Fraktur

Eine Hand die andere

Von Berthold Kohler
 - 16:51

In der Politik spielt die Hand natürlich nicht eine so große Rolle wie in der Wirtschaft, wo sie segensreich immer alles zum Besten wendet, obwohl man sie nicht einmal sehen kann, jedenfalls nicht in Marktwirtschaften. Und das hätte der alte Marx erkennen sollen, so kurzsichtig, wie er war, was ja schon seine Prognosen zeigen? Der hat ja nicht mal geblickt, welches Unglück in seinem Namen über die Menschheit gebracht werden würde, zuletzt in Gestalt dieser Statue in Trier. Immerhin hat deren Schöpfer Marx aber nicht mit zusammengekniffenen Augen dargestellt, obwohl der Künstler doch Chinese ist und ja auch Jesus Christus in manchen oberbayerischen Darstellungen aussieht, als sei er nicht in Bethlehem geboren worden, sondern in Altötting.

Doch zurück zur Hand und ihrer Rolle in der Politik, die an Bedeutung zu gewinnen scheint, wenn auch nicht in steuernder, so doch wenigstens in symbolischer Hinsicht. Auch dabei hatte die Kanzlerin nicht nur eine Hand im Spiel, sondern beide oberen Extremitäten. Was wurde nicht alles in die Merkel-Raute hineininterpretiert, die in Wahrheit ja gar keine ist, wie jeder weiß, der in Geometrie aufgepasst hat. Also doch ein Erkennungszeichen für einen Geheimbund? Wer das für abwegig hält, sollte sich einmal genau Putins neues Autokennzeichen ansehen, auf dessen verschlüsselte Botschaften uns ein Leser aufmerksam machte. Auch Vergleiche zwischen Merkel- und Mariendarstellungen wurden schon angestellt.

Angesichts dieses Unsinns könne man sich nur mit der Hand an den Kopf fassen, befand freilich ein ausgewiesener Fachmann für Körpersprache. Es verhalte sich ganz anders: Mit der aus ihren Fingern gebildeten umgekehrten „Schutzpyramide“ leite die Kanzlerin Angriffe und Einwände nach unten ab. Endlich einmal kein Handversagen! Merkels Pyramiden-Zauber hat sich im Gegenteil als derart wirksam erwiesen, dass man sich wirklich fragen muss, warum ihn nicht mehr Koalitionspolitiker anwenden – wo doch in der Politik auch sonst eine Hand die andere wäscht.

Das weiß niemand so gut wie der größte Dealmaker aller Zeiten, der deswegen auf der Jahrestagung der „National Rifle Association“ gleichsam noch einmal beteuerte, sich eher die Hand abhacken zu lassen, als Handfeuerwaffen zu verbieten. Bei dieser Gelegenheit demonstrierte Trump eigenhändig, wie vor drei Jahren die Terroristen in Paris nacheinander ihre Opfer erschossen – weil niemand das Feuer erwiderte: „Bumm, komm her, bumm, komm her, bumm, komm her“. An dieser Stelle seiner Rede wurde mehr als deutlich, wie sehr der Präsident unter dem anhaltenden Spott leiden muss, kleine Hände zu haben. Denn, Hand aufs Herz: Die Pistole, die Trump mit Daumen und Zeigefinger nachbildete, sah nun wirklich eher wie eine Deringer aus denn wie ein Colt Peacemaker. Aber auch für dieses Handicap gibt es eine Lösung. Man muss Trump eben nur sagen, dass er die größten kleinen Hände der Welt habe – das sollte in seinen Ohren doch klingen wie Handkäs mit Musik.

Und am Ende kommt es ohnehin nur darauf an, wem die Ehre zuteil wird, Trumps Händchen ergreifen zu dürfen. Kim Jong-un scheint dafür sogar den Neubau seines zusammengebrochenen Atomtestgeländes verschieben zu wollen. Der Amerikaner und der Nordkoreaner Hand in Hand – dieses Bild wird zu einer Ikone werden wie damals im Fall von Kohl und Mitterrand, auch wenn diesmal der Größenunterschied noch stärker auffallen wird, was freilich die Ähnlichkeit der Frisuren wieder wettmachen dürfte.

Die Bedeutung solcher Szenen ist natürlich auch dem Kreml bewusst. Daher durften nur drei Männer nach der Inthronisation des Zaren Wladimir dessen frischgesalbte Hand schütteln: Patriarch Kyrill, Putins treuer Eckart Medwedew und sein noch verlässlicherer Vasall Schröder. Letzterer war einmal, auch wenn man das angesichts solcher Bilder kaum noch glauben mag, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er war damals stolz auf seine „Politik der ruhigen Hand“. Als Rentner verfolgt Schröder nun eher eine Politik der aufgehaltenen Hand. Da hat der Zar für ihm ergebene Gefolgsleute einfach mehr zu bieten als die undankbare Vierte Republik (in der Zählung nach Hartz) mit ihrer kargen Pension. Und wie heißt es doch so schön: Ist der Ruf erst ruiniert, hantiert es sich ganz ungeniert – weil auch der Blick in den Spiegel nicht mehr irritiert.

Quelle: F.A.Z.
Berthold Kohler
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