Fraktur

Stark, stärker, Söder!

Von Berthold Kohler
 - 11:59

Bayern, selbst der südliche Teil, ist einfach ein Paradies. Der Schweinsbraten ist rescher, der Fußball besser und der Schnee, ja mei der Schnee, der ist so viel weißer als im Rest der Republik, von seiner Höhe ganz zu schweigen. Und jetzt bekommen unsere Landsmänner und -frauen auch noch einen Franken als Landesvater! Gut, er kommt nur aus Nürnberg. Aber, wie sagt man bei uns in Oberfranken: Auch für einen Mittelfranken muss man seinem Herrgott danken.

Wie soll man es bei diesem Segnungsgefälle eigentlich noch im hessischen Exil aushalten? Das geht nur in der Hoffnung, dass sich im Zuge der Verrücktheiten, die der Klimawandel mit sich bringt, im Rhein-Main-Gebiet wenigstens beim Wetter etwas zum Guten wendet.

Die keimte bei uns am vergangenen Sonntag zart wie ein Schneeglöckchen, als auf dem sonnigen Berliner Flughafen verlautete, der Flieger nach Frankfurt werde eine Stunde Verspätung haben. Wegen Schneefalls. In Frankfurt. Schneefall in Frankfurt! Schon am Ersten Advent! Wie groß war da erst die Freude, als es nach drei Stunden des gespannten Schweigens hieß, der Schneefall halte immer noch an. Ski, Rodel und Lufthansa gut!

Ein Gate für Flüge nach Hogwarts?

Während eine Maschine nach der anderen mit neidischen Passagieren nach München startete, wo wohl wieder dieser Unberechenbare gewütet hatte (nicht Seehofer, der Föhn), schickten zwei Bedienstete – sie trugen keine Uniformen, könnten dem Akzent nach aber früher bei der syrischen Luftwaffe gewesen sein – die Frankfurt-Reisenden zum Aufwärmen für den bevorstehenden Winterspaß schon einmal von einem Gate zum anderen. Darunter war auch eines, das wohl für die Flüge nach Hogwarts reserviert ist; für den einfachen Economy-Muggel war es jedenfalls nicht sichtbar.

Aber Bewegung ist gut gegen Thrombosen, man saß ja schon lange und nah beieinander. Und ein bisschen Fasten hat vor Weihnachten auch noch niemandem geschadet. Die Passagiere, inzwischen zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengewachsen, behalfen sich mit dem Austausch von Viren und Bazillen.

Als die Maschine dann mit fünf Stunden Verspätung abhob, war das Lichtlein, das daheim auf dem Adventskranz brannte, zwar nur noch ein Häufchen Wachs, unsere Erwartungen in Sachen Frankfurt, ein Wintermärchen aber feldberghoch. Sie wurden nicht enttäuscht. Der Frankfurter Flughafen war tatsächlich so tief verschneit, dass man kaum noch die Grasspitzen neben der Landebahn sehen konnte.

Berthold Kohler: „Fraktur“
Berthold Kohler: „Fraktur“

Gesammelte Glossen. Mit Zeichnungen von Wilhelm Busch. Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt a. M. 2017. 200 Seiten, Leinen geb., 17,90 €.

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Wir finden daher, dass es jetzt wirklich an der Zeit ist, dem „Fraport“ einen richtigen Namen zu geben, der klar macht, dass unsere Start- und Landepisten auch ohne Schneekanonen schon Anfang Dezember absolut schneesicher sind. Wie wäre es mit „Roald-Amundsen-Airport“? Oder mit „Tolmatschowo Zwo“?

Um Bayern kümmern sich jetzt „die Stärksten“

Völlig berechtigt finden wir nach diesem starken Stück auch, dass die Lufthansa von der Unternehmensberatung Skytrax zur Fünf-Stunden-Airline hochgestuft wurde. Oder waren es fünf Sterne? Würde ja auch passen: Wer fliegt so spät durch Nacht und Wind ...

Doch zurück nach Bayern, wo jetzt „die Stärksten“ (so Söder über sich; als bayerischer Einser-Abiturient beherrscht er natürlich den Pluralis Majestatis) das Paradies noch paradiesischer machen wollen. Stark, stärker, Söder: Der eingeschlagene Weg sei ein „starker und guter“, Bayern habe im Vergleich zu anderen immer noch „die stärksten Ergebnisse“ (na, na, zuletzt jedenfalls nicht beim Schneefall).

Und dass Joachim „Balu“ Herrmann bayerischer Innenminister bleibe, sei eine „absolute Stärkung“ für die Landtagswahl. Das stimmt in jedem Fall. Wer war bloß darauf gekommen, Herrmann zum CSU-Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl zu machen, was doch voll in die Hose ging? Seehofer kann es nicht gewesen sein, denn der ließ ja CSU-Plakate mit dem Konterfei der Kanzlerin drucken.

Selbst Markus der Starke wird also darauf achten müssen, wen Parteichef Seehofer vor der Landtagswahl aufhängen lässt, rein plakatmäßig. Vielleicht den verlorenen Sohn aus Amerika? Es ist auch wirklich viel zu lange her, dass ein Oberfranke bayerischer Ministerpräsident war. Zur Not könnte man Guttenberg erst einmal auch nur zum Parteichef machen, wenn Seehofer endgültig genug vom Schmutzeln hat. Spätestens dann würde Söder auf dem Fasching in Veitshöchheim wahrscheinlich als Wilhelm Tell erscheinen („Der Starke ist am mächtigsten allein“). Oder als Götz von Berlichingen.

Quelle: F.A.Z.
Berthold Kohler
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