Flüchtlinge in Jordanien

Die Karte für das Nötigste

Von Rainer Hermann
 - 13:32

Amman, im November. Muhammad Nashaad und seine Frau wirken in der großen Supermarkthalle wie gewöhnliche Bürger. Eben haben sie mit einer Bankkarte ihre Einkäufe bezahlt, die sie in zwei Einkaufswagen heben. Die zwei sind aber keine gewöhnlichen jordanischen Verbraucher, sie sind Flüchtlinge aus Daraa im Süden Syriens. Vor fünf Jahren sind der 41 Jahre alte Muhammad und seine Frau über die Grenze nach Jordanien geflohen, als der Krieg in ihrer Gegend um sich griff.

In der vergangenen Nacht ist ihre Geldkarte des Welternährungsprogramms (WFP) mit 140 jordanischen Dinar – etwa 180 Euro – wieder aufgeladen worden. Die stehen ihnen und ihren fünf Kindern als monatliche Ernährungshilfe durch das WFP zu. Wie ein kostbares Gut reicht Muhammad die Karte an seine Frau zurück, die steckt sie aufmerksam in den Geldbeutel, und den verstaut sie mit Bedacht in ihrer Handtasche. Schließlich stellt die Karte die Ernährung der siebenköpfigen Flüchtlingsfamilie sicher.

Einmal im Monat kommen die zwei in den Supermarkt der jordanischen Kette Sameh im Stadtteil Suweileh, wo jeden Tag 1800 syrische Flüchtlinge mit einer solchen blauen Mastercard zahlen. Sie haben Tüten von Mehl und Reis im Einkaufswagen verstaut, Speiseöl und Zucker, einige Konserven. Mehr als diese Grundnahrungsmittel leisten sie sich nicht, auch nicht an Feiertagen.

Einkaufen mit Würde

Bevor diese elektronischen Geldkarten vor drei Jahren eingeführt worden sind, hatte Muhammad – wie alle anderen syrischen Flüchtlinge – einmal im Monat an einem festgelegten Tag mit einem Gutschein in einem Verteilungszentrum des WFP seine monatlichen Rationen für die Familie abgeholt. Heute kann er einkaufen, wann er will und was er will. „Und das alles mit mehr Würde“, sagt Muhammad.

Er ist einer der 525 000 Syrer in Jordanien, die beim UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR registriert sind; sie alle zahlen ihre Einkäufe mit elektronischen Karten. In Lagern leben von ihnen 106 000, die meisten leben aber in Städten. Das Welternährungsprogramm unterstützt außerhalb Syriens fast zwei Millionen Flüchtlinge, in Syrien sind es über vier Millionen. Dort bringen 3000 Lastwagen die Nahrungsmittel zu den Bedürftigen; in Deir al Zor werden die Güter aus der Luft abgeworfen, nach Hassakeh wurde eine Luftbrücke eingerichtet. Die 950 000 Syrer, die in belagerten Regionen leben, etwa im Osten Aleppos, können sie allerdings nicht erreichen.

Deutsche Unterstützung als große Hilfe

Dass in diesem Jahr die Grundversorgung von rund sechs Millionen Syrern, die unmittelbar vom Krieg betroffen sind, nicht in Gefahr ist, ist vor allem eine Folge der deutschen Überweisung von 570 Millionen Euro – das ist die Hälfte des Budgets des WFP für die syrischen Flüchtlinge. „Deutschlands Hilfe ist präzedenzlos“, dankt Rebecca Richards, die in Amman das Regionalbüro des WFP für den Nahen Osten und Nordafrika leitet. Damit sei sichergestellt worden, dass die Hilfe für die Bedürftigen ohne Unterbrechung fortgesetzt werde, nachdem im Jahr zuvor die Hilfe wegen unzureichender Mittel hatte eingestellt werden müssen. Das war einer der Gründe für die Flüchtlingswelle nach Europa.

WhatsAppFacebookTwitterGoogle+
WhatsApp
Einkaufen mit Würde: Syrische Flüchtlinge in Jordanien bekommen eine Geldkarte fürs Nötigste

„Die deutsche Unterstützung hat uns maßgeblich geholfen, unsere Partnerschaften, auch mit dem Privatsektor, auszubauen. So können wir Flüchtlingen und armen Aufnahmegemeinden wirtschaftliche Chancen eröffnen, um ihre Ernährungssicherheit und Selbständigkeit zu verbessern“, sagt Richards weiter. So arbeitet das WFP in Jordanien und im Libanon mit lokalen Landwirten und Nahrungsmittelherstellern zusammen, auch mit Einzelhandelsketten wie Sameh. Denn eine Krise wie 2015 soll sich nicht wiederholen. Ebenso verfolgt das WFP das ehrgeizige Ziel, dass sich die Familien eines Tages selbst versorgen können.

Karte sorgt für faire Preise

Ein Beispiel ist die elektronische Karte, mit der Muhammad und seine Frau bezahlt haben. Alle Informationen ihres Kaufs werden mit einem von Microsoft entwickelten Programm direkt an das Büro von Rebecca Richards geleitet. „So erfahren wir, was sie brauchen, und wir können kontrollieren, wer für welche Produkte die Preise erhöht“, sagt Richards.

Mit diesen Informationen wendet sich das WFP wieder an die Einzelhändler. Die erfahren, welche Produkte sie anbieten könnten, um ihren Umsatz zu steigern, und das WFP verhandelt umgehend mit Einzelhändlern, wenn sie ihre Preise anheben. Denn sie kennen ja die Preise der Wettbewerber. So sanken durch den Wettbewerb in den vergangenen Jahren die Preise für Produkte, die die Flüchtlinge nachfragen, bei den Einzelhändlern um neun Prozent. „Wir arbeiten eng mit der Privatwirtschaft zusammen, um sicherzustellen, dass die Flüchtlinge ein faires Angebot bekommen.“ Die Hoffnung ist, dass sich die Flüchtlinge dann noch mehr Obst, Gemüse und Milchprodukte leisten können.

Die Technologie hat die Möglichkeiten der Ernährungshilfe vergrößert. Missbrauch mit der Bankkarte gibt es nahezu nicht, und sie wird durch die schrittweise Einführung eines Iris-Scanners ganz ausgeschlossen. In den Flüchtlingslagern wird der Iris-Scanner bereits eingesetzt, ebenso in einigen Supermärkten. So gleicht der Scanner an der Kasse die Augen eines Syrers ab: Ist er beim UNHCR registriert, wird der Kontostand geprüft, und das Geld wird auf das Konto des Einzelhändlers überwiesen.

Bessere Marktforschung

In einem weiteren Schritt baut Rebecca Richards – gemeinsam mit der FAO, der Landwirtschaftsorganisation der UN – die Zusammenarbeit mit lokalen Landwirten und Nahrungsmittelverarbeitern aus. So werden Pflanzen identifiziert, deren Anbau sich lohnt; Vermarktungskanäle werden erschlossen; WFP und FAO helfen zudem bei der Gründung neuer Genossenschaften, auch in den Teilen Syriens, die vom Krieg weniger betroffen sind.

Es sollen Produkte hergestellt werden, die die Flüchtlinge kaufen würden. „Lokale Produkte, die sich etwa für eine warme Mahlzeit in der Schule eignen“, sagt Richards. „So entstehen nachhaltige Arbeitsmöglichkeiten und neues Einkommen“, sagt Richards.

Syrer als Konsumenten und Arbeitskräfte

Dazu sucht sie geschäftspraktischen Rat bei den Einzelhändlern, die von der zusätzlichen Nachfrage durch die syrischen Flüchtlinge profitieren. „Der Anteil der Syrer an unserem Umsatz liegt bei 35 Prozent“, sagt Muhammad Talal, der bei der Kette Sameh für die einzelnen Geschäfte verantwortlich ist. Im kommenden Jahr wird die Gruppe fünf weitere Supermärkte eröffnen.

Vor fünf Jahren hatte Sameh bei erst 200 Großhändlern eingekauft, heute sind es 750. Unter ihnen sind auch syrische Unternehmen, die den Bedarf der Syrer kennen. Sie haben sich wegen des Kriegs in Jordanien niedergelassen. Bekannte Namen sind darunter, etwa der Nahrungsmittelproduzent Durra. „Solche Produkte geben den Syrern ein heimisches Gefühl“, sagt Talal.

Seine Kette verkauft nicht nur an Syrer, sie beschäftigt auch Syrer. Jeder zehnte Mitarbeiter kommt aus dem Bürgerkriegsland. In einem ersten Schritt hat das WFP Praktika für Syrer organisiert, die keine Berufserfahrung im Einzelhandel haben. Dabei achtet das WFP darauf, dass die Ausbildung eine spätere Beschäftigung im Heimatland ermöglicht, und will so den Rückkehrprozess unterstützen.

Der Kalorienbedarf wird gedeckt

Muhammad Nashaad aus Daraa hofft zwar, eines Tages in seine Heimat zurückzukehren, doch er macht sich keine Illusionen. Immerhin hat er in Amman in einem kleinen Elektrogeschäft Arbeit gefunden. Dort verdient er, der in Daraa in einem Molkereibetrieb ein gutes Auskommen hatte, allerdings nur 200 jordanische Dinar im Monat. Davon gehen 150 Dinar für die Miete ab und 40 Dinar für den Schulbus der Kinder.

Seine Frau sagt, die 140 Dinar auf der elektronischen Karte reichten der siebenköpfigen Familie gerade einmal für 20 Tage. Rebecca Richards vom WFP widerspricht nicht: „Die 25 Dollar, die ein Flüchtling in Jordanien im Monat erhält, decken den minimalen Kalorienbedarf, aber nicht viel mehr.“ Immerhin tragen auch andere Hilfsorganisationen dazu bei, das Leid der Flüchtlinge zu lindern. Das UN-Flüchtlingswerk UNHCR kümmert sich um Unterkünfte, das UN-Kinderhilfswerk Unicef unterstützt die Erziehung durch Bücher und Kleidung. Das sei zusammen zwar ein großes Paket, sagt Richards. Dennoch würden zu viele Kinder arbeiten, statt eine Schule zu besuchen. Sie fragt kritisch: „Sind 25 Dollar genug? Nein. Bin ich aber dankbar dafür? Ja.“

Noch reichen die Zahlungen nicht aus, um nachhaltig wirken zu können, also sicherzustellen, dass ein Flüchtling nicht nur ein Minimum an Essen bekommt, sondern dass auch neue Arbeits- und Einkommenschancen entstehen.

Quelle: F.A.Z.
Rainer Hermann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAmmanDaraaJordanienSyrienUNUNHCRFlüchtlinge