Fraktur

Magische Marke

Von Berthold Kohler
 - 15:04

Hundert Tage können eine quälend lange Zeit sein, wenn man an unseren armen Friedrich III. denkt, der allerdings nur auf 99 kam, weil damals, wie es in Berlin hieß, der Kaiser schon wieder gestorben war. Verglichen mit den Regentschaften von Queen Victoria oder Kanzlerin Angela sind gut drei Monate freilich nur ein Wimpernschlag, weswegen man sich fragt, warum immer noch so ein Bohei um diese Frist gemacht wird, wo es doch auch schon lange her ist, dass sie für ein Staatsoberhaupt in einem Waterloo endete. Der verschollene Kanzlerkandidat der SPD – er wird doch nicht im See Genezareth versunken sein? – ließ sich trotzdem sicherheitshalber nicht erst hundert Tage vor der Bundestagswahl zum Hoffnungsträger küren. Geschichte wiederholt sich manchmal ja doch.

Erfunden hat den Zirkus mit den hundert Tagen, das konnte man sich ja denken, ein Vorgänger von Trump. Nein, nicht ein anderer Bauunternehmer, sondern Franklin D. Roosevelt. Der hatte auch so ein total kaputtes Land übernehmen müssen wie the real Donald. Angesichts dieser Erblast haben wir im Fall des 45. Präsidenten auch vollstes Verständnis für die Freude über das Erreichen dieser magischen Marke, denn man darf es doch als ein mittleres Wunder ansehen, dass er anders als einige seiner Spitzenleute auch noch nach hundert Tagen im Amt ist – und vor allem, dass die Welt diese Zeit überstanden hat, ohne dass etwa ein kleiner Atomkrieg ausbrach, weil Trump eines Nachts aus einem Albtraum hochschreckte und auf den Knopf „nuke“ drückte, obwohl er doch nur nach der „nurse“ klingeln wollte. Diese Schreckensvision halten Sie für übertrieben? Na, dann schauen Sie sich noch einmal ein paar Folgen von „Spitting Image“ aus den Achtzigern an, die sich inzwischen als beunruhigend weitsichtig herausgestellt haben.

Schließlich berichtete Trump vor laufenden Kameras, den Irak mit Marschflugkörpern beschossen zu haben, bis die – etwas verunsicherte – Reporterin ihn hinsichtlich des Ziellandes korrigierte, immerhin erfolgreich und ohne dass er nachträglich noch ein paar Raketen auch auf den Irak abschießen ließ, um nicht als totaler Trottel dazustehen, der geglaubt hatte, der Job wäre leicht. Ein früherer Fußballer, den man durchaus den Trump des Profifußballs nennen könnte, würde jetzt vielleicht einwenden: Irak oder Syrien – Hauptsache Italien! Daher muss man auch die leichte Nervosität der Australier verstehen, als bekannt wurde, dass der nuklear betriebene und bewaffnete Flugzeugträger, mit dem Trump seinen nordkoreanischen Kollegen beeindrucken wollte, erst einmal in ihre Richtung dampfte, obwohl doch auch Hollywood nie einen Zweifel daran gelassen hat, wer Pearl Harbour damals wirklich angriff.

Angesichts der jedenfalls für die unbeweglicheren Geister etwas verwirrenden ersten hundert Trumpschen Tage sollte Pjöngjang die vorzeitige Stationierung eines Raketenabwehrsystems in Südkorea, das die Landsleute im Süden jetzt so schnell wie möglich haben wollten, auch nicht unbedingt als gegen Nordkorea gerichtet ansehen. Nord und Süd lassen sich, aus dem fernen Oval Office betrachtet, ja so leicht verwechseln wie die Nato, Nafta und Nutella. Was davon war jetzt eigentlich obsolet – oder doch nicht mehr? Gehört Peking jetzt doch zu den Guten und Putin zu den Bösen? Man wird ganz schwindlig angesichts der rasenden Geschwindigkeit, mit der Trump durch den Porzellanladen der Weltpolitik trumpelt (hin und zurück!) und dabei auch noch so viele Dekrete raushaut, dass selbst Beneš sprachlos wäre.

Und wer möchte angesichts der Tage 76 und 84 dieser Präsidentschaft noch bestreiten, dass Trump Gefallen an diesen Männer-Spielzeugen gefunden hat, die einem amerikanischen Präsidenten zur Verfügung stehen? Gut, möglicherweise rückte auch bei der Mutter aller konventionellen Bomben, mit denen er den Taliban zeigte, wo der Donald den Most holt, das Verfallsdatum näher. (Auf Merkel schoss er dankenswerterweise nur seine smarte Wunderwaffe Ivanka ab, dieses Bild von einer Feministin.) Und dann mussten eben wie in Arkansas schnell noch ein paar böse Jungs dran glauben, da sind die Amerikaner ganz pragmatisch. „Use them or lose them“, sagt man drüben schon seit McNamaras Zeiten. Da wollen wir jetzt doch alle zusammen mal hoffen, dass wenigstens das Mindesthaltbarkeitsdatum der amerikanischen Atomraketen noch weit in der Zukunft liegt.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kohler, Berthold (bko./Koh.)
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