Fraktur

Du bist terminiert

Von Berthold Kohler
 - 15:44

Helmut Schmidt ist nicht mehr das Problem. Die Bundeswehr-Universität, die seinen Namen trägt, hat das Bild, das ihn in Wehrmachtsuniform zeigt, schon abgehängt. Und die Umbenennung der Hochschule, die nach diesem schockierenden Fund unvermeidlich erscheint, wird sicher nicht lange auf sich warten lassen.

Doch was machen wir mit den anderen Altlasten, die im Zuge der Leyenschen Säuberung zu Tage gefördert werden? Im Bendlerblock öffentlich auf einem Haufen verbrennen geht schlecht. Stahlhelme haben einen hohen Schmelzpunkt. Zweitens stellte ein solches Reinigungsfeuer bestimmt einen Verstoß gegen die Feinstaubverordnung dar. Und drittens würde eine Übergabe an die Flammen an eine Tradition anknüpfen, mit der wir nun wirklich vollkommen gebrochen haben.

Helme, Hosenträger und Karabiner könnten wir auch den Peschmerga schenken. Doch die haben wir schon mit weit moderneren und vor allem lupenrein demokratischen Sturmgewehren ausgestattet, die sich als besonders gut geeignet für den Kampf in der Wüste erwiesen haben. Damit darf sich wohl wenigstens das G36 als voll rehabilitiert betrachten.

Nein, es bleibt, damit am Ende nicht noch eine Verteidigungsministerin über die überall herumliegenden Militaria stürzt, nur die Verbringung des Teufelszeugs in ein Endlager für hochgefährlichen Sondermüll, wo man es mindestens bis 2433 sicher verwahren können muss, was angesichts seiner Halbwertszeit von 500 Jahren die absolute Untergrenze darstellt. Die Kavernen müssten auch eine gewisse Größe haben, denn keinesfalls darf man die weit größeren Wehrmachtsbestände vergessen, die in den Kellern, Schrebergärten und Vereinsheimen der sogenannten Zivilgesellschaft gehortet werden. In Russland, wo in jedem Outdoor Store die Ausrüstung für die Eroberung einer Halbinsel zu bekommen ist, wird man freilich selbst über diese Sammlungen nur lächeln. In Putins Reich kann man sogar für Kindergeburtstage einen Sturmangriff auf den nachgebauten Reichstag buchen, damit die Kleinen die traditionsstiftenden Heldentaten von Stalins Roter Armee auf deutschem Boden nachspielen können. Doch auch auf hiesigen Flohmärkten lässt sich feldgraue Funktionskleidung nebst dazugehörigen Accessoires erwerben, wobei es sich dem Vernehmen nach oft um Reimporte aus Russland handelt. Auch unsere Sanktionslisten sind wohl auf dem rechten Auge blind.

Weil die Bundeswehr jetzt doch eine Schule der Nation werden soll, die aus Staatsbürgern in Wehrmachtsuniform endlich echte Demokraten macht, muss dort mit dem Ausräuchern der braunen Nester begonnen werden. Vor allem die SPD geht an diese Aufgabe ran wie Blücher (Befreiungskrieger sind o.k!), selbst wenn eine Partei-Ikone dran glauben muss. Denn „es geht darum“, so SPD-Generalsekretärin Barley in der Tagesschau, „rechtsradikale Tendenzen in der Bundeswehr ganz radikal auszumerzen.“

Dieses schmerzliche Beispiel zeigt uns, dass nicht nur die Kasernen, sondern auch unsere Sprachgewohnheiten noch einmal mit dem Hochdruckreiniger bearbeitet werden müssen. Denn auch der Wortschatz der Nazis kann ja in keiner Weise traditionsstiftend für uns Demokraten sein. Wenn aber selbst eine promovierte Juristin, die als Anwältin für Medizinrecht und als Richterin gearbeitet hat und an deren antifaschistischer Gesinnung kein Zweifel besteht, eine menschenverachtende Vokabel der Nationalsozialisten benutzt, dann ist wohl wirklich höchste Wachsamkeit geboten. Wer weiß, was in den Textbausteinen des SPD-Wahlkampfteams noch für Granaten aus der Nazizeit stecken? So harmlos erscheinende Begriffe wie „Menschen“, „intellektuell“ und „Kulturschaffende“ haben eine mindestens ebenso dunkelbraune Vergangenheit wie so mancher alte Stahlhelm. Wer das nicht glaubt, möge noch einmal „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ zur Hand nehmen.

Unerschütterliche Fans von Donald Trump werden jetzt vielleicht sagen, die so leichtfertig daherschwadronierende Barley solle sich ein Beispiel am amerikanischen Präsidenten nehmen. Der hat den FBI-Chef – den Trump, so muss man seine Äußerungen deuten, als gefährlichen Konkurrenten auf dem Feld der Aufschneiderei betrachtete – nämlich nicht „ausgemerzt“, sondern nur „terminiert“. Cineasten wissen, dass Trumps Satz „You are terminated“ aus einer Zukunft stammt, die mit unserer unseligen Vergangenheit nichts zu tun hat. Ihnen ist freilich auch bekannt, dass in dieser düsteren Zukunftsvision „Terminatoren“ die Menschheit schon fast ausgerottet haben.

bko.

Quelle: F.A.Z.
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