjetischer Tradition der Internationale Frauentag. Das Pikante daran ist, dass dieser einen direkten Bezug zu den Ereignissen von 1917 hat: Der Frauentag, der 1910 von der deutschen Sozialistin Clara Zetkin ausgerufen worden war, aber zunächst kein festes Datum hatte, wurde 1921 von der 2. kommunistischen Frauenkonferenz auf den 8. März gelegt - zu Ehren der Arbeiterinnen, die 1917 auf die Straße gegangen waren. Wie jedes Jahr werden auch an diesem 8. März Millionen russischer Männer ihren Frauen, Freundinnen und Arbeitskolleginnen Blumen schenken und sie ausführen. An die Februarrevolution wird dabei kaum einer denken.

Der Verfasser lehrt Neuere und Osteuropäische Geschichte an der Universität Freiburg.

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Quelle: F.A.Z.