Fraktur

Der Leberhaken zeigt Wirkung

Von Berthold Kohler
 - 15:19

König Fußball ist tot, es lebe sein Nachfolger, das Boxen! Man hatte sich ohnehin schon gefragt, warum Politiker beim fieberhaften Suchen nach möglichst abgedroschenen Phrasen bevorzugt auf dem Fußballplatz herumtrabten, wo doch der Faustkampf Mann gegen Mann und natürlich auch Frau gegen Frau ihrem Geschäft viel ähnlicher ist als das geerdogante Geschiebe auf dem Hybridrasen. Die „krachende Niederlage“ der SPD in Nordrhein-Westfalen – Martin Schulz hat sich wohl noch nicht ganz an das neue Vokabular gewöhnt; er meinte den Knockout in der dritten Runde – war denn auch nicht mehr mit dem üblichen Quatschiquatschi zu fassen, das man nach jedem müden Bundesliga-Kick hören kann, also etwa: Unser neuer Superstürmer fand trotz Heimvorteil keine Bindung zum Spiel. Oder: Unsere Spielmacherin hat die Räume nicht genutzt. Oder: Die lasche Taktik der gegnerischen Mannschaft hat uns überrascht. Nein, die Mutter aller Wahldebakel verlangte nach stärkeren Metaphern, in denen der Schweiß und das Blut bis in die Zuschauerränge spritzt, mitunter begleitet von ein paar Zähnen. Und diese Dramatik liefert, wenn man in den Grenzen der legalen Körperverletzung bleiben will, nur ein AfD-Parteitag oder eben das Boxen.

Der Erste, der von einem „Leberhaken“ für die SPD sprach, war Ralf Stegner. Er sah dabei aus, als hätte er kurz zuvor selbst einen verpasst bekommen, und zwar von Klitschko. Freilich hat Stegner oft so einen gequälten Gesichtsausdruck. Eine treue Leserin dieser Zeitung merkte dazu einmal voller Mitgefühl an, der SPD-Linke sehe so aus, als habe er das Sodbrennen erfunden. Es scheint ihn besonders zu plagen, wenn er hinter Schulz steht. Das sollte mal jemand dem Kanzlerkandidaten sagen, denn anders als beim Boxen kommt die Gefahr in der Politik ja oft von hinten, aber ebenfalls schlagartig.

Auch Schulz selbst versuchte sich am Tag nach dem „Wirkungstreffer“ mit dem plastischen Bild vom Leberhaken über die Runden zu retten. Ihm diente es freilich vor allem dazu, seine Nehmerqualitäten herauszustellen. Abstinenzler stecken solche Schläge auch leichter weg. Zudem ist Schulz, wie er sagte, „ein Streetfighter“. Er wird der SPD bestimmt ein anderes Kraft-Training verordnen. Endlich wieder ein Straßenkämpfer mit dem Herzen eines Boxers in der deutschen Politik! Seit Joseph Fischer hatten wir ja keinen mehr, und selbst der setzte im Straßenkampf eher auf Distanzwaffen.

Apropos Geschosse: Jürgen Trittin bekannte am Wahlabend bei Anne Will doch allen Ernstes: „Ich freue mich, dass es der jetzige (rot-rot-grüne) Senat geschafft hat, die Berliner Polizei mit neuen und anständigen Schusswaffen auszustatten.“ Damit werde „eine dramatische Unterausstattung der Polizei beendet“. Das klingt ganz so, als hätten die Berliner Cops jetzt alle Dirty Harrys 44er Magnum als Dienstwumme. Wow, was für eine rechte Gerade für einen ehemaligen Ultralinken! Trittin wird doch nicht noch enden wie Horst Mahler? Wenn wir dank den Grünen und ihrem Plädoyer für Aufrüstung doch noch das Zwei-Prozent-Ziel der Nato erreichten, würden wir aber auch das in Kauf nehmen.

Was der Wähler mit so einem ansatzlosen „Schlag in die Magengrube“ der Politiker (Katrin Göring-Eckardt) doch alles bewirken kann! Unsere Lehrer glaubten noch, nur Schläge auf den Hinterkopf erhöhten das Denkvermögen. Trittin ging da lieber auf Nummer sicher und deckte seine Freunde und Freundinnen in Nordrhein-Westfalen, die ihm jetzt nicht mehr grün sein werden, mit einer Reihe von Rechts-links-Kombinationen zum Kopf und zum Körper ein. Nun muss er aber aufpassen, dass Sylvia Löhrmann ihm bei der nächsten Zusammenkunft nicht ein Ohr abbeißt.

Denn auch im Ring der Politik ist ja alles möglich, und in der „Herzkammer“ der SPD offenkundig noch mehr als das. Bereitet Generalsekretärin Barley mit der Verwendung dieses wunderschönen Bildes die Öffentlichkeit schon darauf vor, dass die SPD nach der nächsten Niederlage im September zu Metaphern aus der Anatomie greifen wird? Man will ja unverwechselbar sein. Doch gerade wenn die Sozialdemokratie bei der Bundestagswahl wieder so einen Tiefschlag verpasst bekommen sollte, würden wir dringend empfehlen, bei den Begriffen aus dem Boxsport zu bleiben. Unterhalb der Gürtellinie hat der menschliche Körper zwar auch drastische Metaphern zu bieten, aber kaum noch Poetisches.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kohler, Berthold (bko./Koh.)
Berthold Kohler
Herausgeber.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenJürgen TrittinMartin SchulzRalf StegnerNordrhein-WestfalenPolizeiSPDFußball