Das Internet nach Freiburg

Der Hass kennt keine Grenzen

Von Sebastian Eder
 - 15:57
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Die Geschichte der Diskussionskultur im Internet ist an Tiefpunkten nicht arm. Seit der Festnahme eines Flüchtlings nach dem Mord an Maria L. in Freiburg ist aber eine neue Dimension der Menschenverachtung erreicht worden. So heißt es über die Eltern des Opfers zum Beispiel: „Diese Eltern sind nicht besser als jene Eltern, die Ende 1944, Anfang 1945, voller Stolz auf ihre Söhne waren, die als eines der letzten Aufgebote Hitlers in den Tod geschickt wurden.“ Solche Sätze sind nicht irgendwo in den Untiefen des Internets verborgen. Sie stehen auf Seiten, die wie seriöse Medien daherkommen. Und weil seriöse Medien die Nachnamen des Opfers Maria L. nicht ausschreiben, landet man bei einer Google-Suche nach ihrem richtigen Namen direkt auf diesen Seiten.

Einer der ersten Treffer ist ein Beitrag auf der Seite „WikiMANNia“ zu der verstorbenen 19 Jahre alten Studentin. Die Seite erinnert in ihrer Aufmachung an das Online-Lexikon „Wikipedia“, tatsächlich wurde das Portal Medienberichten zufolge von Männern gegründet, die sich daran störten, dass ihre Einträge zum Thema „Maskulinismus“ bei „Wikipedia“ gelöscht wurden. Der Betreiber der Seite soll auch ein Forum namens „Wie viel Gleichberechtigung verträgt das Land?“ (wgvdl) betrieben haben. Aus diesem Forum stammt auch der oben zitierte Nazi-Vergleich, auf den unter dem Punkt „Zitate“ auf „WikiMANNia“ verwiesen wird.

Die Angriffe auf die Eltern des Opfers sind kein Einzelfall. Wie berichtet, ist der Vater von Maria L. ein hoher EU-Beamter und muss sich deswegen inmitten seiner Trauer Sätze wie diesen anhören: „Ich habe immer wieder gesagt: Bis die umdenken, muss es wohl mal die Tochter von irgendeinem dieser Typen erwischen.“ Den Satz sagt Oliver Janich in einem YouTube-Video, das schon über 100.000 Mal angeklickt worden ist.

Mit der Wahrheit hat die Hetze wenig zu tun

Von umstrittenen Webseiten wie „Epoch Times“ wird Janich als „investigativer Youtube-Journalist“ gefeiert. Tatsächlich verbreitete der ehemalige „Focus Money“-Redakteur früher Verschwörungstheorien zum 11. September. Dann soll er Mitglied eines Netzwerkes aus Aktienhändlern und Börsenjournalisten gewesen sein, das Insidergeschäfte betrieb. Bei „Focus Money“ wurde Janich 2010 als Redakteur beurlaubt, weil er Werbung für eine von ihm gegründete Partei, die „Partei der Vernunft", gemacht hatte. Jetzt schreibt er einen Blog und dreht erfolgreich YouTube-Videos, in denen er zum Beispiel darüber phantasiert, dass Kanye West ein politischer Gefangener sei, der von einer „Machtelite“ zwangspsychiatrisiert wurde. Außerdem hetzt er gegen Ausländer, sagt in dem Video über Maria L. zum Beispiel: „Muslime sind viel krimineller als der Durchschnitt der Bevölkerung.“ Dazu gebe es zwar keine offiziellen Statistiken, das könne man aber aus Aussagen von Polizisten „herauslesen“. Im Vergleich zu Deutschen werde ein „wesentlich höherer Prozentsatz“ an Flüchtlingen kriminell.

Mit der Wahrheit hat das wenig zu tun: Christian Pfeiffer, der ehemalige Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen sagt: „Nationalität spielt bei Kriminalität keine Rolle.“ Auch die ersten flächendeckenden Zahlen zur Kriminalität von Zuwanderern zeigen nach Darstellung des Bundesinnenministeriums, dass die Gruppe nicht mehr Straftaten begeht als andere. Der jüngste Bericht des Bundeskriminalamts (BKA) zu dem Thema bestätige eine entsprechende Kernaussage einer früheren Erhebung vom Februar, sagte eine Ministeriumssprecherin laut „Zeit Online“ im Juni: „Zuwanderer sind nicht krimineller als Deutsche." Bundesinnenminister De Maizière sagte dagegen heute, die Kriminalität bei Nordafrikanern sei weit überdurchschnittlich, bei Syrern jedoch unterdurchschnittlich. Konkrete Zahlen nannte er dazu nicht.

„Der Herr Schulz hat mit gemordet“

Für Janich sind aber nicht nur die Ausländer schuld, sondern vor allem die, die sie ins Land gelassen haben: „Der Herr Schulz hat da (in Freiburg) mit gemordet“, sagt er. Gemeint ist der Präsident des EU-Parlaments Martin Schulz (SPD). Auf die EU-Eliten haben es auch andere rechte Seiten abgesehen, zum Beispiel der Blog „Bayern ist frei“. Er ging aus einer Abspaltung von Pegida München hervor und wurde von dem ehemaligen NPD-Funktionär Stefan Werner ins Leben gerufen. Auf einem Beitrag auf seiner Seite ist ein Bild des Vaters von Maria L. zu sehen. Seine Tochter, so heißt es in dem Text, sei nicht nur vom Schulsystem „zur richtigen Gesinnung“ erzogen worden (weil sie sich für Flüchtlinge einsetzte), sondern auch von ihrem Vater: „Marias Vater ist ein führender Schriftgelehrter der Europäischen Menschenrechtszivilreligion und insoweit womöglich sogar eine Schlüsselfigur der europäischen Staatsschlepperei-Politik, aus der die meisten Freiburger Asylbewerber kommen (...).“

Vorgeworfen wird ihm auch, dass er nach dem Mord an seiner Tochter in der Traueranzeige der Familie zu Spenden für die Studenteninitiative Weitblick aufrief, in der sich Maria L. engagiert hatte. Auch der Verein kommt nicht zur Ruhe: Man werde mit Hass-Posts konfrontiert, die rassistische, beleidigende und teilweise strafrechtliche Aussagen enthielten, heißt es bei Weitblick. Deshalb habe der Verein seine Facebook-Seite vorübergehend vom Netz genommen. Man werde sich aber weiter sozial engagieren, auch für Flüchtlinge.

Blutige Hände, die die Merkel-Raute bilden

Unter den ersten „Google“-Treffern, wenn man nach der getöteten Studentin sucht, ist auch die Seite „Politaia“, die laut Impressum aus Uruguay betrieben wird. In den „Politaia“-Artikeln geht es viel um Verschwörungstheorien, Artikel finden sich zum Beispiel zu den Kategorien „Chemtrails“ oder „Klimaterror“. Zur Flüchtlingsfrage wird geschrieben: „Mehr als 50 Millionen schwarzafrikanische Arbeiter sollen nach einem geheimen Plan der EU in den nächsten Jahren nach Europa geholt werden.“

Der Artikel über Maria L. ist überschrieben mit: „Geschändet und abgeschlachtet“. Dazu gibt es ein Video, das Startbild zeigt blutige Hände, die die Merkel-Raute bilden. Dann wird ein Beitrag von „N24“ über den Mord gezeigt, danach wird der Bildschirm schwarz, ein weißer Schriftzug erscheint: „Und jetzt das, was die Lügenpresse uns verschweigt.“ Was das ist? „Marias Vater war ein hochbezahlter EU-Bonze“, zum Beispiel. Außerdem sei er ein „Pseudo-Christ“, der Vorträge über „religiöse Vielfalt“ halte. Und bei „Politia“ weiß man natürlich, was sich hinter dieser „Chiffre“ versteckt: „ISLAMISIERUNG!“ Das Fazit: „Auch die Beamten-Elite zahlt ihren Preis für ihre Mittäterschaft bei Merkels Hochverrats-Politik.“ Genau wie viele Nazis im Zweiten Weltkrieg ihre Söhne verloren hätten, würden viele „Merkel-Treue“ jetzt eben ihre Kinder verlieren.

Eine Flut von Hasskommentaren

So schlecht einem werden kann, wenn man solche Sätze liest, Angela Merkel wird nicht nur von offensichtlich Verrückten für die Tat verantwortlich gemacht. Auch Jörg Meuthen von der AfD sagt: „Entscheidende Mitverantwortung für diese grausame Tat und viele andere ,Einzelfälle', die seit der ungehinderten Einreise illegaler Einwanderer täglich in Deutschland passieren, trägt Frau Merkel und ihr Unterstützer in der großen Koalition, Sigmar Gabriel.“

Meinungsbildung
Merkel sorgt sich um Manipulation im Internet
© AFP, reuters

Wozu die Hetze im Internet führt, hat man bei der „Badischen Zeitung“ erlebt. Auf der Facebook-Seite des Freiburger Mediums brach nach der Berichterstattung über den verdächtigen Flüchtling „eine Flut von Hasskommentaren“ herein. Auf ihrem Online-Auftritt hat die Redaktion einen Querschnitt aus den mehr als zehntausend Kommentaren veröffentlicht, der – wie es die BZ treffend beschreibt – „fassungslos macht“. Ein paar Beispiele: „wird zeit das Merkel am Galgen hängt." „Für solche Fälle gehören noch mal solche speziellen DUSCHEN eingerichtet." „Das Blut klebt auch an Bahnhofsklatschern wie dir, die den Islam mit all seinen negativen Begleiterscheinungen hier willkommen heißen." „Merkel gehört über Afghanistan ausm Flugzeug geworfen."

Bundeskanzlerin Angela Merkel lassen solche Kommentare nicht kalt, auf dem CDU-Parteitag in Essen sagte sie gerade: Im Internet „fallen manchmal alle Hemmungen, wie ich es mir in diesem Ausmaß niemals hätte vorstellen können“. Sie kritisierte eine massiv zunehmende Aggressivität, die sich etwa durch zahlreiche Hassbotschaften im Internet zeige. „Manchmal hat man den Eindruck, dass auch einige, die schon immer hier in Deutschland leben, dringend einen Integrationskurs nötig haben.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenbild/ Sebastian Eder
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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