Fraktur

Die Ersten werden die Letzten sein

Von Berthold Kohler
 - 12:05

Der Erste seines Namens, das kennt man aus dem Geschichtsunterricht und „Game of Thrones“, hat es besonders schwer. Er darf ja üblicherweise noch nicht einmal der Erste heißen, weil man nicht weiß, ob es einen Zweiten geben wird. In den amerikanischen Präsidentendynastien gilt das sogar schon für den second term. Weil selbst zentimeterdickes Blattgold den Schmerz der verweigerten Anerkennung nur vorübergehend kühlt, ist es nicht verwunderlich, dass Präsident Trump („Donald first!“) meint, quasi als serieller Ersttäter jeden Tag Dinge tun oder twittern zu müssen, die noch keiner vor ihm gesagt oder getan hat, jedenfalls nicht als Präsident. Er nannte das einmal trefflich – und natürlich als Erster – „unpresidented“.

Günther Jauch müsste jauchzen über das Material, das Trump ihm schon für die nächsten tausend Sendungen „Wer wird Millionär?“ geliefert hat, frei Haus. Was lassen sich daraus für Fragen schmieden! Etwa: Wer war der erste amerikanische Präsident, der einen Atomkrieg gegen Nordkorea probte, indem er sein Publikum mit Küchenrollen bombardierte? (Das wäre übrigens eine gute Gelegenheit für Trump gewesen, über den Geruch von Napalm am Morgen zu schwärmen – Plutonium riecht ja nicht besonders -, aber das hat ein anderer zuerst gesagt.) Oder: Welcher Präsident forderte erstmals von seinem Außenminister nachträglich die Vorlage seines Intelligenzquotienten, um zu beweisen, dass er der größere Depp ist, wahrscheinlich sogar der größte, der jemals im Weißen Haus amtierte? Oder auch diese noch: Welcher Amtsinhaber sagte keinen Ton zum Harvey-Weinstein-Skandal, vermutlich, weil er die ganze Aufregung nicht verstand?

Auch Trumps Gattin kam zu diesen unfassbaren Vorgängen, die Hollywood völlig überraschten, noch kein öffentliches Wort über die Lippen. Melania hat ja auch genug mit ihrem eigenen Kampf um Platz 1 unter den amerikanischen Frauen zu tun. Kommt da doch diese aufgetakelte Ex daher und behauptet frech, als Trumps erste Ehefrau mit immer noch einer besonderen Beziehung zu diesem Hecht im höchsten Amt sei sie eigentlich die „First Lady“! Das ließ ihr Melania aber sowas von nicht durchgehen! Recht so! Am Ende behauptet Ivana noch, ihr stehe im Weißen Haus eine Art ius primae noctis zu. Und wer weiß, wie viele Slawinnen höheren Semesters sonst noch aus ihren Trailerhomes stöckeln und behaupten, auch sie seien schon einmal Trumps first lady gewesen, jedenfalls an jenem schönen Tag im Mai vor dreißig Jahren, an Thanksgiving 1997 usw. (man erinnere sich an Trumps einschlägige Äußerungen und an den Grund für die Scheidung von Ivana).

In Deutschland gibt es solche Szenen mehrerer Ehen zum Glück nicht. Hier ist seit zwölf Jahren klar, wer den Hosenanzug anhat. Ob Männlein oder Weiblein, Schulz oder Seehofer: Sie kommen und gehen, Merkel bleibt bestehen. Unsere Erste Frau kann in dieser Zeit eine eindrucksvolle Anzahl von Erstbesteigungen vorweisen. Sie ist nicht nur die erste deutsche Kanzlerin überhaupt, sondern auch die erste, die sich, wenn ihr auch noch diese Jamaika-Nummer glückt, schon fast alle möglichen Koalitionskombinationen an ihre Trophäenwand hängen kann, gleich neben die erledigten Kanzlerkandidaten. Nur ein Bündnis mit Linkspartei und AfD fehlte ihr dann noch in ihrer imposanten Sammlung. Das halten Sie für ausgeschlossen? Na ja, das sagten viele auch zum Atomausstieg und zur Ehe für alle. Außerdem sind Wagenknecht und Gauland mindestens so scharf auf einen Dienstwagen (für Gauland mit Stander und Kettenkradeskorte) wie Göring-Eckardt und Kubicki.

Klar, dass bei dem Tempo, das die Kanzlerin an der Spitze der Karawane vorgibt, nicht jeder mitkommt. Horst, der Erste seines Namens, ist da leider keine große Orientierungshilfe mehr, wenn er es je war. Ein Ortsverband der CDU hat in dieser tiefen Not nun sogar einen unserer Redakteure gebeten, doch einmal zu erklären, was konservativ bedeute. Hoffentlich sind die Christlichen Demokraten wenigstens noch bibelfest. Im Buch der Bücher steht nämlich geschrieben, dass man sich nicht immer nach vorne drängen soll, weil das kontraproduktiv wirken kann. Im Matthäus-Evangelium heißt es: „So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten. Denn viele sind berufen, wenige aber sind auserwählt.“ Wir können uns gut vorstellen, dass Markus Söder diese Stelle jeden Sonntag mehrfach liest und danach inbrünstig „Amen!“ sagt. Trump, der gleich auf zwei Bibeln schwor, scheint davon aber noch nie gehört zu haben, obwohl ja auch schon das Neue Testament als leicht verständliche Twitter-Fassung vorliegt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kohler, Berthold (bko./Koh.)
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