Fraktur

Vertrauensbildung in der Sauna?

Von Berthold Kohler
 - 10:23

Siehste, Schatz! Es war ja doch richtig, die fünf Regalmeter Fachliteratur aus dem Kalten Krieg nicht in die Altpapiertonne zu treten, nur weil der Russe, nachdem er das Wettrüsten mit dem Westen verloren hatte, aggressionsmäßig ein paar Jahre schlappmachte. Denn erstens ist der Kreml dank Putin längst wieder voll im Geschäft. Und zweitens können wir dem von der Glyphosatkrise beunruhigten Publikum nun mit Hilfe unsere Altbestände und unter Quellenangabe erklären, was Barbara Hendricks meinte, als sie von der Kanzlerin „vertrauensbildende Maßnahmen“ forderte.

Im Bericht der Bundesregierung vom 18. Juni 1979 an die Vereinten Nationen heißt es: „Das Konzept der vertrauensbildenden Maßnahmen verfolgt das Ziel, eine schrittweise Verminderung von Misstrauen und Furcht zu erreichen, um zur Entwicklung von Vertrauen und besserem Verständnis zwischen den Nationen beizutragen.“ (Auswärtiges Amt, Abrüstung und Rüstungskontrolle, Bayreuth 1981, S. 164). Man muss nur das Wort „Nationen“ gegen „Parteien“ tauschen, und schon weiß man, was Hendricks im Sinn hatte.

Misstrauen und Furcht – und wir dachten, zwischen SPD und CDU sei alles in Butter. War es ja auch, bis ausgerechnet unser Milch-und-Butter-Minister Schmidt (CSU!), dem man das gar nicht zugetraut hatte, in Brüssel die Glyphosatbombe zündete. Sie scheint, wenn man die zunehmende Hysterie verfolgt, mit der plötzlich über dieses doch schon in die Jahre gekommene Waffensystem debattiert wird, eine Art Neutronenwaffe des kleinen Mannes zu sein: Alles auf dem Feld ist tot, nur der Mähdrescher steht noch vollkommen unbeschädigt in der Furche. Oder haben die Amis nur ihre Altbestände an Agent Orange umetikettiert und uns so untergeschoben als Vergeltung für unseren Widerstand beim Chlorhühnchen? Das würde endlich auch das Bauernsterben erklären, das Deutschland plagt. Unsere herbizidsüchtigen Landwirte haben (sich) wohl einfach zu viel Glyphosat gespritzt. Diese Saat des Bösen hat nun auch die zurückkehrende Liebe zwischen CDU und SPD vergiftet.

Ja, jetzt wird auch all jenen der Spott im Hals steckenbleiben, die sich über den Satz Göring-Eckardts zum Thema Bienen, Vögel und Schmetterlinge mokierten. Denn wenn Deutschland dereinst aussehen würde wie ein entlaubtes Nordvietnam mit Windrädern, also auch ganz ohne Bienen, Vögel und Schmetterlinge, würden wir dann der Kanzlerin noch glauben, dass man hier gut und gerne leben kann?

Doch zurück zur Vertrauensbildung. Ein rotes Telefon mit einer Direktleitung zu Schulz wird Merkel bestimmt schon haben, solche Apparate gibt es ja auch schon in Herzform. Eine bewährte Maßnahme zur Reduktion von Misstrauen und Furcht war damals, als der Osten und der Westen einander so wenig über den Weg trauten wie jetzt Union und SPD, auch der Austausch von Manöverbeobachtern. Freilich müssten auch jetzt wieder richtige Profis auf dem Gebiet der Feindbeobachtung ran und nicht so ungediente Amateure wie Scheuer und Tauber. Denn zum Beispiel die spektakulären Manöver Seehofers im Abwehrkampf gegen Söder durchschaut ja möglicherweise nicht einmal der Generalissimus selbst.

Berthold Kohler: „Fraktur“
Berthold Kohler: „Fraktur“

Gesammelte Glossen. Mit Zeichnungen von Wilhelm Busch. Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt a. M. 2017. 200 Seiten, Leinen geb., 17,90 €.

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Gänzlich überwunden wurden die unguten Gefühle zwischen Deutschen und Russen freilich erst in einer Sauna, obwohl Kohl und Jelzin dort gezwungen waren, den nackten Tatsachen ins Auge zu sehen. Will man das jetzt aber allen Ernstes auch von Merkel und Schulz verlangen? Oder gar von Seehofer und Söder? Wir finden, da fordert die SPD nun doch einen zu hohen Preis für ihren Regierungseintritt. Sie sollte sich daran erinnern, dass sie die Partei der Entspannungspolitik war und damals größtes Verständnis auch für die Bedrohungsängste der Russen hatte. Wenn selbst Amerikaner und Sowjets sich nicht gegenseitig siebenundreißigmal nuklear vernichtet haben, müsste doch auch ein friedliche Koexistenz unserer Volksparteien möglich sein, natürlich erst nach erfolgter Vertrauensbildung.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kohler, Berthold (bko./Koh.)
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