Fraktur

Heil dir im Kaffeekränzchen

Von Berthold Kohler
 - 12:08

Selbstverständlich war es unvermeidlich, dass auch uns Deutsche die Frage nach der Geschlechter(un)gerechtigkeit in der Nationalhymne beschäftigen würde. Beschämend aber ist es, dass wir sogar noch länger als die Österreicher brauchten, um uns der Problematik überhaupt bewusst zu werden. Und das, obwohl schon lange bekannt ist, was für einen Mehrfachsprengkopf dieser Hoffmann von Fallersleben uns als Hymnentext hinterließ. Die in der ersten Strophe verbauten Langzeitzünder konnten immerhin schon ein Jahrhundert später vom Räumkommando Adenauer & Heuss herausgedreht werden. Die anderen Sprengkapseln wurden nach weiteren vier Jahrzehnten von Kohl und Weizsäcker abgezwickt. Doch wer einmal einen Film über den ewigen Kampf zwischen Bombenbauern und Bombenentschärfern gesehen hat, weiß natürlich, dass die am gefährlichsten aussehenden Sprengsätze nur von der versteckten Haupthöllenmaschine ablenken sollen. Das fällt in Hollywood immer nur dem gewieftesten Bombenentschärfer auf, weil der eine IRA-Vergangenheit hat. Und über die verfügte keiner unserer Politiker, die bisher an der Hymne herumschraubten.

Auch der Gleichstellungsbeauftragten im Bundesfamilienministerium, Frau Kristin Rose-Möhring, wollen wir das nicht unterstellen. Doch hat erst sie uns dafür sensibilisiert, dass in unserer Hymne auch nach mehrfacher Entschärfung noch explosive Altlasten schlummern wie etwa in jener Frankfurter Kfz-Werkstatt, unter deren Hebebühnen (und damit auch unter unserem Auto!) eine Fünfzig-Kilo-Bombe aus dem Weltkrieg ganz geduldig auf den Tag wartete, an dem versehentlich ein Motorblock auf den Boden knallt.

Die übersehenen Blockbuster in unserer Hymne haben aber noch ein ganz anderes Kaliber. Sie gehören zum Typ „Brüderlich“ und „Vaterland“, die früher zu Tausenden über deutschen Texten abgeworfen wurden, ohne dass sich einer etwas dabei dachte. Und das sagt ja schon wieder alles: einer. Eine aber, nämlich besagte Frau Rose-Möhring, schlug nun vor, „brüderlich“ durch „couragiert“ zu ersetzen und „Vaterland“ durch „Heimatland“. Mindestens der neue Bundesheimatminister müsste es gut finden, dass aus Anlass seines Amtsantritts in Berlin die Nationalhymne umgedichtet werden soll; sonst ist Dankbarkeit ja nicht zu erwarten. Doch was ist das? Ausgerechnet die mächtigste Frau Deutschlands sieht auch in diesem Fall keinen Grund, etwas zu ändern. Das ist wenig schwesterlich. Wahrscheinlich ist Frau Merkel einfach zu besorgt, dass die Auswechslung des Vaterlandes gegen das Heimatland Seehofer zu Kopf steigen könnte.

Was also tun, um auch in der Hymne Geschlechtergerechtigkeit walten zu lassen? Ganz nahe läge es natürlich, die zweite Strophe des Lieds der Deutschen zu rehabilitieren, die ja eine einzige Hymne auf die Frauen ist. Hier, weil vielfach schon vergessen, der Text:

Deutsche Frauen, deutsche Treue,

Deutscher Wein und deutscher Sang

Sollen in der Welt behalten

Ihren alten schönen Klang,

Uns zu edler Tat begeistern

Unser ganzes Leben lang –

Deutsche Frauen, deutsche Treue,

Deutscher Wein und deutscher

Sang!

Es war wirklich ein ziemliches Bubenstück, der Hymne und uns die Frauen zu nehmen! Holten wir sie uns – zu edler Tat couragiert – zurück, müssten natürlich, des grammatischen Geschlechts halber, Sang, Klang und ganz besonders der Wein sang- und klanglos durch neutrale Begriffe ersetzt werden. Aber das wäre ja eine leichte Übung für unsere Gleichstellungsbeauftragtinnen.

Oder wir tauschen mit den Österreichern, die haben in ihre Hymne schon die Töchter aufgenommen. Außerdem behaupten sie immer noch, wir hätten ihnen ihre Kaiserhymne geklaut. Sollen sie ihren Problemsong doch haben!

Wir könnten es aber auch machen wie die SED, die Anfang der siebziger Jahre verboten hat, den Text der Becher-Hymne zu singen, weil es darin hieß „Deutschland, einig Vaterland“. Da sieht man wieder einmal, wie gerecht und fortschrittlich die DDR war. Hätte ein Singverbot auch bei uns gegolten, wäre es nie zum „Brüh’ im Lichte dieses Glückes...“ gekommen.

Apropos „Auferstanden aus Ruinen“: Stimmen wir vor den Fußballspielen doch einfach gleich das Original „Goodbye Johnny“ an, ergänzt natürlich um „...und Jeannie“. Auch weitere großartige, aber untergegangene Lieder aus der deutschen Vergangenheit ließen sich nach Anpassung der Texte an den Zeitgeist trefflich wiederverwenden. Wie wäre es mit „Heil dir im Kaffeekränzchen“?

Quelle: F.A.Z.
Berthold Kohler
Herausgeber.
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