Oberursel

Flüchtlings-Container auf dem Schrott

Von Bernhard Biener
 - 11:41

Die Stadt, die sich selbst gern Brunnenstadt nennt, ist um eine Attraktion ärmer. Sie hatte Oberursel große Beachtung, aber keinen Ruhm beschert. „Damit sind wir weltweit durch die Presse und das Fernsehen gezogen worden“, sagte gestern Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD). Was die Leser und Zuschauer zu sehen bekamen, waren angerostete Containerwände, wellige Linoleumböden, Wasserflecken und verdreckte Küchen. Die Flüchtlingsunterkunft an der Karl-Hermann-Flach-Straße taugte über Jahre hinweg als Illustration für den fragwürdigen Umgang mit schutzsuchenden Menschen. Diese Zeiten sind endgültig Geschichte. Anstelle der alten Unterkunft sind zwei dreigeschossige Neubauten entstanden, ein dritter wird im Frühjahr fertig.

Nicht weniger erleichtert als Brum äußerte sich die Kreisbeigeordnete Katrin Hechler (SPD) über den Neuanfang im Gewerbegebiet An den Drei Hasen. Denn zuständig für die Unterkunft ist der Hochtaunuskreis, nicht die Stadt. „Hier können wir guten Gewissens für die nächsten 25 Jahre Menschen unterbringen“, sagte Hechler in einem der bezugsfertigen Häuser. So lange wurden zwar auch die alten Container belegt. Nur waren sie überhaupt nicht dafür vorgesehen.

Treppen aus Stein und gedämmte Wände

Die neue Unterkunft ist ebenfalls aus Fertigteilen zusammengesetzt worden. Doch die steinernen Treppen und gedämmten Wände sind auch tatsächlich auf eine lange Nutzung ausgelegt. Die Hochtaunus Baugenossenschaft, die sie über eine Tochterfirma errichtet hat, vermietet sie für 20 Jahre an den Kreis.

In den oberen Stockwerken gibt es jeweils zehn Zimmer für zwei Personen, zwei Sanitärräume, zwei Küchen und einen Gemeinschaftsraum. Im Erdgeschoss steht noch ein Wasch- und Trockenraum zur Verfügung. Im mittleren Gebäude wird das Deutsche Rote Kreuz ein Büro beziehen, das die Betreuung in der Unterkunft übernimmt und sich in einem Interessenbekundungsverfahren zusammen mit der Hochtaunusbau beworben hat. Mit dieser Kombination habe man schon am Niederstedter Weg in Bad Homburg gute Erfahrungen gemacht, sagte die Sozialdezernentin des Kreises.

In den nächsten Wochen könnten die ersten 108 Bewohner einziehen. Wenn das dritte Haus im Frühjahr fertig werde, gebe es weitere 54 Plätze. Da in der alten Unterkunft gut 200 Personen lebten, ist ganz in der Nähe an der Oberen Zeil ein weiteres Gebäude mit mehr als 50 Plätzen entstanden, das vom Gemeinnützigen Siedlungswerk GSW errichtet wurde.

Das Ende der alten Container war vom Kreistag mehrfach beschlossen worden. Bürgermeister Brum erinnerte an einen der Gründe, warum sie sich trotzdem so lange gehalten hätten. „Gemeinschaftsunterkünfte dieser Größe galten als Auslaufmodell“, sagte er. „Vor drei Jahren haben alle gedacht, darauf könnte man verzichten.“ Das habe aber schon damals nicht funktioniert und mit den steigenden Flüchtlingszahlen erst recht nicht. Mit dem Neubau komme die Politik endlich wieder „vor die Lage“, sagte der Kreistagsvorsitzende und Oberurseler Landtagsabgeordnete Jürgen Banzer (CDU). „Wir können wieder agieren und nicht nur reagieren.“ Am anhaltenden Bedarf gebe es keinen Zweifel, dazu müsse man nur in Richtung Türkei schauen.

Banzer nannte es eine „selbstverständliche Pflicht“, dass der „auf Rosen gebettete Hochtaunuskreis“ anständig mit Menschen umgehe, von denen zunächst einmal niemand freiwillig komme. Danach müsse man juristisch bewerten, wer tatsächlich bleiben könne. Ihm fiel es bei der Eröffnung der Neubauten nach eigenem Eingeständnis schwer, seine Funktionen auseinanderzuhalten. Denn Banzer ist auch Kreisvorsitzender des Roten Kreuzes und Aufsichtsratsvorsitzender der Hochtaunusbau. Letztere wird nach Worten ihres Vorstands Bernd Arnold gut sieben Millionen Euro in die drei Häuser einschließlich Außenanlagen investieren.

Mit einem Sozialarbeiter und einem Hausmeister werde sich das Rote Kreuz um die Bewohner der ersten beiden Häuser kümmern, sagte der Bereichsleiter Soziale Dienste, Sebastian Fischer. Hierfür gelte ein Betreuungsschlüssel von 1:100. Um Vertretungen besser regeln zu können, biete sich eine Kooperation mit der Unterkunft am Niederstedter Weg in Bad Homburg an. Obdachlose der Stadt Oberursel, die in einem Teil der alten Unterkunft lebten, werden hier künftig nicht mehr untergebracht. Für drei habe man noch Plätze im GSW-Gebäude reserviert, sagte der Oberurseler Sozialdezernent Thorsten Schorr (CDU). Auch anerkannte Asylbewerber, um die sich die Stadt und nicht der Kreis kümmern muss, lebten in den alten Containern. Sie sind in Mobilheime an der Marxstraße umgezogen. Für einige von ihnen habe man inzwischen Wohnungen gefunden, sagte Schorr. „Wir haben immer gesagt, die Mobilheime sind eine Übergangslösung.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Biener, Bernhard
Bernhard Biener
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.
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