Fraktur

FC Bundestag gegen ZSKA Duma

Von Berthold Kohler
 - 08:45

Ja is denn scho WM?, würde der Kaiser jetzt vielleicht leicht verwundert fragen, wenn er nicht verstummt wäre, was wirklich schade ist, denn erst sein Schmäh macht eine WM doch so richtig schee, um einmal Wolfgang Ambros zu interpretieren. Aber nein, in Moskau traten am Freitag nicht schon unsere Profikicker mit der Absicht an, die im Spiel gegen Österreich verlorene Ehre Fußballdeutschlands zurückzugewinnen, sondern die Amateure aus dem Bundestag. Und was wollten die? Der FC Bundestag spielte gegen den ZSKA Duma, weil Fußball auch für den politischen Austausch als „Türöffner dienen“ könne, wie der deutsche Mannschaftskapitän (natürlich vom 1.FC Merkel) sagte. Es entstünden Möglichkeiten, „auch über kritische Themen ins Gespräch zu kommen“, ergänzte der talentierte, wenn auch schon etwas in die Jahre gekommene Linksaußenstürmer Oppermann.

Ob die Halbzeitpause aber für die vielen kritischen Themen reichte? Da nicht einmal bekannt wird, was die Kanzlerin mit Özil und Gündogan erörtert (Fragen der Staatsangehörigkeit?), wenn sie die Herren beim Abschwitzen besucht, können wir nur darüber spekulieren, was bei diesem außergewöhnlichen sportlich-politischen Kräftemessen in Moskau besprochen wurde.

Die Russen könnten Aufklärung darüber verlangt haben, was genau „nur ein Vogelschiss“ bedeuten sollte, schließlich fielen Hitler und den Nazis Millionen von Russen zum Opfer. Leider konnte Gauland das nicht selbst erklären, da er abermals nicht als rechter Verteidiger aufgestellt wurde. Brauchte im harten internationalen Geschäft nicht aber auch die Bundestagsmannschaft einen Ramos, der alles und jeden abräumt, um hinterher unschuldig lächelnd zu erklären, er verstehe die ganze Aufregung nicht, er habe doch nur die Grenzen des Machbaren ausdehnen wollen? Bei Gauland heißen sie „die Grenzen des Sagbaren“, die es auszuweiten gelte. Da ist ihm schon wieder einer dieser bedauerlichen „Fehler“ unterlaufen, die er einräumt. Denn natürlich hätte er von den Grenzen des Unsäglichen sprechen müssen.

Beim Thema Grenzverletzungen hätte Oppermann gleich einhaken und, während seine Waden massiert wurden, von den russischen Sportfreunden Auskunft erbitten können, was Putin im Sinn hatte, als er jetzt die Ukraine davor warnte, ihm bloß nicht sein Sommerpropagandamärchen zu vermiesen. Ukrainische Militäroperationen gegen die von Moskau unterstützten Separatisten würden „sehr schwere Folgen für die ukrainische Staatlichkeit insgesamt“ haben, drohte der russische Präsident. Das klang ziemlich nach Trump, als er Kim Jong-un noch mit der Drohung gefügig machen wollte, Nordkorea in die Steinzeit zurückzubomben, was den Nordkoreaner nicht sonderlich beeindruckte, denn da ist sein „shithole country“ ja schon. (Wieso müssen die Populisten eigentlich immer Fäkalbegriffe in den Mund nehmen?) Da hat die Verheißung, Nordkorea in ein einziges Fastfood-Restaurant zu verwandeln, doch eine ganz andere Wirkung auf den kleinen dicken Diktator, wie man am Dienstag sehen kann.

Auch im Falle Putins wirkt die Drohung etwas seltsam, da die Ukraine schon „sehr schwere Folgen für ihre Staatlichkeit“ von russischer Hand erdulden musste, als sie sich dem westlichen Modell von Demokratie und Gewaltenteilung zuwandte: Schwupp, war die Krim weg und die Ostukraine gleich mit. Da wäre es wirklich eine Provokation sondergleichen, wenn Kiew die Friedensspiele in Russland ausnutzen wollte, um im Osten des eigenen Landes wieder Recht und Ordnung herzustellen. Hätte der FC Bundestag also nicht eher in die Ukraine fahren und gegen die Störenfriede von Dynamo Kiew antreten müssen? Weil die etablierten Formate des Multilateralismus ohnehin gerade in ihre Elementarteilchen zerfallen, wäre es vielleicht sogar am besten, künftig eine Weltmeisterschaft der Parlamentsmannschaften zu veranstalten, um endlich einmal in aller Ruhe und Freundschaft über die kritischen Themen sprechen zu können. Dazu dürften dann allerdings die Verlierer nach Spielende nicht wie die Bayern beleidigt in den Katakomben verschwinden. Und Merkel müsste sich auf einen Anblick in der Kabine gefasst machen, wie er sich nun am Heiligen See in Potsdam bot, nachdem einem älteren Herrn die Kleider gestohlen worden waren, was wirklich kein Vogelschiss war, sondern gleich ein Fall für den Staatsschutz. Auch so gesehen, ist es vielleicht doch besser, wenn manche Tür geschlossen bleibt.

Quelle: F.A.Z.
Berthold Kohler
Herausgeber.
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