Fraktur

Gefundene(s) Fresse(n)

Von Berthold Kohler
 - 13:00

Hurra, die Fresse ist wieder da! Wir dachten schon, sie hätte mit Ronald Ich-kann-deine-Fresse-nicht-mehr-sehen Pofalla die Politik endgültig verlassen. Doch die neue Fraktionsvorsitzende der SPD, Andrea Nahles, verhalf ihr zu einem grandiosen Comeback. Da sieht man es: Die Wähler müssen den Parteien nur einfach mal so richtig auf die Schnauze geben, und schon reden unsere Politiker Klartext, was uns der Kanzlerkandidat der SPD ja für die Zeit nach der Wahl versprochen hatte. Im Wahlkampf hatte er noch so viel Kreide gefressen, dass er wie ein Wolfswelpe klang, der mit seiner Mutti kuscheln wollte. Am Wahlabend aber, da war in der Elefantenrunde the real Martin Schulz zu sehen, der selbst noch dem Großmaul Trump imponiert haben würde, wenn der nicht gerade wieder „Dr. Strangelove“ geschaut hätte, seinen zweitliebsten Film nach „Wie ein wilder Stier“, in dem auch ganz vielen Leuten die Fresse poliert wird.

Also wir verstehen nicht, warum sich jetzt alle so über Nahles empören. Hallo, ihr Aufgeregten, für die das jetzt eine innere Lichterkette ist: Die gehört zur guten SPD, nicht zur bösen AfD! Wir jedenfalls begrüßen es, dass die zukünftige SPD-Vorsitzende neben ihrem eigenen Verein auch noch den für deutliche Aussprache wiederbeleben will, den die CSU seit den Zeiten von Franz Josef Strauß und Karl-Theodor zu Guttenberg sowas von herunterkommen ließ. Es tun einem ja die Beißerchen weh, wenn man das Münchner Gestammel zu der Frage hört, wann der Altbauer ins Austragshäusl ausgesiedelt wird. Dabei gehört eine schnellere Abschiebung doch zu den zentralen Forderungen des Bayernplans.

Aber irgendwie scheint sich derzeit in der ganzen Welt eine allgemeine Verweichlichung auszubreiten. Trump hat Kim Jong-un schon drei Tweets lang nicht mehr einen debilen Halbstarken genannt, der verdampft gehöre. Und in Saudi-Arabien dürfen Frauen bald Auto fahren! Dürfen sie dabei aber auch etwas sagen? Ihre Fresse müssen sie schließlich weiter verhüllen, wie auch sonst alles. Dort, im finsteren Arabien, hätte die AfD mal ihre Bikini-Plakate aufhängen sollen! Diese Hoffnung scheint aber selbst Hugh Hefner aufgegeben zu haben.

Um die AfD, die immer für einen Kracher gut war, müssen wir uns jetzt wohl Sorgen machen. Wir erinnern uns noch daran, wie schnell damals, als die Grünen zum ersten Mal in den Bundestag einzogen, aus Systemgegnern Systemliebhaber geworden sind. Das fing damit an, dass sie nicht mehr vom Schweinesystem sprachen. Tja, wer einmal aus dem Staatstrog frisst...

Auch bei der AfD lässt die Wortwahl schon stark nach, seit ihre Abgeordneten erstmals den Tempel des Establishments betreten durften; das parlamentarische Sein bestimmt eben doch das Bewusstsein. Petrys Fahnenflucht hätte für Alexander Gauland, der bestimmt auch die Leistungen der Wehrmacht auf dem Gebiet der Standgerichtsbarkeit kennt, doch ein gefundenes Fressen sein müssen. Und was sagt er? „Wir sind halt ein gäriger Haufen und jetzt ist jemand obergärig geworden.“ Die Selbstbeschreibung als gäriger Haufen wollen wir, da wir erst neulich in einen solchen traten, nicht für unpassend erklären. Bei „obergärig“ fällt uns aber zuerst ein kühles Weißbier ein, also etwas sehr Erfreuliches. Ja mei, ist Gauland denn schon altersmilde geworden? Müssen wir ihn jetzt zum Jagen tragen? Dann hätte man ihn ja doch Alterspräsident werden lassen können.

Gerade bei verpassten Gelegenheiten wie dieser trauern wir sehr den Zeiten nach, in denen im Bundestag noch richtig gestritten wurde und ewige Sätze fielen wie „Mit Verlaub, Sie sind ein A..., Herr Präsident!“. Der Frau Nahles, die schließlich auch das Pippi-Langstrumpf-Lied nicht vergessen hat, würden wir nach diesem vielversprechenden Anfang den Rückgriff auf solche Klassiker der parlamentarischen Debatte zutrauen. Doch halt, gerade läuft die Meldung über den Ticker, dass sie „ab morgen kriegen sie in die Fresse“ nur im Spaß gesagt haben will. Ein Scherz, den sie auch noch bedauert??? Wir dachten, jetzt ist Schluss mit lustig! Mit Verlaub, Frau Nahles, das hätten Sie lieber nicht zurücknehmen sollen. Wir haben leider schon eine schreckliche Ahnung, was nächste Woche in Dresden gebrüllt werden wird: Lügenfresse.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kohler, Berthold (bko./Koh.)
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